Das Bild zeigt viele Menschen, die mit einem Smartphone etwas filmen.

Bild: Sou Jest / Unsplash

25.06.2026 | Meena Stavesand

Seltene Erden sind gar nicht selten – warum sind sie dann so umkämpft?

Wahrscheinlich liegt es gerade neben dir: dein Smartphone. In ihm stecken bis zu 50 verschiedene Metalle – viele davon aus Regionen, über die wir zu selten nachdenken. Rohstoffe wie seltene Erden stecken in fast jeder Technologie, die unseren Alltag und unsere Zukunft prägt, vom Smartphone über Solarzellen bis zu militärischer Ausrüstung. Genau das macht sie zu einem Politikum und zu einem Hebel der Macht. Im Lernangebot „Ressourcen und Machtverhältnisse“ beschäftigen sich Baktash Ghani, Timo Hilker, Luise Hailer und Murat Coban von der HAW Hamburg mit den globalen Abhängigkeiten dahinter. Im Gespräch erklären Baktash und Timo, warum Begriffe oft durcheinandergehen, wie Rohstoffe und militärische Macht zusammenhängen und was das mit unserem eigenen Konsum zu tun hat.

Ihr Lernangebot, das Ende des Jahres erscheint und im Rahmen der BNE-Pionier*innen der HAW Hamburg entsteht, ist auch Thema bei der Hamburger Sustainability Week. Am Mittwoch, 1. Juli, stehen von 16 bis 18 Uhr in der Zentralbibliothek der Bücherhallen Hamburg drei Themenbereiche im Fokus: nachhaltiger Lebensstil, Ressourcen und Machtverhältnisse sowie Städte und Biotope. Zu jedem dieser Schwerpunkte geben anschauliche Infoposter einen fundierten Überblick und eröffnen unterschiedliche Perspektiven. An ergänzenden Hands-on-Stationen können Besucher:innen selbst aktiv werden, neue Denkanstöße gewinnen und ihr eigenes Bewusstsein für Nachhaltigkeit stärken.

Die Veranstaltung findet in Kooperation mit dem Format „Reingeforscht“ der HAW Hamburg statt und verbindet interaktive Elemente mit fachlichen Impulsen aus Wissenschaft und Praxis. So entsteht ein lebendiger Austauschraum, der zum Mitmachen, Diskutieren und Weiterdenken einlädt.

Im Interview gibt es nun erste Einblicke in das Thema zum nachhaltigen Leben und zum entstehenden Lernangebot.

In jedem Smartphone stecken bis zu 50 Metalle. Warum sind ausgerechnet diese Rohstoffe so umkämpft?

Timo Hilker: Beim Thema seltene Erden wird schnell klar: Es ist eine Ressource – ähnlich wie beim Öl, die endlich ist und uns zwingt, perspektivisch auf andere Technologien überzugehen. Anders als der Begriff suggeriert, sind seltene Erden aber gar nicht so selten. Das eigentliche Problem ist, sie zu raffinieren, also sie überhaupt als nutzbaren Rohstoff aus der Erde zu bekommen. Das ist schwierig. Einige Länder haben sich darauf spezialisiert, wodurch Abhängigkeiten entstehen. Im Kontext dieser 50 Metalle kommt dann eine Art künstliche Verknappung hinzu: Länder entscheiden, an wen sie liefern und an wen nicht. Es geht also stark darum, mit wem man handeln möchte und mit wem nicht – nach kapitalistischen Marktprinzipien sind diese Rohstoffe deshalb sehr umkämpft.

Baktash Ghani: Die Bedeutung dieser kritischen Rohstoffe steckt in deren Gebrauch in Technologien der Zukunft – was wir mit Nachhaltigkeit verbinden. Zum Beispiel werden Lithium und Kobalt in Batterien elektrischer Fahrzeuge gebraucht und Gallium steckt in Hochleistungssolarzellen. Neben diesen Verwendungen zu Nachhaltigkeitszwecken werden diese Rohstoffe aber auch in militärischen Technologien genutzt, was deren Bedeutung nochmals erhöht. Die weitverbreitete Verwendung der kritischen Rohstoffe drängt Länder dazu, eine sichere Lieferkette dieser Ressourcen herzustellen.

Anführungszeichen in den Farben des HOOU-Themes
Anders als der Begriff suggeriert, sind seltene Erden aber gar nicht so selten. Das eigentliche Problem ist, sie zu raffinieren, also sie überhaupt als nutzbaren Rohstoff aus der Erde zu bekommen. Das ist schwierig. Einige Länder haben sich darauf spezialisiert, wodurch Abhängigkeiten entstehen.
Timo Hilker

Kann man zusammenfassend sagen: Wer Zugang zu diesen Ressourcen hat, hat Zugang zu Zukunftstechnologien und damit auch die Kontrolle darüber?

Baktash Ghani: Da diese Ressourcen wesentliche Bestandteile vieler Technologien sind, kann man sagen, dass sie für die Zukunftstechnologien absolut unverzichtbar sind. Ein sicherer Zugang bedeutet, in diesem Zusammenhang, ungestörte Entwicklung und Forschung. Die Kontrolle über Zukunftstechnologien ist aus meiner Sicht etwas schwer zu definieren. Länder, die die Lieferkette der kritischen Rohstoffe dominieren, könnten den Zugang anderer Länder verhindern oder ihre Dominanz als ein Instrument der Weltpolitik benutzen. Ich bin aber der Meinung, dass die Welt zu groß und divers ist, und deswegen eine totale Kontrolle über die Technologien der Zukunft unrealistisch ist. Es gibt inzwischen Initiativen und Projekte von Ländern, die diese Abhängigkeit reduzieren wollen – vor allem auch die EU. Aber Abhängigkeiten sehe ich hier durchaus.

Timo Hilker: Die Antwort auf die Frage ist komplexer und komplizierter, weil seltene Erden global gar nicht so ungleich verteilt sind. Selbst in Deutschland hätten wir theoretisch legalen Zugriff darauf – nur ist es, bei unserer Art zu wirtschaften, ökonomisch nicht sinnvoll. Ähnlich ist es beim Recycling: Bei vielen dieser Metalle kommt erst jetzt der Gedanke auf, Dinge zu recyceln, um unabhängiger zu werden – auch mit einem kleinen Nachhaltigkeitsgedanken. Bisher war das schlicht nicht wirtschaftlich tragbar, weil wir Ressourcen anderswo günstig bekommen, ohne hier vor Ort Umweltschäden oder Menschenrechtsverletzungen in Kauf nehmen zu müssen.

Kritische Rohstoffe und seltene Erden werden oft verwechselt. Was ist der Unterschied und warum ist er wichtig?

Timo Hilker: Seltene Erden sind eine chemische Definition aus dem Periodensystem – streng genommen die Lanthanoide. Bei der Bergung sind sie immer an andere Metalle gekoppelt und dadurch nicht einfach abzubauen. Kritische Rohstoffe dagegen sind keine chemische, sondern eine wirtschaftliche Kategorie – immer aus der Sicht eines Betrachters wie der EU. Vereinfacht gesagt: Seltene Erden sind eine Tatsache der Chemie, kritische Rohstoffe eine Entscheidung der Politik. Die EU bewertet dafür zwei Dinge – die ökonomische Relevanz und das Versorgungsrisiko. Übersteigen beide einen bestimmten Wert, gilt ein Rohstoff als kritisch. Es gibt aber auch Ausnahmen: Nickel etwa zählt die EU dazu, obwohl er die Kriterien streng genommen nicht erfüllt – einfach, weil ihm eine besondere strategische Bedeutung zugeschrieben wird.

Sind kritische Rohstoffe auch seltene Erden?

Timo Hilker: Nach aktueller europäischer Definition sind tatsächlich alle seltenen Erden zugleich kritische Rohstoffe – unterschieden wird da nur noch in leichte und schwere seltene Erden. Das ist aber die heutige EU-Definition; theoretisch könnte das auch anders sein. Aktuell gehören die seltenen Erden also allesamt zu den kritischen Rohstoffen.

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Für mich sind diese Rohstoffe vor allem mit Blick auf Nachhaltigkeit relevant – es gibt den Diskurs, dass grüne Technologie gegen den Klimawandel helfen und zu besser gestalteten Städten beitragen kann. Aber genau dieselben Rohstoffe werden eben auch militärisch gebraucht. Es ist also kein simpler Gegensatz zwischen Nachhaltigkeit und Militär, sondern eine ständige Konkurrenz um dieselben Stoffe.
Baktash Ghani

Wie hängen diese Rohstoffe und militärische Technologie zusammen?

Baktash Ghani: Für mich sind diese Rohstoffe vor allem mit Blick auf Nachhaltigkeit relevant – es gibt den Diskurs, dass grüne Technologie gegen den Klimawandel helfen und zu besser gestalteten Städten beitragen kann. Aber genau dieselben Rohstoffe werden eben auch militärisch gebraucht, und da überschneidet sich der Bedarf. Hochleistungsmagnete etwa, deren Industrie stark von China dominiert wird, stecken in Kampfjets, Satelliten oder U-Booten. Andere Elemente wie Gallium und Germanium sind für die Infrarotoptik sehr wichtig – und Gallium wird zugleich für Solarzellen gebraucht. Es ist also kein simpler Gegensatz zwischen Nachhaltigkeit und Militär, sondern eine ständige Konkurrenz um dieselben Stoffe.

Warum ist es wichtig, dass wir darüber sprechen?

Baktash Ghani: Weil man grundsätzlich darüber reden sollte, wie man diese Rohstoffe herbekommt – ob für Nachhaltigkeitsprojekte oder fürs Militär, und was das für Handel und Handelsabkommen bedeutet. Welche Folgen hat das in anderen Ländern? Nickel etwa wird in Indonesien abgebaut; es gibt viele Geschichten, wie dort Verarbeitungszentren aufgebaut wurden, um Mehrwert im Land zu halten. Das führt aber auch zu Naturzerstörung und zu schwierigen Arbeitsbedingungen für die Menschen vor Ort. Und wenn diese Rohstoffe in militärischer Technologie gebraucht werden, sind sie eben strategisch wichtig. Um wettbewerbsfähig zu sein und eine widerstandsfähige Verteidigungsindustrie zu haben, braucht es sichere Lieferketten. Bedauerlicherweise gibt es diese Konkurrenz.

Timo Hilker: Hier zeigen sich Paradoxien der Globalisierung. Schon 2023 hatte China eine Lizenzpflicht für Gallium und Germanium eingeführt, und Ende 2024 folgte dann ein direktes Exportverbot dieser Dual-Use-Materialien an die USA – einschließlich der Lieferung an militärische Endnutzer, was mittlerweile allerdings wieder gelockert wurde. Als Exportnation steht China im Kapitalismus einerseits unter dem Druck, seine Rohstoffe zu verkaufen, sieht aber andererseits das Risiko – und tatsächlich haben Nationen wie die USA begonnen, bestimmte Rohstoffe zu horten, auch mit Blick auf eine militärische Bedrohung. Es entsteht eine Spannung zwischen „Wir müssen verkaufen, um auf dem internationalen Markt präsent zu sein“ und der Sorge vor zu großer Abhängigkeit.

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Wohlstand hängt an Rohstoffen, die anderswo unter harten Bedingungen abgebaut werden. Wie ehrlich kann – oder muss – man dieses Ungleichgewicht ansprechen?

Baktash Ghani: Es ist absolut wichtig, dass wir über die kritischen Rohstoffe in Bezug auf Nachhaltigkeit sprechen, weil sie nicht neutral sind, und sie können kontraproduktiv auf Nachhaltigkeitsziele wirken. Grüne Technologie, was wir in unserem Lernangebot näher besprechen werden, wird als eine Lösung unserer heutigen Probleme wie Klimawandel betrachtet. Da sie aber diese Rohstoffe brauchen, muss es sichergestellt werden, dass sie auch nachhaltig beschafft werden. Wie produktiv können Nachhaltigkeitsprojekte sein, wenn die Beschaffung der Ressourcen, die dafür wichtig sind, zu Krisen, Menschenrechtsverletzung oder Naturzerstörung in anderen Ländern beiträgt? Außerdem: Nachhaltigkeit und damit verbundene Probleme müssen weltweit betrachtet werden. Das haben wir beim Klimawandel gesehen.

Timo Hilker: Ich würde da gern auf die Sustainable Development Goals verweisen. Die Vereinten Nationen haben festgestellt, dass man mit dem Gedanken „Nur meine Nation, nur meine Familie, nur ich“ nicht weit kommt – globale Probleme müssen wir gemeinsam angehen, und wir müssen anerkennen, dass wir als Menschen alle gleich sind. Es ist eben nicht selbstverständlich, dass ich hier warm vor meinem Laptop sitzen kann; historische Prozesse haben dazu geführt, dass es mir anders geht als jemandem, der woanders geboren wird. Gerade beim Arbeitsrecht und Umweltschutz sieht man, dass viele deutsche Industrieunternehmen etwa nach China ausweichen, um beispielsweise weniger Umweltauflagen zu haben. Daran sieht man, dass auch deutsche Unternehmen als große Global Player international Einfluss auf Umweltschäden oder Menschenrechtsverletzungen haben können.

Was sollte jede:r über die Herkunft der Geräte wissen, die wir täglich in der Hand halten?

Timo Hilker: Ich würde der verbreiteten Annahme widersprechen, dass wir als Individuum kaum etwas bewirken können. Wäre jedem bewusst, wie viel für sein Smartphone ausgebeutet wird – sowohl die Umwelt als auch Menschenrechte –, dann sähe die Welt schon anders aus. Saubere Luft und sauberes Wasser betreffen einen ja selbst. Und beim „Lotto des Lebens“ hätte es genauso einen selbst treffen können, an einer Lithiumraffinerie zu leben, giftige Abgase einzuatmen und vielleicht schon in jungen Jahren unter Zwang zu arbeiten. Dieses Bewusstsein verändert den Blick.

Baktash Ghani: Zudem würde ich sagen, dass Menschen versuchen sollten, Veränderung auf der größeren gesellschaftlichen und politischen Bühne zu bewirken – nicht nur durch individuelles Konsumverhalten. Beispielsweise Handel in Bezug auf kritische Rohstoffe muss zur nachhaltige Entwicklung aller Partnern beitragen. Dafür muss es fair und gerecht sein. Zudem muss sichergestellt werden, dass der Handel mit demokratischen Staaten stattfindet und er zudem nicht finanzielle Mittel für Menschenrechtsverletzung und Menschenunterdrückung in anderen Ländern zur Verfügung stellt. Ich bin der Meinung, dass wir das durch gesellschaftliches Engagement erzielen können.

Können wir sagen: Wissen schafft Bewusstsein – und das schafft dann vielleicht bessere Bedingungen?

Timo Hilker: Gerade Deutschland und Europa als historische Industrienationen verlagern ganz bewusst Dinge dorthin, wo weniger Recht herrscht. Unser Industriewunder beruhte auf Kohle und Öl – auch im Ruhrgebiet wurde unter Tage alles andere als menschenwürdig gearbeitet. Wir haben uns da herausgekämpft und diese Verletzungen anschließend woanders hin verlagert. Das kann nicht die Lösung sein.

Baktash Ghani: Ich sehe das auch so. Meines Erachtens wird Wissen gesellschaftliche und politische Bewegungen als Folge haben, was zu nachhaltigerer Beschaffung dieser Ressourcen führen kann, was wiederum Nachhaltigkeitsziele weltweit fördert und unterstützt.

Über Baktash Ghani

Ich bin Baktash Ghani, 25 Jahre alt, aus Afghanistan. Ich studiere zurzeit Angewandte Informatik an der HAW Hamburg im zweiten Fachsemester. Im Rahmen des Projektes HOOU meets BNE-Pionier*innen beschäftige ich mich mit dem Thema Handelsabkommen bei kritischen Rohstoffen, die für Nachhaltigkeit relevant sind. Eigentlich versuche ich, mich von politischen Themen fernzuhalten, da sie oft zu komplex und zu erschöpfend wirken. Bei diesem Thema habe ich aber gemerkt, wie viel einfache Erzählungen über „gute“ und „schlechte“ Länder eigentlich verdecken. Ich habe gelernt, dass die Welt viel grauer ist, als man denkt. Ich bin der Meinung, dass Wissen der erste Schritt ist, um Nachhaltigkeit zu fördern und Veränderung zu fordern. Eine echte Veränderung braucht ein tiefes Verständnis aktueller Themen wie kritischer Rohstoffe und deren Zusammenhang mit Politik und Ökonomie.

Über Timo Hilker

Ich bin Timo, 28 Jahre alt, studiere aktuell im Master Process Engineering an der HAW Hamburg und bin in meiner Fakultät Nachhaltige Ingenieurwissenschaften auch im Fakultätsrat. Nebenbei engagiere ich mich schon länger in den studentischen Gremien – vor allem im Studierenden-Parlament und dem AStA. Meinen Bachelor habe ich auch schon an der HAW gemacht und konnte im letzten Semester eine Vertiefung in die erneuerbaren Energien machen, da ich in meinem Auslandssemester an der Polytechnic Institute of Porto Sustainable Energies studiert habe.

Zum Weiterdenken

Was bleibt? Vor allem ein Perspektivwechsel: Das Smartphone in der Hand ist kein in sich geschlossenes Gerät, sondern das Ende einer langen, weltweiten Kette aus Abbau, Verarbeitung, Handel und politischen Entscheidungen. Niemand muss Rohstoffexpert:in werden – aber wer einmal verstanden hat, dass kritische Rohstoffe eine politische Kategorie sind und seltene Erden eine chemische, liest Nachrichten über Exportbeschränkungen und Lieferketten mit anderen Augen. Genau dieses Bewusstsein, da sind sich beide einig, ist der erste Schritt: Es macht aus einem abstrakten Weltthema etwas, das mit dem eigenen Alltag zu tun hat – und schafft die Grundlage dafür, nachhaltigere Beschaffungswege überhaupt einzufordern.

Wer tiefer einsteigen möchte, findet Antworten im Lernangebot „Ressourcen und Machtverhältnisse“ der HAW Hamburg, das Baktash Ghani, Timo Hilker, Luise Hailer und Murat Coban gerade entwickeln. Es wird Ende 2026 veröffentlicht.

Eine Person öffnet ein kleines Glas mit Naturjoghurt und hat einen Löffel in der Hand.

Bild: Nataliya Vaitkevich / Pexels

24.06.2026 | Meena Stavesand

Nachhaltig leben: Es sind die kleinen Gewohnheiten, die zählen

Warum der abgelaufene Joghurt oft noch gut ist, der Kassenbon nicht ins Altpapier gehört und kleine Schritte mehr bringen als jeder große Vorsatz. Genau darum geht es im Lernangebot zu einem nachhaltigen Lebensstil, das die Studierenden Kasim Al-Zabin, Elisabeth Grützmacher und Lea Posingies von der HAW Hamburg entwickeln. Es führt durch drei Themen – nachhaltige Ernährung, Recycling und Verhaltensanalyse – und möchte keinen großen Lebenswandel verordnen, sondern zum Nachdenken über die eigenen Gewohnheiten anregen. Im Interview erzählen Elisabeth und Lea, wie das gelingen soll.

Ihr Lernangebot, das Ende des Jahres erscheint und im Rahmen der BNE-Pionier*innen der HAW Hamburg entsteht, ist auch Thema bei der Hamburger Sustainability Week. Am Mittwoch, 1. Juli, stehen von 16 bis 18 Uhr in der Zentralbibliothek der Bücherhallen Hamburg drei Themenbereiche im Fokus: nachhaltiger Lebensstil, Ressourcen und Machtverhältnisse sowie Städte und Biotope. Zu jedem dieser Schwerpunkte geben anschauliche Infoposter einen fundierten Überblick und eröffnen unterschiedliche Perspektiven. An ergänzenden Hands-on-Stationen können Besucher:innen selbst aktiv werden, neue Denkanstöße gewinnen und ihr eigenes Bewusstsein für Nachhaltigkeit stärken.

Die Veranstaltung findet in Kooperation mit dem Format „Reingeforscht“ der HAW Hamburg statt und verbindet interaktive Elemente mit fachlichen Impulsen aus Wissenschaft und Praxis. So entsteht ein lebendiger Austauschraum, der zum Mitmachen, Diskutieren und Weiterdenken einlädt.

Im Interview gibt es nun erste Einblicke in das Thema zum nachhaltigen Leben und zum entstehenden Lernangebot.

Die meisten von uns wissen, was nachhaltig wäre, und tun es trotzdem nicht. Wie packt euer Lernangebot genau diese Lücke an?

Elisabeth Grützmacher: Unser Lernangebot beginnt mit einer Selbstevaluation: Wo stehe ich gerade, wo gibt es Verbesserungspotenzial, aber auch: Was läuft schon gut? Dieser erste Blick auf den Status quo ist uns wichtig, weil er den Ausgangspunkt für alles Weitere bildet. Darauf aufbauend vermitteln wir Inhalte in drei Themenbereichen. Dabei soll es ausdrücklich nicht nur um Wissenstransfer gehen, sondern auch ums Reflektieren – also darum, das Gelernte auf das eigene Verhalten zu beziehen. Genau das leistet der Themenbereich „Verhaltensanalyse“ von unserem Teamkollegen Kasim Al-Zabim. Dort wollen wir Veränderungen anstoßen, die nicht nur kurz aufflackern, sondern für längere Zeit im Alltag bleiben. Ich betreue den Themenbereich „Ernährung“ und schaue auf den ökologischen Fußabdruck von Proteinquellen.

Lea Posingies: Ich bearbeite den Themenbereich „Recycling“. Daran lässt sich gut zeigen, welche Auswirkungen das eigene Handeln hat. Wenn ich aus Bequemlichkeit alles in den Restmüll werfe – was bedeutet das eigentlich konkret und warum wäre korrekte Mülltrennung so viel besser? Grundsätzlich wissen wir alle, dass wir unseren Müll trennen sollten, und die meisten von uns tun es auch. Aber zwischen diesem allgemeinen Wissen und einem echten Verständnis liegt ein Unterschied: Erst wenn wir konkret begreifen, was das eigene Handeln bewirkt, bekommen wir einen ganz anderen Anreiz, das Verhalten wirklich anzupassen.

Ihr arbeitet mit Selbstexperimenten. Was ist das Überraschendste, das Menschen dabei über ihr Alltagsverhalten herausfinden?

Elisabeth Grützmacher: Diese ganzen Dinge – ob Ernährung oder Recycling – laufen bei den meisten völlig automatisiert ab. Wir treffen im Alltag kaum bewusste Entscheidungen, vieles passiert einfach nebenbei. Erst durch die Selbstbeobachtung merken wir dann, dass etliches gar nicht so läuft, wie wir uns das eigentlich wünschen. Unser Handeln hängt stark von Gewohnheiten ab, vom jeweiligen Kontext und von Bequemlichkeit – weniger von rationaler Überlegung. Die zweite Erkenntnis ist aber genauso wichtig: Wir stellen oft fest, dass wir manche nachhaltigen Praktiken längst haben, dass aber nach oben trotzdem noch Luft ist. Aber: Klar ist auch, dass jeder Einzelne tatsächlich etwas bewirken kann.

Lea Posingies: Genau, und das ist uns ein zentrales Anliegen: zu zeigen, dass es nicht nur auf der großen, gesellschaftlichen Ebene wichtig ist, nachhaltiger zu werden, sondern dass schon unser ganz persönliches Verhalten Auswirkungen hat. Der Selbsttest am Anfang soll deshalb bewusst nicht nur aufzeigen, was man schlecht macht. Er soll einem genauso bewusst machen: Manche Dinge mache ich schon gut – die behalte ich bei. Am Ende geht es um dieses Bewusstsein für das eigene Tun, im Guten wie im Verbesserungswürdigen.

Also niemand muss sein Leben komplett umkrempeln, kleine Veränderungen reichen zunächst. Warum funktioniert das besser als der große Vorsatz?

Elisabeth Grützmacher: Das kennen wir doch alle: Wir nehmen uns zum Jahresanfang fest vor: Jetzt mache ich mehr Sport, jetzt ernähre ich mich gesünder. Aber die Veränderungen sind oft viel zu drastisch, um sie wirklich durchzuhalten. Nach kurzer Zeit fallen wir wieder in die alten Marotten zurück. Wenn wir stattdessen kleine Schritte in Richtung eines nachhaltigeren Lebensstils machen, lässt sich das viel leichter langfristig etablieren und als Gewohnheit festigen. Der Maßstab ist also nicht der radikale Bruch, sondern die Veränderung, die wir tatsächlich beibehalten können.

Lea Posingies: Und sobald etwas erst einmal zur Gewohnheit geworden ist, ist es eigentlich gar keine Anstrengung mehr – es ist in den Alltag integriert und läuft von selbst. Das summiert sich dann auch schön: Wenn viele Menschen unser Lernangebot durchlaufen und ihr Verhalten jeweils ein wenig anpassen, sehen wir in der Summe echte Auswirkungen. Beim Recycling fand ich es zum Beispiel spannend zu lernen, dass eine Abfallcharge ab einem bestimmten Anteil an Fehlwürfen komplett unbrauchbar wird und dann verbrannt werden muss, obwohl das eigentlich gar nicht nötig gewesen wäre. Gerade an so einem Punkt kann schon die kleine Veränderung von wenigen Menschen ausschlaggebend sein, ob eine ganze Charge recycelt werden kann oder nicht.

Bei euch geht’s auch um Ernährung und Proteine. Welche Eiweißquelle schneidet ökologisch überraschend gut – oder überraschend schlecht – ab?

Elisabeth Grützmacher: Ich fange mit dem an, von dem die meisten zumindest ahnen, dass es nicht so gut ist: tierisches Eiweiß, und da besonders Rind- und Rinderhackfleisch. Rinder stoßen als Wiederkäuer große Mengen des klimaschädlichen Methans aus und ihre Haltung bindet enorm viele Ressourcen – Fläche, Wasser und Futtermittel. Das macht sie ökologisch zu einer der teuersten Proteinquellen überhaupt.

Eine pflanzliche Alternative ist zum Beispiel die regional angebaute Lupine – aktuell auch ein Projekt in meinem Studium und noch ziemlich unbekannt. Sie ist eine Hülsenfrucht, braucht im Anbau vergleichsweise wenig Wasser und verbessert durch ihre Stickstoffbindung sogar den Boden, auf dem sie wächst. Laut dem Fraunhofer-Institut beansprucht der Anbau von Lupinen nur etwa ein Fünftel der Fläche, die für die Haltung einer Kuh inklusive des nötigen Futteranbaus gebraucht wird – das ist ein enormer Unterschied.

Bei pflanzlichen Quellen ist allerdings wichtig, verschiedene zu kombinieren, damit wir alle essentiellen Aminosäuren abdecken – darauf gehe ich im Lernangebot genauer ein. Tofu ist ebenfalls eine gute Quelle. Der häufige Vorwurf, dafür würden Regenwälder gerodet, stimmt in der Regel nicht: Wenn wir auf die Packung schauen, stammt das Soja meist aus Europa, hat also auch keinen langen Transportweg. Regenwälder werden eher für das Soja gerodet, das als Futtermittel für Rinder und Schweine dient – die Verbindung zur Tierhaltung bleibt also bestehen. Was viele dagegen überhaupt nicht auf dem Schirm haben: Quark und Käse haben durch ihren intensiven Produktionsprozess eine relativ hohe CO₂-Bilanz.

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Das ist uns oft gar nicht klar, weil Käse wahrscheinlich zu den typischsten Dingen gehört, die wir alle einkaufen.

Elisabeth Grützmacher: Genau, und dahinter steht ja letztlich auch wieder die intensive Rinderhaltung. Käse hat natürlich trotzdem seine Vorteile, etwa als Kalziumquelle – es geht nicht darum, ihn zu verteufeln, sondern ihn realistisch einzuordnen. Interessant ist in dem Zusammenhang auch der Vergleich bei den Pflanzendrinks: Haferdrink ist deutlich nachhaltiger als Kuhmilch. Sojadrink hat dafür mehr Protein und kommt näher an den Proteingehalt normaler Milch heran – verbraucht im Anbau aber wieder mehr Wasser als Haferdrink. Es gibt also selten die eine perfekte Wahl, sondern es lohnt sich, die verschiedenen Aspekte gegeneinander abzuwägen.

Was nimmt jemand, der euer Lernangebot durchläuft, konkret mit in den nächsten Einkauf oder in den Alltag?

Lea Posingies: Wir wollen den Teilnehmenden auf jeden Fall mitgeben, besser zu planen, damit nicht so viele Lebensmittel verschwendet werden – das ist ein großer Punkt, den wir auch im Recycling-Modul aufgreifen. Und wir geben konkrete Strategien an die Hand, wie man sein Verhalten Schritt für Schritt anpassen und so am Ende tatsächlich einen nachhaltigeren Lebensstil leben kann, ohne sich selbst direkt zu überfordern.

Elisabeth Grützmacher: Lebensmittelverschwendung ist bei uns sogar ein eigenes Unterthema im Recycling-Modul, weil es die Brücke zwischen Ernährung und Recycling bildet. Da geben wir konkrete Infos mit: zum Beispiel den Unterschied zwischen Mindesthaltbarkeits- und Verbrauchsdatum, der vielen gar nicht bewusst ist. Oder dass gekochte Eier bei richtiger Lagerung noch rund zwei Monate halten und welche Lebensmittel wir problemlos einfrieren und auch ein Jahr später noch essen können.

Lea Posingies: Zum Abschluss greifen wir im Recycling-Modul noch ein paar Alltagsbeispiele auf, die immer wieder für Verwirrung sorgen. Ein fettiger Pizzakarton zum Beispiel gehört in den Restmüll, sobald sich das Fett ins Papier gezogen hat. Und auch der Kassenbon muss in den Restmüll, weil er aus Thermopapier besteht und einen Zusatzstoff enthält, Bisphenol, der schlecht für das Recycling der Papierfasern ist. Man würde so einen Bon ganz intuitiv in die Papiertonne werfen, aber mit dem richtigen Wissen lässt sich genau dieser kleine, alltägliche Fehler eben vermeiden.

Portrait von Kasim, er hat einen Bart, braune Haare und trägt ein weißes Hemd.

Über Kasim Al Zabin

Ich bin Kasim Al-Zabin und studiere Medizintechnik an der HAW Hamburg. Mich interessiert vor allem, warum Wissen allein oft nicht ausreicht, um Verhalten zu verändern. Ich möchte zeigen, dass nachhaltige Entscheidungen nicht nur von Motivation abhängen, sondern auch von Gewohnheiten, unserem Umfeld und alltäglichen Routinen.

Elisabeth steht vor einer Holzwand, hat lange glatte Haare und trägt einen weißen Strickpullover.

Über Elisabeth Grützmacher

Ich bin Elisabeth Grützmacher und studiere seit Oktober 2025 im Master Food Science an der HAW Hamburg. Mein besonderes Interesse gilt nachhaltigen Ernährungssystemen und insbesondere der Frage, wie pflanzliche Proteinquellen als ressourcenschonende Alternativen zu einer klimafreundlicheren Lebensmittelproduktion beitragen können. Als BNE-Pionierin möchte ich dazu beitragen, nachhaltige Ernährung alltagsnah und verständlich zu vermitteln.

Lea hat lange hellbraune Haare, trägt eine beige Jacke und steht vor einer hügeligen Landschaft.

Über Lea Posingies

Ich bin Lea Posingies und studiere International Business an der HAW Hamburg. Während meiner Studienzeit hat mich vor allem die Vereinbarung von Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit interessiert, weshalb ich in unserem Lernangebot das Thema „Recycling und nachhaltiger Konsum“ betreue. Als BNE-Pionierin ist mir wichtig, dass die Auswirkungen unseres Handelns im Alltag besser erkannt und so hoffentlich viele Menschen ermutigt werden, bewusstere Entscheidungen hin zu einem nachhaltigeren Konsum sowie einer korrekten Entsorgung ihrer Konsumgüter zu treffen.

Das Lernangebot der drei Studierenden wird zum Jahresende 2026 online gehen. Kasim Al-Zabin, Elisabeth Grützmacher und Lea Posingies sind Teil der BNE-Pionier*innen der HAW Hamburg.

Eine Frau spricht in ein Mikrofon. Hinter ihr steht ein Laptop, der die Audio-Aufzeichnung zeigt.

Bild: Soundtrap / Unsplash

16.06.2026 | hoouadmin

Podcasts in der Wissenschaft: 5 Gedanken zum Einstieg

Wer wirklich langfristig Erfolg und Freude mit seinen Audioformaten haben möchte, merkt schnell: Es gibt ein paar Dinge, die einem vorher selten jemand sagt. Hier sind fünf persönliche Erkenntnisse aus zehn Jahren Workshoperfahrung – jenseits von Technik-Mythen und Erfolgsversprechen. Dieser Beitrag von Podcastexperte Christian Friedrich ist in der kostenlosen Broschüre „10 Stimmen zum Podcasting“ der HAW Hamburg erschienen. Dieser und die neun weiteren Impulse machen deutlich, wie sinnvoll Podcasts für die Wissenschaftskommunikation sein können. Du kannst die Broschüre kostenlos am Ende des Artikels downloaden.

Wer sich für einen Einstieg ins Podcasting interessiert, findet an vielen Stellen im Internet Beiträge mit Ratschlägen und Listicles. Oft mit dem Ziel, den eigenen Service oder das eigene Produkt zu vermarkten, seltener mit dem genuinen Interesse, anderen den Weg ins Podcasting zu ebnen. An vielen Stellen lese ich, dass es nie einfacher war, einen gut klingenden Podcast zu produzieren. Und das stimmt. Das heißt aber nicht, dass es per se einfach ist.

Es kann Selbstüberwindung kosten, Podcasting kann auch mit Rückschlägen verbunden sein. Die wenigsten werden also nach der Lektüre eines Beitrags wie diesem nahtlos ins Podcasting einsteigen und sich pudelwohl fühlen. Seit fast zehn Jahren leite ich Workshops, in denen die Teilnehmenden sich das Podcasting aneignen. Vor diesem Hintergrund starte ich hier den Versuch einer etwas anderen Liste von Empfehlungen für den Einstieg ins Podcasting:

1. Selbst Podcasts hören

Es wird seltener, aber immer noch zu oft begegnen mir Menschen, die einen Podcast starten möchten, selbst aber nur selten Podcasts hören. Das mag es geben, aber ich glaube nicht daran. Wer Podcasts hört, bekommt Ideen, die man kopieren, nachahmen, uminterpretieren und auf das eigene Format beziehen kann. Wie ich begrüße und verabschiede, wie ich in ein Thema einführe, wie ich Musik und Klang im Podcast nutze, welche Stimmlagen ich gern höre, welche Themen mich und andere Podcast-Hörende interessieren: all das bekomme ich am besten heraus, wenn ich selbst verschiedene Podcast-Formate höre.

2. Einmal ordentlich nachdenken, dann machen

Wer kein besonderes Talent, eine passende Ausbildung oder bestenfalls beides hat, wird sich mit dem Start ins Podcasting schwertun. Trotz aller Einfachheit gibt es viel zu beachten: Klang, Technik, Konzeption, womöglich Interviewführung, Mischen, Hosting, Design, Social Media, Urheberrecht. Wer loslegt, ohne sich zum Konzept, den eigenen Interessen und Wünschen, Zielgruppen, Themenfindung und vielem mehr Gedanken zu machen, wird nach drei Folgen überfordert oder gelangweilt vom eigenen Produkt sein. Das soll kein Plädoyer für Perfektion sein. Wer einmal Grundüberlegungen zum Konzept und der technischen Umsetzung zusammengestellt hat, sollte bald loslegen und den eigenen Podcast Wirklichkeit werden lassen. Konstante Weiterentwicklungen werden einfacher, wenn erste Erfahrungen gemacht sind.

Das Bild zur Podcastepisode: Ulf Ansorge

Ulf Ansorge

Er ist für viele die Stimme des Hamburger Morgens: Ulf Ansorge moderiert „Guten Morgen Hamburg" und das NDR Hamburg Journal. Im Gespräch mit Christian Friedrich erzählt er, wie ihn ein zweiwöchiges Praktikum beim NDR landen ließ, warum Lokaljournalismus wichtiger ist denn je und weshalb er als Nachrichtenmann selbst manchmal abschalten muss. Außerdem: Klavier, Oboe, die Gassenhauer der Klassik und sein Credo, niemandem das Licht auszublasen, um selbst zu leuchten. Ein Gespräch übers Lernen, Dranbleiben und Freundlichkeit. Besprochen werden drei Lernangebote der Hamburg Open Online University (HOOU): „News-Life-Balance" zum gesunden Umgang mit Nachrichtenmüdigkeit, „Historische Klaviere" über den Klang klassischer Musik zu früheren Zeiten und „Innovatives Filme Machen" der HFBK Hamburg übers Erzählen jenseits tradierter Film- und Fernsehstrukturen.

Zur Episode

3. Guter Klang

Es klingt so einfach. Und es war auch nie einfacher, einen gut klingenden Podcast zu produzieren. Aber auch im Jahr 2025 gibt es genug Podcasts, deren Sprechende unterschiedlich laut sind, in denen Hall und Hintergrundgeräusche klingen, als habe man in einer Autobahnkapelle aufgezeichnet, in denen Hörende jeden Atemzug der Sprechenden wahrnehmen. Nach meiner Erfahrung sind Hörende im Jahr 2025 weniger „verzeihend“, wenn ein Podcast nicht gut klingt, als noch 2015. Zu Recht, wie ich finde. Ein passendes Mikro ist auch für relativ kleine Budgets finanzierbar. Raumbedingungen lassen sich fast immer anpassen. Die Möglichkeiten der Nachbearbeitung sind inzwischen riesig, auch für Ungeübte. Heute muss niemand mehr klingen wie im Dosentelefon.

4. Erfolg nicht nur über Reichweite definieren

Wer 2025 als „Indie-Podcaster*in“, also ohne Redaktion, Verlagshaus, großes Budget oder Zeitkontingent für das Podcast-Projekt, große Reichweite im Kontext von Wissenschaftspodcasts hat, ist meist vor fünf bis zehn Jahren ins Podcasting gestartet und würde diese Reichweite heute nicht mehr mit dem gleichen Podcastformat erreichen. Das sagt so zum Beispiel Nicolas Wöhrl vom Podcast „Methodisch inkorrekt!“ in seinem Vortrag bei der subscribe-Konferenz im Jahr 2024. Erfolg mit dem eigenen Podcast kann sich an vielen Kriterien festmachen, zum Beispiel an:

  • qualitativem Feedback von Studierenden oder der eigenen Fachcommunity
  • größerer Sichtbarkeit an der eigenen Hochschule, in der eigenen Disziplin oder in der Fachpresse
  • Einladungen zu Panels, Fachdiskussionen, Fernseh- oder Radio-Interviews.

Der eigene Podcast kann Sprech- und Medientraining sein, er kann mir helfen, mich in einer neuen Community zu vernetzen. Und natürlich kann es befriedigend sein, wenn der Podcast häufig heruntergeladen und gehört wird. Es wird auch sicher helfen, den Zeitaufwand, den eine Podcastproduktion verlangt, vor Kolleg*innen und Vorgesetzten zu rechtfertigen. Wer den eigenen Podcast jedoch nur an der Anzahl von Downloads misst, sollte besser nicht mit Podcasting anfangen.

Das Bild zur Podcastepisode: Digitale Souveränität: philosophische Sackgasse?

Digitale Souveränität: philosophische Sackgasse?

In dieser Folge nehmen Volker Skwarek und Ingo Timm das Thema digitale Souveränität auseinander. Sie diskutieren, warum Office 365, PowerPoint und Outlook so erfolgreich sind, wo Lock-in-Effekte wehtun und wieso Migrierbarkeit und offene Formate wichtiger sein könnten als der Versuch, eine eigene europäische Cloud zu bauen. Themen sind unter anderem der CLOUD Act, die Sperrung des Mail-Accounts von IStGH-Chefankläger Karim Khan, die Bundeswehr-Cloud bei Google, KI-Souveränität, Apertus, Mistral und der „Digital Independence Day". Am Ende die These: Trennung von Daten und Programmen ist der eigentliche Hebel

Zur Episode

5. Haltung entwickeln und die eigene Stimme finden

Die eigene Stimme kann irreführend sein. Der Effekt ist bekannt: Höre ich meine eigene Stimme zum ersten Mal in einer Aufzeichnung, tritt ein Gefühl der Befremdung ein. So klinge ich wirklich? Das ist nicht gemeint, wenn ich hier von der „eigenen Stimme“ spreche. Ich meine damit eine erkennbare Grundmotivation, ein Interesse am eigenen Podcast, das sich in dem Podcast selbst ausdrückt. Das Gegenteil von Beliebigkeit, das sich durch eine bestimmte Nachfrage in einem Interview, eine besondere Art von Humor, ein bestimmtes konzeptionelles Detail und auch das Podcast-Design ausdrücken kann. Die Kombination von Kleinigkeiten, von Einzelentscheidungen, führt zu einem individuell unterscheidbaren Podcast und verleiht der Podcastproduktion wiederum Wert. Was so abstrakt vielleicht verkopft wirkt, ist denen, die einen Podcast hören, im Konkreten oft vertraut, es verleiht dem Podcast aus ihrer Sicht Wert, Individualität und Haltung. Die eigene Stimme zu finden, dauert etwas.

Von Foren über Workshops bis hin zu Tutorials

Neben den hier aufgeführten Hinweisen gibt es natürlich eine ganze Reihe von praktischen Tipps und Tricks, die es beim Podcasting zu beachten gilt: Wie ich zu einem passenden Konzept komme, wie sich gute Aufnahmebedingungen herstellen lassen, wie Schnitt und Post-Produktion gelingen, wie es eine Audiodatei ins Internet schafft, um dort zum Podcast zu werden – allesamt valide Fragen, die an verschiedenen Stellen im Internet ordentlich beantwortet werden. Ein guter Startpunkt für viele ist das Forum von Podcastenden namens Sendegate. Andere wiederum fühlen sich in einem Podcasting-Workshop wohler, wie sie die HOOU immer wieder anbietet. Und auch Listicles, Blogposts und Videotutorials haben ihren Wert.

Jetzt downloaden: „10 Stimmen zum Podcasting“

Bild: Jr Korpa / Unsplash

11.06.2026 | Meena Stavesand

Life After Art School: Wie lernen Menschen, Kunst zu machen?

Wie leben und arbeiten Künstler:innen, wenn das Studium vorbei ist? Der Podcast Life After Art School will das herausfinden – ohne Ratgeberanspruch, ohne vorgefertigte Antworten. Stattdessen geht es um Porträts von Künstler:innen, biografische Brüche und offene Wege: zwischen Atelier, Bühne, Club und Alltag. Im Interview erzählt Initiator und Co-Host Cornelius Puschke davon, welche Orte des Lernens neben der Hochschule wichtig sind und für wen die Zeit nach dem Studium besonders herausfordernd ist. Es ist ein Gespräch über künstlerisches Denken, die Bedeutung der Zeit im kreativen Prozess, die ständige Veränderung und darüber, wie man überhaupt lernen kann, Kunst zu machen.

Ihr habt den Podcast Life After Art School gestartet. Was war der Auslöser? Gab es einen Moment, in dem ihr gemerkt habt: Da fehlt etwas?

Ja, Life After Art School ist ein ganz neuer Podcast, tatsächlich auch mein erster. Ich musste dafür vieles neu lernen. Das war auch der Reiz. In meiner lehrenden Arbeit an den Hamburger Hochschulen ist es mir generell wichtig, immer wieder neue Dinge kennenzulernen. Und so ähnlich geht es auch vielen Studierenden: Sie kommen aus unterschiedlichen Motivationen ins Kunststudium und erleben unabhängig davon, ob sie Malerei oder Regie studieren, erst mal eine Phase voller neuer Eindrücke und Herausforderungen.

Und wenn das Studium vorbei ist, kommen die nächsten großen Fragen: Wie geht’s jetzt weiter? Kann ich davon leben? Will ich in diesem Job wirklich arbeiten? In dieser Lebensphase verändert sich viel, wirtschaftlich wie auch künstlerisch, deswegen ist sie so interessant. Mit dem Podcast wollen wir dem nachspüren und besser verstehen, warum Künstler:innen wie leben und arbeiten.

Du sprichst von Wir. Wer ist im Team?

Ich moderiere den Podcast zusammen mit Anne Meerpohl und Nora Sternfeld, in wechselnden Konstellationen. Ich habe das Ganze angestoßen, organisiere und entwickele es. Zusammen mit Anne und Nora suche ich die Künstler:innen aus, mit denen wir dann sprechen. Wir reden nicht nur über ihre künstlerische Praxis, sondern vor allem über ihr Leben. Uns interessiert: Wie lebt man eigentlich als Künstler:in? Wie sieht der Alltag aus, welche Entscheidungen stehen an, wie verändert sich das über die Zeit?

Das Bild zur Podcastepisode: Life After Art School – Prolog

Life After Art School – Prolog

Für den Podcast “Life After Art School” treffen Anne Meerpohl, Cornelius Puschke und Nora Sternfeld Menschen, die an einer Kunsthochschule studiert haben und fragen, wie sie leben und arbeiten. Jeden Monat erscheint eine neue Folge von “Life After Art School” mit Gesprächspartner*innen, die in Hamburg wohnen oder studiert haben. In der ersten Folge besprechen sie, unter welchen ökonomischen Umständen das Leben nach der Kunsthochschule stattfindet und was das mit der Organisation des künstlerischen Studiums insgesamt zu tun hat. Ist es sinnvoll, Tipps und Ratschläge zu geben oder besteht der Sinn eines künstlerischen Werdegangs nicht genau darin, sich von Regeln und Zwängen zu emanzipieren? Zuerst braucht es nämlich Mut und Kraft, um die großen, schweren Türen von Kunsthochschulen und Kunstinstitutionen aufzustemmen.

Zur Episode

Bist du selbst Künstler?

Ich bin irgendwo an den Rändern und zwischen den Stühlen unterwegs. Ich habe Kulturanthropologie und Germanistik in Hamburg studiert, bin also wissenschaftlich ausgebildet – aber ich habe nie als Wissenschaftler gearbeitet. Während des Studiums habe ich das Theater für mich entdeckt und bin darüber in die Kunst hineingewachsen.

In den vergangenen 15 Jahren habe ich als Dramaturg und Kurator in Theatern, Museen und Literaturhäusern gearbeitet – das heißt, ich entwickele gemeinsam mit Künstler:innen und Organisationen künstlerische Projekte. Oft bin ich dann in so einer Art Scharnier-Funktion, d.h. ich versuche die Ziele aller Beteiligten gut zusammen zu bringen, sodass gute Voraussetzungen für künstlerische Arbeit entstehen kann. Es ist also viel infrastrukturelle Arbeit. Und ich arbeite eben auch viel in der Lehre, das ist eigentlich ganz ähnlich.

Was treibt die Studierenden oder Absolvent:innen nach dem Studium um? Welche Probleme gibt es?

Längst nicht alle empfinden es als Krise oder Problem, wenn das Studium endet. Im Gegenteil – Kunstmachen bedeutet oft, mit Problemen zu arbeiten, aus Problemen etwas zu entwickeln. Das kann einerseits sehr befreiend sein. Wir hören aber natürlich auch viele Erlebnisse von unseren Gesprächspartner:innen, die einen kritischen Blick auf das Studium werfen. In jedem Fall geht es immer darum, sich zu seiner Umwelt zu verhalten. Veränderung ist da ein wichtiger Motor. Und das interessiert uns besonders: Wie verändert sich die Kunst, wie verändert sich die Welt, wie verändern sich die Leben?

Deshalb geht es uns im Podcast um Porträts. Wir wollen zeigen, wie Künstler:innen leben und arbeiten. Und eben auch, dass es nicht den einen Weg gibt, sondern viele verschiedene. Die Kunsthochschule ist nur ein möglicher Ort, an dem eine künstlerische Praxis entstehen kann.

Und dann gibt es konkrete strukturelle Fragen: Während des Studiums gibt es eine geschützte Umgebung, ein Biotop. Danach steht man plötzlich allein da. Für wen mache ich meine Arbeit? Wie finanziere ich das? Arbeite ich allein oder mit anderen? Wie strukturiere ich meinen Alltag?

Welche Rolle spielt das Thema Geld?

Es ist sehr präsent – aber nicht immer im Vordergrund, sondern schwingt spürbar mit. Es ist in der Kunst interessanterweise auch gar nicht üblich so ganz offen über Zahlen zu reden. Teilweise gibt es ja sogar Klauseln in Verträgen, die Künstler:innen untersagen offen darüber zu sprechen. Unglaublich, finde ich. Und soweit ich weiß, ist das auch nicht rechtens.

Man könnte also sagen: Es geht um den eigenen Weg, und das Geld ist dabei ein entscheidender Faktor. Oder, um im Bild zu bleiben: Um diesen Weg zu gehen, braucht man gute Schuhe – aber wer bezahlt die?

Wer aus einem wohlhabenden Elternhaus kommt oder sich im Studium schon einen guten Nebenjob aufgebaut hat, weil das Studium das zuließ, tut sich beim Übergang ins Berufsleben oft leichter.

Schwieriger ist es für diejenigen, die in ein stark verschultes Studium eingebunden waren, mit vielen Vorgaben und Modulen. Die stehen nach dem Abschluss plötzlich vor der Frage: Wie strukturiere ich jetzt selbstständig meine Arbeit – ohne äußere Vorgaben?

Und dazu kommt: Auch im Studium ist Geld oft schon ein Überlebensthema. Viele arbeiten nebenher und behalten diese Jobs auch erst einmal nach dem Studium.

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Was Kunst ist, ändert sich ständig. Und genau diese Dynamik wollen wir sichtbar machen.

Cornelius Puschke

Welche Gäste hattet ihr bisher und welche Wege zeigen sich da?

Der Podcast ist ja eine Kooperation zwischen der Hochschule für Musik und Theater Hamburg und der Hochschule für bildende Künste Hamburg. Da treffen sehr unterschiedliche Studiengänge aufeinander – von Malerei bis Schauspiel. Das heißt: Es gibt ganz unterschiedliche Vorstellungen davon, was künstlerische Praxis ist.

Während Schauspieler:innen meistens das Ziel haben, in Anstellung Mitglied eines Ensembles an einem Theater zu werden, gibt es bei Maler:innen gar keine andere Option als die Selbstständigkeit. Und diese unterschiedlichen Orientierungen und Zielsetzungen wirken zurück ins Studium. Wir versuchen weniger, auf die Betriebe und Karrieren zu gucken und dafür mehr auf die Kunst. Wir wollen die Vielfalt künstlerischer Arbeit abbilden. Unsere erste Folge war mit der Schauspielerin Julia Riedler, die in Inszenierungen an großen Stadttheatern auf der Bühne mitwirkt. Dann kam Annika Kahrs, eine bildende Künstlerin, die ihre Arbeiten zusammen mit einer Galerie produziert. Das sind ganz unterschiedliche Arbeitsweisen.

Und lernt ihr dabei auch etwas über die Motivation, Künstler:in zu werden?

Das ist eine Frage, die mich sehr beschäftigt. Besonders spannend wird es, wenn man sich anschaut, wie viele Menschen ein künstlerisches Studium beginnen und welche von denen später tatsächlich künstlerisch arbeiten. Was machen also die anderen? Was nehmen sie mit aus dem Studium? Welche Wege eröffnet ein künstlerisches Studium?

Da geht’s auch um übertragbare Fähigkeiten: Was lerne ich da, was ich vielleicht auch anderswo einsetzen kann? Und ich bin überzeugt, dass künstlerische Arbeit eben nicht nur bedeutet, ein Handwerk zu beherrschen, sondern vor allem sich eine andere Welt vorstellen zu können. Und diese Fähigkeit finde ich sehr wertvoll und wichtig, in vielerlei Hinsicht.

Ist euer Podcast also eher ein Raum für Geschichten als ein Ratgeber?

Absolut. Wir geben keine Tipps. Dafür gibt es andere Einrichtungen an den Hochschulen, wie Career Center oder Professionalisierungsprogramme, die Wissen dazu vermitteln, wie man in die Künstlersozialkasse kommt oder einen Finanzplan erstellt.

Uns interessiert: Wie erzählen Menschen von ihrer künstlerischen Praxis? Wie sind sie dahin gekommen, wo sie heute stehen? Oft nicht durch Disziplin oder strenge Karrierepläne, sondern durch persönliche, emotionale Entscheidungen, durch Suchbewegungen und den Willen zur Veränderung. Es geht um ein Panorama unterschiedlicher Wege. Ich lerne durch die Gespräche sehr viel und hoffe, dass es die Zuhörer:innen auch können.

Wie viel Freiheit bieten Kunsthochschulen heute überhaupt noch?

Da ich an keiner Hochschule fest angestellt bin, bin ich auch nicht in die konzeptionelle Planung der Curricula eingebunden und gebe eher einzelne Seminare und Workshops. Aber ich bekomme natürlich mit, wie unterschiedlich die Ansätze sind. Die HFBK steht für eine relativ freie Idee vom Studium – mit viel Selbstbestimmung. Die Studiengänge an der HfMT sind stärker strukturiert.

Beides hat Vor- und Nachteile, und es ist eine Typ-Frage, wo man besser zurechtkommt. Persönlich finde ich: Für künstlerisches Arbeiten braucht es Freiraum und Zeit. Wenn man nur noch damit beschäftigt ist, sich an Vorgaben zu halten und damit, was andere von einem wollen, kommt man schwer dahin, sich zu fragen: Was will ich eigentlich? Was brauche ich, damit ich mich künstlerisch gut entwickeln kann?

Ich finde es toll, wenn die Studierenden selbstständig entscheiden, welche Kurse sie besuchen. In den Seminaren oder Projekten, die ich anbiete, sitzen häufig Menschen aus verschiedenen Fächern – das erlebe ich als sehr bereichernd, weil von vornherein unterschiedliche künstlerische Perspektiven im Raum sind.

Das Bild zur Podcastepisode: Life After Art School: Liz Rech

Life After Art School: Liz Rech

Liz Rech arbeitet als Regisseurin, Dramaturgin & Performerin, im Grenzbereich zwischen Schauspieltheater, Performance und Aktivismus. Nora Sternfeld arbeitet als Kunstvermittlerin und Kuratorin. Sie ist Professorin für Kunstpädagogik an der HFBK Hamburg. Cornelius Puschke arbeitet als Dramaturg und Kurator. Er unterrichtet an der HfMT und der HFBK Hamburg.

Zur Episode

Wenn du an dein eigenes Studium denkst: Hättest du dir damals so einen Podcast gewünscht?

Ich glaube schon. Auch wenn ich nicht an einer Kunsthochschule war, hätte mir so ein Podcast geholfen, Perspektiven zu verstehen, Biografien zu hören. In meinem Studium habe ich viel ethnografisch gearbeitet – Interviews geführt, Feldforschungen gemacht, Material systematisiert und ausgewertet. Das sind Techniken, die mir in der Zusammenarbeit mit Künstler:innen bis heute sehr helfen.

Ich würde sogar sagen: Ich habe in meinem wissenschaftlichen Studium eine ziemlich gute Ausbildung für das künstlerische Arbeiten bekommen. Das mag erstmal paradox klingen, aber für mich war es so.

Richtet sich der Podcast nicht nur an Studierende?

Unsere erste Zielgruppe sind Studierende und Künstler*innen, aber wir wollen auch Menschen ansprechen, die als Publikum gerne in Museen oder Theater gehen. Ich glaube, die zentralen Fragen sind für viele Leute interessant: Wie kann man lernen, Kunst zu machen? Wo passiert dieses Lernen? Welche Rolle spielen Zufälle, Begegnungen, Orte? Denn was Kunst ist – das ändert sich ständig. Und genau diese Dynamik wollen wir sichtbar machen.

Über Cornelius Puschke

Cornelius Puschke entwickelt künstlerische Programme und Projekte. Als Dramaturg erarbeitet er mit Künstler:innen Performances und Theaterinszenierungen. Als Kurator programmiert er Festivals, Reihen und Gesprächsformate. Als Dozent gibt er Kurse an Hochschulen und begleitet Studierende in ihrem künstlerischen Werdegang. Als Berater unterstützt er Künstler:innen und Organisationen in ihren Vorhaben.

Cornelius ist in Bremen aufgewachsen und schloss 2009 ein Studium der Kulturanthropologie und Germanistik an der Universität Hamburg ab (Magister). Er arbeitete als Mumienbewacher, Kameraassistent und Fußballjournalist und entwickelte erst im Laufe des Studiums ein Interesse für Kunst und Theater. (Bild: Iris Janke)

Eine Hand hält ein iPad auf dem ein Foto mit Gehrampen zu sehen sind und im Hintergrund liegt ein anderes Bild mit vielen Treppenstufen.

Hintergrundbild: Nina Luong / Unsplash

02.06.2026 | hoouadmin

Digitale Barrierefreiheit und OER: Gemeinsam für mehr Teilhabe

Obwohl OER und digitale Barrierefreiheit gemeinsame Ziele verfolgen, werden sie nicht immer zusammengedacht. Doch die Verbindung beider Konzepte kann einen wichtigen Beitrag zu einer offenen, inklusiven und gerechten Bildung leisten. Es geht darum, allen Menschen einen niedrigschwelligen und gleichberechtigten Zugang zu Lerninhalten zu ermöglichen. Ein Text von Katrin Bock, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der TU Hamburg.

Der Beitrag stammt aus der Broschüre „10 Gedanken zu hybrider Lehrer und OER“ der HAW Hamburg mit Impulsen zu Technik und Recht, zu Barrierefreiheit und Diversität, zu OER und interkultureller Zusammenarbeit. Es ist keine trockene Theorie, es sind Praxisberichte, Checklisten und Beiträge von und mit Menschen, die hybride Lehre jeden Tag gestalten. Eine davon ist Katrin Bock, die in ihrem Impuls fünf wichtige Denkanstöße gibt.

Was bedeutet digitale Barrierefreiheit?

Digitale Medien gelten als barrierefrei, “wenn sie für Menschen mit Behinderungen in der allgemein üblichen Weise, ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe auffindbar, zugänglich und nutzbar sind” (BFSG § 3 Absatz 1). Eine solche Barrierefreiheit ist in Deutschland gesetzlich verankert und somit kein wünschenswerter Bonus, sondern ein Grundrecht. Obwohl vor allem Menschen mit Behinderungen als Adressat*innen von Barrierefreiheit gelten, ist es wichtig zu verstehen, dass diese allen Menschen zugutekommt (Fröhlich et al. 2021, 144).

Digitale Barrierefreiheit bedeutet vor allem die flexible Anpassung an Bedürfnisse, Wünsche oder Situationen von Nutzenden. Wer sich schon mal ein Video in der vollen und lauten S-Bahn anschauen wollte und die Kopfhörer vergessen hat, weiß das Vorhandensein von Untertiteln zu schätzen.

Warum sollten gerade OER barrierefrei sein?

Die naheliegendste Antwort auf diese Frage ist: weil es gesetzlich verpflichtend ist. Doch obwohl dies mit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland schon seit 2009 der Fall ist, sind wir noch weit davon entfernt, digital barrierefrei zu sein. Grund dafür sind vor allem Vorbehalte gegenüber Barrierefreiheit: Zu aufwendig, zu einschränkend, zu irrelevant.

Doch gerade im OER-Kontext ergeben sich große Potenziale durch die barrierefreie Gestaltung. Durch eine nutzendenorientierte und flexible Bedienbarkeit sorgt sie für die bessere Erreichung einer sehr breit gefächerten Zielgruppe. Außerdem trägt sie maßgeblich zur Verbesserung der Qualität von OER bei (Otten, 2024). Digitale Barrierefreiheit kann dabei nicht nur als Prüfinstrument von OER, sondern vor allem auch als Orientierung bei der Entwicklung gesehen werden.

Wichtig ist allerdings, dass alle Beteiligten offen dafür sind, die Synergien zwischen OER und Barrierefreiheit stetig zu reflektieren, um sich nicht gegenseitig zu schwächen, sondern zu stärken (Otten, 2024).

Information image

OER steht für <em>Open Educational Resources</em>, also offene Bildungsmaterialien. Gemeint sind Lehr- und Lernmaterialien – etwa Texte, Videos, Podcasts, Präsentationen oder ganze Kurse –, die unter einer offenen Lizenz (z. B. Creative Commons) veröffentlicht werden. Diese Lizenzen erlauben es, die Materialien kostenfrei zu nutzen, zu speichern, zu bearbeiten, anzupassen und neu zu veröffentlichen. Damit verfolgen OER das Ziel, allen Menschen einen niedrigschwelligen und gleichberechtigten Zugang zu Bildung zu ermöglichen – offen, inklusiv und gerecht. Gerade die Bearbeitbarkeit macht OER zu einer wertvollen Grundlage, um Inhalte an individuelle Bedürfnisse anzupassen und barrierefrei zu gestalten.

Wie lassen sich OER digital barrierefrei gestalten?

Digitale Barrierefreiheit fängt allerdings nicht erst bei der Nutzung von OER-Materialien an. Zuallererst müssen diese z. B. über OER-Plattformen auffindbar und dort nutzbar sein (Otten, 2024). Dabei spielen nicht nur die digitalen Lernorte an sich, sondern auch der Weg dorthin, beispielsweise durch die richtige Ansprache und Kommunikation, eine wesentliche Rolle. Nutzende sollten nicht nur in die Lage versetzt werden, OER nutzen zu können, sondern auch zu wollen. Damit alle vom Material profitieren können, muss dieses schlussendlich dann barrierefrei aufbereitet sein.

Um diesen ganzheitlichen Prozess barrierefrei zu gestalten, sind ganz unterschiedliche Maßnahmen zu beachten. Es gibt verschiedene Standards, Richtlinien und Empfehlungen, die eine solche Umsetzung sehr konkret festlegen. Aber auch Prinzipien wie das Universal Design for Learning (UDL) oder ein gutes Kommunikations- oder UX-Design ermöglichen die Ansprache einer breiteren Zielgruppe an Lernenden (Perdekämper-Schmidt, 2024).

Auch Aspekte wie technische Infrastruktur und ökonomische Ressourcen sollten mitgedacht werden. OER-Materialien sollten kostenfrei und ohne großen Aufwand nutzbar sein. Das alles zusammen wirkt auf den ersten Blick sehr umfassend und aufwendig. Doch es kommt oft auf die Perspektive an: Digitale Barrierefreiheit kann als Chance für bessere Bildung verstanden werden, für die sich der Aufwand lohnt. Außerdem kann eine gute Kommunikation schon ein erster Schritt sein: Wenn OER-Materialien in Hinblick auf Barrierefreiheit nur eingeschränkt nutzbar sind, ist alleine schon der Hinweis an Nutzende darauf sehr wertvoll. Es finden sich mittlerweile tolle Unterstützungshilfen bei der Gestaltung barrierefreier OER!

OER als Chance für digitale Barrierefreiheit

Doch auch andersherum zeigen sich Synergien: OER bieten viele Chancen zur Unterstützung von digitaler Barrierefreiheit – vor allem, wenn sie selbst barrierefrei gestaltet und bereitgestellt sind. Durch eine offene Lizensierung lassen sich OER frei bearbeiten, anpassen und neu veröffentlichen. Dies bietet eine tolle Grundlage für die Differenzierung von Materialien zur Anpassung an individuelle Bedürfnisse, wie z. B. das Vereinfachen der Sprache. Dabei lassen sich Inhalte auch in unterschiedlichen Formaten veröffentlichen. Videos oder Podcasts können dann zusätzlich in Textform bereitgestellt werden.

Viele Menschen im Bildungsbereich – vor allem Lehrende – sind überfordert von digitaler Barrierefreiheit, denn es gibt viele Vorgaben und Informationen und oft fehlt es an Know-how und Ressourcen. Die Nutzung bereits barrierefreier OER hilft diesen Menschen dabei, solche Hürden zu überwinden. Sie können als Best-Practice-Beispiele dienen und zum Thema aufklären und sensibilisieren. Die Bereitstellung von barrierefreien Vorlagen oder Checklisten kann außerdem dazu beitragen, digitale Barrierefreiheit voranzutreiben. Dabei zeigt sich auch, dass Menschen nicht alleine vor der Herausforderung stehen und diese gemeinsam angehen können.

Vor allem die OER-Community steht für eine gemeinschaftliche Entwicklung von Bildung. Dies ermöglicht auch die Partizipation von Menschen mit Behinderungen, die als Expert*innen für diesen Bereich viel zu selten gehört werden. Die Verbindung zwischen OER und digitaler Barrierefreiheit ermöglicht also Austausch und Evaluation für eine gemeinsame Verbesserung digitaler Teilhabe.

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Wirkliche Teilhabe in Bildung bedeutet also vor allem gemeinsames Lernen mit anderen. Es zeigt sich, wie wichtig es ist, dass OER-Materialien nicht nur für sich allein im Netz stehen und nutzbar sind, sondern auch in verschiedenen partizipativen Formaten eingebettet werden.

Katrin Bock, TU Hamburg

Hybrides Lernen kann Teilhabe stärken

Bei der Auseinandersetzung mit digitaler Barrierefreiheit werden soziale Aspekte oft unterschätzt. Teilhabe im digitalen Raum durch OER eröffnet für Menschen zwar viele Möglichkeiten, sorgt aber lange noch nicht für echte Partizipation und Inklusion. Denn die meisten sitzen dabei alleine vor ihren Endgeräten. OER-Plattformen funktionieren meist nur durch die Selbstregulierung der Lernenden. Wer beispielsweise Schwierigkeiten hat, sich länger zu motivieren oder zu konzentrieren, hat dabei einen deutlichen Nachteil.

Hybride Formate stellen dafür einen guten Lösungsansatz dar: Sie ermöglichen die gemeinsame Nutzung von OER und den Austausch darüber. Studien zeigen, dass die Zusammenarbeit zwischen Gleichaltrigen hilfreich sein kann, um Lernende mit Behinderungen bei der Nutzung von OER adaptiv zu unterstützen (Moon, 2021). Die Interaktion zwischen Lernenden und Lehrenden beim Einsatz von OER trägt außerdem dazu bei, Lernende dazu zu motivieren, ihr Wissen auch anzuwenden und sich aktiver damit auseinanderzusetzen (Moon, 2021). Wirkliche Teilhabe in Bildung bedeutet also vor allem gemeinsames Lernen mit anderen. Es zeigt sich, wie wichtig es ist, dass OER-Materialien nicht nur für sich allein im Netz stehen und nutzbar sind, sondern auch in verschiedenen partizipativen Formaten eingebettet werden.

So lassen sich OER und digitale Barrierefreiheit gemeinsam denken:

  • OER und digitale Barrierefreiheit verfolgen ähnliche Ziele: Beide wollen offene, inklusive und gerechte Bildung für alle ermöglichen, indem sie allen Menschen einen niedrigschwelligen und gleichberechtigten Zugang zu Bildungsmaterialien ermöglichen.
  • Barrierefreiheit nützt allen, nicht nur Menschen mit Behinderungen.
  • Barrierefreiheit von OER ist nicht nur gesetzlich vorgeschrieben, sondern auch ein Qualitätsmerkmal offener Bildungsressourcen.
  • Durch barrierefreies Design erreichen OER eine größere und vielfältigere Zielgruppe.
  • Barrierefreiheit bei OER sollte von Anfang an mitgedacht werden und ist ein laufender Prozess, den es stetig zu reflektieren gilt.
  • Offene Lizenzen erlauben Anpassungen an individuelle Bedürfnisse und unterschiedliche Formate.
  • Barrierefreie OER können als Beispiele, Vorlagen oder Hilfen für Lehrende dienen.
  • Die OER-Community ermöglicht gemeinsames Lernen, Teilen und Weiterentwickeln von barrierefreien Materialien.
  • Menschen mit Behinderungen sollten aktiv in die Entwicklung und Bewertung von OER einbezogen werden.
  • Hybride Lernformate fördern Austausch, Motivation und gegenseitige Unterstützung beim Lernen mit OER.

Literatur:

Bundesrepublik Deutschland. (2021). Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) vom 16. Juli 2021 (BGBl. I S. 2970; zuletzt geändert durch Art. 1 G v. 19.07.2024, BGBl. I Nr. 229). Bundesfachstelle Barrierefreiheit. Verfügbar unter https://bfsg-gesetz.de/

Fröhlich, N., Sommer, I., & Yoksulabakan-Üstüay, G. (2021). Um digitale Barrierefreiheit umzusetzen, brauchen wir Diversity und Intersektionalität! – Gespräch zur Umsetzung von digitaler Barrierefreiheit aus diversity-orientierter intersektionaler Perspektive. In U. Peter & H.-H. Lühr (Hrsg.), Handbuch Digitale Teilhabe und Barrierefreiheit (S. 135–146). Kommunal- und Schulverlag.

Moon, J. (2021). A scoping review on open educational resources to support students with disabilities. The International Review of Research in Open and Distributed Learning, 22(2), 223–242.
Verfügbar unter https://files.eric.ed.gov/fulltext/EJ1297962.pdf

Otten, N. (2024). Digitale Barrierefreiheit im Kontext von OER exemplarisch anhand des InDigO-Projekts. MedienPädagogik, 62 (InDigO), 69–83. https://doi.org/10.21240/mpaed/62/2024.07.04.X

Perdekämper-Schmidt, A. (2024). Offene Lehr- und Lernmaterialien (OER) barrierefrei gestalten: Handreichung zur Berücksichtigung digitaler Barrierefreiheit in der Entwicklung und Umsetzung digitaler Lehr- und Lernmaterialien (CC-BY 4.0). Kompetenzzentrum digitale Barrierefreiheit.nrw, Technische Universität Dortmund.
Verfügbar unter https://barrierefreiheit.dh.nrw/fileadmin/user_upload/barrierefreiheit/Publikationen/OERContent_Handreichung_Umsetzung_Barrierefreiheit.pdf

Erklärung zum KI-Einsatz von Katrin Bock:
Zur Korrektur von Rechtschreibung und Grammatik sowie zur stichpunktartigen Zusammenfassung des Textes in der Info-Box wurde der hochschulinterne KI-Chatbot “TUKI” der TU Hamburg ( Modell GPT4.1-Mini) genutzt.

Die ganze Broschüre lesen?

Alle zehn Gedanken, die Projektberichte, Interviews und Checklisten gibt’s hier zum kostenlosen Download – als OER unter CC BY 4.0.

26.05.2026 | Meena Stavesand

„Mein Engagement gibt mir das Gefühl, dass mein Hiersein sinnvoll ist“

Tam Thi Pham hat Ende 2024 mit ihrem ehrenamtlichen Engagement einen Hamburger Verein für experimentelle Musik vor dem Aus gerettet. Heute leitet sie Hörbar e.V. als Vorsitzende und hat die Hamburg Free Improv Community gegründet. Im Interview anlässlich des Ehrentags erzählt die Improvisationsmusikerin, Komponistin und Đàn bầu-Expertin, warum ihr als Künstlerin und Migrantin gesellschaftliches Engagement so viel bedeutet. Das Interview haben wir im Original auf Englisch geführt. English version below.

Was motiviert dich zu deinem Ehrenamt?

Ich möchte immer etwas zu der Gesellschaft beitragen, in der ich lebe – besonders im künstlerischen Bereich. Da ich selbst in diesem Gebiet arbeite, will ich ständig mehr darüber lernen. Gleichzeitig erkenne ich, was fehlt, und überlege, was ich beisteuern kann.

In diesem Zusammenhang möchte gerne von Hörbar e.V. erzählen, einem gemeinnützigen Verein für experimentelle Musik. Der Verein mietet eine Spielstätte und organisiert eine monatliche Konzertreihe. Das vorherige Kernteam hat das über 30 Jahre gemacht. Ende 2024 haben sie Menschen gesucht, die das weiterführen, sonst hätte der Verein schließen müssen. Nach mehreren Treffen habe ich mich entschieden, einzusteigen, und einige Freund:innen gefragt, ob wir das gemeinsam machen wollen.

Zum Glück haben sich vier Künstler:innen gefunden, die Teil des Teams wurden. Seit Anfang 2025 organisieren wir eine Konzertreihe für experimentelle Musik. Unser Verein hat aktuell 30 Mitglieder, und wir veranstalten vier Konzerte pro Monat. Das ist viel Arbeit, aber wir tragen sehr gerne etwas zur Hamburger Kunstszene bei.

Ich bin überzeugt, dass das, was wir tun, sinnvoll ist. Durch die regelmäßige Konzerte können Künstler:innen häufiger auftreten und Erfahrungen sammeln. Wir laden oft Künstler:innen auch außerhalb von Hamburg ein, darunter Musiker:innen auf Tour, und kombinieren sie mit lokalen Acts. Das erweitert den Austausch und vernetzt verschiedene Szenen miteinander. Wichtig ist uns, einen Raum zu bieten, in dem junge Künstler:innen ihre Arbeit zeigen und weiterentwickeln können.

Was ziehst du für dich aus dieser Arbeit?

Seit ich Vorsitzende von Hörbar e.V. bin, konnte ich meine Kontakte im Kunstfeld deutlich erweitern. Ich habe viele spannende Künstler:innen kennengelernt und inspirierende Auftritte erlebt. Außerdem kann ich Konzerte kuratieren und Künstler:innen einladen, deren Arbeit mich persönlich interessiert.

Zugang zu einer Spielstätte zu haben, ist auch eine tolle Sache für mich als Musikerin und Komponistin. Ich kann dort proben und selbst auftreten – das ist wertvoll für meine eigene künstlerische Entwicklung.

Im Oktober 2025 habe ich die Hamburg Free Improv Community gegründet. Das ist eine monatliche Reihe, bei der Musiker:innen, Zuhörer:innen und open-minded Menschen zusammenkommen, um freie Improvisation gemeinsam zu erleben. Wir verstehen Improvisation nicht nur als künstlerische Methode, sondern auch als eine Form, voneinander zu lernen, sich auszutauschen und über Grenzen hinweg in Verbindung zu treten. Die Community zählt derzeit rund 20 Personen, und die meisten unserer Aktivitäten finden in der Hörbar statt. Das ist mein Traum: Ich wollte Künstler:innen mit ähnlichen Interessen zusammenbringen. Gemeinsam haben wir die Community aufgebaut, wir unterstützen uns gegenseitig und stärken so unsere eigene Praxis.

Eine unserer kommenden Veranstaltungen findet am 28. Juni um 20 Uhr im Studio 16 statt – als Teil des Blurred Edges Festivals, einer einmonatigen Reihe mit 96 Performances, Klangkunst, Vorträgen, experimenteller Musik, Kompositionen und Improvisationen an 50 Orten in der ganzen Stadt!

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Als Migrantin habe ich mich immer wieder gefragt, wie ich Teil der Gesellschaft werden kann, in der ich lebe, wie ich mich integriere und wie ich mein Leben hier auf eine sinnvolle Weise weiterentwickeln kann. Durch mein Engagement in der Hamburger Kunstszene – besonders über Hörbar e.V. und die Hamburg Free Improv Community – habe ich das Gefühl, nicht nur meine eigene künstlerische Praxis weiterzuentwickeln, sondern auch zu einem gemeinsamen kulturellen Raum beizutragen.

Tam Thi Pham

Welche Rolle spielt für dich gesellschaftliches Engagement – allgemein und in deinem Leben?

Gesellschaftliches Engagement spielt sowohl in meiner künstlerischen Arbeit als auch in meinem Privatleben eine sehr wichtige Rolle. Ich denke oft darüber nach, wie wir mit unserer Umwelt und den Gemeinschaften um uns herum verbunden sind. Als Migrantin habe ich mich immer wieder gefragt, wie ich Teil der Gesellschaft werden kann, in der ich lebe, wie ich mich integriere und wie ich mein Leben hier auf eine sinnvolle Weise weiterentwickeln kann.

Durch mein Engagement in der Hamburger Kunstszene – besonders über Hörbar e.V. und die Hamburg Free Improv Community – habe ich das Gefühl, nicht nur meine eigene künstlerische Praxis weiterzuentwickeln, sondern auch zu einem gemeinsamen kulturellen Raum beizutragen. Konzerte zu organisieren, Künstler*innen Möglichkeiten zu schaffen und lokale wie internationale Communities zu vernetzen – das sind für mich bedeutsame Wege geworden, mich gesellschaftlich einzubringen.

Ich glaube, dass Kunst Räume für Austausch, Zuhören und Verständnis über unterschiedliche Hintergründe und Erfahrungen hinweg schaffen kann. Alles, was ich zur Hamburger Kunstszene beitrage, gibt mir das Gefühl, dass meine Existenz hier sinnvoll ist – und das gibt mir die Kraft und Motivation, meine Arbeit und meinen künstlerischen Weg hier fortzusetzen.

Mehr zu Tam findest du auf ihrer Homepage.

English version:

What motivates you to volunteer?

I always want to contribute to the society where I live, especially in areas related to art. Since I work in this field, I am constantly interested in learning more about it. At the same time, I can also recognize what is missing and think about what I can contribute.

I would like to share about Hörbar e.V., a non-profit association for experimental music. The association rents a venue and organises a monthly concert series. The previous core organisation had been running it for more than 30 years. At the end of 2024, they were looking for people who could continue taking care of it; otherwise, the association would have had to close. After several meetings with them, I decided to get involved and asked some friends if we could work on it together.

Luckily, I found four more artists who wanted to become part of the team, and since the beginning of 2025, we have officially been organising a concert series for experimental music. Our association currently has around 30 members, and we organise around four events each month. There is a lot of work involved, but we are very happy to contribute to Hamburg’s art scene.

I truly believe that what we are doing is meaningful. Having frequent concerts creates opportunities for artists to perform regularly and gain experience. We often invite artists from outside Hamburg, including touring musicians, alongside local artists, which helps expand artistic exchange and connections between different artists. It is also very important for us to provide a space where young artists can present and develop their work.

What do you get out of this work?

Since I became chairwoman of Hörbar e.V., I have been able to expand my connections within the art field. I have had the chance to meet many interesting artists and experience inspiring performances. Moreover, I have the opportunity to curate concerts and invite great artists whose work I am personally interested in.

Having access to a venue is also a wonderful opportunity for a musician and composer like me. I can rehearse and perform there as well, which is very valuable for my own artistic development.

In October 2025, I founded the Hamburg Free Improv Community. It is a monthly series where musicians, listeners, and open-minded people meet to share the experience of free improvisation. We see improvisation not only as an artistic method, but also as a way of learning, exchanging, and connecting with one another across boundaries. The community currently includes around 20 people, and most of our activities take place at the Hörbar venue. This is my dream, I wanted to connect artists who are interested in a similar thing, and we built the community together, support each other and make our own practice stronger.

One of our upcoming events will take place at 20:00 on the 28th of June at Studio 16 as part of the Blurred Edges festival – a month long series of 96 performances, sound art, lectures, experimental music, compositions and improvisations at 50 venues all over the city!

Anführungszeichen in den Farben des HOOU-Themes

As an immigrant, I have frequently questioned how I can become part of the society where I live, how I can integrate, and how I can continue developing my life here in a meaningful way. Through my involvement in Hamburg’s art scene, especially through Hörbar e.V. and the Hamburg Free Improv Community, I feel that I am not only developing my own artistic practice, but also contributing to a shared cultural space.

Tam Thi Pham

What role does social engagement play for you – in general and in your life?

Social engagement plays a very important role in both my artistic practice and my personal life. I often reflect on how we connect with the environment and the communities around us. As an immigrant, I have frequently questioned how I can become part of the society where I live, how I can integrate, and how I can continue developing my life here in a meaningful way.

Through my involvement in Hamburg’s art scene, especially through Hörbar e.V. and the Hamburg Free Improv Community, I feel that I am not only developing my own artistic practice, but also contributing to a shared cultural space. Organising concerts, creating opportunities for artists, and building connections between local and international communities have become meaningful ways for me to engage with society.

I believe that art can create spaces for exchange, listening, and understanding across different backgrounds and experiences. Everything I contribute to the art scene in Hamburg gives me a stronger feeling that my existence here is meaningful, and it gives me the strength and motivation to continue my work and artistic journey here.

Tam sitzt in einem Kino auf roten Samtsesseln und schaut zur Seite.
Foto: Tong Khanh Ha

Tam Thi Pham. More about Tam on her website.

Das bild zeigt eine Biene auf einer Blüte.

Bild/Grafik: Олександр К / Aljoscha Seuss

22.05.2026 | Meena Stavesand

„Biodiversität beginnt vor der Haustür“ – Warum Artenvielfalt unser Überleben sichert

Ein funktionierendes Ökosystem liefert uns Luft, Wasser und Nahrung. Doch diese „Dienstleistungen der Natur“ geraten zunehmend aus dem Gleichgewicht. Zum Tag der biologischen Vielfalt (22. Mai) spricht Ivonne Stresius von der HAW Hamburg über Biodiversität und beantwortet unter anderem die Frage, was wir tun müssen, um sie zu erhalten. Wir haben Ivonne außerdem anlässlich des Ehrentags zu ihrem Engagement beim NABU befragt. Sie sagt: „Wir alle zusammen sind die Gesellschaft. Demokratie lebt vom Miteinander, vom Diskurs und von Kompromissen. Gesellschaftliches Engagement und Teilhabe am Gestalten ist für mich gelebte Demokratie.“

Ivonne Stresius verantwortet das Lernangebot der HAW Hamburg „Biodiversität in Gewässern“, das aufzeigt, warum biologische Vielfalt wichtig ist und was sie mit dem Menschen zu tun hat.

Das Kursbild zum Lernangebot: Biodiversität in Gewässern

Biodiversität in Gewässern

Biodiversität in Gewässern - Was ist das und was hat das mit meinem Leben zu tun?  

Zum Lernangebot

Was bedeutet Biodiversität?

Ivonne Stresius: Der Begriff setzt sich aus „Bio“ für Leben und „Diversität“ für Vielfalt zusammen. Man kann ihn daher mit „biologischer Vielfalt“ übersetzen. Dabei geht es nicht nur – wie oft angenommen – um Artenvielfalt, sondern um drei verschiedene Ebenen:

Zuerst die Artenvielfalt: Das ist die Vielfalt an unterschiedlichen Tier- und Pflanzenarten, Pilzen und Bakterien. Ziel ist es, viele verschiedene Arten zu haben, z.B. bei Vögeln, bei Insekten, bei Säugetieren und anderen Lebewesen. Dabei ist es wichtig, dass diese Arten in die jeweiligen Lebensräume passen. Wenn in einem Fließgewässer in Schleswig-Holstein plötzlich ein Signalkrebs lebt, der dort nicht heimisch ist, spricht man nicht mehr von gewünschter Artenvielfalt. Invasive Arten zählen nicht im positiven Sinne dazu. Wichtig ist dabei auch die Verteilung der Arten im Lebensraum. Es bringt wenig, wenn sie sich nur auf eine Ecke konzentrieren und der Rest leer bleibt. Ein funktionierendes Ökosystem lebt von Ausgewogenheit und Vernetzung. Jeder Bereich im Lebensraum sollte besiedelt sein, damit die Arten sich gegenseitig ergänzen und stabilisieren können.

Dann gibt es die Vielfalt der Lebensräume selbst: Ein Bach etwa sollte nicht nur aus Steinen oder Sand bestehen. Auch Totholz kann dort liegen und bietet anderen Arten einen Lebensraum. Unterschiedliche Gewässer wie Bach und See unterstützen unterschiedliche Arten. Diese strukturelle Vielfalt ist entscheidend. Wenn wir natürliche Vielfalt erhalten wollen, müssen wir auch Raum dafür lassen. Oft wird reguliert, eingeebnet, ausgebaut. Dabei brauchen Arten solche natürlichen Unebenheiten für ihr Überleben.

Der dritte Aspekt ist die genetische Vielfalt innerhalb einer Art. Bei Schnecken sieht man viele Farbvariationen. Diese Unterschiede entstehen durch genetische Vielfalt, vergleichbar mit verschiedenen Haarfarben bei Menschen. Sie sorgt dafür, dass sich Arten an Veränderungen besser anpassen können. Diese Anpassungsfähigkeit ist in Zeiten von Klimawandel und Umweltveränderungen besonders wichtig. Wenn eine Art genetisch sehr einheitlich ist, kann eine Krankheit oder eine Klimaveränderung sie auslöschen. Vielfalt ist also auch ein Schutzmechanismus.

Schaubild zur Biodiversität. Diese besteht aus Vielfalt der Lebensräume, Artenvielfalt und genetischer Vielfalt.

Insgesamt gilt: Je größer die Vielfalt, desto stabiler das Ökosystem. Wenn Bedingungen sich ändern, können manche Arten damit besser umgehen als andere. Das gilt auch für genetische Unterschiede innerhalb einer Art. Vielfalt bedeutet Resilienz. Und Resilienz bedeutet, dass ein System Krisen besser übersteht und schneller ins Gleichgewicht zurückfindet.

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„Vielfalt bedeutet Resilienz. Und Resilienz bedeutet, dass ein System Krisen besser übersteht und schneller ins Gleichgewicht zurückfindet.“

Ivonne Stresius, HAW Hamburg

Wie kommen invasive Arten wie der Signalkrebs überhaupt in unsere Gewässer?

Ivonne Stresius: Meist ist der Mensch daran beteiligt. Zum Beispiel werden Tiere aus einem Aquarium in die Natur entlassen. Auch andere Tiere werden ausgesetzt. Problematisch wird es, wenn solche Arten sich stark verbreiten und heimische Arten verdrängen. Dann spricht man von invasiven Arten.

Das ist nicht immer böse Absicht. Manchmal passiert es aus Unwissenheit oder Gedankenlosigkeit. Aber das Ergebnis ist das gleiche: Das natürliche Gleichgewicht wird gestört.

Warum ist biologische Vielfalt für uns Menschen so wichtig?

Ivonne Stresius: Ein funktionierendes Ökosystem liefert sogenannte „Ökosystemleistungen“. Das heißt: Die Natur arbeitet für uns. Pflanzen produzieren die Luft, die wir atmen. Gewässer reinigen sich selbst, wenn genug biologische Vielfalt vorhanden ist und die Gewässerqualität stimmt. Schadstoffe werden im Sediment zurückgehalten, das Wasser bleibt sauber. Insekten bestäuben unsere Nutzpflanzen. Ohne sie hätten wir keine Äpfel, keine Kirschen, keinen Raps. Manchmal sind nur einzelne Insektenarten für bestimmte Pflanzen verantwortlich. Fehlen sie, gibt es keine Bestäubung mehr. In China wird in einigen Regionen bereits von Hand bestäubt. Das ist mühsam und ineffizient.

Auch Fische, Holz, Nahrung – all das ist eine Leistung der Natur. Wenn die Vielfalt abnimmt, funktionieren diese Leistungen nicht mehr oder nur noch eingeschränkt. Diese Leistungen nehmen wir oft als selbstverständlich wahr, aber sie sind das Ergebnis komplexer Prozesse, die sich über Jahrmillionen entwickelt haben.

Gibt es aktuelle Beispiele für bedrohte Arten?

Ivonne Stresius: Das Insektensterben ist ja schon länger bekannt. Acht Prozent aller Insektenarten gelten als gefährdet oder vom Aussterben bedroht. Bei Gewässermuscheln und -schnecken sind es sogar mehr als 50 Prozent. Teichmuscheln etwa werden immer seltener. Noch merken wir es nicht direkt. Aber im Ökosystem fehlen diese Tiere. Muscheln filtern Wasser, Schnecken zersetzen abgestorbenes Material. Das sind wichtige Aufgaben.

Solche Rückgänge bleiben lange unbemerkt, weil sie schleichend passieren. Aber die Auswirkungen sind langfristig gravierend. Wenn das Gleichgewicht kippt, ist es schwer, es wiederherzustellen.

Wird das Thema in der Gesellschaft genug wahrgenommen?

Ivonne Stresius: Es tut sich etwas, aber viel zu langsam. Der Begriff Biodiversität ist vielen Menschen nicht geläufig. In einer Umfrage der Europäischen Kommission von 2019 konnte nur etwa 41 % der Befragten erklären, was das ist. Beim Klimawandel ist das Bewusstsein größer, aber auch dort ist die Umsetzung schwierig. Bei der Biodiversität hängen wir noch weiter hinterher.

Dabei sind die Zusammenhänge sehr konkret und betreffen unser direktes Lebensumfeld. Es braucht mehr Aufklärung, mehr Projekte, mehr Kommunikation – und natürlich politische Rahmensetzungen.

Gibt es auch positive Entwicklungen?

Ivonne Stresius: Ja, im Kleinen. Schottergärten sind in vielen Bundesländern verboten worden. Immer mehr Menschen achten beim Gärtnern auf insektenfreundliche Pflanzen. Aber es ist noch zu wenig. Viele Pflanzen, die beliebt sind, bringen Insekten nichts: Der Sommerflieder etwa lockt zwar Schmetterlinge an, bietet aber keine Nahrung. Auch Forsythien oder gefüllte Rosen sehen schön aus, liefern aber weder Pollen noch Nektar.

Die gute Nachricht ist: Viele Menschen sind bereit, etwas zu tun, wenn sie erst einmal wissen, worauf es ankommt. Deshalb ist Bildung so wichtig. Und ein Garten ist ein idealer Ort, um anzufangen.

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9 %

der Bienenarten gelten als gefährdet oder vom Aussterben bedroht.

Was können Gartenbesitzer:innen konkret tun?

Ivonne Stresius: Nicht alles muss ordentlich sein. Wildkräuter wie Giersch oder Brennnessel sind wichtige Lebensräume, zum Beispiel für Schmetterlingsraupen. Alte Pflanzenstängel stehen lassen, Totholz- oder Steinhaufen anlegen, nicht alles sofort wegräumen. Und: Mähfreier Mai! Also einfach mal den Rasen wachsen lassen oder zumindest nicht komplett mähen.

Keine Pestizide, kein Torf, mehr Struktur im Garten. Auch kleine Flächen haben Potenzial für mehr Vielfalt. Man sollte sich bewusst machen, dass jeder Quadratmeter Lebensraum sein kann, wenn er naturnah gestaltet ist. Das ist ein riesiger Hebel.

Was ist mit der Landwirtschaft?

Ivonne Stresius: Ein Großteil unserer Fläche wird landwirtschaftlich genutzt, oft konventionell. Pestizide, Monokulturen, fehlende Strukturen und zugeschüttete Kleingewässer zerstören Lebensräume. Die Ökosysteme können sich dort kaum erholen. Langfristig schadet sich die Landwirtschaft selbst: Der Boden wird unfruchtbar, Schädlinge breiten sich schneller aus, Erträge sinken.

Da ist ein großes Potenzial, aber die Landwirtschaft braucht Anreize und Unterstützung, um biodiversitätsfreundlicher zu wirtschaften. Das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

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Über<br>50 %

der Gewässermuscheln und -schneckenarten sind gefährdet oder vom Aussterben bedroht.

Wie sieht die Zukunft aus, wenn sich nichts ändert?

Ivonne Stresius: Dann verlieren wir eine Ökosystemleistung nach der anderen. Vielleicht nicht komplett, aber es wird weniger. Statt 100 Fischen gibt es in Seen dann vielleicht nur noch 10. Statt vollen Ernten nur noch halbe. Und der Klimawandel verschärft alles.

Wir erleben eine schleichende, aber tiefgreifende Veränderung unserer Lebensgrundlagen. Und das ist nicht nur ein Thema für ferne Länder, sondern betrifft uns hier, vor Ort. Jetzt.

Was können wir tun?

Ivonne Stresius: Wir müssen verstehen, wie ein Ökosystem funktioniert. Es ist komplex und wir begreifen es noch nicht einmal ganz, aber zerstören es durch Unwissen. Bildung ist auch hier der Schlüssel. Jeder kann etwas tun. Und je mehr Menschen mitmachen, desto größer die Wirkung.

Ihr habt das Lernangebot „Biodiversität in Gewässern“ entwickelt. Es richtet sich vor allem an junge Menschen. Warum?

Ivonne Stresius: Junge Menschen tragen das meiste Risiko, wenn sich nichts ändert, und sie profitieren am meisten, wenn wir Biodiversität schützen. Das Angebot ist aber für alle Altersgruppen geeignet. Es soll Wissen niedrigschwellig vermitteln und Lust machen, selbst aktiv zu werden und sich mit der biologischen Vielfalt in der näheren Umgebung zu beschäftigen. Ob im Studium, im Alltag oder im eigenen Garten.

Haben Gärten wirklich so viel Potenzial?

Ivonne Stresius: Ja! Es gibt 17 Mio. Gärten in Deutschland. Wenn dort Vielfalt gefördert wird, ist das ein riesiger Gewinn für die Natur. Es müssen nicht immer große Flächen sein. Auch kleine Schritte zählen. Jeder Garten, der naturnah gestaltet ist, ist ein Schritt in die richtige Richtung. Und viele kleine Schritte ergeben am Ende eine Bewegung.

Du bist bei diesem Thema auch ehrenamtlich engagiert. Was ist deine Motivation für dein Ehrenamt und was ziehst du für dich aus dieser Arbeit?

Ivonne Stresius: Ich engagiere mich schon seit vielen Jahren beim NABU, erst als einfaches Mitglied, seit 6 Jahren als Vorsitzende der NABU-Gruppe Reinfeld-Nordstormarn und seit Anfang des Jahres als Mitglied des Vorstandes des NABU-Landesverbands. Der Schutz der Natur liegt mir am Herzen. Ich bin und war schon immer sehr viel draußen und das genieße ich sehr. Ich lebe auf dem Land und brauche die Nähe zur Natur für mein Wohlbefinden. Auch durch meine Forschungsarbeit im Bereich Gewässerqualität weiß ich, dass viele Gewässer und Lebensräume belastet und bedroht sind. Mit meinem Engagement möchte ich der Natur eine Stimme geben und mich für den Erhalt von Lebensräumen und Arten einsetzen. Gemeinsam mit anderen Menschen mit ähnlichen Zielen zusammen zu arbeiten, empfinde ich als sehr befriedigend.

Welche Rolle spielt für dich gesellschaftliches Engagement – allgemein und in deinem Leben?

Ivonne Stresius: Wir alle zusammen sind die Gesellschaft. Demokratie lebt vom Miteinander, vom Diskurs und von Kompromissen. Gesellschaftliches Engagement und Teilhabe am Gestalten ist für mich gelebte Demokratie. Ich habe Freude am Gestalten, am gemeinschaftlichen Arbeiten, ich habe auch Lust Verantwortung zu übernehmen und andere Menschen zu begeistern.

Über Ivonne Stresius

Ivonne Stresius ist Diplom-Umweltingenieurin (FH) und hat das Zweite Staatsexamen in Lebensmittelchemie. Seit 2006 arbeitet sie in der Forschung – unter anderem zu Partizipation, Stakeholder-Kommunikation sowie Gewässerqualität und Klimawandel in komplexen Umwelt- und Gesellschaftssystemen. Ihre weiteren Schwerpunkte liegen im Bereich Gesundheitsschutz im Zusammenhang mit der EG-Badegewässerrichtlinie. Ivonne Stresius ist darüber hinaus im Projektmanagement nationaler und internationaler Forschungsprojekte tätig, organisiert Workshops und Konferenzen und entwickelt Online-Lernangebote sowie pädagogische Formate rund um Natur und Mensch.

21.05.2026 | Meena Stavesand

"Gesellschaftliches Engagement halte ich für absolut notwendig"

Ehrenamt lebt davon, dass Menschen zuhören, vermitteln und Verantwortung übernehmen. Im Elternbeirat ihrer Kita erlebt Dr. Jana Panke, Teamleiterin der HOOU an der TU Hamburg, wie Engagement schon im Kleinen beginnt – etwa bei Festen oder dem Austausch über Anliegen der Eltern, um Dinge zu verbessern. Gleichzeitig braucht Engagement verlässliche Rahmenbedingungen, damit sich Menschen überhaupt engagieren können. Anlässlich des Ehrentags haben wir mit Jana gesprochen.

Was ist deine Motivation für dein Ehrenamt und was ziehst du für dich aus dieser Arbeit?

Ich bin jetzt im zweiten Jahr gewählte Elternvertreterin im Krippenbereich unserer Kita. Mein Kind wird dort zuverlässig betreut, und zwischen Eltern und Erzieher:innen herrscht ein offenes, kommunikatives Klima – davon profitiere ich sehr. Genau diese Brücke möchte ich über mein Ehrenamt schlagen: Ich möchte zwischen Eltern und Kita vermitteln und dabei das große Ganze im Blick behalten.

Im Elternbeirat unterstützen wir die Kita zum Beispiel dabei, Feste zu organisieren oder Info-Flyer zu erstellen. In unseren regelmäßigen Sitzungen besprechen wir außerdem Anliegen, die Eltern an uns herangetragen haben. So können wir gut einschätzen, was eher individuelle Themen sind und wo es strukturelle Fragen gibt, die die Kita angehen sollte. Nebenbei erfahre ich oft schon vorab, was läuft, und bekomme einen tieferen Einblick in die Kita-Struktur.

Welche Rolle spielt für dich gesellschaftliches Engagement – allgemein und in deinem Leben?

Gesellschaftliches Engagement halte ich für absolut notwendig. Ich wünsche mir, dass jede:r für sich prüft: Kann ich mich nicht doch in irgendeinem Rahmen einbringen? Es gibt so viele Initiativen, die helfende Hände brauchen.

Gleichzeitig sehe ich mit Sorge, dass die aktuellen politischen Entwicklungen es immer schwerer machen, sich zu engagieren. Wer 40 bis 60 Stunden pro Woche arbeitet, hat eben kaum noch Zeit dafür. Und wenn Initiativen die Mittel gekürzt oder ganz gestrichen werden, fällt eine wichtige Grundlage weg.

Dr. Jana Panke ist Teamleiterin der HOOU an der TU Hamburg. Bild: Stephan Dublasky

19.05.2026 | Meena Stavesand

„Ich trage bewusst mit, damit es für andere leichter wird, die Unterstützung brauchen“

Sich zu engagieren und zu helfen gehört für Arne Ruddat, Frontend-Entwickler beim MMKH, zu einem selbstbestimmten Leben. Im Kirchenvorstand übernimmt er Verantwortung, bringt sein Wissen ein und leistet technischen Support. Besonders wichtig sind ihm kostenlose Angebote, weil nicht alle Menschen die gleichen Möglichkeiten haben. So wird Engagement zu einem bewussten Mittragen – auch, wenn es manchmal anstrengend wird. Wir haben mit Arne anlässlich des Ehrentags gesprochen.

Was ist deine Motivation für dein Ehrenamt?

Ich will Dinge vor Ort mitgestalten und Verantwortung übernehmen. Kirche sehe ich als sozial wertvolle Institution im Stadtteil, die funktionieren muss, um relevant zu bleiben. Dafür bringe ich Organisation, Technikverständnis und einen klar lösungsorientierten Blick ein. Ich sehe Probleme oft früh und gehe sie pragmatisch an. Ich arbeite gern im Team und unterstütze andere, gerade auch bei technischen Themen. Die Kirchengemeinden in Langenhorn wachsen gerade zusammen, dafür braucht es Feingefühl und die Bereitschaft, sich in andere Perspektiven hineinzuversetzen. Das bringe ich mit.

Was ziehst du für dich aus dieser Arbeit?

Ich erlebe direkt, dass Entscheidungen Wirkung haben, nichts bleibt abstrakt. Gleichzeitig lerne ich, wie komplex selbst kleine Prozesse sind und dass gute Lösungen oft Kompromisse brauchen. Der Austausch mit sehr unterschiedlichen Menschen erweitert meinen Horizont, auch wenn das nicht immer bequem ist. Menschen kennenzulernen, bedeutet für mich, Menschen und ihre Wünsche zu verstehen.

Welche Rolle spielt für dich gesellschaftliches Engagement – allgemein und in deinem Leben?

Mitzumachen und zu helfen gehört für mich fest zu einem selbstbestimmten Leben. Ich möchte nicht nur Angebote nutzen, sondern auch dazu beitragen, dass es sie gibt. Insbesondere kostenlose Angebote biete ich sehr gern an, weil es zu viele Menschen gibt, die nicht genug haben. Ich habe für mein eigenes Leben genug, deshalb kann ich etwas abgeben. Ich gebe Wissen weiter, bringe Erfahrung ein und übernehme Verantwortung, auch dann, wenn es anstrengend wird. Ich trage bewusst mit, damit es für andere leichter wird, die gerade Unterstützung brauchen. Ich bringe technisches Know-how ein und leiste Support, wo er gebraucht wird.

Porträt von Arne
Bild: privat

Arne Ruddat ist Frontent-Entwickler beim MMKH.

Ein Neugeborenes liegt auf der Brust der Mutter im OP-Saal und eine Ärztin beugt sich über die beiden.

Bild: Eduardo Barrios / Unsplash

18.05.2026 | Meena Stavesand

 „Es darf nichts gegen den Willen der Frau getan werden“ – Frauenrechte sind Menschenrechte

Die Kaiserschnittrate hat sich innerhalb von 30 Jahren verdoppelt, immer mehr Frauen berichten von respektloser und übergriffiger Behandlung im Kreißsaal. Gleichzeitig sagt Hebamme Dr. Angelica Ensel: Eine andere Geburtskultur ist nicht nur möglich, sie kann in jedem einzelnen Kreißsaal beginnen. Nach über vier Jahrzehnten im Beruf erzählt sie im Interview von zwei Geburten, die sie bis heute prägen, von drei Hebeln gegen die Geburtsangst und von dem, was Frauen wirklich Sicherheit gibt.

Wer tiefer einsteigen möchte, findet bei uns ihr Lernangebot „Geburtskulturen im Wandel“ der HAW Hamburg – mit Videos, Praxisbeispielen und Materialien für werdende Eltern, Lehrende, angehende Hebammen und Ärzt:innen. Außerdem haben wir mit Angelica anlässlich des Ehrentags über ihr ehrenamtliches Engagement gesprochen.

Das Kursbild zum Lernangebot: Menschenwürdig gebären – erfahren und begleiten. Geburtskulturen im Wandel

Menschenwürdig gebären – erfahren und begleiten. Geburtskulturen im Wandel

Die Geburt als existenzielles Ereignis betrifft jeden Menschen – besonders Frauen, Paare und Kinder im Kontext von Schwangerschaft, Geburt und Elternwerden. Unmittelbar betrifft sie auch die Arbeit der begleitenden Berufsgruppen, wie Hebammen, Ärzt*innen, Pflegende, Beratende und Psychotherapeut*innen. Menschenwürdig gebären und geboren werden als fundamentales Frauen- und Menschenrecht ist auch in Deutschland keineswegs selbstverständlich.   Dieses Lernangebot beleuchtet die essenziellen Elemente einer menschenwürdigen Geburt und das Zusammenwirken der Beteiligten mit dem Fokus auf die Geburt in der Klinik. Dabei werfen wir einen kritischen Blick auf die Machtstrukturen in der Geburtshilfe, den derzeitigen Notstand in der Versorgung und die Auswirkungen für Frauen, Familien und Fachkräfte. Wir widmen uns der Frage, welche Veränderungen notwendig sind, damit evidenzbasiertes Wissen und gelebte geburtshilfliche Kunst eine gesundheitsfördernde,  frauen- und menschenwürdige Geburt ermöglichen. 

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Frau Dr. Ensel, Sie sind Hebamme. Welche Geburt oder welches Geburtserlebnis lässt Sie bis heute nicht los?

Es sind tatsächlich zwei, beide sind noch sehr präsent.

Die erste Geburt ereignete sich in den 1980er Jahren, in einer kleinen Klinik mit einem autoritären Chefarzt. Ich begleitete eine 16-jährige Erstgebärende, deren Mutter bei ihr war. Es ging gut voran, die junge Frau veratmete die Wehen prima. Ich dachte die ganze Zeit: Bitte lass den Chefarzt jetzt nicht kommen. Aber dann kam er und untersuchte sie brutal. Um weitere Übergriffe zu verhindern versuchte ich, ihn so spät wie möglich zur Geburt zu rufen. Er kam ungerufen in der letzten Phase und wollte einen Dammschnitt machen. Es gab keinerlei Indikation, aber damals war es in vielen Kliniken üblich, Erstgebärenden ohne Not einen Dammschnitt zu setzen. Bis heute sehe ich vor mir, wie er zur Schere greift und der jungen Frau eine völlig unnötige Verletzung zufügt. Das Schlimmste für mich: Ich konnte sie nicht schützen, auf meine Einwände hatte er nicht reagiert. Diese Hilflosigkeit war sehr schmerzlich.

Ein paar Tage später ging ich zu dem Chefarzt, um mit ihm über diese Geburt zu sprechen, aber er hat sich nicht darauf eingelassen. Nach sechs Wochen habe ich diese Klinik verlassen. Was dort geschah, war kein medizinisch indizierter Eingriff – es war ein gewaltvoller Übergriff, fast sadistisch.

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Die Frau brauchte keine einzige Intervention, sie fand intuitiv ihre Geburtsposition und gebar ohne Schmerzmittel und ohne Eingriffe. Eine ganz normale Geburt – und doch so selten.

Dr. Angelica Ensel

Das zweite Erlebnis war zwanzig Jahre später in einer anderen Klinik. Wir waren zu zweit im Dienst, es war nur eine Frau zu betreuen – eine Konstellation, die in vielen geburtshilflichen Abteilungen selten ist. Ich konnte ausschließlich bei dieser einen Frau bleiben. Sie war Erstgebärende, sprach kein Deutsch, war angespannt. Über ihren Mann konnte ich mit ihr kommunizieren. Wir atmeten gemeinsam, die Stunden vergingen. Zu Anfang spürte ich manchmal den Impuls, aus dem Kreißsaal rauszugehen, um irgendetwas aufzuräumen, was nicht wichtig war. Ich beobachtete mich selbst und beschloss: ich bleibe hier, solange es keinen wichtigen Grund gibt, das Paar zu verlassen. Und dann erlebte ich etwas, was mir so intensiv noch nie bewusst war: Wir drei waren in einer Bubble. Wir erlebten nicht Chronos, die Uhrzeit, sondern Kairos – die Schicksalszeit.

Irgendwann kam eine Ärztin. Sie schaute kurz rein, sah aufs CTG und ging wieder, ohne ein Wort. Sie hat diesen Raum gespürt und ihn nicht durchbrochen. Das war fantastisch. Die Frau brauchte keine einzige Intervention, sie fand intuitiv ihre Geburtsposition und gebar ohne Schmerzmittel und ohne Eingriffe. Eine ganz normale Geburt – und doch so selten.

Ist eine Geburt planbar, und wie sieht für Sie menschenwürdiges Gebären für Sie aus?

Planbar ist eine Geburt nicht. Auch Hebammen und Ärzt:innen werden immer wieder überrascht. Was wir aber tun können, ist: gute Umstände schaffen, die die physiologische Geburt und die Gesundheit fördern. Für mich beruht menschenwürdiges Gebären auf vier Grundpfeilern.

  1. Kein Eingriff ohne Einverständnis. Manche Fachkräfte verwechseln das immer noch: Sie sagen der Frau, was sie tun – „Ich untersuche Sie jetzt“ – und beginnen sofort. Das ist nicht Aufklärung, das ist Übergriff. Die richtige Haltung ist die Frage: „Darf ich Sie untersuchen?“ Selbst in Notsituationen kann man immer nonverbal kommunizieren und hinterher erklären, warum etwas so schnell geschehen musste. Aber es gibt fast immer diese wichtigen zwei Minuten in denen ich mit den Eltern in Beziehung kommuniziere – das macht den maßgeblichen Unterschied.
  2. Nicht allein lassen, wenn die Frau es nicht will. Im Idealfall gibt es eine 1:1-Begleitung. Wenn das nicht möglich ist, muss es zumindest die Sicherheit geben, dass jemand verfügbar ist, wenn die Gebärende es braucht.
  3. Zeit und Bewegungsfreiheit. Die Geburt darf nicht normiert sein. Wenn alles in Ordnung ist, sollte die Frau sollte so viel Zeit bekommen, wie sie braucht, und ihre Wünsche äußern dürfen.
  4. Physiologie als Maßstab. Der Fokus muss auf der natürlichen Geburt und dem Willen der Frau liegen – nicht auf vorgegebenen Zeitfenstern.

Herausfordernd wird es, wenn eine Frau einen Kaiserschnitt ohne medizinische Indikation verlangt. Das kann einem das Herz bluten lassen, aber das Selbstbestimmungsrecht hat heute zum Glück einen großen Stellenwert. Trotzdem bin ich überzeugt: Viele Interventionen ließen sich durch eine gute Begleitung verhindern.

Ihr Lernangebot heißt „Geburtskulturen im Wandel“. Wo stehen wir heute – Fortschritt oder Rückschritt?

Beides trifft zu. Heute gibt es Patientinnenrechte, die wir zum Glück nicht mehr wegwischen können. Frauen äußern ihre Wünsche, sie können einen Kaiserschnitt einfordern und sollten ihn bekommen. Respektlosigkeit unter der Geburt wird öffentlich thematisiert. Das ist ein echter Fortschritt.

Gleichzeitig haben wir erschreckende Entwicklungen in der Geburtshilfe. Die Kaiserschnittrate hat sich in 30 Jahren etwa verdoppelt – von rund 16 auf rund 30 Prozent. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hält 15 Prozent für ein großzügig bemessene Maximum. Was ist mit der geburtshilflichen Kunst passiert?

Wir haben heute eine interventionsreiche Geburtshilfe. Etwa ein Viertel aller Geburten wird eingeleitet, was häufig eine Kaskade von weiteren Interventionen auslöst: Wehentropf, Periduralanästhesie, am Ende oft eine operative Geburt. Dazu kommen die sogenannten Wunschkaiserschnitte. Die allerdings statistisch gar nicht so häufig sind. Was wir vielmehr kennen: Dass der Wunsch nach einem Kaiserschnitt eher latent da ist, weil Frauen sich eine Geburt nicht mehr zutrauen und dann nicht völlig enttäuscht sind, wenn es am Ende ein Kaiserschnitt wird.

Und dann ist da die Normierung. Manche Kinder brauchen Zeit, sich einzustellen. Manche Frauen brauchen eine Pause. Aber im Klinikalltag hängt das stark von den Kapazitäten ab – manchmal muss der Kreißsaal einfach leer werden – so wird es dann gerechtfertigt. Das Spektrum der Physiologie ist riesig. Das muss man als Fachkraft nicht nur theoretisch, sondern praktisch erlebt und gelernt haben und das geht nur in einer entsprechenden Geburtskultur.

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Prozent – so hoch ist die Kaiserschnittrate in Deutschland aktuell.

Sie sprechen im Lernangebot auch Gewalt im Kreißsaal an. Wie kann man Frauen die Angst davor nehmen?

Man kann die Angst nicht völlig wegmachen. Es zu versuchen, wäre naiv. Eine gewisse Form von Respekt vor der Geburt ist wichtig – das ist jedoch etwas anderes als Angst. Aber es gibt drei Ansatzpunkte.

  1. Über die Angst sprechen und sie konkret machen. Wovor genau hast du Angst? Vor dem Unplanbaren? Vor dem Kontrollverlust? Vor den Schmerzen? Erst wenn wir die Ängste benennen, können wir gemeinsam schauen, was hilfreich sein könnte und stärkt.
  2. Die Umstände gestalten. Damit meine ich vor allem die Menschen und deren Haltung. Einer Frau mit großer Angst würde ich immer raten: Such dir eine vertraute Person, idealerweise eine Beleghebamme, die Dich kennt und nur für Dich da ist. In so einem geschützten Raum musst du nicht mehr selbst aufpassen – du kannst dich dem Prozess hingeben und in Deiner Kraft sein.
  3. Das Vertrauen in den eigenen Körper stärken. Bei den rebellischen Frauen der 1970er habe ich erlebt, wie selbstverständlich sie an ihren Körper und sein Potenzial geglaubt haben: „Ich habe einen Körper, der dafür gemacht ist, warum soll ich das nicht schaffen? Ich kämpfe für die Umstände, die mir das ermöglichen.“ Diese Selbstverständlichkeit fehlt heute oft. Und: Frauen, die körperlich aktiv sind, haben meist ein anderes Vertrauen in sich selbst. Auch Yoga ist eine wunderbare ganzheitliche Vorbereitung.

Auch das Visualisieren gehört dazu – sich die Geburt konkret vorstellen. Dazu gehört auch: Mein Kind passt da durch. Ich bin davon überzeugt, dass diese inneren Bilder weiterarbeiten.

Es gibt verschiedene Orte, ein Kind auf die Welt zu bringen. Welchen empfehlen Sie wem?

Das Wichtigste ist, sich zu fragen: Was wünsche ich mir, und was glaube ich, zu brauchen? Für viele steht Sicherheit an erster Stelle. Dabei denken werdende Eltern vor allem an die technische Ausstattung des Geburtsortes: Gibt es eine Kinderintensivstation für alle Fälle? Das ist auch ein Grund, warum kleinere Kliniken gemieden werden, die Risikoschwangerschaften ohnehin nicht aufnehmen. Aber dieses Sicherheitsverständnis greift zu kurz: Eine hochgerüstete Klinik kann dramatisch unsicher sein, wenn niemand bei Ihnen ist. Wenn alle im OP gebunden sind und Sie allein im Kreißsaal liegen, kann eine Menge anbrennen – egal, wie modern die Geräte sind.

Echte Sicherheit beginnt mit einer Hebamme, die bei Ihnen ist, die merkt, wenn sich etwas ankündigt, die über Erfahrung und Intuition verfügt – also über das, was sich technisch nicht messen lässt. Mein Rat: Wenn du in die Klinik gehst, sorge dafür, dass eine Person nur für dich da ist. Idealerweise eine Beleghebamme, alternativ eine Doula, die als Laiengeburtsbegleiterin oft unschätzbar wertvoll ist.

Zur außerklinischen Geburtshilfe: Sie wird immer noch diffamiert und als unsicher hingestellt. Dabei zeigen langjährige Studien aus Deutschland, dass die außerklinischen Geburtsergebnisse genauso gut sind wie in der Klinik, wenn man dieselbe Klientel vergleicht – mit weniger Interventionen und einer deutlich höheren Zufriedenheit der Frauen. Außerklinische Geburtshilfe ist bei entsprechender Selektion der Schwangeren sicher und effektiv.

Aber ich möchte ausdrücklich nicht sagen: Geh ins Geburtshaus oder bleib zuhause, weil die Geburt in der Klinik schlimm ist. Sie können in der Klinik wunderbare Geburten erleben – und auch zu Hause oder im Geburtshaus können Sie Übergriffe erleben. Es sind nie die Mauern, die das bestimmen. Es sind die Menschen und ihre Philosophie.

Zusammenarbeit in der Klinik: Hebammen und Ärzt:innen – wo hakt es?

Im Kreißsaal treffen zwei Berufsgruppen aufeinander, die beide die physiologische Geburt betreuen, aber sehr unterschiedlich ausgebildet sind. In England oder Skandinavien ist hebammengeleitete Geburtshilfe das Normale – wenn alles gut läuft, kommt gar kein:e Ärzt:in dazu. Bei uns heißt dieses Modell „Hebammenkreißsaal“ und ist die Ausnahme.

Als Hebamme lerne ich, Stunde um Stunde am Bett zu sitzen – nicht nur mit dem Verstand, sondern mit allen Sinnen. In dieser 1:1-Begleitung begreife ich das große Spektrum der Physiologie. Junge Ärzt:innen dagegen haben im Studium vielleicht ein paar Geburten gesehen, aber Sehen ist nicht Begleiten. Sie kommen oft erst in der letzten Phase, sind zehn Minuten dabei, das Kind kommt. Viele Eltern glauben oder erzählen dann: Das Kind kam, weil der Arzt oder die Ärztin da war. Die jungen Ärzt:innen wiederum erleben den Prozess nicht, der über viele Stunden, manchmal auch mit Pausen über Tage verläuft, das heißt hier gibt es eine große Wissenslücke.

Gleichzeitig muss eine junge Ärzt:in oft Entscheidungen treffen, ohne über entsprechende Erfahrungen zu verfügen, manchmal schnell und unter Zeitdruck. Es ist klar, dass sie unsicher ist. Bei verdächtigen Herztönen wird sie dann schneller den Oberarzt oder die Oberärztin holen und dann kommt es schneller zu Interventionen, weil man vermeintlich auf der sicheren Seite sein will. Besonders schwierig wird es bei der Kombination junger Arzt/junge Ärztin und junge Hebamme: Beide haben Respekt, beide haben Angst, und die Angst kann schnell zu Interventionskaskaden führen.

Lösen ließe sich das, indem beide Berufsgruppen die physiologische Geburt schon im Studium gemeinsam erlernen: Medizinstudierende und Hebammen sitzen gemeinsam am Bett und begleiten. Und sie erleben: „So vielfältig sieht eine normale Geburt aus“. Entscheidend ist auch die Kultur einer Klinik: flache Hierarchien und Freiräume für eigene Entscheidungen ermöglichen angstfreies Lernen und gemeinsame Weiterentwicklung im Team – zum Wohl aller Beteiligten.

Was geben Sie angehenden Hebammen mit, damit sie im Klinikalltag nicht die Haltung verlieren?

Die Hierarchie zwischen Ärzt:innen und Hebammen muss nicht das größte Problem sein. Wenn eine erfahrene Hebamme da ist, sind viele junge Ärzt:innen oft sehr froh: „Ach, mach du mal.“

Schwerer wiegt das Thema Respektlosigkeit und Gewalt. Junge Hebammen sind oft ganz nah an den Frauen. Wenn sie miterleben, dass eine Frau schlecht behandelt wird, leiden sie sehr mit – und sie können sich in den hierarchischen Strukturen kaum dagegenstellen. Sie müssen erst lernen, auch in dieser Position den Mund aufzumachen und selbstbewusst Fragen zu stellen.

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Was ich angehenden Hebammen mitgeben möchte: Verliert nicht die Freude am Begleiten der Geburt! Und stärkt euch gegenseitig.

Dr. Angelica Ensel

Was sich heute geändert hat: Die akademische Ausbildung begleitet diese Erfahrungen. Die Studierenden haben Möglichkeiten und Räume über das Erlebte zu sprechen. Mit Reflexion, respektvoller Kommunikation und Perspektivwechsel üben wir Schlüsselkompetenzen. Gleichzeitig werden Hebammen heute von Anfang an wissenschaftlich ausgebildet. Sie sehen schnell, wenn etwas nicht evidenzbasiert, sondern eminenzbasiert ist, weil allein die Autorität in einer Struktur tonangebend ist. Sie können dann zwar nicht direkt widersprechen, aber sie können „dumme Fragen“ stellen: „Warum machen wir das eigentlich so, wenn es doch in der Leitlinie ganz anders steht?“ Solche Fragen können Dialoge ermöglichen und Veränderungen einleiten.

Was ich angehenden Hebammen mitgeben möchte: Verliert nicht die Freude am Begleiten der Geburt! Und stärkt euch gegenseitig: Von unserer ersten Hamburger Kohorte haben fünf junge Hebammen gleichzeitig in einem Kreißsaal ihre erste Stelle begonnen. So lässt sich etwas bewegen. Und lernt verschiedene Geburtsorte kennen, klinisch wie außerklinisch.

Sie sind auch ehrenamtlich in diesem Thema aktiv. Was ist Ihre Motivation, und was ziehen Sie aus dieser Arbeit?

Meine Motivation ist dieselbe wie in den 1970er Jahren: Frauen ermächtigen, in ihrem Körper zu sein, an das Potenzial ihres Körper zu glauben und sich zu nehmen, was ihnen zusteht. Da ist nach wie vor ein riesiges Entwicklungsfeld. Und nichts entwickelt sich automatisch zum Besseren. Manches hat sich leider zurückentwickelt.

Es macht mich wütend, dass Frauen durch Erniedrigung und Gewalt um eine der mächtigsten Erfahrungen ihres Lebens betrogen und enteignet werden.

Konkret bin ich seit über dreißig Jahren im Arbeitskreis Frauengesundheit (AKF) aktiv – seit der Gründung. Der AKF ist über die Jahre zu einem wichtigen gesundheitspolitischen Player geworden. Er war zum Beispiel entscheidend an der Initiierung der S3-Leitlinie zum Kaiserschnitt beteiligt und hat am nationalen Gesundheitsziel „Gesundheit rund um die Geburt“ mitgewirkt. Mit dem Hamburger Hebammenverband habe ich außerdem eine Arbeitsgruppe gegründet, die ein innovatives Konzept entwickelt hat, das wir in Hamburg etablieren wollen: eine Ansprechstelle für alle Betroffenen, die im Kontext von Schwangerschaft, Geburt und Elternwerden Gewalt erlebt haben – nicht nur für Eltern, sondern auch für Fachkräfte und Studierende. Das Konzept liegt fertig vor, allerdings hat die Politik die Mittel bisher nicht freigegeben.

Was ziehen Sie aus dieser Arbeit?

Die Überzeugung, dass es weitergehen muss. Dass Veränderung möglich ist, wenn genug Menschen dranbleiben. Und die Erfahrung, dass eine andere Geburtskultur kein Traum ist, sondern an jeden Geburtsort beginnt, in dem jemand aufmerksam, respektvoll und schützend bei einer Frau bleibt.

Portät von Angelica Ensel

Dr. Angelica Ensel ist promovierte Kulturwissenschaftlerin, Hebamme und an der HAW Hamburg im Studiengang Hebammenwissenschaft B.Sc. tätig.