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Bild/Grafik: Олександр К / Aljoscha Seuss
22.05.2026 | Meena Stavesand
„Biodiversität beginnt vor der Haustür“ – Warum Artenvielfalt unser Überleben sichert
Ein funktionierendes Ökosystem liefert uns Luft, Wasser und Nahrung. Doch diese „Dienstleistungen der Natur“ geraten zunehmend aus dem Gleichgewicht. Zum Tag der biologischen Vielfalt (22. Mai) spricht Ivonne Stresius von der HAW Hamburg über Biodiversität und beantwortet unter anderem die Frage, was wir tun müssen, um sie zu erhalten. Wir haben Ivonne außerdem anlässlich des Ehrentags zu ihrem Engagement beim NABU befragt. Sie sagt: „Wir alle zusammen sind die Gesellschaft. Demokratie lebt vom Miteinander, vom Diskurs und von Kompromissen. Gesellschaftliches Engagement und Teilhabe am Gestalten ist für mich gelebte Demokratie.“
Ivonne Stresius verantwortet das Lernangebot der HAW Hamburg „Biodiversität in Gewässern“, das aufzeigt, warum biologische Vielfalt wichtig ist und was sie mit dem Menschen zu tun hat.
Biodiversität in Gewässern
Biodiversität in Gewässern - Was ist das und was hat das mit meinem Leben zu tun?
Was bedeutet Biodiversität?
Ivonne Stresius: Der Begriff setzt sich aus „Bio“ für Leben und „Diversität“ für Vielfalt zusammen. Man kann ihn daher mit „biologischer Vielfalt“ übersetzen. Dabei geht es nicht nur – wie oft angenommen – um Artenvielfalt, sondern um drei verschiedene Ebenen:
Zuerst die Artenvielfalt: Das ist die Vielfalt an unterschiedlichen Tier- und Pflanzenarten, Pilzen und Bakterien. Ziel ist es, viele verschiedene Arten zu haben, z.B. bei Vögeln, bei Insekten, bei Säugetieren und anderen Lebewesen. Dabei ist es wichtig, dass diese Arten in die jeweiligen Lebensräume passen. Wenn in einem Fließgewässer in Schleswig-Holstein plötzlich ein Signalkrebs lebt, der dort nicht heimisch ist, spricht man nicht mehr von gewünschter Artenvielfalt. Invasive Arten zählen nicht im positiven Sinne dazu. Wichtig ist dabei auch die Verteilung der Arten im Lebensraum. Es bringt wenig, wenn sie sich nur auf eine Ecke konzentrieren und der Rest leer bleibt. Ein funktionierendes Ökosystem lebt von Ausgewogenheit und Vernetzung. Jeder Bereich im Lebensraum sollte besiedelt sein, damit die Arten sich gegenseitig ergänzen und stabilisieren können.
Dann gibt es die Vielfalt der Lebensräume selbst: Ein Bach etwa sollte nicht nur aus Steinen oder Sand bestehen. Auch Totholz kann dort liegen und bietet anderen Arten einen Lebensraum. Unterschiedliche Gewässer wie Bach und See unterstützen unterschiedliche Arten. Diese strukturelle Vielfalt ist entscheidend. Wenn wir natürliche Vielfalt erhalten wollen, müssen wir auch Raum dafür lassen. Oft wird reguliert, eingeebnet, ausgebaut. Dabei brauchen Arten solche natürlichen Unebenheiten für ihr Überleben.
Der dritte Aspekt ist die genetische Vielfalt innerhalb einer Art. Bei Schnecken sieht man viele Farbvariationen. Diese Unterschiede entstehen durch genetische Vielfalt, vergleichbar mit verschiedenen Haarfarben bei Menschen. Sie sorgt dafür, dass sich Arten an Veränderungen besser anpassen können. Diese Anpassungsfähigkeit ist in Zeiten von Klimawandel und Umweltveränderungen besonders wichtig. Wenn eine Art genetisch sehr einheitlich ist, kann eine Krankheit oder eine Klimaveränderung sie auslöschen. Vielfalt ist also auch ein Schutzmechanismus.
Insgesamt gilt: Je größer die Vielfalt, desto stabiler das Ökosystem. Wenn Bedingungen sich ändern, können manche Arten damit besser umgehen als andere. Das gilt auch für genetische Unterschiede innerhalb einer Art. Vielfalt bedeutet Resilienz. Und Resilienz bedeutet, dass ein System Krisen besser übersteht und schneller ins Gleichgewicht zurückfindet.

„Vielfalt bedeutet Resilienz. Und Resilienz bedeutet, dass ein System Krisen besser übersteht und schneller ins Gleichgewicht zurückfindet.“Ivonne Stresius, HAW Hamburg
Wie kommen invasive Arten wie der Signalkrebs überhaupt in unsere Gewässer?
Ivonne Stresius: Meist ist der Mensch daran beteiligt. Zum Beispiel werden Tiere aus einem Aquarium in die Natur entlassen. Auch andere Tiere werden ausgesetzt. Problematisch wird es, wenn solche Arten sich stark verbreiten und heimische Arten verdrängen. Dann spricht man von invasiven Arten.
Das ist nicht immer böse Absicht. Manchmal passiert es aus Unwissenheit oder Gedankenlosigkeit. Aber das Ergebnis ist das gleiche: Das natürliche Gleichgewicht wird gestört.
Warum ist biologische Vielfalt für uns Menschen so wichtig?
Ivonne Stresius: Ein funktionierendes Ökosystem liefert sogenannte „Ökosystemleistungen“. Das heißt: Die Natur arbeitet für uns. Pflanzen produzieren die Luft, die wir atmen. Gewässer reinigen sich selbst, wenn genug biologische Vielfalt vorhanden ist und die Gewässerqualität stimmt. Schadstoffe werden im Sediment zurückgehalten, das Wasser bleibt sauber. Insekten bestäuben unsere Nutzpflanzen. Ohne sie hätten wir keine Äpfel, keine Kirschen, keinen Raps. Manchmal sind nur einzelne Insektenarten für bestimmte Pflanzen verantwortlich. Fehlen sie, gibt es keine Bestäubung mehr. In China wird in einigen Regionen bereits von Hand bestäubt. Das ist mühsam und ineffizient.
Auch Fische, Holz, Nahrung – all das ist eine Leistung der Natur. Wenn die Vielfalt abnimmt, funktionieren diese Leistungen nicht mehr oder nur noch eingeschränkt. Diese Leistungen nehmen wir oft als selbstverständlich wahr, aber sie sind das Ergebnis komplexer Prozesse, die sich über Jahrmillionen entwickelt haben.
Gibt es aktuelle Beispiele für bedrohte Arten?
Ivonne Stresius: Das Insektensterben ist ja schon länger bekannt. Acht Prozent aller Insektenarten gelten als gefährdet oder vom Aussterben bedroht. Bei Gewässermuscheln und -schnecken sind es sogar mehr als 50 Prozent. Teichmuscheln etwa werden immer seltener. Noch merken wir es nicht direkt. Aber im Ökosystem fehlen diese Tiere. Muscheln filtern Wasser, Schnecken zersetzen abgestorbenes Material. Das sind wichtige Aufgaben.
Solche Rückgänge bleiben lange unbemerkt, weil sie schleichend passieren. Aber die Auswirkungen sind langfristig gravierend. Wenn das Gleichgewicht kippt, ist es schwer, es wiederherzustellen.
Wird das Thema in der Gesellschaft genug wahrgenommen?
Ivonne Stresius: Es tut sich etwas, aber viel zu langsam. Der Begriff Biodiversität ist vielen Menschen nicht geläufig. In einer Umfrage der Europäischen Kommission von 2019 konnte nur etwa 41 % der Befragten erklären, was das ist. Beim Klimawandel ist das Bewusstsein größer, aber auch dort ist die Umsetzung schwierig. Bei der Biodiversität hängen wir noch weiter hinterher.
Dabei sind die Zusammenhänge sehr konkret und betreffen unser direktes Lebensumfeld. Es braucht mehr Aufklärung, mehr Projekte, mehr Kommunikation – und natürlich politische Rahmensetzungen.
Gibt es auch positive Entwicklungen?
Ivonne Stresius: Ja, im Kleinen. Schottergärten sind in vielen Bundesländern verboten worden. Immer mehr Menschen achten beim Gärtnern auf insektenfreundliche Pflanzen. Aber es ist noch zu wenig. Viele Pflanzen, die beliebt sind, bringen Insekten nichts: Der Sommerflieder etwa lockt zwar Schmetterlinge an, bietet aber keine Nahrung. Auch Forsythien oder gefüllte Rosen sehen schön aus, liefern aber weder Pollen noch Nektar.
Die gute Nachricht ist: Viele Menschen sind bereit, etwas zu tun, wenn sie erst einmal wissen, worauf es ankommt. Deshalb ist Bildung so wichtig. Und ein Garten ist ein idealer Ort, um anzufangen.

9 %
der Bienenarten gelten als gefährdet oder vom Aussterben bedroht.
Was können Gartenbesitzer:innen konkret tun?
Ivonne Stresius: Nicht alles muss ordentlich sein. Wildkräuter wie Giersch oder Brennnessel sind wichtige Lebensräume, zum Beispiel für Schmetterlingsraupen. Alte Pflanzenstängel stehen lassen, Totholz- oder Steinhaufen anlegen, nicht alles sofort wegräumen. Und: Mähfreier Mai! Also einfach mal den Rasen wachsen lassen oder zumindest nicht komplett mähen.
Keine Pestizide, kein Torf, mehr Struktur im Garten. Auch kleine Flächen haben Potenzial für mehr Vielfalt. Man sollte sich bewusst machen, dass jeder Quadratmeter Lebensraum sein kann, wenn er naturnah gestaltet ist. Das ist ein riesiger Hebel.
Was ist mit der Landwirtschaft?
Ivonne Stresius: Ein Großteil unserer Fläche wird landwirtschaftlich genutzt, oft konventionell. Pestizide, Monokulturen, fehlende Strukturen und zugeschüttete Kleingewässer zerstören Lebensräume. Die Ökosysteme können sich dort kaum erholen. Langfristig schadet sich die Landwirtschaft selbst: Der Boden wird unfruchtbar, Schädlinge breiten sich schneller aus, Erträge sinken.
Da ist ein großes Potenzial, aber die Landwirtschaft braucht Anreize und Unterstützung, um biodiversitätsfreundlicher zu wirtschaften. Das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Über<br>50 %
der Gewässermuscheln und -schneckenarten sind gefährdet oder vom Aussterben bedroht.
Wie sieht die Zukunft aus, wenn sich nichts ändert?
Ivonne Stresius: Dann verlieren wir eine Ökosystemleistung nach der anderen. Vielleicht nicht komplett, aber es wird weniger. Statt 100 Fischen gibt es in Seen dann vielleicht nur noch 10. Statt vollen Ernten nur noch halbe. Und der Klimawandel verschärft alles.
Wir erleben eine schleichende, aber tiefgreifende Veränderung unserer Lebensgrundlagen. Und das ist nicht nur ein Thema für ferne Länder, sondern betrifft uns hier, vor Ort. Jetzt.
Was können wir tun?
Ivonne Stresius: Wir müssen verstehen, wie ein Ökosystem funktioniert. Es ist komplex und wir begreifen es noch nicht einmal ganz, aber zerstören es durch Unwissen. Bildung ist auch hier der Schlüssel. Jeder kann etwas tun. Und je mehr Menschen mitmachen, desto größer die Wirkung.
Ihr habt das Lernangebot „Biodiversität in Gewässern“ entwickelt. Es richtet sich vor allem an junge Menschen. Warum?
Ivonne Stresius: Junge Menschen tragen das meiste Risiko, wenn sich nichts ändert, und sie profitieren am meisten, wenn wir Biodiversität schützen. Das Angebot ist aber für alle Altersgruppen geeignet. Es soll Wissen niedrigschwellig vermitteln und Lust machen, selbst aktiv zu werden und sich mit der biologischen Vielfalt in der näheren Umgebung zu beschäftigen. Ob im Studium, im Alltag oder im eigenen Garten.
Haben Gärten wirklich so viel Potenzial?
Ivonne Stresius: Ja! Es gibt 17 Mio.Gärten in Deutschland. Wenn dort Vielfalt gefördert wird, ist das ein riesiger Gewinn für die Natur. Es müssen nicht immer große Flächen sein. Auch kleine Schritte zählen. Jeder Garten, der naturnah gestaltet ist, ist ein Schritt in die richtige Richtung. Und viele kleine Schritte ergeben am Ende eine Bewegung.
Du bist bei diesem Thema auch ehrenamtlich engagiert. Was ist deine Motivation für dein Ehrenamt und was ziehst du für dich aus dieser Arbeit?
Ivonne Stresius: Ich engagiere mich schon seit vielen Jahren beim NABU, erst als einfaches Mitglied, seit 6 Jahren als Vorsitzende der NABU-Gruppe Reinfeld-Nordstormarn und seit Anfang des Jahres als Mitglied des Vorstandes des NABU-Landesverbands. Der Schutz der Natur liegt mir am Herzen. Ich bin und war schon immer sehr viel draußen und das genieße ich sehr. Ich lebe auf dem Land und brauche die Nähe zur Natur für mein Wohlbefinden. Auch durch meine Forschungsarbeit im Bereich Gewässerqualität weiß ich, dass viele Gewässer und Lebensräume belastet und bedroht sind. Mit meinem Engagement möchte ich der Natur eine Stimme geben und mich für den Erhalt von Lebensräumen und Arten einsetzen. Gemeinsam mit anderen Menschen mit ähnlichen Zielen zusammen zu arbeiten, empfinde ich als sehr befriedigend.
Welche Rolle spielt für dich gesellschaftliches Engagement – allgemein und in deinem Leben?
Ivonne Stresius: Wir alle zusammen sind die Gesellschaft. Demokratie lebt vom Miteinander, vom Diskurs und von Kompromissen. Gesellschaftliches Engagement und Teilhabe am Gestalten ist für mich gelebte Demokratie. Ich habe Freude am Gestalten, am gemeinschaftlichen Arbeiten, ich habe auch Lust Verantwortung zu übernehmen und andere Menschen zu begeistern.
Über Ivonne Stresius

Ivonne Stresius ist Diplom-Umweltingenieurin (FH) und hat das Zweite Staatsexamen in Lebensmittelchemie. Seit 2006 arbeitet sie in der Forschung – unter anderem zu Partizipation, Stakeholder-Kommunikation sowie Gewässerqualität und Klimawandel in komplexen Umwelt- und Gesellschaftssystemen. Ihre weiteren Schwerpunkte liegen im Bereich Gesundheitsschutz im Zusammenhang mit der EG-Badegewässerrichtlinie. Ivonne Stresius ist darüber hinaus im Projektmanagement nationaler und internationaler Forschungsprojekte tätig, organisiert Workshops und Konferenzen und entwickelt Online-Lernangebote sowie pädagogische Formate rund um Natur und Mensch.
21.05.2026 | Meena Stavesand
"Gesellschaftliches Engagement halte ich für absolut notwendig"
Ehrenamt lebt davon, dass Menschen zuhören, vermitteln und Verantwortung übernehmen. Im Elternbeirat ihrer Kita erlebt Dr. Jana Panke, Teamleiterin der HOOU an der TU Hamburg, wie Engagement schon im Kleinen beginnt – etwa bei Festen oder dem Austausch über Anliegen der Eltern, um Dinge zu verbessern. Gleichzeitig braucht Engagement verlässliche Rahmenbedingungen, damit sich Menschen überhaupt engagieren können. Anlässlich des Ehrentags haben wir mit Jana gesprochen.
Was ist deine Motivation für dein Ehrenamt und was ziehst du für dich aus dieser Arbeit?
Ich bin jetzt im zweiten Jahr gewählte Elternvertreterin im Krippenbereich unserer Kita. Mein Kind wird dort zuverlässig betreut, und zwischen Eltern und Erzieher:innen herrscht ein offenes, kommunikatives Klima – davon profitiere ich sehr. Genau diese Brücke möchte ich über mein Ehrenamt schlagen: Ich möchte zwischen Eltern und Kita vermitteln und dabei das große Ganze im Blick behalten.
Im Elternbeirat unterstützen wir die Kita zum Beispiel dabei, Feste zu organisieren oder Info-Flyer zu erstellen. In unseren regelmäßigen Sitzungen besprechen wir außerdem Anliegen, die Eltern an uns herangetragen haben. So können wir gut einschätzen, was eher individuelle Themen sind und wo es strukturelle Fragen gibt, die die Kita angehen sollte. Nebenbei erfahre ich oft schon vorab, was läuft, und bekomme einen tieferen Einblick in die Kita-Struktur.
Welche Rolle spielt für dich gesellschaftliches Engagement – allgemein und in deinem Leben?
Gesellschaftliches Engagement halte ich für absolut notwendig. Ich wünsche mir, dass jede:r für sich prüft: Kann ich mich nicht doch in irgendeinem Rahmen einbringen? Es gibt so viele Initiativen, die helfende Hände brauchen.
Gleichzeitig sehe ich mit Sorge, dass die aktuellen politischen Entwicklungen es immer schwerer machen, sich zu engagieren. Wer 40 bis 60 Stunden pro Woche arbeitet, hat eben kaum noch Zeit dafür. Und wenn Initiativen die Mittel gekürzt oder ganz gestrichen werden, fällt eine wichtige Grundlage weg.

Dr. Jana Panke ist Teamleiterin der HOOU an der TU Hamburg. Bild: Stephan Dublasky
19.05.2026 | Meena Stavesand
„Ich trage bewusst mit, damit es für andere leichter wird, die Unterstützung brauchen“
Sich zu engagieren und zu helfen gehört für Arne Ruddat, Frontend-Entwickler beim MMKH, zu einem selbstbestimmten Leben. Im Kirchenvorstand übernimmt er Verantwortung, bringt sein Wissen ein und leistet technischen Support. Besonders wichtig sind ihm kostenlose Angebote, weil nicht alle Menschen die gleichen Möglichkeiten haben. So wird Engagement zu einem bewussten Mittragen – auch, wenn es manchmal anstrengend wird. Wir haben mit Arne anlässlich des Ehrentags gesprochen.
Was ist deine Motivation für dein Ehrenamt?
Ich will Dinge vor Ort mitgestalten und Verantwortung übernehmen. Kirche sehe ich als sozial wertvolle Institution im Stadtteil, die funktionieren muss, um relevant zu bleiben. Dafür bringe ich Organisation, Technikverständnis und einen klar lösungsorientierten Blick ein. Ich sehe Probleme oft früh und gehe sie pragmatisch an. Ich arbeite gern im Team und unterstütze andere, gerade auch bei technischen Themen. Die Kirchengemeinden in Langenhorn wachsen gerade zusammen, dafür braucht es Feingefühl und die Bereitschaft, sich in andere Perspektiven hineinzuversetzen. Das bringe ich mit.
Was ziehst du für dich aus dieser Arbeit?
Ich erlebe direkt, dass Entscheidungen Wirkung haben, nichts bleibt abstrakt. Gleichzeitig lerne ich, wie komplex selbst kleine Prozesse sind und dass gute Lösungen oft Kompromisse brauchen. Der Austausch mit sehr unterschiedlichen Menschen erweitert meinen Horizont, auch wenn das nicht immer bequem ist. Menschen kennenzulernen, bedeutet für mich, Menschen und ihre Wünsche zu verstehen.
Welche Rolle spielt für dich gesellschaftliches Engagement – allgemein und in deinem Leben?
Mitzumachen und zu helfen gehört für mich fest zu einem selbstbestimmten Leben. Ich möchte nicht nur Angebote nutzen, sondern auch dazu beitragen, dass es sie gibt. Insbesondere kostenlose Angebote biete ich sehr gern an, weil es zu viele Menschen gibt, die nicht genug haben. Ich habe für mein eigenes Leben genug, deshalb kann ich etwas abgeben. Ich gebe Wissen weiter, bringe Erfahrung ein und übernehme Verantwortung, auch dann, wenn es anstrengend wird. Ich trage bewusst mit, damit es für andere leichter wird, die gerade Unterstützung brauchen. Ich bringe technisches Know-how ein und leiste Support, wo er gebraucht wird.

Arne Ruddat ist Frontent-Entwickler beim MMKH.
Bild: Eduardo Barrios / Unsplash
18.05.2026 | Meena Stavesand
„Es darf nichts gegen den Willen der Frau getan werden“ – Frauenrechte sind Menschenrechte
Die Kaiserschnittrate hat sich innerhalb von 30 Jahren verdoppelt, immer mehr Frauen berichten von respektloser und übergriffiger Behandlung im Kreißsaal. Gleichzeitig sagt Hebamme Dr. Angelica Ensel: Eine andere Geburtskultur ist nicht nur möglich, sie kann in jedem einzelnen Kreißsaal beginnen. Nach über vier Jahrzehnten im Beruf erzählt sie im Interview von zwei Geburten, die sie bis heute prägen, von drei Hebeln gegen die Geburtsangst und von dem, was Frauen wirklich Sicherheit gibt.
Wer tiefer einsteigen möchte, findet bei uns ihr Lernangebot „Geburtskulturen im Wandel“ der HAW Hamburg – mit Videos, Praxisbeispielen und Materialien für werdende Eltern, Lehrende, angehende Hebammen und Ärzt:innen. Außerdem haben wir mit Angelica anlässlich des Ehrentags über ihr ehrenamtliches Engagement gesprochen.
Menschenwürdig gebären – erfahren und begleiten. Geburtskulturen im Wandel
Die Geburt als existenzielles Ereignis betrifft jeden Menschen – besonders Frauen, Paare und Kinder im Kontext von Schwangerschaft, Geburt und Elternwerden. Unmittelbar betrifft sie auch die Arbeit der begleitenden Berufsgruppen, wie Hebammen, Ärzt*innen, Pflegende, Beratende und Psychotherapeut*innen. Menschenwürdig gebären und geboren werden als fundamentales Frauen- und Menschenrecht ist auch in Deutschland keineswegs selbstverständlich. Dieses Lernangebot beleuchtet die essenziellen Elemente einer menschenwürdigen Geburt und das Zusammenwirken der Beteiligten mit dem Fokus auf die Geburt in der Klinik. Dabei werfen wir einen kritischen Blick auf die Machtstrukturen in der Geburtshilfe, den derzeitigen Notstand in der Versorgung und die Auswirkungen für Frauen, Familien und Fachkräfte. Wir widmen uns der Frage, welche Veränderungen notwendig sind, damit evidenzbasiertes Wissen und gelebte geburtshilfliche Kunst eine gesundheitsfördernde, frauen- und menschenwürdige Geburt ermöglichen.
Frau Dr. Ensel, Sie sind Hebamme. Welche Geburt oder welches Geburtserlebnis lässt Sie bis heute nicht los?
Es sind tatsächlich zwei, beide sind noch sehr präsent.
Die erste Geburt ereignete sich in den 1980er Jahren, in einer kleinen Klinik mit einem autoritären Chefarzt. Ich begleitete eine 16-jährige Erstgebärende, deren Mutter bei ihr war. Es ging gut voran, die junge Frau veratmete die Wehen prima. Ich dachte die ganze Zeit: Bitte lass den Chefarzt jetzt nicht kommen. Aber dann kam er und untersuchte sie brutal. Um weitere Übergriffe zu verhindern versuchte ich, ihn so spät wie möglich zur Geburt zu rufen. Er kam ungerufen in der letzten Phase und wollte einen Dammschnitt machen. Es gab keinerlei Indikation, aber damals war es in vielen Kliniken üblich, Erstgebärenden ohne Not einen Dammschnitt zu setzen. Bis heute sehe ich vor mir, wie er zur Schere greift und der jungen Frau eine völlig unnötige Verletzung zufügt. Das Schlimmste für mich: Ich konnte sie nicht schützen, auf meine Einwände hatte er nicht reagiert. Diese Hilflosigkeit war sehr schmerzlich.
Ein paar Tage später ging ich zu dem Chefarzt, um mit ihm über diese Geburt zu sprechen, aber er hat sich nicht darauf eingelassen. Nach sechs Wochen habe ich diese Klinik verlassen. Was dort geschah, war kein medizinisch indizierter Eingriff – es war ein gewaltvoller Übergriff, fast sadistisch.

Die Frau brauchte keine einzige Intervention, sie fand intuitiv ihre Geburtsposition und gebar ohne Schmerzmittel und ohne Eingriffe. Eine ganz normale Geburt – und doch so selten.Dr. Angelica Ensel
Das zweite Erlebnis war zwanzig Jahre später in einer anderen Klinik. Wir waren zu zweit im Dienst, es war nur eine Frau zu betreuen – eine Konstellation, die in vielen geburtshilflichen Abteilungen selten ist. Ich konnte ausschließlich bei dieser einen Frau bleiben. Sie war Erstgebärende, sprach kein Deutsch, war angespannt. Über ihren Mann konnte ich mit ihr kommunizieren. Wir atmeten gemeinsam, die Stunden vergingen. Zu Anfang spürte ich manchmal den Impuls, aus dem Kreißsaal rauszugehen, um irgendetwas aufzuräumen, was nicht wichtig war. Ich beobachtete mich selbst und beschloss: ich bleibe hier, solange es keinen wichtigen Grund gibt, das Paar zu verlassen. Und dann erlebte ich etwas, was mir so intensiv noch nie bewusst war: Wir drei waren in einer Bubble. Wir erlebten nicht Chronos, die Uhrzeit, sondern Kairos – die Schicksalszeit.
Irgendwann kam eine Ärztin. Sie schaute kurz rein, sah aufs CTG und ging wieder, ohne ein Wort. Sie hat diesen Raum gespürt und ihn nicht durchbrochen. Das war fantastisch. Die Frau brauchte keine einzige Intervention, sie fand intuitiv ihre Geburtsposition und gebar ohne Schmerzmittel und ohne Eingriffe. Eine ganz normale Geburt – und doch so selten.
Ist eine Geburt planbar, und wie sieht für Sie menschenwürdiges Gebären für Sie aus?
Planbar ist eine Geburt nicht. Auch Hebammen und Ärzt:innen werden immer wieder überrascht. Was wir aber tun können, ist: gute Umstände schaffen, die die physiologische Geburt und die Gesundheit fördern. Für mich beruht menschenwürdiges Gebären auf vier Grundpfeilern.
- Kein Eingriff ohne Einverständnis. Manche Fachkräfte verwechseln das immer noch: Sie sagen der Frau, was sie tun – „Ich untersuche Sie jetzt“ – und beginnen sofort. Das ist nicht Aufklärung, das ist Übergriff. Die richtige Haltung ist die Frage: „Darf ich Sie untersuchen?“ Selbst in Notsituationen kann man immer nonverbal kommunizieren und hinterher erklären, warum etwas so schnell geschehen musste. Aber es gibt fast immer diese wichtigen zwei Minuten in denen ich mit den Eltern in Beziehung kommuniziere – das macht den maßgeblichen Unterschied.
- Nicht allein lassen, wenn die Frau es nicht will. Im Idealfall gibt es eine 1:1-Begleitung. Wenn das nicht möglich ist, muss es zumindest die Sicherheit geben, dass jemand verfügbar ist, wenn die Gebärende es braucht.
- Zeit und Bewegungsfreiheit. Die Geburt darf nicht normiert sein. Wenn alles in Ordnung ist, sollte die Frau sollte so viel Zeit bekommen, wie sie braucht, und ihre Wünsche äußern dürfen.
- Physiologie als Maßstab. Der Fokus muss auf der natürlichen Geburt und dem Willen der Frau liegen – nicht auf vorgegebenen Zeitfenstern.
Herausfordernd wird es, wenn eine Frau einen Kaiserschnitt ohne medizinische Indikation verlangt. Das kann einem das Herz bluten lassen, aber das Selbstbestimmungsrecht hat heute zum Glück einen großen Stellenwert. Trotzdem bin ich überzeugt: Viele Interventionen ließen sich durch eine gute Begleitung verhindern.
Ihr Lernangebot heißt „Geburtskulturen im Wandel“. Wo stehen wir heute – Fortschritt oder Rückschritt?
Beides trifft zu. Heute gibt es Patientinnenrechte, die wir zum Glück nicht mehr wegwischen können. Frauen äußern ihre Wünsche, sie können einen Kaiserschnitt einfordern und sollten ihn bekommen. Respektlosigkeit unter der Geburt wird öffentlich thematisiert. Das ist ein echter Fortschritt.
Gleichzeitig haben wir erschreckende Entwicklungen in der Geburtshilfe. Die Kaiserschnittrate hat sich in 30 Jahren etwa verdoppelt – von rund 16 auf rund 30 Prozent. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hält 15 Prozent für ein großzügig bemessene Maximum. Was ist mit der geburtshilflichen Kunst passiert?
Wir haben heute eine interventionsreiche Geburtshilfe. Etwa ein Viertel aller Geburten wird eingeleitet, was häufig eine Kaskade von weiteren Interventionen auslöst: Wehentropf, Periduralanästhesie, am Ende oft eine operative Geburt. Dazu kommen die sogenannten Wunschkaiserschnitte. Die allerdings statistisch gar nicht so häufig sind. Was wir vielmehr kennen: Dass der Wunsch nach einem Kaiserschnitt eher latent da ist, weil Frauen sich eine Geburt nicht mehr zutrauen und dann nicht völlig enttäuscht sind, wenn es am Ende ein Kaiserschnitt wird.
Und dann ist da die Normierung. Manche Kinder brauchen Zeit, sich einzustellen. Manche Frauen brauchen eine Pause. Aber im Klinikalltag hängt das stark von den Kapazitäten ab – manchmal muss der Kreißsaal einfach leer werden – so wird es dann gerechtfertigt. Das Spektrum der Physiologie ist riesig. Das muss man als Fachkraft nicht nur theoretisch, sondern praktisch erlebt und gelernt haben und das geht nur in einer entsprechenden Geburtskultur.

30
Prozent – so hoch ist die Kaiserschnittrate in Deutschland aktuell.
Sie sprechen im Lernangebot auch Gewalt im Kreißsaal an. Wie kann man Frauen die Angst davor nehmen?
Man kann die Angst nicht völlig wegmachen. Es zu versuchen, wäre naiv. Eine gewisse Form von Respekt vor der Geburt ist wichtig – das ist jedoch etwas anderes als Angst. Aber es gibt drei Ansatzpunkte.
- Über die Angst sprechen und sie konkret machen. Wovor genau hast du Angst? Vor dem Unplanbaren? Vor dem Kontrollverlust? Vor den Schmerzen? Erst wenn wir die Ängste benennen, können wir gemeinsam schauen, was hilfreich sein könnte und stärkt.
- Die Umstände gestalten. Damit meine ich vor allem die Menschen und deren Haltung. Einer Frau mit großer Angst würde ich immer raten: Such dir eine vertraute Person, idealerweise eine Beleghebamme, die Dich kennt und nur für Dich da ist. In so einem geschützten Raum musst du nicht mehr selbst aufpassen – du kannst dich dem Prozess hingeben und in Deiner Kraft sein.
- Das Vertrauen in den eigenen Körper stärken. Bei den rebellischen Frauen der 1970er habe ich erlebt, wie selbstverständlich sie an ihren Körper und sein Potenzial geglaubt haben: „Ich habe einen Körper, der dafür gemacht ist, warum soll ich das nicht schaffen? Ich kämpfe für die Umstände, die mir das ermöglichen.“ Diese Selbstverständlichkeit fehlt heute oft. Und: Frauen, die körperlich aktiv sind, haben meist ein anderes Vertrauen in sich selbst. Auch Yoga ist eine wunderbare ganzheitliche Vorbereitung.
Auch das Visualisieren gehört dazu – sich die Geburt konkret vorstellen. Dazu gehört auch: Mein Kind passt da durch. Ich bin davon überzeugt, dass diese inneren Bilder weiterarbeiten.
Es gibt verschiedene Orte, ein Kind auf die Welt zu bringen. Welchen empfehlen Sie wem?
Das Wichtigste ist, sich zu fragen: Was wünsche ich mir, und was glaube ich, zu brauchen? Für viele steht Sicherheit an erster Stelle. Dabei denken werdende Eltern vor allem an die technische Ausstattung des Geburtsortes: Gibt es eine Kinderintensivstation für alle Fälle? Das ist auch ein Grund, warum kleinere Kliniken gemieden werden, die Risikoschwangerschaften ohnehin nicht aufnehmen. Aber dieses Sicherheitsverständnis greift zu kurz: Eine hochgerüstete Klinik kann dramatisch unsicher sein, wenn niemand bei Ihnen ist. Wenn alle im OP gebunden sind und Sie allein im Kreißsaal liegen, kann eine Menge anbrennen – egal, wie modern die Geräte sind.
Echte Sicherheit beginnt mit einer Hebamme, die bei Ihnen ist, die merkt, wenn sich etwas ankündigt, die über Erfahrung und Intuition verfügt – also über das, was sich technisch nicht messen lässt. Mein Rat: Wenn du in die Klinik gehst, sorge dafür, dass eine Person nur für dich da ist. Idealerweise eine Beleghebamme, alternativ eine Doula, die als Laiengeburtsbegleiterin oft unschätzbar wertvoll ist.
Zur außerklinischen Geburtshilfe: Sie wird immer noch diffamiert und als unsicher hingestellt. Dabei zeigen langjährige Studien aus Deutschland, dass die außerklinischen Geburtsergebnisse genauso gut sind wie in der Klinik, wenn man dieselbe Klientel vergleicht – mit weniger Interventionen und einer deutlich höheren Zufriedenheit der Frauen. Außerklinische Geburtshilfe ist bei entsprechender Selektion der Schwangeren sicher und effektiv.
Aber ich möchte ausdrücklich nicht sagen: Geh ins Geburtshaus oder bleib zuhause, weil die Geburt in der Klinik schlimm ist. Sie können in der Klinik wunderbare Geburten erleben – und auch zu Hause oder im Geburtshaus können Sie Übergriffe erleben. Es sind nie die Mauern, die das bestimmen. Es sind die Menschen und ihre Philosophie.
Zusammenarbeit in der Klinik: Hebammen und Ärzt:innen – wo hakt es?
Im Kreißsaal treffen zwei Berufsgruppen aufeinander, die beide die physiologische Geburt betreuen, aber sehr unterschiedlich ausgebildet sind. In England oder Skandinavien ist hebammengeleitete Geburtshilfe das Normale – wenn alles gut läuft, kommt gar kein:e Ärzt:in dazu. Bei uns heißt dieses Modell „Hebammenkreißsaal“ und ist die Ausnahme.
Als Hebamme lerne ich, Stunde um Stunde am Bett zu sitzen – nicht nur mit dem Verstand, sondern mit allen Sinnen. In dieser 1:1-Begleitung begreife ich das große Spektrum der Physiologie. Junge Ärzt:innen dagegen haben im Studium vielleicht ein paar Geburten gesehen, aber Sehen ist nicht Begleiten. Sie kommen oft erst in der letzten Phase, sind zehn Minuten dabei, das Kind kommt. Viele Eltern glauben oder erzählen dann: Das Kind kam, weil der Arzt oder die Ärztin da war. Die jungen Ärzt:innen wiederum erleben den Prozess nicht, der über viele Stunden, manchmal auch mit Pausen über Tage verläuft, das heißt hier gibt es eine große Wissenslücke.
Gleichzeitig muss eine junge Ärzt:in oft Entscheidungen treffen, ohne über entsprechende Erfahrungen zu verfügen, manchmal schnell und unter Zeitdruck. Es ist klar, dass sie unsicher ist. Bei verdächtigen Herztönen wird sie dann schneller den Oberarzt oder die Oberärztin holen und dann kommt es schneller zu Interventionen, weil man vermeintlich auf der sicheren Seite sein will. Besonders schwierig wird es bei der Kombination junger Arzt/junge Ärztin und junge Hebamme: Beide haben Respekt, beide haben Angst, und die Angst kann schnell zu Interventionskaskaden führen.
Lösen ließe sich das, indem beide Berufsgruppen die physiologische Geburt schon im Studium gemeinsam erlernen: Medizinstudierende und Hebammen sitzen gemeinsam am Bett und begleiten. Und sie erleben: „So vielfältig sieht eine normale Geburt aus“. Entscheidend ist auch die Kultur einer Klinik: flache Hierarchien und Freiräume für eigene Entscheidungen ermöglichen angstfreies Lernen und gemeinsame Weiterentwicklung im Team – zum Wohl aller Beteiligten.
Was geben Sie angehenden Hebammen mit, damit sie im Klinikalltag nicht die Haltung verlieren?
Die Hierarchie zwischen Ärzt:innen und Hebammen muss nicht das größte Problem sein. Wenn eine erfahrene Hebamme da ist, sind viele junge Ärzt:innen oft sehr froh: „Ach, mach du mal.“
Schwerer wiegt das Thema Respektlosigkeit und Gewalt. Junge Hebammen sind oft ganz nah an den Frauen. Wenn sie miterleben, dass eine Frau schlecht behandelt wird, leiden sie sehr mit – und sie können sich in den hierarchischen Strukturen kaum dagegenstellen. Sie müssen erst lernen, auch in dieser Position den Mund aufzumachen und selbstbewusst Fragen zu stellen.

Was ich angehenden Hebammen mitgeben möchte: Verliert nicht die Freude am Begleiten der Geburt! Und stärkt euch gegenseitig.Dr. Angelica Ensel
Was sich heute geändert hat: Die akademische Ausbildung begleitet diese Erfahrungen. Die Studierenden haben Möglichkeiten und Räume über das Erlebte zu sprechen. Mit Reflexion, respektvoller Kommunikation und Perspektivwechsel üben wir Schlüsselkompetenzen. Gleichzeitig werden Hebammen heute von Anfang an wissenschaftlich ausgebildet. Sie sehen schnell, wenn etwas nicht evidenzbasiert, sondern eminenzbasiert ist, weil allein die Autorität in einer Struktur tonangebend ist. Sie können dann zwar nicht direkt widersprechen, aber sie können „dumme Fragen“ stellen: „Warum machen wir das eigentlich so, wenn es doch in der Leitlinie ganz anders steht?“ Solche Fragen können Dialoge ermöglichen und Veränderungen einleiten.
Was ich angehenden Hebammen mitgeben möchte: Verliert nicht die Freude am Begleiten der Geburt! Und stärkt euch gegenseitig: Von unserer ersten Hamburger Kohorte haben fünf junge Hebammen gleichzeitig in einem Kreißsaal ihre erste Stelle begonnen. So lässt sich etwas bewegen. Und lernt verschiedene Geburtsorte kennen, klinisch wie außerklinisch.
Sie sind auch ehrenamtlich in diesem Thema aktiv. Was ist Ihre Motivation, und was ziehen Sie aus dieser Arbeit?
Meine Motivation ist dieselbe wie in den 1970er Jahren: Frauen ermächtigen, in ihrem Körper zu sein, an das Potenzial ihres Körper zu glauben und sich zu nehmen, was ihnen zusteht. Da ist nach wie vor ein riesiges Entwicklungsfeld. Und nichts entwickelt sich automatisch zum Besseren. Manches hat sich leider zurückentwickelt.
Es macht mich wütend, dass Frauen durch Erniedrigung und Gewalt um eine der mächtigsten Erfahrungen ihres Lebens betrogen und enteignet werden.
Konkret bin ich seit über dreißig Jahren im Arbeitskreis Frauengesundheit (AKF) aktiv – seit der Gründung. Der AKF ist über die Jahre zu einem wichtigen gesundheitspolitischen Player geworden. Er war zum Beispiel entscheidend an der Initiierung der S3-Leitlinie zum Kaiserschnitt beteiligt und hat am nationalen Gesundheitsziel „Gesundheit rund um die Geburt“ mitgewirkt. Mit dem Hamburger Hebammenverband habe ich außerdem eine Arbeitsgruppe gegründet, die ein innovatives Konzept entwickelt hat, das wir in Hamburg etablieren wollen: eine Ansprechstelle für alle Betroffenen, die im Kontext von Schwangerschaft, Geburt und Elternwerden Gewalt erlebt haben – nicht nur für Eltern, sondern auch für Fachkräfte und Studierende. Das Konzept liegt fertig vor, allerdings hat die Politik die Mittel bisher nicht freigegeben.
Was ziehen Sie aus dieser Arbeit?
Die Überzeugung, dass es weitergehen muss. Dass Veränderung möglich ist, wenn genug Menschen dranbleiben. Und die Erfahrung, dass eine andere Geburtskultur kein Traum ist, sondern an jeden Geburtsort beginnt, in dem jemand aufmerksam, respektvoll und schützend bei einer Frau bleibt.

Dr. Angelica Ensel ist promovierte Kulturwissenschaftlerin, Hebamme und an der HAW Hamburg im Studiengang Hebammenwissenschaft B.Sc. tätig.
Bild: Keenan Constance/Unsplash
13.05.2026 | Meena Stavesand
"Eine Depression ist behandelbar – umso dramatischer ist es, wenn ein Mensch daran stirbt"
Eine depressive Phase kann jeden treffen – und sie ist mehr als nur eine schlechte Stimmung. Gerade in der dunklen Jahreszeit kämpfen einige Menschen mit depressiven Phasen. Und: Depression ist eine der häufigsten psychischen Erkrankungen, die unbehandelt lebensbedrohlich werden kann. Viele Betroffene und Angehörige erkennen die Anzeichen zu spät oder scheuen sich teilweise auch, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Noch immer ist die Krankheit mit Scham behaftet, obwohl sie medizinisch gut behandelbar ist. Mit Dr. Gregor Leicht vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) haben wir über Depressionen gesprochen.
Der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie erklärt, wie erkennt man eine Depression erkennt, welche Rolle Gene und Lebensereignisse bei der Entstehung spielen und was Angehörige tun können, wenn sie Warnsignale bemerken. Dr. Gregor Leicht macht Betroffenen Mut: „Depression ist behandelbar.“ Weitere Informationen gibt es auch in dem Angebot „Medizin. Online. Verstehen“ des UKE.
Was ist eine Depression?
Dr. Gregor Leicht: Depressionen äußern sich über drei Kernsymptome. Das erste ist eine über mindestens zwei Wochen anhaltende depressive Niedergestimmtheit, die nicht mehr auf äußere Faktoren reagiert. Die Stimmung bleibt in diesem depressiven Zustand stecken. Das zweite Kernsymptom ist, dass Menschen die Freude an Dingen verlieren, die bisher Freude gemacht haben – sie können dieses Gefühl nicht mehr spüren und verlieren dadurch auch das Interesse an Aktivitäten, die üblicherweise Freude bereiten. Das dritte Kernsymptom ist ein Antriebsverlust, eine ausgedehnte Energielosigkeit und erhöhte Ermüdbarkeit, sodass selbst kleinere Alltagsdinge zu einer großen Herausforderung werden. Ein weiteres wichtiges Merkmal ist, dass der Blick in die Zukunft stark verdunkelt ist und oft eine ausgeprägte Hoffnungslosigkeit besteht.
Sind diese Kernsymptome alle immer vorhanden oder kann es auch nur eins sein?
Dr. Gregor Leicht: Man unterscheidet verschiedene Schweregrade. Bei einer schweren Depression sind alle diese Symptome vorhanden. Bei einer mittelgradigen Depression müssen zwei dieser Symptome in einem deutlichen Schweregrad vorhanden sein, bei der leichten Depression ebenfalls zwei dieser Symptomkomplexe, allerdings in einer milderen Ausprägung.

Eine Depression kann jeden treffen: etwa 16-20 von 100 Menschen leiden im Laufe ihres Lebens an dieser psychischen Erkrankung. Sie kann in jedem Lebensalter auftreten. Frauen sind etwa doppelt so häufig betroffen wie Männer. Auch Menschen mit einer körperlichen Erkrankung haben ein höheres Risiko an einer Depression zu erkranken. In vielen Fällen tritt die Erkrankung nicht nur einmalig, sondern wiederkehrend auf. Man spricht dann von einer sogenannten rezidivierenden Depression.
Was sind die Ursachen einer Depression?
Dr. Gregor Leicht: Die Entstehung einer Depression lässt sich durch das sogenannte Stress-Vulnerabilitäts-Modell erklären. Dieses Modell geht von zwei Hauptfaktoren aus: Zum einen spielt die genetische Veranlagung (Vulnerabilität) eine wichtige Rolle, zum anderen können bestimmte Stressfaktoren im Leben als Auslöser wirken.
Bei Menschen mit entsprechender genetischer Veranlagung können biologische Prozesse im Gehirn die Balance der Neurotransmitter stören. Man nimmt an, dass dabei der Botenstoff Serotonin, auch als „Glücksbotenstoff“ bekannt, eine entscheidende Rolle spielt.
Die eigentliche Erkrankung bricht häufig erst durch zusätzliche belastende Lebensereignisse aus. Solche Auslöser können beispielsweise sein:
- Tod von nahen Angehörigen
- Trennungen
- Verlust des Arbeitsplatzes
- Eintritt ins Rentenalter
- Körperliche Erkrankungen
Die genauen Zusammenhänge werden noch erforscht, aber das Zusammenspiel von genetischer Veranlagung und Stressfaktoren gilt als wesentlicher Mechanismus bei der Entstehung von Depressionen.
Gibt es weitere Ursachen?
Dr. Gregor Leicht: Depressionen können als Nebenwirkung beispielsweise bei der Einnahme bestimmter Medikamente wie Blutdruckpräparaten oder Cortison auftreten. Bei der Diagnose müssen wir außerdem ausschließen, dass Infektionen oder Tumore im Gehirn die Depression auslösen. Auch hormonelle Störungen können eine wichtige Rolle spielen – dazu gehören etwa eine Schilddrüsenunterfunktion oder die hormonellen Veränderungen während der Wechseljahre bei Frauen.
Neben diesen medizinischen Ursachen gibt es besondere Erscheinungsformen der Depression mit charakteristischen Symptommustern. Ein Beispiel ist die saisonale Depression, auch „Winterdepression“ genannt. Menschen mit dieser Form leiden unter dem Lichtmangel in der dunklen Jahreszeit und entwickeln sehr regelmäßig über den Winter depressive Phasen.
Gibt es Menschen, die nicht an einer Depression erkranken können, weil sie die biologische Veranlagung nicht haben?
Dr. Gregor Leicht: Man nimmt zwei wesentliche Gründe an, warum manche Menschen keine Depression entwickeln, obwohl sie Belastungsfaktoren ausgesetzt sind. Der erste Grund ist, dass sie die biologische Veranlagung dafür nicht in sich tragen. Der zweite Grund liegt in den sogenannten Resilienzfaktoren, die zunehmend erforscht werden. Diese Faktoren sind eng damit verbunden, wie ein Mensch in der Entwicklung seiner Persönlichkeit gelernt hat, mit Stressphasen umzugehen und wie er diese ausgleichen kann. Diese können das Ausbrechen von depressiven Erkrankungen verhindern – auch dann, wenn eine genetische Belastung vorliegt.
Wie stellen Sie eine Diagnose?
Dr. Gregor Leicht: Die Diagnose stellen wir im Gespräch mit den Patientinnen und Patienten. Wir gehen standardisiert nach dem sogenannten psychopathologischen Befund mögliche Symptome durch. Das sind die drei Kernsymptome, die ich genannt habe, und weitere typische Symptome, die man erfragen muss.
Typisch für Depressionen sind zum Beispiel kognitive Störungen – also Störungen der Aufmerksamkeit oder der Konzentration. Das kann in der schweren Ausprägung fast wie eine beginnende Demenz aussehen. Der Unterschied ist, dass man es behandeln kann und die Symptome wieder verschwinden.
Unipolare Depression.Online.Verstehen.
Die Depression ist eine häufige psychische Erkrankung, geprägt von niedergeschlagener Stimmung, Antriebslosigkeit und dem Verlust von Freude. Oft fehlt jedoch der Zugang zu verlässlichen Informationen bezüglich Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten.
Außerdem fragen wir immer nach dem Selbstvertrauen, weil häufig das Selbstwertgefühl stark vermindert ist. Viele haben Schuldgefühle, das Gefühl, eine Last zu sein oder wertlos zu sein. Wir prüfen auch immer den Blick in die Zukunft: Gibt es eine ausgeprägte negative Zukunftsperspektive bis hin zu einer schweren Hoffnungslosigkeit?
Dann gibt es somatische Symptome wie verminderten Appetit, der bei schwerer Ausprägung oft mit deutlichem Gewichtsverlust einhergeht. Fast immer treten ausgeprägte Schlafstörungen auf – eine deutlich verringerte Schlafzeit, Einschlaf- und Durchschlafstörungen – und ein vermindertes Interesse an Sexualität. Bei der atypischen Depression sind diese Symptome umgekehrt.
Wie prüfen Sie die biologische Veranlagung?
Dr. Gregor Leicht: Es gibt leider noch keine Methode, bei der man Blut abnehmen oder ein Bild vom Gehirn machen kann und dadurch eine Depression erkennt. Wir schließen aus, dass es einen körperlichen Grund gibt. Die Diagnose einer Depression erfolgt immer erst, nachdem wir organische Ursachen ausgeschlossen haben.
Wie gefährlich kann eine Depression sein?
Dr. Gregor Leicht: Eine Depression kann lebensgefährlich sein. Es können Suizidgedanken auftreten. Diese beginnen oft mit dem Gefühl, es wäre besser, nicht mehr da zu sein – ein Lebensüberdruss. Das kann sich in gefährliche Bereiche entwickeln, wie die Idee, dem Leben ein Ende zu setzen, bis hin zur konkreten Planung einer Methode oder einem Versuch. In der Diagnostik müssen wir sehr genau nachfragen, um die Gefährlichkeit einzuschätzen und schwere Komplikationen zu verhindern.
Wie sieht eine Therapie aus?
Dr. Gregor Leicht: Depressionen sind im Vergleich zu vielen körperlichen Erkrankungen gut behandelbar. Die Therapie richtet sich nach dem Schweregrad: Bei leichten und mittelschweren Depressionen wird vor allem Psychotherapie eingesetzt, die ähnlich wirksam ist wie Medikamente. Bei schweren Depressionen verbessern zusätzliche Antidepressiva die Heilungschancen und beugen Rückfällen vor.
Neben diesen Hauptbehandlungen gibt es weitere wirksame Maßnahmen: Bei saisonalen Depressionen helfen Tageslichtlampen. Regelmäßige sportliche Betätigung und Bewegung an der frischen Luft sind generell sehr förderlich. Menschen mit Anfälligkeit für Depressionen wird empfohlen, zwei- bis dreimal wöchentlich draußen spazieren zu gehen. Wichtig ist auch, Aktivitäten beizubehalten, die Freude bereiten, und soziale Kontakte zu pflegen. Auch die Selbstfürsorge spielt eine wichtige Rolle, besonders was Arbeitspausen und Entspannungsphasen betrifft.
Eine Depression ist wie eine depressive Niedergestimmtheit, die auch nicht mehr auf äußere Faktoren reagiert. Die Stimmung kann sich nicht mehr ändern, sondern bleibt in diesem depressiven Zustand stecken.Dr. Gregor Leicht, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Damit Betroffene die Scheu davor verlieren: Wie läuft eine Therapie ab?
Dr. Gregor Leicht: In einer stationären Behandlung hat man ein bis zwei therapeutische Termine pro Woche. Zunächst wird viel daran gearbeitet, dass Menschen mit dieser Erkrankung zu Experten für ihre Erkrankung werden. Das nennt man Psychoedukation und ist ein wichtiger Teil der Psychotherapie.
Dann geht es darum, sogenannte Störungsmodelle zu entwickeln. Dabei identifizieren wir Stressfaktoren, die im Leben vorkommen und die Depression auslösen können. Das können äußerliche Dinge sein wie Schwierigkeiten am Arbeitsplatz, finanzielle Probleme oder Einsamkeit. Hier arbeiten wir auch viel sozialtherapeutisch, um solche Dinge anzugehen – wir helfen bei der Herstellung von Kontaktmöglichkeiten, vermitteln Schuldnerberatung oder Gespräche mit Vorgesetzten.
Es gibt aber auch psychologische Stressfaktoren, die in Menschen selbst stattfinden. Das sind dann Dinge wie Glaubenssätze, die Menschen in der Entwicklung ihrer Persönlichkeit entwickelt haben: „Ich bin nichts wert“, „Ich mache immer alles falsch“, „Ich bin nur etwas wert, wenn ich Leistungen erbringe“. Das sind Glaubenssätze, die man psychotherapeutisch angehen kann, indem man neue Sicht- und Denkweisen entwickelt.
Wie können sich Betroffene Hilfe holen?
Dr. Gregor Leicht: Die niedrigste Schwelle sind die Hausärztinnen und Hausärzte. Der nächste Schritt wären ambulante Fachärztinnen und Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie. Dann gibt es ambulante Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten, die Notfallsprechstunden anbieten. Über die Krankenkasse kann man häufig herausfinden, wo man sich da vorstellen kann.
Wo gibt es Anlaufstellen in Hamburg?
Dr. Gregor Leicht: In Hamburg gibt es zum Beispiel im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf die Polikliniken, also Ambulanzen, zu denen man auch ohne Termin kommen kann. Von dort wird man auch in Spezialambulanzen überwiesen, wenn man auf dem ambulanten Weg nicht weiterkommt.
Man kann sich inzwischen auch gut im Internet informieren, zum Beispiel auf der Seite der Deutschen Depressionshilfe. Dort finden sowohl Angehörige als auch Patienten viele Hilfsangebote und Kontaktmöglichkeiten. Es gibt auch – das ist eine neue Entwicklung aus den letzten Jahren – digitale Gesundheitsanwendungen, die der Hausarzt oder Facharzt verschreiben kann. Das kann hilfreich sein, wenn man sehr lange auf einen Psychotherapieplatz warten muss, was leider oft der Fall ist.
Besonders wichtig: Sobald Angehörige bemerken, dass jemand den Lebensmut verliert, muss es sehr schnell gehen. Dann sollte man zum Beispiel zum Hausarzt gehen und die Betroffenen zu einer Vorstellung im professionellen Setting bewegen.
Warum ist schnelles Handeln so wichtig?
Dr. Gregor Leicht: Weil es sich um vorübergehende Zustände handelt, die man behandeln kann. Deswegen ist es auch so dramatisch, wenn Menschen an dieser Erkrankung ihr Leben verlieren. Eine Depression ist behandelbar – umso dramatischer ist es, wenn ein Mensch daran stirbt.
Über Dr. Gregor Leicht
Priv.-Doz. Dr. med. Gregor Leicht ist der Oberarzt auf der Station für Depressionen am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Er ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Zudem ist er Leiter des Forschungsbereichs Bildgebung.

Leidest du unter Suizidgedanken?
Hier findest du Hilfe: Telefonnummer 116 117
Bild: Ivan Samkov / pexels.com
07.05.2026 | Meena Stavesand
KI trifft Klassenzimmer: Wie Lehrkräfte lernen, künstliche Intelligenz sinnvoll einzusetzen
Wie verändert KI die Bildung – nicht nur im Klassenzimmer, sondern schon in der Ausbildung der Lehrkräfte? Wir haben mit Johannes Schäfers von der TU Hamburg gesprochen. Er ist Experte für berufliche Bildung und entwickelte für die HOOU gemeinsam mit Prof. Dr. Maren Baumhauer und Stephanie Wichmann das Lernangebot „KOM.KI“, mit dem sich etwa Lehramtsstudierende auf den reflektierten Einsatz von KI vorbereiten können. Im Interview spricht er über Chancen, Stolpersteine – und darüber, warum man sich ruhig trauen darf, einfach mal mit KI loszulegen.
Wann bist du mit KI in Berührung gekommen?
Johannes Schäfers: Mein erster Berührungspunkt mit KI war tatsächlich Ende 2022, Anfang 2023, als die ersten Chatbots für die breite Gesellschaft wie z. B. ChatGPT aufkamen. Das war schon beeindruckend, was da plötzlich möglich war.
Wie nutzt du KI heute in deiner Arbeit an der TU Hamburg?
Johannes Schäfers: Inzwischen fast täglich. An der TU Hamburg haben wir einen eigenen Chatbot namens TUKI, die auch auf ChatGPT basiert. Die ist mit unserer Infrastruktur verknüpft. Das macht es besonders praktisch.
Ich nutze aber auch verschiedene KI-Tools fürs Brainstorming, zum Strukturieren von Inhalten und für Bildgenerierung – zum Beispiel für Präsentationen oder für die Lehre allgemein. KI hilft mir teilweise bei administrativen Aufgaben, um Prozesse effizienter zu gestalten. Es spart einfach Zeit und gibt Raum für Kreativität.
Wenn du an Schule und Bildung denkst – wo siehst du die größten Potenziale von KI? Für Lehrkräfte und für Schüler:innen?
Johannes Schäfers: Für Lehrkräfte sehe ich unter anderem riesiges Potenzial in der Analyse und Begleitung von Lernprozessen – also dabei, besser zu verstehen, wo die Schüler:innen gerade stehen – das nennt sich Learning Analytics.
Für Schüler:innen wiederum ist KI super, um sich Inhalte einfacher aufbereiten zu lassen: Zusammenfassungen, Gliederungen, einfache Erklärungen oder auch Bildmaterial. Das erleichtert vieles.
Aber: Es ist wichtig, diese Tools aber auch kritisch zu betrachten. Man muss lernen, die Ergebnisse zu hinterfragen. Ist das korrekt, was die KI da ausspuckt? Wie kann ich die Ergebnisse möglicherweise weiter überprüfen? Ergibt das Sinn? Diese Reflexion sollte immer dazu gehören.

Learning Analytics bezeichnet die systematische Auswertung von Lerndaten der Schüler:innen. Es geht darum, Lernstände zu analysieren, Abweichungen frühzeitig zu erkennen und individuelle Lernpfade aufzuzeigen. Beispielsweise kann ein KI-gestütztes System zeigen, wenn die Leistung eines Schülers oder einer Schülerin plötzlich abfällt – vielleicht durch persönliche Probleme oder Lernschwierigkeiten. Lehrkräfte können so gezielter unterstützen. Auch adaptive Lernpfade sind möglich: Wer Schwierigkeiten hat, bekommt kleinere, passende Aufgabenpakete – bis das große Ganze bewältigt werden kann. Das Ziel: mehr (und schnellere) individuelle Förderung.
Ich musste mir damals im Studium alle Inhalte mühsam zusammensuchen – heute fragt man ein Tool. Geht da nicht auch etwas verloren?
Johannes Schäfers: Natürlich kann man sagen: Die Tools nehmen einem einiges an Arbeit ab. Aber man muss auch dazu befähigt werden, sie überhaupt sinnvoll einsetzen zu können. Und genau da sehe ich unsere Aufgabe – in der Ausbildung der angehenden Lehrkräfte. Es geht nicht nur um die bloße Anwendung, sondern um eine ganzheitliche Kompetenzentwicklung im Umgang mit KI-Tools.
Und klar ist doch: Jede Generation hatte ihre Tools. Wir hatten in den 2000ern plötzlich Computer. Vor knapp 50 Jahren gab’s das alles noch nicht. Es geht nicht darum, ob man Technik nutzt – sondern wie.
Welche Kompetenzen sind dir dabei besonders wichtig?
Johannes Schäfers: Neben dem technischen Verständnis sind mir ethische, gesellschaftliche und auch ökologische Aspekte extrem wichtig. Aspekte der Diskriminierung, des Datenschutzes aber auch der Energieverbrauch von Servern – das gehört alles dazu. Ich versuche, meinen Studierenden genau diese Perspektiven mitzugeben: Es geht nicht nur um die Technik, sondern darum, wie wir verantwortungsvoll mit ihr umgehen.
Ihr habt ein Lernangebote zum Umgang mit KI erstellt. Es geht um die Entwicklung von KI-Kompetenzen. Was sind eure Erkenntnisse bisher?
Johannes Schäfers: Was mich total begeistert: Die Studierenden in unseren Seminaren kommen mit vielen eigenen Ideen. Sie entwickeln Projekte, erproben KI in Lehrveranstaltungen und profitieren auch selbst ganz konkret. Auch leistungsschwächere Studierende sehe ich durch KI gezielt unterstützt – etwa bei der Rechtschreibung oder bei der Gliederung von Texten. Das stärkt das Selbstbewusstsein und führt oft zu besseren Ergebnissen.
Aber das funktioniert natürlich nur, wenn die Studierenden auch wissen, wie man mit KI sinnvoll umgeht. Und genau das versuchen wir zu fördern – Schritt für Schritt, ohne Überforderung, mit den Lernangeboten unseres Projekts „Kom.KI“.
Worum geht’s da genau?
Johannes Schäfers: Wir haben zwei Formate entwickelt: den „Short Track“ für Einsteiger:innen, der sich am 4-A-Modell von Prof. Dr. Doris Weßels orientiert – also Aufklären, Ausprobieren, Akzeptieren, Aktiv werden. Wir haben das Ganze um ein fünftes A ergänzt: Anlässe schaffen. Denn oft fehlt in Schulen genau das – der konkrete Anlass, um KI sinnvoll z. B. im Unterricht einzusetzen.
Dann gibt es noch den „Deep Track“ für Fortgeschrittene. Dieser vertieft das Thema – mit konkreten Beispielprojekten, die unsere Studierenden gemeinsam mit Lehrkräften unter anderem aus Hamburger beruflichen Schulen entwickelt haben. Die Ergebnisse wurden hierbei in Form von Postern aufbereitet und sind auf unserer über unsere Lernangebote öffentlich zugänglich.
Kom.KI - Kompetenzentwicklung für KI-Tools
Künstliche Intelligenz (KI) spielt für viele Bereiche unseres Lebens bereits eine wichtige Rolle. Dies zeigt sich durch die intensive Nutzung von generativer KI, zum Beispiel in Form von Textgenerierung oder verschiedenen kreativen Prozessen wie Bilderstellung, Musikkomposition oder Videoproduktion. Die Veränderungen, die KI mit sich bringt, wirken sich aber auch unmittelbar auf unsere persönliche und berufliche Bildung aus. Diese Zusammenhänge möchten wir dir gerne hier in diesem Lernmodul vermitteln. Dafür haben zahlreiche Studentinnenund Studenten in Kooperation mit beruflichen Schulen Konzepte entwickelt, wie Künstliche Intelligenz für verschiedene Akteure zum Vorteil werden kann.
Wie gut kennen sich die Studierenden mit KI aus? Gibt es da Unterschiede?
Johannes Schäfers: Ja, definitiv. Manche sind sehr Technik-affin, andere tun sich schwerer – es gibt große Unterschiede. Dazu kommen die unterschiedlichen Vorerfahrungen oder auch ungleichen Zugänge zu kostenpflichtigen Tools – das sind alles reale Stolpersteine, denen wir begegnen.
Ich bin zwar ein Fan von „einfach mal ausprobieren“, also „trial and error“, aber wir brauchen trotzdem einen begleiteten Einstieg. Nur so können die Studierenden lernen, worauf es ankommt – nicht nur technisch, sondern auch inhaltlich und praktisch damit zu arbeiten sowie ihr Erlerntes zu reflektieren.
Ihr seid auch bei der KI-Werkstatt der HOOU. Was zeigt ihr dort?
Johannes Schäfers: Bei der KI-Werkstatt stellen wir beide Lernformate vor – und damit auch die Projektergebnisse unserer Studierenden. Uns geht’s darum, andere Lehrkräfte zu inspirieren: Schaut, was möglich ist! Findet Anlässe in eurem eigenen Schulalltag. Probiert Dinge aus, auch wenn ihr noch keine Expert:innen seid.
Denn genau das ist der erste Schritt: ins Handeln kommen. Nicht nur verstehen, sondern machen.
Wenn du an die Zukunft des Lernens denkst – welche Rolle spielt KI dabei?
Johannes Schäfers: Ich glaube KI wird nicht wieder verschwinden. Sie ist schon jetzt Teil unseres Alltags, besonders im Bildungsbereich. Und ich sehe das nicht als Problem, sondern als großartige Chance. Wichtig ist, dass wir lernen, damit umzugehen – kritisch, reflektiert und verantwortungsvoll.
Natürlich gibt es auch Risiken: KI kann halluzinieren, also falsche Informationen ausgeben. Aber wenn wir lernen damit umzugehen, können wir viel gewinnen. Studien zeigen schon jetzt: Wer mit KI arbeitet, kann manche Aufgaben schneller und besser erledigen – gerade im Bereich allgemeiner Schreibaufgaben. Die Qualität steigt, der Zeitaufwand sinkt. Das finde ich ist ein starkes Argument.
Aber: Es braucht Interesse, Neugier und die Bereitschaft, sich mit diesen Technologien auseinanderzusetzen. Nur dann kann man das Potenzial wirklich nutzen.
Über Johannes Schäfers

Johannes Schäfers M. Ed. ist seit Mai 2023 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Berufliche Bildung und Digitalisierung an der Technischen Universität Hamburg. Zuvor war er in der Zeit von Juni 2020 bis April 2023 über das BMBF-geförderte Projekt „Leibniz works 4.0“ im Rahmen der Qualitätsoffensive Lehrerbildung als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Berufspädagogik und Erwachsenenbildung an der Leibniz Universität Hannover beschäftigt. Sein Arbeits- und Forschungsschwerpunkt liegt in der Entwicklung und Evaluation von digitalen Lernumgebungen und der Erfassung und Förderung digitalisierungsbezogener Kompetenzen von Lehrkräften in der beruflichen Bildung.
Bewegung ist für Menschen egal welchen Alters wichtig. (Bild: Hugues de BUYER-MIMEURE/Unsplash)
29.04.2026 | Meena Stavesand
Warum Rhythmik für die Gesellschaft wichtig ist: „Jeder Mensch ist musikalisch“
Musik und Bewegung sind voneinander abhängig. Wir müssen uns erstens bewegen, um Musik zu erzeugen, und zweitens bewegen wir uns zur Musik. Das kann ein richtiger Tanz oder auch nur der wippende Kopf sein. Auf jeden Fall macht die Rhythmik etwas mit uns. Was genau und wo man Rhythmik einsetzen kann, erklärt uns Alexander Riedmüller zum Welttag des Tanzes (29. April).
Alexander Riedmüller ist Rhythmiker und beschäftigt sich mit dem Zusammenhang von Mensch, Musik und Bewegung. In seinem Lernangebot zu diesem Thema zeigt er Anwendungsbereiche sowie Studien- und Weiterbildungsmöglichkeiten, die die Rhythmik bietet. Für dieses Angebot der Hochschule für Musik und Theater (HfMT) ist er vor kurzem mit dem Aviso-Publikationspreis zur Förderung innovativer musikpädagogischer Publikationen der Universität für Musik und Darstellende Kunst in Wien ausgezeichnet worden. Wir haben mit Alexander Riedmüller über Rhythmik und ihre Bedeutung für Menschen gesprochen.
Alexander Riedmüller, worum geht es in deinem Lernangebot „Rhythmik / Musik und Bewegung“?
Alexander Riedmüller: Rhythmik ist ein sehr breites Fach, für das wir einen niederschwelligen Überblick geben wollten. Das Lernangebot „Rhythmik / Musik und Bewegung“ soll sowohl Menschen informieren, die noch nichts mit Rhythmik zu tun hatten, als auch Fachleute mit tiefgehendem Wissen versorgen. Wir sprechen in diesem digitalen, für alle offenen Lernangebot etwa über die verschiedenen Einsatzbereiche von Rhythmik, geben in Videos aber auch wissenschaftliche Informationen oder Forschungsstrategien – zum Beispiel für Studierende, die sich forschend mit dem Thema auseinandersetzen möchten.

Warum ist Musik und Bewegung für uns Menschen wichtig?
Riedmüller: Musik und Bewegung sind voneinander abhängig – in zweifacher Hinweis. Erstens müssen wir uns bewegen, um zu musizieren, zweitens bewegen wir uns zur Musik; das kann zum Beispiel mit dem wippenden Fuß oder Kopf beginnen und dann immer stärker werden – hin zu einem Tanz. Musik kann uns physisch, aber auch emotional bewegen.
Gilt das für alle Menschen?
Riedmüller: Ja, jeder Mensch ist musikalisch. Wenn wir Musik hören, löst das etwas in uns aus – wir bewegen uns. Aber wir setzen Musik auch in Beziehung. Das heißt: Unser Gehirn verknüpft automatisch ähnliche Lieder miteinander – wir können so emotional ergriffen sein beziehungsweise werden.
Wo wird Rhythmik als Fach eingesetzt?
Riedmüller: Rhythmiker:innen arbeiten etwa mit Kindern, um die Sinneswahrnehmungen zu schärfen, um die Kreativität zu fördern oder um das Sozialverhalten zu stärken. Das heißt im Umkehrschluss, dass sich viele Erzieher:innen oder Studierende der Musikpädagogik mit dem Zusammenhang von Musik und Bewegung beschäftigen. Aber auch Schauspieler:innen oder Opernsänger:innen, also Menschen, die professionell mit Musik arbeiten, helfen Rhythmiker:innen Musik noch besser wahrzunehmen. Rhythmik kann also sehr niederschwellig und früh bereits bei kleinen Kindern zum Einsatz kommen, aber auch den Menschen helfen, die noch besser verstehen wollen, wie Musik funktioniert.
Wie kam es zu dem Lernangebot an der HOOU?
Riedmüller: Wir haben vor dreieinhalb Jahren mit einem Team begonnen, uns mit dem Thema auseinanderzusetzen und entwickeln das Lernangebot „Rhythmik / Musik und Bewegung“ seitdem weiter. Von Anfang mit dabei sind Goran Lazarevic von der HfMT und ich – aber in den Jahren haben uns immer wieder tolle Menschen dabei unterstützt, den Kurs stetig zu erweitern. Sein zwei Jahren ist Professorin Elisabeth Pelz fest dabei – wir gehen jetzt auch in die vierte Projektrunde und arbeiten aktuell daran, das Lernangebot zweisprachig aufzusetzen, in Deutsch und Englisch. Die Idee zu dem Thema kam uns, weil man Rhythmik als Fach in Hamburg nicht studieren kann, aber an der HfMT viele Menschen arbeiten, die sich mit Rhythmik beschäftigen – in der Musiktherapie, in der Musikpädagogik, generell in der körperorientierten Lehre. Diese vielfältigen Einsatzmöglichkeiten wollen wir in dem Lernangebot sichtbar machen.
Das Fach Rhythmik hat also vielfältige Einsatzmöglichkeiten. Kann es damit auch eine gesellschaftliche Rolle spielen?
Riedmüller: Ja. Auch diese gesellschaftliche Rolle möchten wir mit dem Lernangebot zeigen. Rhythmik kommt etwa in der Schule, im Kindergarten zum Einsatz, aber auch in der Arbeit mit Menschen mit Behinderung. Wir sehen darüber hinaus Ansätze in der Arbeit mit Senior:innen. Kurz gesagt: Überall dort, wo wir uns mit Musik und Bewegung beschäftigen. Und genau das wollen wir mit unserem Kurs vermitteln.
Bild: Unsplash / Videodeck .co
27.04.2026 | Meena Stavesand
Podcasting an Hochschulen: Was Audioformate für die Wissenschaft leisten können
Zehn Perspektiven, ein gemeinsames Medium: Die neue Broschüre „10 Jahre HOOU – 10 Stimmen zum Podcasting“ der HAW Hamburg zeigt, was passiert, wenn Lehre, Forschung und Kreativität gemeinsam das Mikro übernehmen. Es ist die zweite Publikation in der Broschürenreihe anlässlich des HOOU-Jubiläums.
Was können Podcasts im Hochschulkontext bewirken? Wie gelingt der Einstieg und was macht das Medium so besonders, wenn es um Bildung, Wissenschaft und gesellschaftliche Themen geht? Die neue Broschüre der HOOU@HAW Hamburg widmet sich genau diesen Fragen. Nach dem Auftakt mit „10 Fragen zu KI-Output, Urheberrecht und OER“ folgt damit nun die zweite Ausgabe dieser Broschürenreihe.
Verschiedene Autor:innen teilen ihre Erfahrungen mit dem Podcasting – vom ersten Workshop bis zur veröffentlichten Folge. Sie erzählen von Produktionsprozessen, Aha-Momenten, Stolpersteinen, rechtlichen Fragen, technischen Entscheidungen und der Wirkung von Podcasts in der Wissenschaft. Dabei wird klar: Podcasts sind mehr als ein Trendformat. Sie eröffnen Räume für Dialog, ermöglichen niedrigschwellige Teilhabe an Forschung und Lehre und schaffen neue Zugänge zu komplexen Themen.
Was die Broschüre lesenswert macht
- ehrliche Einblicke aus der Praxis – von der Idee bis zur Veröffentlichung
- konkrete Erfahrungen aus HOOU-Workshops
- Themen wie Recht, Open Educational Resources (OER), Diversität, Wissenschaftskommunikation und KI
- neue Perspektiven auf das Zusammenspiel von Bildung, Audio und Gesellschaft
Der Podcast zur Podcastbroschüre
Ein besonderes Extra: Ein sechsminütiger KI-generierter Podcast fasst Inhalte aus der Broschüre zusammen – überraschend stimmig, manchmal aber auch ein wenig wirr, aber hörenswert. Ein spannendes Experiment.
Wer sich für Podcasting in der Hochschule interessiert, findet hier keine Schritt-für-Schritt-Anleitung, sondern echte Stimmen, lebendige Perspektiven und viele Anregungen zum Weiterdenken.
Jetzt downloaden
Bild: Alfonso Cerezo/Pixabay
24.04.2026 | Meena Stavesand
Volkskrankheit Asthma: Betroffene können mit der richtigen Therapie beschwerdefrei leben
Laufende Nase, tränende Augen, immer wieder Nies- und Hustenanfälle – die Pollensaison oder auch Hausstaubmilben plagen viele Menschen. Bei manchen hat die Allergie zu einem Asthma geführt. Daraus resultiert meistens eine lebenslange Therapie, aber die Patientinnen und Patienten seien dadurch auch weitestgehend symptomfrei, sagt der Facharzt für Pneumologie Dr. med. Sören Galow vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). „Unser Ziel ist es, dass die Betroffenen ein völlig uneingeschränktes Leben führen können.“ Dazu gehöre beispielsweise auch Sport. Wie das gelingt und wie Asthma überhaupt entsteht und diagnostiziert wird, erklärt Dr. Galow im Interview.
Dr. Galow hat an dem UKE-Lernangebot „Medizin. Online. Verstehen“ mitgewirkt. In diesem Onlineportal geht es um so genannte „Volkskrankheiten“ wie Asthma, aber auch Adipositas, Herz-Erkrankungen, Depressionen oder Epilepsie. Die Inhalte sind so aufbereitet, dass sie einen niederschwelligen Zugang zu den Informationen gewährleisten. Im Interview erläutert Dr. Sören Galow nochmals die wichtigsten Aspekte zum Thema Asthma und zu den Therapiemöglichkeiten.
Was ist eigentlich Asthma?
Dr. Sören Galow: Asthma bronchiale ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung der Atemwege, die in unterschiedlichen Formen auftreten kann und verschiedene Ursachen hat. Die Erkrankung ist gekennzeichnet durch eine so genannte bronchiale Hyperreagibilität. Das bedeutet, die Betroffenen haben ein überempfindliches Atemwegssystem. Durch diese Überempfindlichkeit kann es dann durch verschiedene Reize zu einer raschen Verengung der Atemwege kommen, die in ihrer Schwere sehr variabel sein kann. Diese so genannte Atemwegsobstruktion besteht in der Regel nicht dauerhaft, sondern tritt beim Asthma bronchiale klassischerweise anfallsartig auf.
Wie viele Menschen sind in Deutschland betroffen?
Dr. Sören Galow: In Deutschland sind etwa acht Millionen Menschen von einer Asthmaerkrankung betroffen. Es handelt sich beim Asthma somit um eine Volkskrankheit, die in der gesamten so genannten westlichen Welt und insbesondere in hochentwickelten Ländern häufig auftritt. Man kann die exakten Patienten- und Patientinnenzahlen zwischen verschiedenen Ländern oft nur bedingt vergleichen, weil viele Länder ganz eigene Grundlagen für die Datenerhebung nutzen.
Es gibt allerdings definitiv ein deutliches Gefälle zwischen industriell hochentwickelten Staaten und sogenannten Entwicklungs- und Schwellenländern: Die Asthmahäufigkeit ist bei uns deutlich höher als zum Beispiel in Vietnam oder Peru. In den USA leiden wiederum prozentual – und somit natürlich auch in absoluten Zahlen – noch mehr Menschen als bei uns in Deutschland an einem Asthma.
Sind die Fallzahlen gestiegen?
Dr. Sören Galow: Über die letzten Jahre und Jahrzehnte hat die Zahl von Asthmatikerinnen und Asthmatiker in Deutschland stetig zugenommen, aber sind es wirklich mehr geworden oder schauen wir mittlerweile nur besser hin? In den letzten Jahren scheinen sich die Zahlen bei uns auf einem hohen Niveau zu stabilisieren. Dies ist eine Entwicklung, die wir in der gesamten westlichen industriellen Welt beobachten. In Schwellenländern und insbesondere in den Regionen der sogenannten Megacitys wie zum Beispiel Lagos, Dehli, Mumbai, Jarkata oder Sao Paulo steigen die Fallzahlen hingegen aktuell enorm an.
Was sind die Ursachen von Asthma?
Dr. Sören Galow: Es gibt verschiedene zugrundeliegende Ursachen für das Asthma bronchiale. Daraus resultiert eine Unterscheidung in verschiedene Formen des Asthmas. Wir unterscheiden ganz grundsätzlich zwischen einem allergischem und einem nicht-allergischem Asthma. Ein klassisches Beispiel: Der oder die Betroffene hat eine Pollenallergie. In der Pollensaison macht er eine Radtour, fährt an einem Feld vorbei, ist einer hohen Pollenkonzentration ausgesetzt und bekommt einen Asthmaanfall. Neben solchen saisonalen Allergien können aber auch ganzjährige Allergien wie zum Beispiel eine Haustaubmilbenallergie ein Asthma auslösen.
Demgegenüber sehen wir aber auch Patientinnen und Patienten mit einem Asthma, die keine solche nachweisbare Allergie haben. Die Allergie ist also nur eine von mehreren Ursachen, wenngleich die weitaus häufigste. Eine andere Variante: Patientinnen und Patienten ohne Allergie, aber mit klassischen Asthma-Symptomen, haben in ihrem Blut und in ihren Atemwegen eine erhöhte Zahl von sogenannten Eosinophilen (genauer: eosinophile Granulozyten, eine bestimmte Untergruppe der weißen Blutkörperchen). Diese Zellen können ebenfalls ein Asthma bronchiale verursachen, wir sprechen dann von einem eosinophilen Asthma. Die hier genannten Ursachen und Formen stellen allerdings nur einen groben Ausschnitt der aktuellen Erkenntnisse zur Ursachenerforschung und Einteilung des Asthmas dar.

Nach meiner persönlichen Meinung spielt Luftverschmutzung in der Entstehung eines Asthmas eine untergeordnete Rolle. Es gibt allerdings sehr konkrete Hinweise darauf, dass das kindliche Aufwachsen auf einem traditionellen Bauernhof der Entwicklung eines allergischen Asthmas und ganz allgemein der Entstehung von Allergien vorbeugen kann.Dr. Sören Galow, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Wie sieht es mit Umwelteinflüssen aus? Spielen die bei Asthma eine Rolle?
Dr. Sören Galow: Der Zusammenhang zwischen Umweltfaktoren bzw. Umwelteinflüssen wie Luftverschmutzung und Asthma werden zum Teil kontrovers diskutiert. Ob Luftverschmutzung oder andere klassische Umweltfaktoren ein Asthma bronchiale verursachen können, ist nicht restlos geklärt.
Nach meiner persönlichen Meinung spielt Luftverschmutzung in der Entstehung eines Asthmas eine untergeordnete Rolle. Es gibt allerdings sehr konkrete Hinweise darauf, dass das kindliche Aufwachsen auf einem traditionellen Bauernhof der Entwicklung eines allergischen Asthmas und ganz allgemein der Entstehung von Allergien vorbeugen kann. Man bezeichnet dies manchmal auch als sogenannten „Bauernhof-Effekt“. Sicher ist jedenfalls, dass individuell ungünstige Umweltbedingungen einen Asthmaanfall auslösen können. Wenn man also ein überempfindliches Bronchialsystem hat, kann beispielsweise Luftverschmutzung dazu führen, dass man Beschwerden bekommt.
Das heißt, ich habe diese Eigenschaft in meinem Körper, dass ich auf bestimmte Einflüsse überempfindlich reagiere, und dann bricht es aus.
Dr. Sören Galow: Genau, die Umweltbelastung kommt dann sozusagen oben drauf. Gleiches gilt für psychischen Stress oder zum Beispiel auch für sportliche Betätigung bei kalten Außentemperaturen. Das überempfindliche Bronchialsystem bildet die Grundlage und die Reize lösen dann Asthma-Symptome aus.
An welchen Symptomen erkenne ich Asthma?
Dr. Sören Galow: Die klassischen Symptome beim Asthma bronchiale sind anfallsartig auftretende Atemnot, Husten und ein – zumeist sehr zäher – Auswurf. Häufig berichten Betroffene auch über ein atemabhängiges Engegefühl in der Brust. Manchmal kann man außerdem sehr spezielle Atemgeräusche, z. B. ein sogenanntes Giemen und Brummen oder auch Pfeifen beim Ausatmen, wahrnehmen.
Häufigkeit und Ausprägung dieser Symptome sind sehr unterschiedlich und sie können allesamt in Kombination oder auch für sich allein auftreten. So ist es beispielsweise möglich, dass Husten zunächst das einzige Symptom eines Asthmas bleibt. Ein weiteres klassisches Erkennungsmerkmal, insbesondere für das allergische Asthma, ist zudem ein saisonales oder periodisches Auftreten. Einige allergische Asthmatikerinnen und Asthmatiker haben beispielsweise nur Symptome, wenn auch gerade Pollensaison ist.
Asthma.Online.Verstehen.
Bei Asthma handelt es sich um eine Erkrankung der Atemwege. Die Atemwege verengen sich, was Symptome wie Luftnot, Husten oder ein Engegefühl in der Brust auslösen kann. Oft fehlt jedoch der Zugang zu verlässlichen Informationen bezüglich Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten.
Was macht der Arzt oder die Ärztin, wenn ich solche Symptome habe?
Dr. Sören Galow: Zuerst machen wir eine Anamnese, das heißt, wir fragen nach den Beschwerden und der Leidensgeschichte unserer Patientinnen und Patienten. Daraus erfahren wir schon sehr viel und können einen Anfangsverdacht stellen. Es folgt dann eine klinische Untersuchung, die zum Beispiel das Abhören der Lunge und der Atemgeräusche beinhaltet. Der Goldstandard und häufig entscheidende Aspekt der Diagnostik ist dann die Lungenfunktionsuntersuchung. Wenn wir in dieser Untersuchung eine Verengung der Atemwege feststellen, testen wir mit atemwegserweiternden Medikamenten, ob diese eine Linderung bringen. Wenn wir mit unseren Medikamenten die Enge der Atemwege auflösen können, ist die Diagnose eines Asthmas bereits gesichert und wir können uns rasch der optimalen Behandlung zuwenden.
Nun ist es aber natürlich so, dass diese Lungenfunktionsuntersuchung nicht in der freien Natur bei starkem Pollenflug stattfindet, die Patientinnen und Patienten also in dem Moment der Untersuchung dem allergischen Auslöser für die Atembeschwerden nicht ausgesetzt sind. Dementsprechend werden wir in diesem Fall zum gegebenen Zeitpunkt auch keine Auffälligkeiten in der Lungenfunktion finden. Aber wenn wir eine gute Anamnese gemacht haben und von dem Patienten oder der Patientin wissen, dass er oder sie auf bestimmte Auslöser reagiert, können wir eine sogenannte Provokationstestung durchführen. Das bedeutet, wir lösen wiederrum mit speziellen Medikamenten einen Asthmaanfall aus und können dann hierüber die Diagnose stellen. Eine solche Untersuchung ist aber natürlich nicht ganz ungefährlich und sollte daher nur von Spezialistinnen und Spezialisten durchgeführt werden. In erfahrenen Händen kann solch eine Provokationsuntersuchung aber gefahrenlos und ohne Bedenken durchgeführt werden.
Wenn nach der Lungenfunktionsuntersuchung Zweifel an der Diagnose bestehen, müssen ggf. noch weitergehende Untersuchungen folgen, die auch andere Organsysteme wie zum Beispiel das Herz-Kreislauf-System genauer begutachten. Es gibt zum Beispiel ein sogenanntes „Asthma cardiale“. In diesem Fall sorgt einer Herzerkrankung für asthma-ähnliche Symptome. Herz und Lunge bilden eine funktionelle Einheit und arbeiten eng zusammen – wir dürfen also auch als Lungenärztinnen und Lungenärzte niemals die anderen Organe aus dem Blick verlieren – insbesondere wenn Untersuchungsbefunde nicht zu unserer Verdachtsdiagnose passen.

Wenn die Diagnose Asthma lautet, wie sieht dann die Therapie aus?
Dr. Sören Galow: In der Asthmatherapie hat sich in den letzten Jahren ein grundlegender Paradigmenwechsel vollzogen. Früher wurde die Behandlung des Asthmas als reine Symptombekämpfung verstanden. Heute geht es um Symptomvermeidung und Krankheitskontrolle. Wir wollen das Krankheitsbild positiv verändern, so gut und dauerhaft behandeln, dass es im Idealfall erst gar nicht mehr zu Symptomen kommt. Um das zu erreichen, nutzen wie zum Beispiel sogenannte antientzündliche Therapien, allen voran inhalative Kortikosteroide, also zu inhalierendes Kortisonspray. Durch die Wirkung des Kortions wird unter anderem der Entzündung in den Atemwegen entgegengewirkt.
Eine weitere Therapiemöglichkeit ist die Inhalation von antiobstruktiven bzw. bronchialerweiternden Medikamente. Diese werden beim Asthma in Kombination mit Kortison inhaliert und sorgen dann für eine zusätzliche Erweiterung der Bronchien.
Eine weitere wichtige Option ist die Allergen-Immuntherapie. Wenn wir eine bestimmte Allergie als auslösenden Faktor identifizieren können, gibt es in vielen Fällen die Möglichkeit der medikamentösen Desensibilisierung oder auch Hyposensibilisierung. Dabei wird versucht, die Allergie abzuschwächen oder dem Körper zu helfen, eine schrittweise Toleranz gegenüber dem Allergen zu entwickeln. Denn eine klassische Allergie ist vereinfacht gesagt nichts anderes als eine Überreaktion unserer Immunsystems.
In einigen Fällen kann es infolge einer erfolgreichen Behandlung sogar gelingen, eine Allergie komplett verschwinden zu lassen. Die Allergen-Immuntherapie muss in der Regel über mehrere Jahre durchgeführt werden, wenngleich es aber zum Glück häufig bereits während der Behandlung zu einer Verbesserung allergischen Beschwerden kommen kann.

Der Konsum von Tabakprodukten und anderen inhalativen Genussmitteln kann bei Asthmatikerinnen und Asthmatikern zu schwersten Asthmaanfällen und schlimmen, nicht rückgängig zu machenden Lungenschäden führen.Dr. Sören Galow – Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Als weitere Möglichkeit verfügen wir über Antikörpertherapien, so genannte Biologika. Es handelt sich hierbei um sehr moderne Medikamente, mit denen wir gezielt versuchen, verschiedene das Asthma auslösende Botenstoffe im menschlichen Körper zu blockieren. Derzeit stehen uns in Deutschland und Europa sechs spezielle Antikörper für die Behandlung des Asthmas zur Verfügung. Diese Therapieform kommt gegenwärtig aber nur bei besonders schweren Fällen zum Einsatz, wenn es uns also nicht gelingt, das Asthma mit den inhalativen Medikamenten und einer Allergen-Immuntherapie erfolgreich zu behandeln. Die Antikörper werden in der Regel alle paar Wochen über eine kleine Spritze unter die Haut verabreicht.
Neben der medikamentösen Therapie ist es natürlich auch enorm wichtig, auslösende Faktoren soweit möglich zu vermeiden und auf potenziell lungenschädliche Dinge wie zum Beispiel Rauchen unbedingt zu verzichten. Ein wichtiger Satz dazu: Der Konsum von Tabakprodukten und anderen inhalativen Genussmitteln kann bei Asthmatikerinnen und Asthmatikern zu schwersten Asthmaanfällen und schlimmen, nicht rückgängig zu machenden Lungenschäden führen.
Gibt es Abstufungen bei der Schwere des Asthmas?
Dr. Sören Galow: Ja, unsere Therapie orientiert sich führend an der Schwere des Asthmas. Die Therapie erfolgt hierbei nach einem Stufenkonzept. Es gibt fünf Stufen – je höher die Stufe, desto schwerer das Asthma und desto schärfer die Therapie. Viele Betroffene benötigen eine Behandlung der so genannten dritten Therapiestufe, also eine dauerhafte Inhalationstherapie mit niedrigen bis moderaten Dosen Kortison und einer zusätzlichen bronchienerweiternden Medikamenten. Wenn man dann feststellt, dass das Asthma hierunter vollständig kontrolliert ist, kann man im Verlauf auch eine Stufe runtergehen und erhält die kombinierte Inhalationstherapie nur bei Bedarf – wenn zum Beispiel Allergiesaison ist.
Das Ganze geht aber natürlich auch in die andere Richtung: Wenn eine Therapie nicht ausreicht, das Asthma also nicht vollständig oder nur teilweise kontrolliert wird, steigen wir mit dem Patienten bzw. der Patientin eine Therapiestufe nach oben und erhöhen dann die Dosen der Inhalationstherapie oder setzen in besonders schweren Fällen auch Antikörper (Biologika) ein. Zum Glück sind diese schweren Fälle von Asthma sehr selten. Die allermeisten Patientinnen und Patienten können wir mit inhalativen Therapien sehr gut behandeln.
Müssen alle Asthmatikerinnen und Asthmatiker ihr Leben lang behandelt werden?
Dr. Sören Galow: Asthma ist eine chronische Erkrankung, die entsprechend auch lebenslang behandelt werden muss. Wir passen die Therapie aber natürlich immer wieder an, wenn der Krankheitsverlauf es zulässt. Kann man vielleicht die Dosis reduzieren, kann man vielleicht auf eine Bedarfstherapie umstellen? Das Behandlungskonzept muss gemeinsam regelmäßig hinterfragt werden, da sich die Krankheitsschwere und Krankheitsaktivität im Verlauf eines Lebens ändern kann – in die eine wie auch in die andere Richtung.
Um ihre Frage aber noch einmal konkret zu beantworten: Ja, ein Asthma muss lebenslang ärztlich überwacht und auch behandelt werden – manchmal nur saisonal bei Pollenflug, aber trotzdem lebenslang. Darauf muss man sich als Asthmatiker oder Asthmatikern einstellen. Das fordert natürlich eine Menge Ausdauer und Disziplin seitens der Betroffenen in Bezug auf die Medikamenteneinnahme, wird aber in den allermeisten Fällen auch mit einer vollständigen Beschwerdefreiheit belohnt.
Kann ich trotz Asthma problemlos Sport treiben?
Dr. Sören Galow: Ja! Unser oberstes Behandlungsziel ist es, dass unsere Patientinnen und Patienten ein völlig uneingeschränktes Leben führen können – und dazu gehört auch Sport. Es gibt Spitzensportlerinnen und Spitzensportler, die trotz Asthma zu 100 Prozent leistungsfähig sind. Wenn Betroffene bei sportlichen Aktivitäten welcher Art auch immer, Luftnot verspüren, sollten sie dies unbedingt mit ihrem Arzt oder ihrer Ärztin thematisieren und besprechen. Mit einer modernen und individuellen Asthmatherapie sind den eigenen Zielen bereits heute kaum Grenzen gesetzt. Und wahrscheinlich werden wir Asthma bronchiale in Zukunft immer besser und individueller behandeln können.
Über Dr. Sören Galow

Dr. med. Sören Galow ist Facharzt für Innere Medizin und Pneumologie und als Funktionsoberarzt in der Abteilung für Pneumologie (Chefarzt: PD Dr. med. Hans F. E. Klose) im UKE tätig. In dieser Funktion leitet er unter anderem die Spezialsprechstunde für schweres Asthma bronchiale. Neben der Behandlung von Patientinnen und Patienten mit schwerem Asthma beschäftigt er sich schwerpunktmäßig mit der Betreuung von Patientinnen und Patienten mit Lungenhochdruckerkrankungen (Pulmonale Hypertonie), Lungenfibrosen, Sarkoidose sowie der Vor- und Nachbetreuung im Rahmen einer Lungentransplantation. Das Team der Pneumologie ist fester Bestandteil des Martin-Zeitz-Centrum für seltene Erkrankungen (Centrum für seltene Lungenerkrankungen) sowie des universitären Transplantationszentrums des UKE.
Lizenzhinweis für das Interview: CC BY 4.0
Bild: KOMMERS / Unsplash
23.04.2026 | Meena Stavesand
Zukunft der Bildung: Warum wir trotz KI weiter lernen müssen
Claude liefert eine aufwendige Recherche in Sekunden, erklärt mathematische Formeln auf simple Weise, löst schwierige Aufgaben verständlich. Wozu brauchen wir dann noch Schulen, Universitäten und andere Bildungseinrichtungen? Wozu müssen wir überhaupt noch lernen? Zukunftsforscher Max Irmer zeigt, wie KI unser Lernen verändern könnte und warum wir die Zukunft der Bildung neu denken sollten.
Max Irmer ist Zukunftsforscher. Er berät Organisationen dabei, wie die Welt in 10 oder 15 Jahren aussehen könnte. Im vergangenen Jahr leitete er an der HAW Hamburg das HOOU Spekulations-Labor* – einen dreiteiligen Workshop, in dem die Teilnehmenden die Zukunft der Bildung nicht nur durchdenken, sondern greifbar machen: mit spekulativem Design, Design Fiction und KI-Tools.
Wir haben mit ihm darüber gesprochen, wie künstliche Intelligenz unser Lernen verändert, warum wir trotzdem noch Wissenschaftler:innen und Lehrkräfte brauchen, und warum es sich lohnt, über eine „Zukunft ohne Lernen“ zu spekulieren.
Wir leben in Zeiten von KI und bekommen Unmengen an Wissen in Sekundenschnelle. Wie beeinflusst das unser Verständnis von Lernen?
Diese Diskussion führen wir gerade intensiv – zu Recht. Denn nicht alles, was wir sehen, ist positiv. Die Metapher „Wissen in Sekundenschnelle“ stimmt, aber wir müssen auch fragen: Was meinen wir mit Wissen? Ich kann heute schnell herausfinden, wann welcher Krieg stattfand. Aber das Wissen, das für unsere Zeit relevant ist, ist vor allem Transferwissen, das verschiedene Themenbereiche verbindet.
Die KI-Tools werden besser, können uns aber nicht immer das perfekte Wissen liefern. Ich denke, die Zukunft des Lernens entwickelt sich dahin, dass wir schneller recherchieren, und im besten Fall schafft das Freiraum: Wir verstehen Zusammenhänge besser und bilden uns eine eigene Perspektive. KI-gestützt, aber nicht KI-vorgegeben.
Als problematisch empfinde ich, dass KI-Programme uns vorgaukeln, sie würden uns alles Wissen geben, und wir müssten nicht mehr selbst denken. Die Zukunft kann sehr schön werden, sie kann dadurch aber auch schwierig werden, wenn wir so tun, als würden wir in wenigen Sekunden ein tolles Ergebnis liefern, aber eigentlich steht nichts da.
Warum sollten wir noch selbst aktiv lernen oder als Wissenschaftler:in oder Lehrkraft weiterarbeiten?
Wir brauchen unabhängige Instanzen, die Tools nutzen, aber selbst denken und hinterfragen, was aus einer Maschine kommt. Beim Lernen geht es stark um Identitätsbildung: Wer bin ich? Was kann ich? Ein Beispiel: Fremdsprachen lerne ich nicht gerne, darum freue mich auf eine Zukunft mit Echtzeit-Übersetzungen via Kopfhörer. Das bringt Vorteile, aber der kultureller Bezug einer Sprache wird weniger, und das ist schade, weil Gesprochenes mehr transportiert als reine Information.
Lernen bleibt wichtig, um zu differenzieren. Wir können KI legitim nutzen. Die Fragen sind allerdings: Wie, in welchem Umfang und wofür? Vokabeltraining kann KI-gestützt mehr Spaß machen als im alten Lehrbuch. Aber für andere Sachen ist analoges Lernen wichtiger – wenn es zum Beispiel darum geht, selber Dinge zu erfahren.

Ich wünsche mir, dass KI als Unterstützerin fungiert – eine, die sich ans individuelle Lernniveau anpasst, schneller oder spezifischer erklärt, in einer Sprache spricht, die ich verstehe.Max Irmer
Wenn du einen Wunsch hättest: Wie sieht die Zukunft der Bildung aus?
Ich hoffe, dass wir die Dinge beibehalten, die gut funktionieren, und uns gleichzeitig neuere Entwicklungen zu eigen machen. Nicht nur Technologie, sondern auch die Frage: Braucht es noch Vorlesungen oder Frontalbeschallung? Braucht es klassische Hörsäle?
Ich wünsche mir, dass KI als Unterstützerin fungiert – eine, die sich ans individuelle Lernniveau anpasst, schneller oder spezifischer erklärt, in einer Sprache spricht, die ich verstehe.
Mein Wunsch: Wir hinterfragen kritisch und übernehmen, was Sinn ergibt. Wir dürfen uns aber nicht dem kapitalistischen Gedanken hingeben, sonst unterwerfen wir Wissen und Lernen dem System. Das ist nicht gut.
An der HAW Hamburg leitest du als Zukunftsforscher das HOOU-Spekulations-Labor der HAW Hamburg. Was machen Zukunftsforscher:innen genau? Wie sieht dein Arbeitsalltag aus?
Ich mache eine Mischung aus Zukunftsforschung und Foresight – also strategischer Vorausschau. Die Disziplin erforscht Zukünfte. Niemand hat eine Glaskugel, aber es gibt methodische Ansätze, wie man Zukünfte greifbar macht. Denn – und das sollte uns Zuversicht geben: Die Zukunft ist gestaltbar. Darum berate ich Institutionen zu der Frage, wie die Welt in 10, 15 Jahren aussehen könnte. Dafür nutze ich Methoden wie Trends, Szenarien, Speculative Design und Design Fiction. Damit machen wir Zukünfte greifbar, verständlich, erfahrbar und eben gestaltbar.
Die UNESCO spricht in dem Zusammenhang von Futures Literacy – der Kompetenz, Zukünfte lesen und bearbeiten zu können. Das befähigt uns, Zukunft aktiv zu gestalten und dem Dystopischen etwas entgegenzusetzen.
Du hast Methoden angesprochen, die im Spekulations-Labor vorkommen. Was passiert da genau?
Es geht um die Zukunft der Bildung beziehungsweise die Zukunft des Lernens. Dafür nutzen wir verschiedene Methoden. Wir inszenieren ein Labor und spekulieren. Das heißt, wir überlegen uns, wie die Zukunft des Lernens und der Bildung aussehen könnte. Das klingt einfach, aber wir machen das als Menschen ganz selten aktiv. Mit den richtigen Methoden gelingt das deutlich fundierter.
Wir greifen also auf Spekulationsmethoden zurück – dem Speculative Design und Design Fiction. Die Idee: Wir geben uns bewusst einen Raum, wo die Teilnehmenden die ganze Zeit in Zukünften denken, sich alternative Entwicklungen anschauen und das in eine Form gießen. Aus diesem abstrakten Denken entstehen spekulative Artefakte.
Was könnte das beispielsweise sein?
Ich sage bewusst nichts, weil ich den Teilnehmenden sonst etwas vorgeben würde. Sie sollen mit ihren eigenen Gedanken reinkommen. Wir schauen uns beispielsweise Hollywoodfilme an, weil die mit spekulativem Design arbeiten. Etwa „Minority Report“ von Steven Spielberg – der Film zeigt eine Zukunftswelt mit vielen Prototypen, die diese komplexe Zukunft greifbar machen.
Wir stellen uns Fragen wie: Wie lerne ich? Gehe ich noch in die Universität? Und wie komme ich dahin? Nehme ich den Bus, ein Flugtaxi? Wir versuchen, unseren Gedanken in Artefakten eine Form zu geben. Wir prototypisieren. Oder anders gesagt: Wir basteln konkret an Ideen.
Danach greifen wir auf KI-Tools zurück, um diese kennenzulernen und zu schauen: Was können die? Was können die nicht? Was ist kritisch daran?
Ihr titelt „Zukunft ohne Lernen? Lernen ohne Zukunft?“ Wie seid ihr darauf gekommen? Warum ist es sinnvoll, so an das Thema ranzugehen?
Der Titel ist provokativ. Bestenfalls reagieren Menschen darauf und sagen: Nee, das sehe ich nicht. Dann will ich wissen: Warum nicht? Und damit kommen wir in die Diskussion.
Was ich vorwegnehmen kann: Eine Zukunft ohne Lernen sehe ich persönlich nicht. Ich bin sehr gespannt, was die Teilnehmenden sagen. Ich hoffe, wir gehen mit einem anderen Titel als wir reingegangen sind. Aber das hängt ganz von den Teilnehmenden ab, von ihren Gedanken und dem, was sie sich vorstellen können und für plausibel halten.
Für wen ist der Workshop gedacht? Nur für Didaktiker:innen und für Wissenschaftler:innen oder auch für Menschen, die sich einfach für das Thema interessieren?
Alle sind herzlich willkommen. Die Mischung macht’s. Ich wünsche mir, dass nicht nur Menschen mit Wissenschaftshintergrund kommen, nicht nur Lehrerinnen und Lehrer, nicht nur Studierende, sondern Menschen aus verschiedenen Ecken. Das macht den Diskurs und den Perspektivenwechsel spannender. Es gibt keine Einstiegshürden.
Oft gibt es leider eine Hürde, wenn es um Angebote von Hochschulen geht. Viele denken, sie gehörten als Nicht-Akademiker:innen da nicht hin.
Absolut. Aber man muss irgendwo anfangen. Ich bin gespannt, wie die Zukunft der Bildung diese Einstiegshürden abbaut. KI-gestützte Angebote können individualisierte Lerninhalte bringen. Wenn ein Bot mir morgens sagt „Hey, dieses Angebot ist umsonst, da könntest du hingehen“, dann ist es vielleicht spannend genug.
Ich hoffe, dass uns Technologie hilft, solchen positiven Bildern näherzukommen. Wir brauchen positive Zukunftsbilder. Dafür lohnt es sich, zum Workshop zu kommen und diese zu erarbeiten, zu entwickeln, zu basteln.
Über Max Irmer

Max Irmer ist Zukunftsforscher und baut Brücken zwischen der Gegenwart und der Zukunft, der alten und der neuen Welt und zwischen Analogem und Digitalem. Dafür bedient er sich Ansätzen, Methoden und Tools aus den Bereichen Foresight, Experience Design und Transformationsmanagement. Max glaubt daran, dass wir die Zukunft nur gestalten können, wenn wir sie greifbar und erlebbar machen. Folglich versucht er den Zukunftsdiskurs überall wo möglich zu stimulieren.
*Hinweis: Aktuell gibt es keine neuen Termine für das Spekulations-Labor der HAW Hamburg.