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Hintergrundfoto: Moritz Kindler / Unsplash. Collage: Sina Gösele
28.10.2026 | Meena Stavesand
Was würde die Natur fordern? Im Klimaparlament sprechen Menschen für Wesen und Unwesen
Im Klimaparlament sprechen Menschen für Hochhäuser, Stadttauben oder die Elbe. Amelie Hensel und Judith Henning bringen das Format seit 2020 mit ihren Kolleg:innen vom Klimaparlament-Kollektiv auf die Bühne, seit 2025 auch als Spiel. Am Mittwoch, 18. November, kann man in Hamburg selbst Botschafter:in werden – und wer nicht so lange warten will, probiert es in unserem kostenlosen Lernangebot der TU Hamburg aus. Wir haben die beiden gefragt, was es eigentlich bringt, wenn wir uns als Menschen für andere Wesen und Unwesen der Welt einsetzen und was das mit dem Klima zu tun hat.
Schon einige Male haben Amelie und Judith ein Klimaparlament organisiert. An der TU Hamburg haben sie ihr Konzept mittlerweile ein wenig umgeschaltet. Es ist nun auch ein Spiel für nachhaltige Veränderungen. Als Botschafter:innen für Wesen und Unwesen blickt ihr auf klimabezogene Interessenskonflikte in eurem Umfeld und lernt, eure Mitwelt anders wahrzunehmen und vielleicht auch bewusster in eure Handlungen einzubeziehen.
Wissenschaft kurz erklärt: Klimawende erspielen - Ein Parlament sämtlicher Un:Wesen
Der Trailer aus Filmschnipseln rund um das Projekt gibt einen Ein- und Überblick über die Phasen des Klimaparlament-Spieles. Der Weg zu einem empathischen Botschafter:in-Werden wird auf visueller und akustischer Ebene aufgezeigt. Dass Politik für alle möglich sein kann: eine Herausforderung mit Spaß, vielseitiger Erkenntnis und wachsendem gesellschaftlichem Engagement.
Welches Wesen oder Unwesen aus einer früheren Sitzung habt ihr nicht vergessen – und was hat es gefordert?
Judith: Mir sind die Hochhäuser in Erinnerung geblieben. Am Anfang dachte man: Ach, das ist so eine Art Bösewicht. Aber die Botschafterin hat mit ganz klaren Worten erklärt, was Hochhäuser leisten können – nicht die riesigen mit Glasfassaden, sondern mittelgroße Häuser, am besten begrünt. Sie hat eines beschrieben, das an jedem Balkon schon eingebaute Blumenkästen hatte. Solche Häuser sparen Platz und Energie und können eine nachhaltige Lebensweise unterstützen. Damit hat sie die ganze Versammlung für ihre Beschlussvorlage gewonnen.
Amelie: Es ging auch um Gemeinschaftsräume, etwa eine Werkstatt oder einen gemeinsamen Kühlraum im Keller – dann braucht nicht jede:r so viel eigenes Mobiliar oder Geräte.
Judith: Genau, oder ein geteilter Waschkeller statt einer Waschmaschine pro Wohnung. Am Ende haben alle gestaunt, wie sympathisch die Hochhäuser auf einmal waren, die man vorher eigentlich hässlich fand.
Amelie: Mir sind die aufgetauten Bakterien aus dem Permafrost in Erinnerung geblieben. Eine Formulierung fand ich besonders toll: Sie freuen sich darauf, nach dem Auftauen ihre Verwandten wiederzutreffen. Dabei ist das überhaupt nicht schön – mit dem Methan und allem, was dann frei wird, wissen wir gar nicht, womit wir rechnen müssen. Gefordert haben sie, dass es drei Grad wärmer wird, damit sie endlich auftauen. Und das wäre für unsere Welt vielleicht gar nicht positiv.
Was bringt dieser Perspektivwechsel, was ein Vortrag über Klimadaten nicht schafft? Und wie seid ihr darauf gekommen, Regenwürmern, Steinen oder Heizpilzen einen Sitz in einem Parlament zu geben?
Amelie: Ursprünglich hatten wir ein Stipendium für ein Theaterstück über Klimawandel und Wetter – ein Stück über Wettervorhersagen war die Lieblingsidee unseres Kollegen Steffen Lars Popp. Dann haben wir den Philosophen Bruno Latour gelesen, sein „Parlament der Dinge“: die Idee, dass nicht nur Menschen, sondern auch die anderen Wesen auf unserem Planeten mitbestimmen. Beim Entwickeln kam der Gedanke, dass die Leute selbst mitmachen sollten. So wurde daraus ein partizipatives Projekt, in dem man sich in ein Wesen oder Unwesen hineinversetzt. Später haben wir bei einem norwegischen Projekt gesehen, dass dieser Perspektivwechsel die Bereitschaft deutlich erhöht, im Alltag etwas zu verändern.
Judith: Der Perspektivwechsel schafft genau dieses empathische Einfühlen. Die Botschafter:innen spüren im Idealfall dann selbst, wie es ist, in die Haut eines anderen Wesens zu schlüpfen. Das schafft ein Vortrag selten.

Einig sind sich längst nicht alle, und nicht jede Forderung ist für alle gut. Am spannendsten wird es, wenn möglichst konträre Meinungen aufeinandertreffen.Amelie Hensel
Wie kann ich mir das vorstellen, mich in ein Hochhaus einzufühlen?
Amelie: Ein Hochhaus kann man ja nicht sein. Deshalb der Dreh: Du wirst Botschafterin oder Botschafter der Hochhäuser. Man versucht, so nah wie möglich an das Habitat des Hochhauses heranzukommen. Wenn ich keine Arme und Beine hätte – wie würde ich mich fortbewegen? Wahrscheinlich gar nicht. Meine Augen wären die Fenster. Ich werde mit Graffiti besprüht und es wird wieder abgekratzt – macht das etwas mit mir? Natürlich gehen wir dabei immer von unserem menschlichen Empfinden aus. Aber gerade darin liegt der Charme: Man kann es nicht genau wissen, entwickelt aber eine Ahnung.
Judith: Das Einfühlen verbindet einen emotional, die Rolle als Botschafter:in schafft Distanz. Das gibt Sicherheit: Man ist ja „nur“ Botschafter:in. Man kann härter diskutieren und fühlt sich nicht gleich angegriffen, wenn jemand mit der Forderung für das eigene Wesen nicht einverstanden ist.
Und der Perspektivwechsel holt die Diskussion aus den ausgetretenen Pfaden. In der Klimadebatte sind die Fronten ganz schön festgefahren: Da heißt es z.B.: „Deutschland ist nur für zwei Prozent der Emissionen verantwortlich, China soll etwas tun!“ Diese Debatten hat man alle schon dreißigmal gehört. Wir setzen bei der Betroffenheit der Wesen und Unwesen an. Da kommt man auch auf lustige Dinge, etwa die Bakterien, die ihre Verwandten wiedertreffen wollen. Im nächsten Moment fragt man sich: Was sind das für Verwandte? Vielleicht Krankheiten? Oder die Giraffe im Tierpark Hagenbeck, der es hier zu kalt ist: Sie hätte gern eine Savanne in den Boberger Dünen. Ist ja nett – aber so nett finden wir es dann doch nicht, wenn hier alles trocken ist.
Man diskutiert also nicht mehr zwischen Menschen mit festen Positionen, sondern zwischen Wesen, die konkret betroffen sind. Das ist wie in einer Fabel, in der heikle Themen unter Tieren verhandelt wurden. Wir schaffen einen sicheren Raum für eine schwierige Diskussion.
Amelie: Einig sind sich dabei längst nicht alle, und nicht jede Forderung ist für alle gut. Am spannendsten wird es, wenn möglichst konträre Meinungen aufeinandertreffen.




Das Format beruft sich auf den Philosophen Bruno Latour. Wie erklärt ihr seine Gedanken jemandem, der noch nie von ihm gehört hat?
Judith: Latour wendet sich gegen die Trennung von Natur und Kultur. Es gibt für ihn keine objektive Natur, die unabhängig von uns existiert: Wie wir sie betrachten und untersuchen, verändert, was wir als Natur ansehen. In seinem Buch „Kampf um Gaia“ geht es außerdem darum, dass unsere Zivilisation davon abhängt, dass die Erde mit ihren lebendigen Systemen – Klima, Lebewesen, Wasserkreisläufe – ungefähr so bleibt, wie sie ist.
Mit dem „Parlament der Dinge“ kommt der Aspekt dazu, dass alle möglichen nicht-menschlichen Lebewesen und Dinge unser Leben mit beeinflussen. Wenn ein Fluss austrocknet, trifft das die Fische und Mikroorganismen darin, aber auch uns. Es kam in den Nachrichten, dass Tankstellen keinen Sprit mehr hatten, weil auf dem Rhein die Schiffe nicht mehr voll beladen fahren können. Mir kommt dabei immer Goethes „Zauberlehrling“ in den Sinn: Wir greifen ständig in ein hochkomplexes System ein und wissen nur halb, was wir tun. Mit den vielen Stürmen und Überschwemmungen bekommen wir quasi Gegenwind von den Unwesen. Deshalb lassen wir im Parlament die nichtmenschliche Welt politisch zu Wort kommen – sie hat so starken Einfluss auf unser Leben.
Was passiert mit den Beschlüssen eures Klimaparlaments? Gab es bereits konkrete Umsetzungen?
Amelie: Im Kleinen auf jeden Fall. Unser Botschafter der Tauben engagiert sich seitdem in einem Taubenhospiz und kümmert sich dort regelmäßig um verletzte und sterbende Tiere. Und er hatte damals betreute Taubenschläge gefordert. Kurz darauf wurden am Bahnhof Altona tatsächlich Gips-Eier eingesetzt, und es war von richtig angelegten Taubenschlägen die Rede. Da dachte ich: Siehst du, ihr hört doch auf das Klimaparlament! Was zuerst da war, weiß man natürlich nicht.
Judith: 2020 haben wir die Beschlüsse der Zweiten Bürgermeisterin Hamburgs übergeben, und auch die diesjährigen sollen in die Politik gehen. Das ist eine Art Lobbyarbeit für die, die sonst keine Stimme haben.

Werde Klimabotschafter:in bei der Hamburger Horizonte: Am Mittwoch, 18. November, wechseln wir die Perspektive. Dafür sprechen wir alle Sinne an. In einem Schreibworkshop formulieren wir eine Rede mit Forderungen, wir improvisieren Kostümteile, eine Minihymne rundet den „tierdingpflanzlichen“ Auftritt im Klimaparlament ab. Im zweiten Teil hältst du deine Rede und das Plenum fasst Beschlüsse. Mehr dazu in unserem <a href=“https://portal.hoou.de/event/werde-botschafterin-im-klimaparlament-workshop/“>Veranstaltungskalender</a>.
Am 18. November kann man selbst Botschafter:in werden. Was erwartet die Menschen dort? Was müssen sie mitbringen – Schauspielerfahrung, Lust am Schreiben?
Judith: Sie sollten Lust haben, sich auf den Prozess einzulassen. Es erwartet die Menschen ein spielerischer Rollenwechsel: Sie legen ihre menschlichen Interessen für einen Tag beiseite und stellen ihre Kreativität, ihren Geist und ihre körperliche Präsenz einem nichtmenschlichen Wesen oder Ding zur Verfügung. Mehr braucht es nicht.
Amelie: Schauspieltalent ist nicht nötig. Von Vorteil ist es sicher, wenn man gern vor anderen spricht oder das einmal ausprobieren möchte. Am Abend findet eine öffentliche Parlamentssitzung statt, zu der auch Menschen kommen dürfen, die nicht am Workshop teilgenommen haben. Und ihr seid nicht allein: Unser Team begleitet euch.
Judith: Zum Einfühlen gehört nämlich, dass man in ein Kostüm schlüpft oder ein Accessoire findet, aber auch, dass man einen Klang für sein Wesen entwickelt.
Amelie: Eine Mini-Hymne für das vertretene Wesen oder Unwesen.
Und wenn jemand sehr introvertiert ist – muss er trotzdem vortragen?
Amelie: Gezwungen wird niemand. Wer eine Rede geschrieben hat, sie aber nicht selbst halten möchte, für den fragen wir im Publikum, ob jemand den Standpunkt vorträgt.
Judith: Man kann auch etwas vortanzen, ein Dada-Gedicht machen oder einfach ein Poster malen und hochhalten. Wir sind für alle Formen offen. Die Übersetzung der Wesen und Unwesen kann ohnehin nur unvollständig sein.
Sucht man sich sein Wesen selbst aus oder gebt ihr es vor?
Amelie: Beides geht. Wir haben in den letzten zwei Jahren aus dem partizipativen Projekt ein Spiel gemacht, und im Workshop nutzen wir viele Elemente aus unserem Lernangebot der HOOU. Man kann sein Wesen auswürfeln – es gibt Tabellen, und dann ist klar, welches man hat. Wer etwas ganz anderes vertreten möchte, kann das auch tun.
Judith: Das ist gerade für Leute spannend, die sich schon für etwas engagieren. Sie können mit genau diesem Anliegen kommen und sagen: Ich wollte schon immer eine Bühne für die Schwalben in Hamburg. Oder für den Wilden Wald in Wilhelmsburg. In Frankfurt hat jemand aus einer Bürgerinitiative einen Wald in Offenbach vertreten. Wir bekommen Expert:innen, die sich mit viel Herzblut einsetzen, und sie bekommen ein Forum.

Mich haben die Flechten begeistert. Sie sind eine Symbiose aus Pilz und Alge und vielleicht sogar älter als die ältesten Landpflanzen. Die meisten Menschen sehen nur einen ekligen grünen Belag auf den Steinen. Und ich denke: Die sind 450 Millionen Jahre alt, und du kommst mit deinem Hochdruckreiniger?Judith Henning
Was verändert sich bei denen, die einmal für einen Mauersegler oder ein Auto gesprochen haben?
Amelie: Der Botschafter der Autos war privat eigentlich das Gegenteil von dem, was er vertreten hat. Er hatte großen Spaß daran, über die Egos der Menschen zu sprechen: Je größer das Auto, desto größer das Ego. Und er hatte super recherchiert, etwa dass zum Teil 500-Kilo-Eisenplatten eingebaut werden, nur damit ein Auto in eine höhere Gewichtsklasse kommt.
Judith: Viele Teilnehmende haben uns erzählt, dass sie nach dem Parlament anders auf die Wesen schauen – nicht nur auf ihr eigenes, sondern auch auf die, von denen sie nur gehört haben. Die Hochhäuser oder die Stadttauben etwa wurden danach mit weniger Abscheu betrachtet. Und die Botschafterin des Mooses war beeindruckt, wofür man Moos alles nutzen kann, zum Beispiel als Anzeiger für saubere Luft.
Judith: Mich haben die Flechten begeistert. Sie sind eine Symbiose aus Pilz und Alge und vielleicht sogar älter als die ältesten Landpflanzen. Die meisten Menschen sehen nur einen ekligen grünen Belag auf den Steinen. Und ich denke: Die sind 450 Millionen Jahre alt, und du kommst mit deinem Hochdruckreiniger? Voll unverschämt.
Das Thema bei der Hamburger Horizonte, in deren Rahmen euer Klimaparlament stattfindet, ist Sicherheit. Was hat euer Format mit Sicherheit zu tun – und wessen Sicherheit zählt, wenn auch Regenwurm und Elbe mitreden?
Amelie: Für mich geht es um Selbstwirksamkeit. Wir sind den Umweltkatastrophen und Multikrisen so ausgesetzt, dass es eine Wohltat ist, sich einen Nachmittag lang auf eine einzige Sache zu konzentrieren: herauszufinden, was diese Steine, Tiere oder Pflanzen betrifft, und für sie Position zu beziehen. Und dann festzustellen: Ich kann das. Ich kann eine Rede schreiben, mich kostümieren, obwohl ich das erst albern fand, und mich hinstellen und reden. Diese Selbstwirksamkeit gibt Sicherheit. Und vielleicht denkt man Tage später noch einmal darüber nach und lässt im Alltag einfach mal das Moos stehen.
Judith: Und es gibt die große Ebene. Derzeit denken wir Sicherheit oft politisch oder sogar militärisch. Mit dem Parlament fragen wir nach dem sicheren Überleben auf der Erde – nach den planetaren Grenzen, von denen viele schon überschritten sind. Was für Pflanzen und Tiere sicher ist, ist auch für uns sicherer, weil wir von ihnen abhängen. Am Ende sind wir auch nur Tiere. Menschen sitzen im Parlament gar nicht, aber wir haben sie die ganze Zeit im Hinterkopf: Versorgungssicherheit, Hitze, Überschwemmungen, Wassermangel. Und wenn die Zeiten härter werden, werden Menschen nicht netter zueinander.
Amelie: Bei der Eröffnung der Hamburger Horizonte kam die Frage auf, warum Sicherheit eigentlich immer als „Ich muss sicher sein“ gedacht wird. Man könnte auch fragen: Wer muss geschützt werden? Dafür ist das Klimaparlament wie gemacht: Hier bekommen auch ganz kleine, unscheinbare Wesen einen Raum und dadurch vielleicht mehr Schutz.
Wann
Mittwoch, 18.11.2026, 14 bis 20 Uhr
Wo
Zentralbibliothek der Bücherhallen Hamburg
E1 Hühnerposten 1 (Eingang: Arno-Schmidt-Platz)
20097 Hamburg
Anmeldung
Sichere dir jetzt dein Ticket bei unserem Partner, dem MMKH, über diesen Link.
Eintritt
Kostenlos
Über Judith Henning und Amelie Hensel

Judith Henning (*1975) lebt in Hamburg und arbeitet als Kuratorin und im Kollektiv metagarten zwischen Ausstellungen und soziokulturellen Garten- und Bauprojekten, z.B. von Komposttoiletten und Wurmkisten. Als Präsentationslibelle legt sie im Klimaparlament den roten Faden, Fakten und Abstimmungsergebnisse unter die Tischkamera und unterstützt Botschafterinnen beim Schreiben von Appellen.
Amelie Hensel (*1977) lebt und arbeitet in Hamburg, sie ist Mitgründerin des Klimaparlaments und als Architektier verantwortlich für Ausstattung (zusammen mit Annette Haunschild) und Moderation.
In ihren anderen Leben ist sie Bühnen- und Kostümbildnerin und gibt zusammen mit Judith Henning mit metagarten der Natur den ihr zustehenden Raum zurück.
Bild: Markus Kammermann / Unsplash
27.10.2026 | Meena Stavesand
Epilepsie: Was im Gehirn passiert, wenn Nervenzellen aus dem Takt geraten
Epilepsie ist eine komplexe neurologische Erkrankung, die bei etwa 0,5 bis 1 Prozent der Menschen im Laufe ihres Lebens auftritt. Bei Kindern ist es die häufigste neurologische Erkrankung. Doch nicht jeder Anfall, der umgangssprachlich oft als „Krampfanfall“ bezeichnet wird, weist auf eine Epilepsie hin. Manchmal spiegeln Anfälle nur eine vorübergehende Störung des Gehirns wider und können durch Faktoren wie Schlafentzug, niedrigen Blutzucker oder andere medizinische Ursachen ausgelöst werden.
Wir haben mit Dr. med. Thomas Sauvigny, Geschäftsführender Oberarzt und Leiter der Epilepsiechirurgie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), über die Erkrankung gesprochen. Weiterführende Informationen zu Epilepsie gibt es auch im UKE-Lernangebot „Medizin. Online. Verstehen“.
Epilepsie.Online.Verstehen.
Epilepsien sind eine Gruppe verschiedener Erkrankungen des Gehirns, deren Gemeinsamkeit in einer Übererregbarkeit von Nervenzellen des zentralen Nervensystems besteht. Oft fehlt jedoch der Zugang zu verlässlichen Informationen bezüglich Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten.
Tatsächlich erlebt etwa jeder zehnte Mensch in seinem Leben einen einmaligen Anfall, ohne dass eine erhöhte Anfallsbereitschaft vorliegt. Dennoch ist es wichtig, wiederkehrende Anfälle ernst zu nehmen und eine genaue Diagnose zu stellen, um die richtige Therapie zu finden. Das Gespräch mit Dr. Sauvigny zeigt, wie vielfältig die Ursachen und Symptome sein können und warum eine frühzeitige Diagnose entscheidend für den Umgang mit der Krankheit ist.
Was ist Epilepsie und wie äußert sie sich?
Dr. Thomas Sauvigny: Obwohl wir eine Vorstellung davon haben, was Epilepsie ist, ist eine genaue Definition schwierig, da sie entweder relativ vage ist oder möglicherweise Dinge ausschließt, die doch vorhanden sind. Eine pragmatische Definition: Epilepsie ist eine Erkrankung des Gehirns, die durch eine elektrische Fehlfunktion gekennzeichnet ist. Es liegt also eine elektrische Überaktivität von Nervenzellen vor, die zu epileptischen Anfällen führt. Wenn man mehrere epileptische Anfälle hat, kann man in der Regel sagen, dass man wahrscheinlich eine Epilepsie hat.
Wie erkennt man epileptische Anfälle?
Dr. Thomas Sauvigny: Epileptische Anfälle können sich sehr unterschiedlich äußern. Es kann sich um eine Bewusstlosigkeit mit motorischen Entäußerungen handeln, d.h. Arme oder Beine fangen an zu schlagen, obwohl man nicht bei Bewusstsein ist. Es kann aber auch sein, dass man ein komisches Gefühl im Bauch hat oder Stimmen hört. All das kann ein epileptischer Anfall sein. Deshalb gibt es viele Definitionen oder Beschreibungen von epileptischen Anfällen.
Gemeinsam ist all diesen epileptischen Anfällen, dass es sich um eine Überaktivität oder Fehlfunktion von Nervenzellen handelt. Dies kann neurobiologische, kognitive und soziale Folgen haben. Diese Komplexität macht eine allgemeine Definition schwierig. Das ist auch der Grund, warum wir in der Diagnostik auf Klassifikationen zurückgreifen: Wenn wir die Ursache im Gehirn finden oder wenn wir gemessen haben, dass der Patient oder die Patientin Anfälle hat, dann können wir sagen: Das ist eine Epilepsie.

Anfälle können sich auch durch ungewöhnliche Verhaltensweisen zeigen, wie plötzliche Lachanfälle, was besonders bei einer bestimmten Epilepsieform bei Kindern vorkommt.Dr. Thomas Sauvigny, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Reicht ein einziger epileptischer Anfall aus, um eine Epilepsie zu diagnostizieren?
Dr. Thomas Sauvigny: Wenn wir zum Beispiel feststellen, dass im Kopf eine strukturelle Läsion (eine Schädigung, Verletzung oder Störung der Struktur), z.B. ein Tumor oder etwas ähnliches vorliegt, dann ist das Risiko, dass weitere Anfälle auftreten, relativ hoch. Ein in der Literatur vorgeschlagener Wert dafür ist 60 Prozent. Wir sagen also: Wenn das Risiko, weitere epileptische Anfälle zu bekommen, größer als 60 Prozent ist, dann diagnostizieren wir eine Epilepsie.
Das heißt im Umkehrschluss: Wenn jemand einen einzigen Anfall hat, der zum Beispiel durch Schlafentzug ausgelöst wurde, dann erfüllt das nicht die Kriterien zur Diagnose einer Epilepsie. Wenn wir keine andere Ursache im Kopf finden, zum Beispiel keine Läsion, dann sagen wir: Das ist keine Epilepsie, sondern ein einmaliges Ereignis – provoziert durch zu wenig Schlaf. Die Wahrscheinlichkeit, dass es wieder vorkommt, ist gering, wenn man nicht wieder zu wenig schläft.
Wenn man aber z.B. einen Hirntumor hat und ein oder zwei hierdurch ausgelöste Anfälle, dann reicht dies aus, um zu sagen, dass man eine Epilepsie aufgrund des Hirntumors hat. Wir gehen dann davon aus, dass die Wahrscheinlichkeit für weitere Anfälle relativ hoch ist, wenn die Ursache nicht behandelt wird. Das heißt: Ein Anfall ist nicht unbedingt gleich Epilepsie, aber man muss der Ursache nachgehen.
Was sind mögliche erste Anzeichen oder Symptome?
Dr. Thomas Sauvigny: Die Diagnose von Anfällen wird besonders herausfordernd, wenn sie sich nicht als klassischer bilateraler tonisch-klonischer Anfall zeigen – jene Form, die früher als großer Krampfanfall (Grand-Mal) bekannt war, einhergehend mit Bewusstseinsstörung und ausgeprägten motorischen Entäußerungen. Solche Anfälle werden in der Regel rasch als epileptisch erkannt oder zumindest vermutet. Doch es gibt auch Formen, die nur bestimmte Gehirnregionen betreffen, sogenannte fokale Anfälle, die sich sehr vielfältig und manchmal nur sehr diskret äußernd. Daher können die geschilderten Symptome oft fehlgedeutet werden. Prinzipiell sind immer Differentialdiagnosen (z.B. auch Synkopen) bei der Erstdiagnose zu berücksichtigen
Insbesondere bei Kleinkindern und Säuglingen ist die Erkennung von Anfällen oft schwierig, da sie sich auf vielfältige Weise äußern können – etwa durch nur sehr kurze Bewusstseinsverluste, Sprachstörungen oder das Auftreten einer sogenannten Aura, das zum Beispiel als ein ungewöhnliches Gefühl in der Bauchregion beschrieben wird. Manche Anfälle treten ausschließlich im Schlaf auf und bleiben unbemerkt, bis am nächsten Tag Symptome wie Muskelkater, Erschöpfung oder kognitive Einschränkungen auffallen. Anfälle können sich auch durch ungewöhnliche Verhaltensweisen zeigen, wie plötzliche Lachanfälle, was besonders bei einer bestimmten Epilepsieform bei Kindern vorkommt. Visuelle Phänomene, wie Flimmern oder Blitze, sind ebenfalls mögliche Anzeichen mancher Epilepsieformen.
Diese Vielseitigkeit macht die Erkennung von Anfällen besonders komplex. Da theoretisch jede normale Gehirnfunktion durch einen Anfall beeinträchtigt werden kann, gibt es unzählige Erscheinungsformen. Deshalb gibt es keine allgemeingültige oder pauschale Beschreibung eines Anfalls und auch unter Expert:innen herrscht häufig Uneinigkeit über die korrekte Benennung und Interpretation.
Gehen Betroffene dann relativ spät zum Arzt, weil sie die Symptome nicht als schwerwiegend wahrnehmen oder die Anfälle nicht bemerken, weil sie eben im Schlaf auftreten?
Dr. Thomas Sauvigny: Ja, das kann vorkommen. Natürlich gibt es Epilepsieformen, die sofort auffallen, entweder durch Begleiterkrankungen oder weil die Anfälle so eindeutig sind. Nicht selten bleiben Epilepsien aber auch jahrelang unbemerkt, weil die Symptome mit anderen Erkrankungen wie Angststörungen oder Depressionen verwechselt werden. Manchmal dauert es Jahre, bis die richtige Diagnose gestellt und die genaue Ursache der Epilepsie gefunden wird.
Wird die Ursache einer Epilepsie immer gefunden?
Dr. Thomas Sauvigny: Es gibt Fälle, in denen die Ursache unklar ist. Früher sprach man von kryptogenen Epilepsien, wenn keine eindeutige Ursache gefunden werden konnte. Wir haben eine internationale Klassifikation der Epilepsien, die die Anfälle nach ihrer Entstehung einteilt:
- Fokale Anfälle, die nur in einem bestimmten Teil des Gehirns auftreten,
- generalisierte Anfälle, die das ganze Gehirn betreffen, und
- Anfälle unbekannter Ursache.
Die Ursachen der Epilepsie sind einerseits genetische Faktoren und/oder strukturelle Veränderungen im Gehirn. Andererseits gibt es auch infektiöse oder autoimmune Ursachen um die häufigsten zu nennen.
Wie läuft eine Diagnose ab? Muss immer ein MRT gemacht werden?
Dr. Thomas Sauvigny: Ein MRT ist ein wichtiger Bestandteil der Diagnostik, aber erst der zweite oder dritte Schritt. Der erste Schritt ist immer die Anamnese, also die genaue Befragung der Betroffenen und deren Angehörigen. Dann macht man in der Regel ein Elektroenzephalogramm (EEG), um die Hirnströme zu messen. Ein kurzes EEG zeigt jedoch nicht immer Anfälle. Deshalb kann es notwendig sein, das EEG über mehrere Tage durchzuführen und die Patientinnen und Patienten mit Videokameras zu überwachen. Oft bringen auch Angehörige Handyvideos mit, die helfen, die Anfälle zu dokumentieren. Es folgen weitere Untersuchungen wie eine Kernspintomographie oder eine Nervenwasseranalyse, um die Ursache der Anfälle herauszufinden. Darüber hinaus gibt es in Epilepsiezentren noch viele weitere, spezielle Untersuchungen, die durchgeführt werden können.
Wie sieht die Therapie aus?
Dr. Thomas Sauvigny: Das hängt von der Art der Epilepsie ab. Die Haupttherapie besteht zunächst aus Medikamenten, die die Anfälle unterdrücken. Liegt eine strukturelle Ursache wie ein Tumor oder eine Fehlbildung vor, kommt oft auch eine Operation in Frage. Es gibt auch neurochirurgische Eingriffe, bei denen Hirnregionen stimuliert werden, um die Anfallsbereitschaft zu verringern, z. B. der Vagusnervstimulator. Bei bestimmten Epilepsien helfen auch Diäten oder experimentelle Therapien.
Epilepsie wirkt sich mitunter stark auf das soziale Leben der Betroffenen aus. Ein LKW-Fahrer, der an Epilepsie erkrankt, kann beispielsweise seinen Beruf nicht mehr ausüben.Dr. Thomas Sauvigny, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Es geht also in erster Linie darum, die Anfälle etwa durch Medikamente zu reduzieren?
Dr. Thomas Sauvigny: Genau, wir wollen die Anfälle durch Medikamente so weit wie möglich abschwächen, reduzieren oder wenn möglich ganz verhindern. Leider gelingt uns das bei etwa einem Drittel der Patientinnen und Patienten nicht, das heißt, es kommt trotz der Medikamente zu Anfällen. Aber umgekehrt: Bei vielen Betroffenen gelingt es, die Anfälle zu unterdrücken. Das hängt von der Art der Epilepsie ab. Wichtig ist auch, dass bei bestimmten Anfallsformen, die generalisiert auftreten, ein relevantes Risiko besteht, an einem Anfall zu sterben (sog. SUDEP). Dies ist vergleichbar mit dem plötzlichen Kindstod. Das ist natürlich ein extremes Beispiel, aber es zeigt, dass Epilepsie keine ungefährliche Krankheit ist. Auch Anfälle, die nicht tödlich verlaufen, können das Gehirn weiter schädigen und die Krankheit verschlimmern. Deshalb sind Medikamente wichtig.
Darüber hinaus gibt es psychosoziale und neuropsychologische Behandlungsmöglichkeiten, denn die Krankheit wirkt sich mitunter stark auf das soziale Leben aus. Ein LKW-Fahrer, der an Epilepsie erkrankt, kann beispielsweise seinen Beruf nicht mehr ausüben. Das ist ein ganz anderes Problem als bei einem Vierjährigen, bei dem es dafür viel mehr um die kognitive Entwicklung geht. Es gibt also viele verschiedene Ansätze, die individuell angepasst werden.
Ist Epilepsie heilbar oder eine Krankheit, mit der man leben muss?
Dr. Thomas Sauvigny: Grundsätzlich ist Epilepsie heilbar, aber das ist von Fall zu Fall unterschiedlich. Bei manchen Patientinnen und Patienten kann zum Beispiel ein Blutschwämmchen im Gehirn entfernt werden, und danach treten keine Anfälle mehr auf. Nach einigen Jahren können dann die Medikamente reduziert oder ganz abgesetzt werden. In solchen Fällen spricht man von Heilung. Betrachtet man aber alle Epilepsiepatienten, so handelt es sich in den meisten Fällen um eine chronische Erkrankung, die einen ein Leben lang begleitet. Das heißt nicht, dass man immer Anfälle hat, aber viele Menschen müssen ihr Leben lang Medikamente einnehmen, um anfallsfrei zu bleiben.
Spielen Stress, Ernährung und andere Faktoren eine Rolle bei Epilepsie?
Dr. Thomas Sauvigny: Stress an sich verursacht kausal keine Epilepsie, aber er kann die Wahrscheinlichkeit eines Anfalls erhöhen, insbesondere wenn andere Faktoren wie Schlafmangel oder Alkoholkonsum hinzukommen. Diese Faktoren beeinflussen die Erregbarkeit der Nervenzellen und können bei einer bestehenden Epilepsie einen Anfall auslösen. Daher ist es wichtig, auf diese Dinge zu achten, um das Risiko zu verringern. Zum Thema Ernährung: Eine spezielle Diät kann bei bestimmten Epilepsieformen helfen, ist aber nicht bei allen Epilepsieformen sinnvoll.
Wie gehen Menschen mit Epilepsie mit psychischen oder sozialen Faktoren um? Das ist sicher eine große Belastung.
Dr. Thomas Sauvigny: Ja, das ist ein großes Thema. Epilepsie ist eine chronische Erkrankung, die das soziale Leben stark beeinträchtigen kann. Vor einigen hundert Jahren galten Menschen mit Epilepsie noch als vom Teufel besessen oder schwachsinnig. Diese Stigmatisierung hat sich geändert, aber Epilepsie ist immer noch eine Krankheit, die mit Vorurteilen behaftet ist. Für Menschen, die beruflich eingeschränkt sind, wie zum Beispiel Lastwagenfahrer, bedeutet die Diagnose oft das Ende ihrer bisherigen Tätigkeit. Bei Kindern geht es vor allem um die schulische und kognitive Entwicklung. Viele Patientinnen und Patienten leiden auch an psychischen Begleiterkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen, die entweder durch die Epilepsie selbst oder durch die Belastungen der Erkrankung verursacht werden. Es gibt eine hohe Rate an sogenannten Komorbiditäten, also dem gleichzeitigen Auftreten mehrerer Erkrankungen.
Epilepsie.Online.Verstehen.
Epilepsien sind eine Gruppe verschiedener Erkrankungen des Gehirns, deren Gemeinsamkeit in einer Übererregbarkeit von Nervenzellen des zentralen Nervensystems besteht. Oft fehlt jedoch der Zugang zu verlässlichen Informationen bezüglich Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten.
Welche Unterstützungsmöglichkeiten gibt es?
Dr. Thomas Sauvigny: Es gibt zahlreiche Selbsthilfegruppen, die sehr hilfreich sind. Wichtige Anlaufstellen sind auch die spezialisierten Epilepsiezentren. Das Epilepsiezentrum Hamburg zum Beispiel vereint drei Krankenhäuser: Das Evangelische Krankenhaus Alsterdorf, das UKE und das Kinderkrankenhaus Wilhelmstift. Dort gibt es auch Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, die sich um die Vereinbarkeit von Epilepsie und Beruf kümmern, und spezielle Arbeitsplätze für Menschen mit Epilepsie. Diese Zentren bieten ebenfalls neuropsychologische Betreuung und Beratung für den Alltag an.
Ein Ausblick: Gibt es derzeit innovative Behandlungsmethoden oder Ansätze, die noch nicht weit verbreitet sind?
Dr. Thomas Sauvigny: Es gibt viele neue Ansätze, die sich in der Entwicklung befinden – sowohl neue Medikamente wie auch innovative Therapieverfahren wie z.B. gentherapeutische Ansätze. Auch in der Neurochirurgie hat sich in den vergangenen Jahrzehnten viel getan. Komplexere Fälle können heute besser operiert werden. Die Diagnostik hat sich durch invasive Methoden wie das Einsetzen von Elektroden ins Gehirn verbessert. Ein weiteres spannendes Gebiet ist die Genetik. In den vergangenen Jahren wurden immer mehr genetische Ursachen für Epilepsien entdeckt, auch für solche, bei denen man bisher nicht von genetischen Ursachen ausging. In Zukunft wird es wahrscheinlich neue medikamentöse Ansätze geben, die gezielt auf bestimmte Mutationen wirken.
Forschung wirkt. Je mehr wir über die Krankheit wissen, desto besser können wir sie behandeln.
Dr. Thomas Sauvigny: Ja, generell hat die genetische Forschung in den vergangenen zehn Jahren große Fortschritte gemacht. Es gibt aber auch viele andere Bereiche, in denen sich einiges getan hat, zum Beispiel in der invasiven und bildgebenden Diagnostik. Es ist ein Zusammenspiel verschiedener Disziplinen, die dazu beitragen, dass wir die Krankheit besser verstehen und behandeln können.

Über Dr. Thomas Sauvigny
Dr. Thomas Sauvigny ist Facharzt für Neurochirurgie sowie geschäftsführender Oberarzt an der Klinik und Poliklinik für Neurochirurgie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE). Sein Medizinstudium hat der gebürtige Koblenzer an der Eberhard-Karls-Universität in Tübingen absolviert. Seit 2012 ist Dr. Thomas Sauvigny am UKE tätig.
Illustration: Charlotte Hintzmann
26.10.2026 | Meena Stavesand
Hamburg teilt, was Hamburg weiß
Das Franzbrötchen beim Kaffee, der Blick vom Fährdeck, die Stille im Michel – in Hamburg teilen wir jeden Tag Dinge, Situationen, Gefühle. Jeden Tag. Ganz selbstverständlich. Nur Wissen – das spielt sich oft noch hinter Hörsaaltüren ab, und viele glauben, sie bräuchten für den Zugang ein Studium. Brauchen sie nicht. Sechs Hamburger Hochschulen haben mit der Hamburg Open Online University ihr Wissen aus den Unigebäuden rausgeholt. Fahre über die Bilder und schau, wie viel Hamburg dir gerade zu erzählen hat.
Wir teilen Ideen für Morgen.
Und das Wissen dafür.
Wie wollen wir jetzt und in Zukunft leben? Was brauchen wir dafür? Und welche Welt hinterlassen wir?
Diese Fragen sind nicht akademisch – sie sind real. Das Lernangebot "Gemeinwohl-Ökonomie" der HAW Hamburg zeigt dir eine Antwort für die Wirtschaft. Es geht nicht um Gewinn um jeden Preis, sondern um Solidarität, Gerechtigkeit und ökologische Nachhaltigkeit. Hier bekommst du echte Beispiele aus Hamburg. Unternehmen und Initiativen, die bereits gemeinwohlorientiert leben und arbeiten oder gerade dabei sind, dies umzusetzen.
Zum Lernangebot: Einführung in die Gemeinwohl-Ökonomie
Wir teilen den Blick auf den Hafen.
Und unser Wissen.
Riesige Containerschiffe im Hafen. Tausende Tonnen Stahl und Ladung. Und trotzdem schwimmen sie einfach. Sie kippen nicht um, sie sinken nicht, sie gleiten einfach durchs Wasser, obwohl die Container meterhoch gestapelt sind. Wie funktioniert das eigentlich?
„Schiffe begreifen“ heißt das Lernangebot der TU Hamburg, das dir zeigt, wie die Technik dahinter funktioniert. Warum schwimmen Schiffe? Wie berechnen wir ihre Stabilität? Was passiert physikalisch, wenn Wind und Wellen kommen?
Die interaktiven Lerneinheiten zeigen dir die Hydrostatik. Du verstehst, wie Schiffsbauer:innen denken, welche Grenzen es gibt, wie man Gewichte verteilt – und plötzlich siehst du nicht nur das große Schiff im Hafen, du verstehst die Ingenieurskunst dahinter.
Zum Lernangebot: Schiffe begreifen
Manches wird automatisch geteilt.
Wissen lieber bewusst.
Volle U-Bahn, alles dicht gedrängt. Plötzlich niest jemand. Instinktiv weichen alle aus. Du denkst sofort: Hilfe, ich will nicht krank werden! Doch wie reagiert dein Körper eigentlich auf Bazillen und Co.? Wie gesund bist du?
Das Angebot des UKE gibt wissenswerte Gesundheitsinfos – von Allergien bis chronische Erkrankungen: Wie entstehen sie? Was passiert im Körper? Wann brauchst du ärztliche Hilfe und wann hilft einfach ein wenig Ruhe? Lerne jetzt deinen Körper besser kennen.
Zu den Lernangeboten: Medizin. Online. Verstehen.
Franzbrötchen? Teile ich nur mit dir.
Wissen? Mit allen.
Ein Café, ein Franzbrötchen, ein gutes Gespräch. Ihr sitzt zusammen, teilt nicht nur das Gebäck, sondern auch das, was euch bewegen. Im Podcast „Life After Art School" der Hochschule für bildende Künste Hamburg (HFBK) und der Hochschule für Musik und Theater Hamburg (HfMT) ist es genauso. Künstler:innen und Kulturschaffende, die in der Hansestadt studiert haben, sitzen zusammen und erzählen offen: Wie geht es weiter nach der Kunsthochschule? Was wird aus dem Traum? Wie verdienen sie Geld? Was war das Studium wert?
Es klingt wie ein Gespräch mit einer guten Freundin. Die Hosts Nora Sternfeld (HFBK), Anne Meerpohl (HFBK) und Cornelius Puschke (HfMT) sprechen in jeder Folge mit Menschen, die den Weg gegangen sind, den du vielleicht auch gehen möchtest. Zum Hören beim Kaffee, in der Bahn, überall.
Zum Podcast: Life After Art School
Im Michel teilen wir die Stille.
In Hamburg unser Wissen.
Der Hamburger Michel ist ein stiller Ort, ein Ort, an dem du dir Zeit nehmen und die Geschichte spüren kannst.
Unser Lernangebot „Historische Klaviere“ der Hochschule für Musik und Theater Hamburg schafft ähnliches: Hier kannst du dir ebenfalls Zeit nehmen und zuhören. Hören, wie ein Klavier aus dem 18. Jahrhundert klingt, verstehen, warum es anders ist.
Hierbei lernst du die Geschichte nicht aus Büchern, sondern durch dein Gehör. Du erfährst nicht nur etwas über Klavier und Spielkunst, sondern auch etwas über Innovationen beim Instrumentenbau und darüber, wie sich Musik verändert hat – ein Kurs für Menschen, die sich Zeit nehmen möchten und zuhören.
Zum Lernangebot: Historische Klaviere - Im Spannungsfeld zwischen Instrumentenbau und Interpretationsgewohnheiten
Tippe mit dem Finger am Smartphone oder klicke mit dem Mauszeiger am Laptop über die Bilder, dann erfährst du mehr über unsere Online-Kurse und Podcasts.
Und wer teilt hier eigentlich?
Wir sind die Hamburg Open Online University – kurz HOOU, ausgesprochen „Hu“. Hinter uns stehen sechs Hamburger Hochschulen und Partnerinstitutionen:
- HAW Hamburg,
- TU Hamburg,
- Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf,
- Hochschule für bildende Künste Hamburg,
- Hochschule für Musik und Theater Hamburg,
- HafenCity Universität Hamburg
- Multimedia Kontor Hamburg
Die Freie und Hansestadt Hamburg fördert diese Initiative, bei der Forschende und Lehrende für die HOOU Onlinekurse entwickeln, Podcasts aufnehmen und zu Veranstaltungen in und um Hamburg einladen. Die Angebote sind nicht nur für Studierende oder Absolvent:innen von Hochschulen, sondern offen für alle Menschen, die sich für neue Themen interessieren.
Was hast du davon?
Du liest, hörst und lernst, ohne dich anzumelden und ohne etwas dafür zu bezahlen. Die Hochschulen teilen ihr Wissen kostenlos. Ein HOOU-Konto brauchst du nur, wenn du deine Kurse speichern oder eine Teilnahmebestätigung haben möchtest, diese gibt es bei ausgewählten Angeboten. Und weil alles unter einer offenen Lizenz steht, darfst du Inhalte kopieren und weiterverwenden – im Unterricht, im Verein, in der Familie oder wo du möchtest. Teilen ist ausdrücklich erwünscht.
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Bild: Maximilian Glas
07.10.2026 | Meena Stavesand
Wie viel Wissenschaft passt in 10 Minuten? Erstaunlich viel, wenn man sie richtig erzählt
Zugegeben: Wellenfeldsynthese, leitfähige Polymere oder auch physische Modelle für die medizinische Qualitätssicherung sind wohl nicht gerade die Themen, mit denen wir uns unter normalen Umständen an einem einzigen Abend auseinandersetzen würden. Tun wir aber, weil wir es können – beim 3. Science and Art Slam der HOOU am 12. November. Und das Schöne: Die Vorträge werden definitiv spannender, als die Begriffe vermuten lassen. Denn genau darum geht es: Wissenschaft verständlich machen – für alle.
Mit einem Phantom assoziieren die meisten von uns sicherlich erst einmal eine unheimliche Person oder ein Gespenst. Wissenschaftler:innen wie Marie Wegner von der TU Hamburg haben direkt etwas ganz anderes im Kopf. Für sie sind Phantome Nachbauten menschlicher Körper oder Organe. Ärzt:innen und Techniker:innen testen und kalibrieren damit Geräte wie Röntgen, CT, MRT oder auch Ultraschall, um sicherzugehen, dass die Bilder scharf sind und die Strahlendosis stimmt. Doch wie funktioniert das eigentlich?
So international sind die Hamburger Hochschulen
Genau das erzählt Marie beim 3. Science and Art Slam am Donnerstag, 12. November, ab 17.30 Uhr in der Zentralbibliothek der Bücherhallen Hamburg. Aber nicht nur sie stellt ihre Forschung vor. Daniel Plöger (TU Hamburg) beschäftigt sich mit der Wellenfeldsynthese und vergleicht Schall- mit Radiowellen. Wer den Unterschied nicht direkt kennt, sollte seinen 10-minütigen Slam unbedingt hören. Und seine Hochschulkollegin Adriana Barros Martínez spricht danach über leitfähige Polymere. Sie wagt einen Blick in die Zukunft und fragt sich, was diese Materialien bewirken können.
Adriana hält ihren Vortrag auf Englisch – wie vier weitere Slammer:innen. Der Science and Art Slam zeigt eindeutig, wie vielfältig und international die Hamburger Wissenschaft ist. Und dabei geht es nicht nur um die Sprache, sondern auch um die Bandbreite der Disziplinen. Wir haben an diesem Abend nicht nur die typischen MINT-Fächer, auch schöne Melodien und die Vielfalt der Musik lassen sich hören.
Von Percussions, einem einsaitigen Instrument und dem Raga
Während Oscar Tudge von der Hochschule für Musik und Theater Hamburg (HfMT) über Percussions slammt, spielt Tam Thi Pham (HfMT) auf dem einsaitigen vietnamesischen Instrument Đàn Bầu – die Gelegenheit mehr über dieses Instrument und die Spielweise zu erfahren, hat man nicht oft.
Learning Dan Bau
Do you want to learn about Dan Bau instrument? How to play it? Let us help you to do it!
Und weißt du, was ein Raga ist? Das Konzept des Raga bezeichnet in der südasiatischen Musik eine komplexe, vielschichtige melodische Einheit. Ein Raga ist nicht einfach nur eine Tonleiter, sondern ein Improvisationssystem, das auf einem präzisen Tonvorrat (Swaras) und festgelegten Regeln für aufsteigende und absteigende Tonbewegungen basiert. Was das genau bedeutet, erzählt Hania Mariam Luthufi (HfMT).
Und keine Veranstaltung darf 2026 ohne künstliche Intelligenz auskommen. So beschäftigt sich Agustín Issidoro (HfMT) mit dem Riesenthema KI-Bildgenerierung und den Grundlagen des Deep Learning. Was ein Tag am Strand damit zu tun hat, erfahren nur die Besucher:innen des Slams.
So läuft der Slam ab
Und wer zu unserem Slam kommt, hat großes Mitspracherecht. Denn am Ende entscheidet das Publikum, wer den Slam-Pokal mit nach Hause nehmen kann. Der lauteste Applaus gewinnt. Jede:r Slammer:in hat nur 10 Minuten Zeit, die Menschen von sich und dem Thema zu überzeugen. Lange Bandwurmsätze, viele Fachbegriffe und unnötige Informationen sind Tabu – es geht um Schnelligkeit und Präzision. Das macht den Slam so spannend und kurzweilig für alle. Vorkenntnisse sind nicht nötig.
Zwischendurch gibt’s eine Pause zum Durchatmen und Diskutieren. Nach dem Slam gehst du garantiert mit einem Kopf voller Ideen nach Hause, die dich so schnell nicht loslassen. Das Beste: Der Einlass ist kostenlos. Aber: Die Plätze sind begrenzt – sichere dir dein Ticket, bevor’s jemand anderes tut:
Wann
Donnerstag, 12.11.2026, 17.30 bis 20 Uhr (Einlass: ab 17 Uhr)
Wo
Zentralbibliothek der Bücherhallen Hamburg
E1 Hühnerposten 1 (Eingang: Arno-Schmidt-Platz)
20097 Hamburg
Anmeldung
Sichere dir jetzt dein Ticket bei unserem Partner, dem MMKH, über diesen Link.
Eintritt
Kostenlos
Die Slammer:innen 2026

Hania Mariam Luthufi (Hochschule für Musik und Theater Hamburg): A journey into the time theory of ragas
And do you know what a raga is? The concept of raga serves as a complex, multifaceted melodic entity in South Asian Musics. A raga is not a simple scale, but a system of improvisation through a precise framework of pitches (swaras), with established rules for ascending and descending movements. The time theory of ragas is a system that links ragas to designated times of the day, night, or seasons to maximize their emotional and aesthetic impact. Hania Mariam Luthufi investigates these improvisations along with their associated times.

Agustín Issidoro (Hochschule für Musik und Theater Hamburg): Make a picture of me relaxing on the beach: How Does AI Image Generation Work?
The presentation will aim at describing the basics of deep-learning image generation. It will cover basic concepts such as training, models, token, prompt, latent space, as well as demonstrating some of the most used techniques and 1/3 workflows to generate AI images and videos nowadays. Although this is a very technical subject, the intention is to offer an overview of its several parts and components. For the grave importance of the matter, the ecological impact of AI technologies will be mentioned, but not fully addressed. Vortrag auf Englisch.

Adriana Barros Martínez (TU Hamburg): The Answer is Polymers: How can new conductive materials revolutionize fashion again?
The main topic of my talk will be conductive polymers, the class of materials I study and create in my PhD studies. I will relate it with more common daily life materials and explain what the future can look like because of these materials. Vortrag auf Englisch.

Oscar Tudge (Hochschule für Musik und Theater Hamburg): Inside Percussion
What is percussion? How can someone write a piece of music for drums and percussion? Inside Percussion dives into the world of percussion; exploring the vast array of instrument choices, playing techniques and sound possibilities that are possible with music for drums, cymbals, xylophones and so much more. Through the recording of five new solo percussion pieces of music and interviews with each young composer, join Oscar Tudge to learn something new about your next favourite instrument. Vortrag auf Englisch.

Daniel Plöger (TU Hamburg): Die Wellenfeldsynthese – Ein Mobilfunkkonzert im Projekt „Next Generation City Networking“
So wie sich bei einem Musikkonzert die Schallwellen ausbreiten, von Wänden reflektiert werden und sich gegenseitig überlagern, so können auch elektromagnetische Überlagerungen von Radiowellen erzeugt werden. Was passiert, wenn die Wellen unterschiedlicher Antennen auf intelligente Art und Weise übereinandergelegt werden? Und wie können wir uns das für ein Mobilfunksystem der nächsten Generation zunutze machen? Auf diese Fragen versuche ich in dieser Präsentation eine kurze Antwort zu geben.

Marie Wegner (TU Hamburg): Fantastic Phantoms and Where to Find Them
Phantome sind physische Modelle, die in der medizinischen Bildgebung zum Testen und zur Qualitätssicherung eingesetzt werden. Im Vortrag möchte ich zeigen, wo und wie man diese Modelle einsetzt, und einige von mir entwickelte Phantome vorstellen.

Tam Thi Pham (HfMT): Extended Techniques for Đàn Bầu
What happens when we explore new ways of producing sound on a traditional Vietnamese instrument? The đàn bầu, with its single string, offers surprisingly diverse possibilities through extended techniques. By experimenting with these techniques, we can discover new textures, timbres, and unexpected sounds. This opens a dialogue between tradition and contemporary music, inspiring new approaches to composition and improvisation. Vortrag auf Englisch.
Mehr zu Lernangeboten, Podcasts und Events gibt es auf unseren Themenseiten

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Bild: Ticka Kao / Unsplash
14.09.2026 | Meena Stavesand
Wissenschaft erzählen, ohne sie zu verbiegen: 5 Fragen für eine gute Story
Eine gute Geschichte kann komplexe Wissenschaft zugänglich machen, eine schlechte kann sie verfälschen. Die Grenze ist dabei selten eindeutig. Die HOOU-Broschüre „10 Impulse zu Storytelling“ der HAW Hamburg gibt Antworten dazu und stellt auch unbequeme Fragen. Hier sind fünf davon. Wer sich intensiver mit dem Thema befassen möchte, kann die Broschüre kostenlos herunterladen.
Im HOOU-Storytelling-Labor an der HAW Hamburg haben Forschende, Lehrende und Projektverantwortliche über mehrere Wochen erprobt, wie sich wissenschaftliche Themen erzählen lassen. Entstanden sind sehr unterschiedliche Geschichten – und eine Reihe von Fragen, die sich alle stellen sollten, die mit Storytelling arbeiten.
1. Erzählen oder erklären – was braucht Wissenschaft, um bei Menschen anzukommen?
Fachpublikationen, Abstracts und Projektberichte aus Hochschulen erreichen in erster Linie diejenigen, die das Vokabular ohnehin teilen. Wenn Wissenschaftler*innen von „Evidenz“, „Datenlage“ oder „Peer Review“ schreiben, stehen diese Begriffe für wissenschaftliche Standards. Menschen, die mit Wissenschaft bisher wenig zu tun hatten, erleichtern sie den Zugang dazu nicht unbedingt. Gerade für Hochschulen als öffentliche Einrichtungen sollte es aber ein Anliegen sein, eine breitere Öffentlichkeit zu erreichen.
Storytelling kann hier ein Türöffner sein. Geschichten machen Inhalte greifbar, schaffen Anknüpfungspunkte und zeigen, warum ein Thema für die Zielgruppe relevant ist. Allerdings konkurrieren wissenschaftliche Inhalte heute mit Formaten, die ebenfalls gut erzählen – oft vereinfacht, manchmal zugespitzt und teilweise schlicht falsch. Das Problem: Eingängige Geschichten werden schnell weitererzählt, unabhängig davon, ob sie auf belastbaren Fakten beruhen.
Storytelling ist daher nicht unbedingt ein neutrales Werkzeug, es kann ein Verstärker sein – in beide Richtungen. Karin Thier, Referentin des HOOU-Storytelling-Labors, sagt dazu: „Eine gute Geschichte macht Menschen schlauer.“ Der Satz klingt einfach, formuliert aber zugleich eine Verpflichtung.
2. Welche Erzählstruktur passt zu welchem Thema?
Das hängt davon ab, was die Geschichte leisten soll.
- Die Drei-Akt-Struktur bringt Erkenntnis- und Argumentationsgänge in eine nachvollziehbare Abfolge.
- Die Held*innenreise erzählt Veränderungsprozesse als Weg.
- Resonanzsensibles Erzählen kommt ohne Held*innen, einen zentralen Konflikt und eine eindeutige Auflösung aus. Es passt zu Themen, bei denen eine dramaturgische Zuspitzung dem Thema nicht gerecht würde.
Ellen Pflaum, Teamleiterin der HOOU an der HAW Hamburg, hat im Storytelling-Labor erprobt, wie sich ein Lernangebot zur Gemeinwohl-Ökonomie mit der Held*innenreise erzählen lässt. Über diesen Prozess sagt sie: „Es ist keine typische Held*innenreise geworden, aber sie orientiert sich daran.“ Und genau das ist ein guter Ansatz: Erzählmodelle sind Werkzeuge, keine Schablonen. Wer sie als Gerüst nutzt und an den richtigen (nötigen) Stellen abweicht, erzählt präziser, als jene, die die Modelle pflichtbewusst durchdeklinieren.
3. Wie viel Zuspitzung verträgt ein wissenschaftliches Thema?
Um eine gute Geschichte zu erzählen, ist es manchmal nötig, Inhalte zu verdichten. Doch was bedeutet das für die Wissenschaft? Fokussierung ist dabei nicht per se problematisch, sondern ein Mittel, ein Handwerk. Kritisch wird es, wenn Verdichtung in Verfälschung umschlägt – etwa, wenn die Geschichte einen vorläufigen Befund als gesicherte Erkenntnis dargestellt oder eine offene Frage zugunsten eines griffigen Endes vorschnell beantwortet.
Die Literaturwissenschaftlerin Julika Griem spricht in diesem Zusammenhang von einer Tendenz zur „Narrativisierung“ und „Eventisierung“ wissenschaftlicher Arbeit – also davon, dass unspektakuläre, aber zentrale Dimensionen wie Routinen, methodische Umwege oder konkurrierende Erklärungen im Erzählfluss verschwinden. Damit es gar nicht erst dazu kommt, liefert die Broschüre konkrete Werkzeuge: drei Blickrichtungen fürs Gegenlesen der eigenen Geschichte und zehn Postulate, die helfen, erzählerische Entscheidungen bewusst zu treffen.
4. Wessen Perspektive erzähle ich und wessen nicht?
Wer erzählt, wählt aus, wer welche Rolle in der Story spielt und wer nicht vorkommt – diese Auswahl ist nicht zu vermeiden, aber zu reflektieren. Die nigerianische Autorin Chimamanda Ngozi Adichie warnt vor der „Gefahr einer einzigen Geschichte“: Ein verzerrtes Bild entsteht nicht nur durch falsche Aussagen, sondern auch dadurch, dass eine Perspektive dominiert und andere unsichtbar bleiben.
Wenn wir das auf die Wissenschaftskommunikation übertragen, heißt das: Wenn immer dieselben Menschen erzählen, dieselben Held*innen vorkommen, dieselben Probleme dramatisiert werden, prägt es, was am Ende hängen bleibt und was als „normal“ angesehen wird.
Karin Thier setzt dieser Herausforderung das machtsensible Erzählen entgegen. Dahinter steht eine Erzählhaltung, die bewusst danach fragt, wer welche Rolle erhält und wer eben nicht vorkommt. Die Broschüre stellt ein einfaches, aber wirksames Prinzip voran: Storylistening vor Storytelling. Also erst zuhören, sammeln, verstehen – dann erzählen.
5. Kann man Storytelling überhaupt lernen?
Ja. Storytelling-Expertin Karin Thier sagt es in der Broschüre so: „Ich erlebe immer wieder, wie überrascht Menschen sind, wenn sie merken, dass man gute Geschichten systematisch entwickeln kann.“ Es gibt Methoden, Strukturen, Werkzeuge, und es gibt Übung und Feedback. Wer beides zusammenbringt, kommt weiter.
Genau das war die Idee des HOOU-Storytelling-Labors: ein geschützter Erprobungsraum, in dem Forschende, Lehrende und Projektverantwortliche eigene Themen erzählerisch bearbeitet, verschiedene Ansätze ausprobiert, verworfen und weiterentwickelt haben. Entstanden sind sehr unterschiedliche Geschichten: ein Comic über rechtliche Unsicherheiten bei OER, eine Reise in den Mikrokosmos eines Badesees, eine Motivserie über Hamburg als Stadt, die Wissen teilt, oder auch ein animiertes Video.
Die Impulse zeigen, was funktionieren kann und wo es kompliziert wird. Die Broschüre ist daher kein Lehrbuch, sondern eine Sammlung von Erfahrungen, die zum Weiterdenken einlädt.
Jetzt kostenlos downloaden
Bild: Roman Synkevych / Unsplash
31.08.2026 | HOOU
Die Macht der Böden – Warum Böden wichtiger für uns sind, als wir denken
Böden sind wahre Meister, wenn es darum geht, Wasser zu speichern, Schadstoffe zu filtern und Pflanzen mit Nährstoffen zu versorgen. Sie bilden die Grundlage für unsere Ernährung, sorgen für sauberes Trinkwasser und können sogar Auswirkungen der Klimakrise abmildern. Trotzdem wird ihre Wirkung regelmäßig unterschätzt. Warum sich das ändern muss, was sie an Böden fasziniert und wie wichtig gesunde Böden für unser Ökosystem sind, erklärt Jana Rose, Wissenschaftlerin an der TU Hamburg, im Interview. Sie hat mit ihrem Team das Lernangebot „Good soil, good future“ erstellt. Das Interview führte Stefanie Eisenreich.
Jana, warum sollten wir uns mehr für unsere Böden interessieren?
Wir alle werden direkt vom Zustand des Bodens beeinflusst. Wenn wir kontaminierten Boden haben, kontaminieren wir uns selbst. Wenn der Boden Schadstoffe hat, dann sind diese im Wasser, das wir trinken oder in den Lebensmitteln, die wir essen. Ich kenne ein Beispiel, bei dem ein Chemiekonzern große Landstriche mit Cadmium kontaminiert hat, und die Landwirte, die dort anbauten, hatten sehr hohe Konzentrationen von Cadmium in ihren Karotten und Kartoffeln. Die Menschen haben unwissentlich über eine Generation lang kontaminierte Lebensmittel gegessen. Der direkte Bezug ist für jeden gegeben.
good soil, good future - Healthy soil regenerates resources
Fruit and vegetables nowadays contain fewer nutrients than in the past. This is because soils are severely degraded and provide plants with fewer nutrients. Conventional agricultural practices not only degrade the soil and reduce its fertility but also pollute water bodies. The “good soil, good future” course explains the methods that can be used to improve this condition and how they affect various soil parameters such as water storage capacity and nutrient content. It also suggests simple experiments you can carry out to check and improve soil conditions, whether in your houseplants, garden, or field.
Was fasziniert dich am meisten am Thema Boden?
Während meiner Bachelorarbeit habe ich mich intensiv mit Lehmsteinen beschäftigt. Mich begeisterte der Gedanke, dass man von Materialien wegkommt, die nur Müll verursachen. Trotz des deutlichen Rückgangs machten zum Beispiel im Jahr 2023 die Bau- und Abbruchabfälle mit knapp 200 Millionen Tonnen weiterhin den Großteil des Gesamtabfallaufkommens aus (52 %). Lehmsteine hingegen werden aus Boden hergestellt. Sie können einfach in Wasser eingeweicht werden, lösen sich auf und sind somit wiederverwendbar. Neben der Nutzung von Boden als Baumaterial, ist das Faszinierendste jedoch, dass er die Grundlage für unsere Lebensmittel und für sauberes Wasser ist. Leider vergessen wir oft, dass der Boden unser Fundament ist und behandeln ihn wie Dreck.
Und trotzdem bekommt der Boden viel zu wenig Aufmerksamkeit.
Ja, es werden Millionen investiert, um Produkte zu vermarkten – für den perfekten „Crunch“ oder die perfekte Kombination aus süß, salzig, crunchy und weich, wie bei Oreo-Keksen. Aber es wird kein Marketing für eine gesunde Banane gemacht. Ähnlich ist es in der Landwirtschaft: Es wird viel Geld in die Erforschung der Effekte agrochemischer Produkte gesteckt. Natürliche Heilquellen wie Kurkuma aber können nicht patentiert werden, und Firmen können damit kein Geld verdienen. Wir haben jedoch mit unserem Projekt Glück, dass wir von Wasserversorgern finanziert werden, deren einziger Fokus sauberes Trinkwasser ist und die kein kommerzielles Verkaufsinteresse haben.
In deinen Forschungen geht es auch um unsere Trinkwasserversorgung. Wir hören oft von drohenden Wasserkrisen – auch wegen sinkender Grundwasserspiegel. Wie ordnest du das ein?
Ich nutze gerne die Anekdote eines Klimaforschers, der sagte: Eine Tasse steht am Rand eines Tisches im Gleichgewicht. Wenn wir sie immer weiterschieben, fällt sie irgendwann runter und zerspringt in Splitter. Sie ist dann zwar wieder im Gleichgewicht, aber es ist ein anderes Gleichgewicht als vorher. Das ist vergleichbar mit dem Klimawandel. Wir müssten jetzt extrem viel machen, um zu verhindern, dass die Tasse herunterfällt. In der Region unseres Forschungsprojekts sehen wir auf jeden Fall, dass die Grundwasserspiegel sinken, und das ist ein Problem, das es überall auf der Erde gibt. Wir denken immer, Grundwasser ist endlos vorhanden und Wasser gibt es überall, aber das stimmt nicht. Süßwasser ist eine endliche Ressource.
good soil, good future – Podcast
Boden und Wasser hängen enger zusammen, als viele denken. Kann der Boden Wasser und Nährstoffe gut aufnehmen, bleiben sie im natürlichen Kreislauf. Ist er jedoch geschwächt, werden Stoffe ausgewaschen und gelangen in Flüsse, Seen oder ins Grundwasser. Besonders Rückstände aus Düngemitteln wie Nitrat können dort Umwelt, Tiere und auch uns Menschen belasten. Im „Wissenschaft kurz erklärt”-Podcast „Guter Boden, gutes Wasser” bekommst du einen verständlichen Überblick über diese Zusammenhänge. In einem Gespräch mit zwei Expert*innen aus Wissenschaft und Praxis erfährst du, warum Böden in gutem Zustand die Grundlage für sauberes Trinkwasser sind – und welche einfachen Schritte du selbst im Alltag gehen kannst, um Boden und Wasser zu schützen.
Du sprichst in eurer Podcastfolge mit dem Vorstand des bayrischen Trinkwasserschutzes Oberpfalz über steigende Nitratwerte im Grundwasser durch Überdüngung. Wie hängt das mit dem sinkenden Grundwasserspiegel zusammen?
Wenn wir weniger Wasser haben, aber den gleichen Schadstoffeintrag, dann haben wir umso mehr Schadstoff im Wasser. Das Herausfiltern dieser Stoffe verursacht sehr hohe Kosten. Wasserversorger vermeiden es deshalb, wenn es nicht gesetzlich vorgegeben ist. Das bedeutet, viele Stoffe bleiben dann im Grundwasser und kontaminieren in der Folge unser Trinkwasser. Deshalb sind solche Trinkwasserkooperationen wie die in Bayern ein wichtiger Teil der Lösung.
Laut Umweltbundesamt sind etwa 45 Prozent aller Siedlungs- und Verkehrsflächen in Deutschland versiegelt, also bebaut, asphaltiert oder anderweitig befestigt. Welche Rolle spielt das für den Boden und unser Trinkwasser?
Flächenversiegelung ist die Vollkatastrophe für den Boden. Es wird ihm sozusagen die obere Haut abgeschnitten. Er kann nicht mehr atmen. Wir zerstören damit alles, was sich darunter befindet. Insbesondere in Städten führt Versiegelung dazu, dass wir keine Grundwasserauffüllung mehr haben. Das Wasser versickert nicht nach unten, sondern geht in die Kanalisation, wird gereinigt und fließt in die Flüsse und dann ins Meer. Das saubere Trinkwasser ist damit weg und kann nicht in den Kreislauf zurückkehren. Versiegelung führt auch zu einem Temperaturanstieg – in Städten haben wir ein Mikroklima mit bis zu 2 Grad mehr. Wir zerstören das komplette Habitat für Mikroorganismen und Vögel.
Welche Schritte müssten wir gehen, um eine Veränderung einzuleiten?
Als Erstes muss ein Bewusstsein dafür entstehen. Wir sollten nicht versuchen, besser als die Natur zu sein, indem wir irgendwelche Produkte entwickeln, sondern die Natur nachahmen. Ich glaube, wir haben eigentlich alle Lösungen schon parat, wir wenden sie nur nicht an. Im Alltag können wir auf individueller Ebene aber alle sehr leicht Dinge tun, die den Boden und unser Trinkwasser schützen. Wir können Wasser sparen, im eigenen Garten oder vor dem Haus Flächenversiegelung vermeiden, mit Wurmboxen dazu beitragen, die Nährstoffe ihrem natürlichen Kreislauf zurückzuführen, auf richtiges Recycling achten oder auch die ein oder andere Jeans weniger kaufen. All unsere Konsumentscheidungen tragen letztlich auch dazu bei, wie gut unsere Trinkwasserversorgung ist.
Über Jana Maria-Magdalena Rose
Jana Maria-Magdalena Rose forscht an der TU Hamburg in Kooperation mit der Hamburg Open Online University zum Thema Bodengesundheit. Jana studierte Bau- und Umweltingenieurwesen und wollte ursprünglich Bauingenieurin werden. Später kam sie zur Hydrogeologie, um der Geschichte (und damit auch ihrer Faszination) von Böden auf den Grund zu gehen. Derzeit widmet sich Jana in ihrer Promotion dem Zusammenhang zwischen Bodenbearbeitung und dem im Boden vorherrschenden Mikrobiom.
Bild: Unsplash / Videodeck .co
20.08.2026 | Meena Stavesand
Podcasting an Hochschulen: Was Audioformate für die Wissenschaft leisten können
Zehn Perspektiven, ein gemeinsames Medium: Die neue Broschüre „10 Jahre HOOU – 10 Stimmen zum Podcasting“ der HAW Hamburg zeigt, was passiert, wenn Lehre, Forschung und Kreativität gemeinsam das Mikro übernehmen. Es ist die zweite Publikation in der Broschürenreihe anlässlich des HOOU-Jubiläums.
Was können Podcasts im Hochschulkontext bewirken? Wie gelingt der Einstieg und was macht das Medium so besonders, wenn es um Bildung, Wissenschaft und gesellschaftliche Themen geht? Die neue Broschüre der HOOU@HAW Hamburg widmet sich genau diesen Fragen. Nach dem Auftakt mit „10 Fragen zu KI-Output, Urheberrecht und OER“ folgt damit nun die zweite Ausgabe dieser Broschürenreihe.
Verschiedene Autor:innen teilen ihre Erfahrungen mit dem Podcasting – vom ersten Workshop bis zur veröffentlichten Folge. Sie erzählen von Produktionsprozessen, Aha-Momenten, Stolpersteinen, rechtlichen Fragen, technischen Entscheidungen und der Wirkung von Podcasts in der Wissenschaft. Dabei wird klar: Podcasts sind mehr als ein Trendformat. Sie eröffnen Räume für Dialog, ermöglichen niedrigschwellige Teilhabe an Forschung und Lehre und schaffen neue Zugänge zu komplexen Themen.
Was die Broschüre lesenswert macht
- ehrliche Einblicke aus der Praxis – von der Idee bis zur Veröffentlichung
- konkrete Erfahrungen aus HOOU-Workshops
- Themen wie Recht, Open Educational Resources (OER), Diversität, Wissenschaftskommunikation und KI
- neue Perspektiven auf das Zusammenspiel von Bildung, Audio und Gesellschaft
Der Podcast zur Podcastbroschüre
Ein besonderes Extra: Ein sechsminütiger KI-generierter Podcast fasst Inhalte aus der Broschüre zusammen – überraschend stimmig, manchmal aber auch ein wenig wirr, aber hörenswert. Ein spannendes Experiment.
Wer sich für Podcasting in der Hochschule interessiert, findet hier keine Schritt-für-Schritt-Anleitung, sondern echte Stimmen, lebendige Perspektiven und viele Anregungen zum Weiterdenken.
Jetzt downloaden
Lust auf mehr?

Gute Nachrichten für alle Podcast-Fans: Auch in diesem Jahr bietet die HOOU spannenden Live-Shows aus Hamburg eine Bühne und feiert damit das Medium in besonderer Atmosphäre. Am 6. Oktober ab 19:00 Uhr gehört der Hansa-Theatersaal den Hosts vier verschiedener Formate und ihren Gästen.
Bild: Roman Kraft / Unsplash
11.08.2026 | HOOU
Warum uns Nachrichten ermüden und wie wir damit umgehen können
Immer mehr Menschen fühlen sich von Nachrichten überfordert. Die Forschung spricht von Nachrichtenmüdigkeit: zu viele Krisenmeldungen, zu wenig Orientierung, oft folgt der Rückzug. Das Lernangebot „News-Life-Balance“ der TU Hamburg und der Hamburg Media School zeigt, warum dieser Zustand entsteht und wie sowohl Mediennutzende als auch Journalist:innen Wege finden können, informiert zu bleiben, ohne auszubrennen. Welche Ursachen dahinterstehen und was sich verändern müsste, erklären Anke Gehrmann, freie Journalistin, und Prof. Christopher Buschow, Studiengangsleiter für Digitalen Journalismus an der Hamburg Media School. Das Interview führte Johanna Rose-Jastram.
Frau Gehrmann, früher schien der Umgang mit Nachrichten klarer geregelt. Was war anders?
Anke Gehrmann: Früher gab es feste Nachrichtenrituale. Da gab es zum Frühstück die Tageszeitung oder die Radiosendung, die fünf oder manchmal auch nur zehn Minuten ging. Die Tageszeitung hat man von A bis Z durchgeblättert und dann war man durch. Oder abends gab es die Tagesschau oder andere Nachrichtensendungen. Die Nachrichten wurden mit einer Verzögerung vorgetragen, von Sprecher:innen, die sehr distanziert waren. Das waren Barrieren oder Distanzmöglichkeiten. Da wusste man genau: Ich bin orientiert, so und so viel muss ich wissen.
Wie unterscheidet sich das von der heutigen Nachrichtenwelt?
Anke Gehrmann: Heute sind die Faktoren ganz andere. Es gibt einen 24/7-Newsflow. Man wird auf allen Kanälen bombardiert. Man scrollt immer weiter, weil die Algorithmen so programmiert sind, dass sie dich möglichst lange halten. Das führt zu totaler Überforderung. Man hat gar keine Zeit mehr, sich zurückzuziehen, zu verarbeiten oder eine Distanz zu finden.
Herr Buschow, warum führt diese Überforderung so oft zu Nachrichtenvermeidung?
Christopher Buschow: Es gibt verschiedene Faktoren, die zu Nachrichtenvermeidung führen. Negative Nachrichten sind ein wesentlicher Treiber, das zeigt die Forschung sehr deutlich. Krisen, Konflikte und Negativität führen dazu, dass Menschen sich überlastet fühlen und keine Selbstwirksamkeit spüren – also keine Möglichkeit, die Situation ein Stück weit zu verändern.
Wissenschaft kurz erklärt: News-Life-Balance
Negative Schlagzeilen, ein endloser News-Stream und Krisen im Dauerlauf: Viele Menschen fühlen sich von Nachrichten überfordert. Der Podcast zum Lernangebot “News-Life-Balance” der Hamburg Open Online Universität erklärt anhand aktueller Forschung, warum Nachrichtenvermeidung entsteht, welche Rolle der Journalismus dabei spielt und wie bewusster Konsum sowie konstruktive Ansätze wieder zu Orientierung führen. Mit Prof. Christopher Buschow und Anke Gehrmann von der Hamburg Media School.
Frau Gehrmann, was passiert, wenn Menschen über längere Zeit fast nur Negatives sehen?
Anke Gehrmann: Das Problem ist: Wenn man so viele negative oder ausschließlich negative Nachrichten hört, rutscht man in eine sogenannte erlernte Hilflosigkeit. Die Menschen kommen in ein Ohnmachtsgefühl: ‚Es ist alles so schlecht, ich kann eh nichts tun.‘ Wenn es immer nur dieses eine Narrativ gibt, schlägt das auf die Stimmung – und viele sagen dann: Damit beschäftige ich mich nicht mehr.
Herr Buschow, eine Pause kann gesund sein. Wo beginnt es problematisch zu werden?
Christopher Buschow: Bei der bewussten Nachrichtenvermeidung ist es oft eine Schutzreaktion. Man sagt: Ich kann das nicht so lange ertragen, ich brauche Pausen ohne Nachrichten, in denen ich Kraft sammeln kann. Viele vermeiden einzelne Themen, vermeiden Nachrichten zu Trump, oder nehmen sich Auszeiten am Wochenende oder abends, schalten Push-Nachrichten ab. Das ist häufig reflektiert. Aber es gibt einen Kipppunkt. Wenn man merkt, dass man eigentlich gar keine Lust mehr auf Nachrichten hat und dauerhaft abschaltet, verliert man den Bezug zu den eigenen Nutzungsroutinen. Und das kann gesellschaftliche Effekte haben: Menschen sind schlechter informiert, treffen schlechtere Entscheidungen und gehen seltener wählen.
Welche Risiken entstehen, wenn viele Menschen sich dauerhaft zurückziehen?
Anke Gehrmann: Studien zeigen klar: Menschen, die Nachrichten vermeiden, sind viel anfälliger für Desinformation und Desinformationskampagnen, weil sie nicht kritisch und fundiert informiert sind. Das ist ein Risiko für die Gesellschaft, weil wir Menschen brauchen, die mündige Entscheidungen treffen. Das ist wichtig für die Demokratie.
Trägt der Journalismus zu diesem Problem bei?
Christopher Buschow: Wir wissen aus der Forschung, dass Negativität zwar zu Erschöpfung und Vermeidung führt, aber gleichzeitig sehr populär ist. Online wird mehr geklickt, wenn Headlines negativer sind. Das hat evolutionsbiologische Gründe: Die schlechte Nachricht war früher überlebenswichtig – der Säbelzahntiger vor der Höhle. Das erklärt, warum negative Nachrichten heute stärker konsumiert werden.
Anke Gehrmann: Und der wirtschaftliche Druck ist enorm. Wenn man eine bestimmte Quote erreichen muss, ist man geneigt, das Bild zu nehmen, das mehr geklickt wird. Das hat nichts mit Sensationslust zu tun, sondern damit, wie das Gehirn funktioniert: Wir klicken das Bild mit dem Feuerball eher an als eine positive Lösungsgeschichte. Und das ist auch das, was wir gelernt haben: „Only bad news are good news“.

Jeder kennt Work-Life-Balance. Aber niemand kennt seine News-Life-Balance. Dabei brauchen wir eine neue Balance zwischen der Nachrichtenwelt und unserem eigenen Leben.
Anke Gehrmann, Hamburg Media School
Wenn der Journalismus Teil des Problems ist, wie könnte er Teil der Lösung werden?
Christopher Buschow: Wir können nichts an den Krisen ändern. Aber der Journalismus muss nicht ohne konstruktive Perspektive berichten. Es geht nicht darum, das Positive zu betonen. Aber eine Lösungsorientierung, ein Weg nach vorne, kann Menschen zurückholen, die sonst sagen: Es ist immer alles negativ. Diese Geschichten zeigen Selbstwirksamkeit: Du kannst etwas ändern, auch im kleinen Wirkbereich. Das ist wichtig.
Frau Gehrmann, Sie haben das Konzept der News-Life-Balance entwickelt. Was bedeutet das?
Anke Gehrmann: Jeder kennt Work-Life-Balance. Aber niemand kennt seine News-Life-Balance. Dabei brauchen wir eine neue Balance zwischen der Nachrichtenwelt und unserem eigenen Leben. Die Frage ist: Wie können wir gut informiert bleiben und gleichzeitig gesund und stabil bleiben. Auch als Journalist:innen? Das Lernangebot hilft, genau das herauszufinden.
Wie sieht Ihre eigene News-Life-Balance aus?
Anke Gehrmann: Es ist kein Rezept, sondern ich versuche, mich immer besser kennenzulernen: Wie reagiere ich auf Nachrichten, im Vergleich zu anderen? Das ist individuell. Und es geht viel ums Nervensystem: Bin ich in Sicherheit? Wenn ich Nachrichten schaue und merke, dass mich etwas belastet, setze ich bewusst etwas dagegen. Das kann ein Spaziergang sein. Oder etwas ganz Simples wie: Ich schaue mich im Raum um und stelle fest, dass ich hier gerade safe bin.
News-Life-Balance: Wie wir informiert bleiben, ohne auszubrennen
Negative Schlagzeilen, ein endloser News-Stream und Krisen im Dauerlauf: Viele Menschen fühlen sich von Nachrichten überfordert. Der Podcast zum Lernangebot “News-Life-Balance” der Hamburg Open Online Universität erklärt anhand aktueller Forschung, warum Nachrichtenvermeidung entsteht, welche Rolle der Journalismus dabei spielt und wie bewusster Konsum sowie konstruktive Ansätze wieder zu Orientierung führen. Mit Prof. Christopher Buschow und Anke Gehrmann von der Hamburg Media School.
Strategien für einen gesunden Nachrichtenumgang
Wenn ihr euch tiefer mit dem Thema beschäftigen wollt: Das Lernangebot „News-Life-Balance“ der Hamburg Open Online University führt durch die zentralen Ursachen von Nachrichtenmüdigkeit, zeigt anhand aktueller Forschung, wie Mediennutzung und Nervensystem zusammenhängen, und bietet Übungen, Reflexionsimpulse und praktische Strategien für einen gesünderen Umgang mit Nachrichten.
Hier findet ihr das gesamte Lernangebot mit Hintergrundmaterial und interaktiven Elementen:
Bild: Google DeepMind / Unsplash
05.08.2026 | Meena Stavesand
KI ist Teamsport: Warum wir alle mitspielen sollten
„Education is key“ – aber reicht Aufklärung allein? Bildungsexperte Max Landefeld vom Fraunhofer-Institut für Intelligente Analyse- und Informationssysteme IAIS erklärt, warum KI ohne diverse Teams unvollständig bleibt und wichtige Perspektiven übersieht, was der EU AI Act bringen soll und weshalb KI-Kompetenz schon in der Schule beginnen muss. Das Interview ist ein Plädoyer für KI als Teamsport statt Tech-Monopol.
Mit der HAW Hamburg hat das Fraunhofer IAIS das Lernangebot „KI und Diversität“ erstellt. Warum das wichtig ist? Künstliche Intelligenz reproduziert unsere Vorurteile und genau daran müssen wir auf Entwicklungs- und Nutzungsebene arbeiten. Wie das aussehen kann, verrät Max Landefeld im Gespräch.
KI und Diversität
Um mit KI verantwortungsvoll umgehen zu können, bietet euch dieser Kurs ein Verständnis für KI-Konzepte, Biases, ethische Fragestellungen und Standards vertrauenswürdiger KI.
Wenn Sie Künstliche Intelligenz und Diversität hören, welche drei Begriffe kommen Ihnen in den Sinn und warum?
Max Landefeld: Mir kommt zuerst der Begriff „Spiegel“ in den Kopf – das mag etwas pathetisch klingen, aber KI zeigt uns relativ schnell, was in unseren Daten und damit auch in unseren Denkmustern steckt. Als Reflexionsinstrument sehe ich diese Technologie als sehr wertvoll an.
Der zweite Begriff, der direkt an das Thema Daten anknüpft, ist „Fairness“ beziehungsweise „Unfairness“. Viele Daten weisen Selection Bias auf – diskriminierende Muster finden sich in den Daten wieder und werden dann häufig unbewusst durch die Algorithmen reproduziert. Die Algorithmen selbst haben erst einmal keinen eigenen Wertemechanismus, was dann häufig zu unfairen Ergebnissen führt.
Als dritten Begriff denke ich an „Vertrauenswürdigkeit“ oder „Trustworthiness“. Dieser Bereich der Forschung setzt sich kritisch mit KI auseinander und fasst Initiativen und Ansätze zusammen – seien es technologische oder regulatorische Ansätze. Sie beschäftigt sich mit der Entwicklung und dem Einsatz von KI, die insbesondere zuverlässig, ethisch und sicher sein soll. Das sind die ersten Buzzwords, die mir in den Kopf kommen.

Bias (engl. für Verzerrung oder Voreingenommenheit) bezeichnet systematische Fehler oder Unausgewogenheiten in Daten und Algorithmen, die zu unfairen oder diskriminierenden Ergebnissen führen. Diese entstehen, wenn KI-Systeme mit historischen Daten mit gesellschaftlichen Ungleichheiten trainieren.<br><br>Beispiele: Recruiting-Software bevorzugte männliche Bewerber, Gesichtserkennungssysteme funktionieren bei hellhäutigen Personen zuverlässiger als bei People of Color, Kreditvergabe-Algorithmen benachteiligen Menschen aus bestimmten Wohngebieten.<br><br>Gegensteuern lässt sich durch vielfältige Entwicklungsteams, repräsentative Trainingsdaten und kontinuierliche Überprüfung der Ergebnisse.
Sie beschäftigen sich mit KI und Diversität. Gab es einen Schlüsselmoment, der Ihr Interesse oder Bewusstsein für verantwortungsbewusste und vielfältige KI besonders geweckt hat?
Landefeld: Ich arbeite seit mehreren Jahren im Bildungsbereich, und wenn ich ehrlich bin, sind es die Diskussionen mit Schülerinnen und Schülern, die mich besonders prägen. Sie berichten ungefiltert von ihren Ängsten, Vorbehalten und negativen wie positiven Erfahrungen mit KI. Ich kann also keinen genauen Termin nennen, aber die Debatten, die mich über die vergangenen Jahre begleiteten, haben mein Interesse und mein eigenes Bewusstsein für das Thema stark gefördert und gestärkt.
Was sind die Ängste der Schüler:innen?
Landefeld: Häufig befürchten sie, dass KI wie in einem Science-Fiction-Film – Stichwort Terminator – autonom die Weltherrschaft übernimmt. Das sind die extremen Gedanken. Einfachere Beispiele kennen sie von Instagram, TikTok oder aus Zeitungen: Systeme, die bestimmte Gruppen ausschließen, beispielsweise bei Bewerbungen für Jobs. Oder Chatbots, die regelmäßig schädlichen Input geben, aber auch Feedback, das irreführend ist und die Schülerinnen und Schüler verunsichert.
Hat sich das in den vergangenen Jahren verstärkt? Als ChatGPT rauskam, wurde KI quasi gesellschaftsfähig. Vorher war sie eher ein Thema für Fachleute. Haben sich die Gespräche verändert?
Landefeld: Die Besonderheit ist: Wir nutzen KI schon seit vielen Jahren, teils Jahrzehnten – häufig wissen wir das aber nicht. Es fängt bei den Empfehlungsalgorithmen von Social Media an, geht über Googles Page-Ranking-Algorithmus bis hin zur Face-ID am Smartphone oder Google Maps. Überall stecken Machine Learning und Deep-Learning-Algorithmen drin.
Mit ChatGPT hatten wir jetzt einen Game Changer: Mit einem Aha-Effekt bekommt man generischen Output und allen wird klar: Okay, das scheint ein KI-System zu sein. Die größte Herausforderung dabei ist das Thema Aufklärung. Wir sagen immer „Education is key“ – und da ist etwas dran. Wir sollten versuchen, KI-Kompetenzen zu schulen und im besten Fall in der Schule damit anfangen, wirklich aufzuklären. Das bedeutet nicht, dass jede:r Data Scientist:in werden muss – das sind die Fachleute, die sich mit der Algorithmik und der Konzeptionierung von KI-Systemen beschäftigen. Aber zumindest jede:r sollte ein grundlegendes Verständnis haben:
- Wie funktioniert so ein Algorithmus?
- Warum sind Daten wichtig?
Nur so können wir potenziell gefährliche Outputs wie Bias erkennen, reflektieren und einschätzen.
Neben der Aufklärung ist die Transparenz wichtig. Insbesondere wenn wir KI nutzen, wissen wir im Regelfall nicht, welche Daten ins Modelltraining geflossen sind. Da braucht es Transparenz – auch auf der Anbieterseite.
Gelingt das aktuell?
Landefeld: Aktuell gelingt es wenig bis kaum. Wir haben den EU AI Act, der derzeit sukzessive in nationales Recht überführt wird. Diese europäische KI-Regelung soll Abhilfe schaffen und insbesondere die Anbieter dazu verpflichten, ihre Systeme kritisch aufzubauen und zu prüfen. Auch hier spielt das Stichwort Vertrauenswürdigkeit eine große Rolle.
Wir in Europa haben große Hoffnungen, dass diese KI-Entwicklung auf europäischer Ebene zu unseren Gunsten beeinflusst wird und wir uns kritischer und selbstreflektierter damit auseinandersetzen. Wobei wir einschränken müssen: Es handelt sich um europäisches, nicht um internationales bzw. globales Recht.

Der AI Act (KI-Verordnung) ist ein umfassendes Gesetz zur Regulierung Künstlicher Intelligenz, das die Europäische Union (EU) 2024 verabschiedet hat. Die Verordnung wird derzeit schrittweise in nationales Recht überführt und soll 2026 vollständig in Kraft treten.<br><br>Das Gesetz teilt KI-Systeme nach ihrem Risiko ein: Anwendungen mit unannehmbarem Risiko wie biometrische Massenüberwachung werden verboten. Hochrisiko-KI in sensiblen Bereichen wie Bewerbungsverfahren, Kreditvergabe oder Strafverfolgung unterliegt strengen Auflagen. KI mit geringem Risiko wie Chatbots muss als solche gekennzeichnet werden. Für KI-Anbieter bedeutet das: Sie müssen offenlegen, welche Daten sie zum Training verwendet haben, Risiken dokumentieren und ihre Systeme auf Diskriminierung prüfen. Bei Verstößen drohen hohe Strafen. <br><br>Der AI Act gilt als wichtiger Schritt für vertrauenswürdige KI, betrifft aber nur den europäischen Markt – internationale Standards fehlen weiterhin.
Wie kann Diversität dazu beitragen, KI fairer und besser zu machen?
Landefeld: Diversität ist ein elementarer Schlüssel, weil sie Blickwinkel erweitert. Auf der einen Ebene bei der Entwicklung – das geht von der Datenauswahl bis hin zur Interpretation der Ergebnisse. Unterschiedliche Erfahrungen, kulturelle Hintergründe und Denkweisen können dabei helfen, Wissenslücken zu erkennen , Perspektivenvielfalt zu ermöglichen und damit gerechtere, vertrauenswürdige Systeme zu gestalten. Das ist die Entwicklungsseite, wo wir noch viel Potenzial haben.
Gleichzeitig müssen sich aber auch die Nutzenden damit auseinandersetzen – also diejenigen, die diese Systeme nicht selbst entwickeln, sondern sie tagtäglich anwenden. Auch sie müssen sich damit beschäftigen und beispielsweise den Output ihrer Chatbot-Anfragen kritisch prüfen.
Warum ist es wichtig, dass möglichst viele Menschen – nicht nur Fachleute – ein Verständnis für KI und Vielfalt entwickeln?
Landefeld: Weil KI so allumfassend ist und alle Gesellschaften, alle Industrien berührt. Das betrifft insbesondere die private Nutzung zu Hause mit den sozialen Medien, aber auch die ganze Joblandschaft. Es wird keine Industrie geben, die langfristig nicht bedeutend von KI berührt wird und sich dadurch verändert.
Deshalb ist es ganz wichtig, dass wir uns alle kritisch damit auseinandersetzen. Ein Kollege von mir sagt immer: „KI ist Teamsport.“ Das fasst es gut zusammen. Es ist eben nicht dieses „nerdige“ Informatik-Thema, mit dem sich nur die Data Scientists befassen sollen.
Denn selbst Data Scientists mit einem multikulturellen, diversen Hintergrund sind nicht zwingend repräsentativ für Gesellschaften. Es sind häufig doch die Akademiker:innen mit mathematisch-statistischem Hintergrund. Deswegen muss man sich – wieder diese Differenzierung – auf der Entwicklungsebene kritisch damit auseinandersetzen und ein grobes Verständnis auch für diese algorithmische Voreingenommenheit und Biases in KI-Systemen entwickeln, aber eben auch auf der Nutzungsebene.
Sie haben mit der HAW Hamburg am Fraunhofer IAIS ein Lernangebot zu KI und Diversität entwickelt: Was kann ich da lernen?
Landefeld: Wir befassen uns auf der einen Seite mit den Grundlagen: Was ist KI überhaupt? Woher kommt sie? Es gibt verschiedene Begriffe und Grundtechnologien, die in fast allen Systemen vorkommen – die erklären wir. Des Weiteren erklären wir das Thema Biases und welchen Bezug das zur Diversität hat. Wir zeigen auf, warum diverse Ansätze so wichtig sind. Dann schauen wir uns an, was auf regulatorischer Ebene passiert und was die europäischen Institutionen vorgeben – an Leitlinien, aber auch an Gesetzen wie dem EU AI Act. Zum Abschluss üben wir den kritischen und reflektierten Umgang mit solchen Tools, mit den Chatbots, die gerade sehr präsent in unserem Alltag sind.
KI und Diversität
Um mit KI verantwortungsvoll umgehen zu können, bietet euch dieser Kurs ein Verständnis für KI-Konzepte, Biases, ethische Fragestellungen und Standards vertrauenswürdiger KI.
An welche Altersgruppe richtet sich das Angebot?
Landefeld: Das E-Learning richtet sich an Menschen ab 16 Jahren aufwärts – insbesondere an Schülerinnen und Schüler, aber auch an Studierende der Hochschulen. Es ist ansonsten offen für alle. Wir freuen uns, wenn Menschen mit einem anderen Hintergrund, beispielsweise im Kontext der beruflichen Weiterbildung, sich damit auseinandersetzen. Demnach ist es auch kostenlos und frei verfügbar für alle. Sie bekommen dort einen schnellen Einstieg, wenn Sie sich mit dem Thema befassen wollen.
Wenn Sie in die Zukunft blicken: Was wünschen Sie sich für den gesellschaftlichen Umgang mit KI in einer pluralistischen Welt?
Landefeld: Ich fände es schön, wenn KI von diesem reinen Informatik-Thema weg kommt und als gemeinsames Gestaltungsprojekt verstanden und interpretiert wird. Denn es ist kein rein technisches Thema – es ist so bedeutsam und hat so viel Einfluss auf verschiedene Bereiche bei uns privat, aber auch auf der Arbeit. Im Zuge dessen – und das ist vielleicht sogar ein Appell, den ich formulieren möchte – ist es wichtig, dass wir KI-Kompetenzen aufbauen und dass dies strukturell gefördert wird. Das geht meines Erachtens schon in der Schule los, und zwar nicht nur im Informatikunterricht, sondern fächerübergreifend.
Dieser Ansatz sollte sich fortsetzen bis zur universitären Ausbildung und dann zur stetigen Aus- und Weiterbildung auch im Betrieb. Der Artikel 4 des EU AI Acts sieht genau das vor. Trotzdem haben wir noch viel zu tun in den nächsten Jahren und Jahrzehnten, um diese Kompetenzen aufzubauen. Wichtig ist es allemal.

Über Max Landefeld
Max Landefeld arbeitet am Fraunhofer IAIS und koordiniert die Initiative AI4Schools. Diese widmet sich der Gestaltung von Bildungsangeboten rund um das Thema KI für Schulen. Er engagiert sich leidenschaftlich für die Entwicklung vertrauenswürdiger, nachhaltiger und niedrigschwelliger KI-Systeme.

Künstliche Intelligenz verstehen: Das musst du über Chatbots, Recht und Ethik wissen
Bild: Lukas S / Unsplash
30.07.2026 | Meena Stavesand
Vielfalt leben: Wie Empowerment und Bildung unsere Gesellschaft stärken
Hamburg feiert Vielfalt: Der Christopher Street Day (CSD) bringt am Wochenende Farbe und Botschaften für Gleichberechtigung in die Hafenstadt. Doch Pride ist mehr als ein Fest – es ist Erinnerung und politischer Auftrag in einem. Hinter der Feier steckt eine Geschichte, die uns bis heute lehrt, warum Empowerment so wichtig ist.
Regenbogenfarben überall in der Stadt: Am Sonntag ziehen wieder viele Menschen durch die Straßen Hamburgs, um ein Zeichen zu setzen. Für Toleranz, für Diversität, für eine gemeinsame Zukunft.
Klar ist aber auch: Vielfalt braucht Wissen. Wer die Geschichte von Stonewall kennt, die hinter dem CSD steht, begreift, warum die Paraden weltweit heute noch so wichtig sind. Bildung schafft dieses Verständnis – und gibt Werkzeuge an die Hand, um Diskriminierung abzubauen. Unser Lernangebot „Diversify!“ der HAW Hamburg unterstützt dabei, Perspektiven zu erweitern und Empowerment in die Praxis umzusetzen. Dazu gleich mehr.
Von Stonewall bis Hamburg – der Ursprung einer weltweiten Bewegung
Die Wurzeln reichen zurück ins Jahr 1969: In der New Yorker Christopher Street kam es in der Bar Stonewall Inn zu einer weiteren Polizeirazzia – doch diesmal wehrten sich die Gäste. Angeführt von mutigen Stimmen wie Stormé DeLarverie begannen mehrtägige Proteste. Diese Stonewall-Aufstände markierten den Beginn der modernen LGBTQ+-Bewegung und inspirierten Menschen auf der ganzen Welt.

It was a rebellion, it was an uprising, it was a civil rights disobedience—it wasn’t no damn riot.
Stormé DeLarverie über die Stonewall-Unruhen
Nur zehn Jahre später fand auch in Deutschland der erste Christopher Street Day statt, nämlich in Berlin. Hamburg schloss sich ein Jahr später an. Seitdem ist der CSD hier ein fest verankerter Termin, der nicht nur gefeiert, sondern auch als politisches Signal verstanden wird.
Mehr Aufklärung für mehr Akzeptanz
Die Geschichte von Stonewall und der CSD-Bewegung ist mehr als nur ein Rückblick – sie ist eine Einladung zum Lernen. Bildung hilft uns, zu verstehen, warum diese Kämpfe geführt wurden und warum sie bis heute wichtig sind. Sie zeigt, wie tief Vorurteile in Gesellschaften verwurzelt sein können, und wie gezielte Aufklärung zu mehr Akzeptanz führt.
Ob in Schulen, Hochschulen, Medien oder am Arbeitsplatz – Bildung öffnet Türen. Sie macht deutlich, dass Vielfalt kein Trend, sondern ein fester Bestandteil einer gerechten Gesellschaft ist. Genau hier setzt Empowerment an.
Empowerment: Wohlbefinden und Sichtbarkeit stärken
Empowerment ist heute ein zentrales Element der Pride-Bewegung. Es geht darum, Menschen zu bestärken, die aufgrund ihrer Identität oder Orientierung immer noch Diskriminierung erfahren.
Dieses Jahr möchten wir die Gelegenheit nutzen, um auf konkrete Empowerment-Strategien hinzuweisen, die darauf abzielen, die Rechte, das Wohlbefinden und die Sichtbarkeit von LGBTQ+ Personen zu stärken. In unserem Lernangebot „Diversify!“ der HAW Hamburg gibt es viele wertvolle Informationen zum Thema Vielfalt – und auch Empowerment.

Empowerment kommt aus dem Englischen und steht für die Stärkung der politischen, sozialen, ökonomischen und spirituellen Kraft einer Person oder Community. Besonders wichtig ist dies bei Menschen, die von anhaltender und alltäglicher Diskriminierung betroffen sind – etwa durch Rassismus, Sexismus oder Klassismus. Empowerment marginalisierter Gruppen bedeutet, Kraft zu schöpfen und Selbstbestimmung zu fördern. Für eine diskriminierungssensible Gesellschaft braucht es jedoch auch Powersharing: die bewusste Abgabe von Einfluss durch diejenigen, die über mehr Macht verfügen.
Ein zentraler Bestandteil von Empowerment ist Bildung. Aufklärungsarbeit in Schulen, am Arbeitsplatz und in der Öffentlichkeit kann Vorurteile abbauen und das Verständnis für die Herausforderungen der LGBTQ+-Community stärken. Bildungsinitiativen schaffen eine Kultur der Akzeptanz und des Respekts – entscheidend für das Wohlbefinden aller.
Sichtbarkeit schafft Bewusstsein
Ebenso wichtig ist die Sichtbarkeit. Veranstaltungen und Kampagnen z.B im Pride Month bieten LGBTQ+-Personen Plattformen, um ihre Geschichten zu erzählen. Sichtbarkeit hilft, Stereotype aufzubrechen und ein breiteres Bewusstsein für die Vielfalt menschlicher Erfahrungen zu schaffen.
In unserem Lernangebot „Diversify!“ der HAW Hamburg findest du zahlreiche Handreichungen, wie du dich selbst und andere in deiner (Medien-)Arbeit empowern kannst – nicht nur im Kontext sexueller Vielfalt, sondern auch im Kampf gegen Rassismus, Antisemitismus oder Ableismus.
Diversify
Die OER Diversify! sollte als ein Startpunkt verstanden werden, sich struktureller Diskriminierung, der Rolle der Medien und der Verantwortung der Lehre anzunähern.
Sensibilisierung, Empowerment und Positionierung
Im Lernangebot geht es auch um Fragen, die wir uns stellen können, um marginalisierte Personen zu unterstützen:
- Wie kann ich wenig sichtbare Personen in meiner Medienarbeit empowern?
- Welche Strategien helfen, den eigenen – oft begrenzten – Blickwinkel zu reflektieren?
- Können Medien barrierefreier und für alle zugänglich gestaltet werden?
- Wie lassen sich stereotype Vorstellungen in Sprache, Bild und Ton aufbrechen?
Gemeinsam Vielfalt gestalten
Lass uns diese Zeit als Erinnerung und Inspiration nutzen, jeden Tag aufs Neue für Gleichberechtigung, Akzeptanz und Empowerment einzutreten. Das Lernangebot „Diversify!“ unterstützt uns dabei. So können wir gemeinsam eine inklusive Zukunft gestalten, in der jeder Mensch die Freiheit hat, sich selbst voll und ganz zu entfalten.
Lust auf mehr?

Der Wirtschaftsethiker Dr. Hans Rusinek von der Universität St.Gallen kritisiert, dass Unternehmen Diversity lange vor allem als Renditeversprechen verkauft haben – und damit genau jene moralische Grundlage preisgaben, aus der sich der Anspruch auf Vielfalt eigentlich speist.