Kategorie: Aktuelles
Bild: Hayes Potter/Unsplash
17.08.2026 | Meena Stavesand
Wie beeinflussen Geräusche unsere Gesundheit?
Kann eine angenehme Geräuschkulisse unsere gesundheitlichen Beschwerden lindern und bei der Genesung helfen? Ja, Klänge beeinflussen uns. Doch wie können wir gerade in Krankenhäusern oder Arztpraxen diese „Hilfe“ nutzen? Mit dieser Frage beschäftigt sich das Bildungsangebot „Healing Soundscapes“ des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) und der Hochschule für Musik und Theater (HfMT). Die Musiktherapeutin Dr. Pia Preißler ist für das Projekt verantwortlich und erklärt im Interview, warum Klänge für uns Menschen wichtig sind, warum uns manche negativ und andere positiv beeinflussen. Außerdem spricht Pia Preißler darüber, wo sie noch Handlungsbedarf in den Einrichtungen sieht, und macht auf ein besonderes Angebot aufmerksam.
Wann hast du das letzte Mal die Geräusche deiner Umgebung intensiv wahrgenommen und welches Geräusch ist dir dabei in Erinnerung geblieben?
Dr. Pia Preißler: Musiktherapeutinnen und Musiktherapeuten brauchen eine „Feinhörigkeit“ für ihre Arbeit. In meinem Studium damals hat uns mein Professor mit Hörspaziergängen und anderen Hörübungen diese Sensitivität vermittelt und sozusagen die Ohren geöffnet. So habe ich eigentlich fast immer das Hören präsent, manchmal zum Leidwesen, wenn es um mich herum lärmt, aber oft auch mit kleinen netten Momenten. Gestern war ich im UKE und kurz nach dem Rettungshubschrauber riefen ein paar Möwen hinunter. Für einen Moment habe ich mir vorgestellt, an einem schönen Platz am Meer zu sitzen.
Healing Soundscapes - DE
Healing Soundscapes sind Klangumgebungen, die durch künstlerisch und raumbezogen gestaltete Musical Soundscape Interventions (MSI) entstehen. Lerne hier, wie wir die klangliche Umgebung von Warte- und Arbeitsbereichen in Krankenhäusern gestalten, dass das Wohlbefinden von Patient:innen und Mitarbeitenden gesteigert wird.
Warum können Geräusche für Menschen heilsam sein?
Dr. Pia Preißler: Geräusche verstehen wir als Klänge. Viele davon sind bei Menschen mit guten Erinnerungen verbunden. Sie in der Gegenwart wieder zu hören, kann uns an die daran geknüpften positiven Emotionen erinnern. Das ist ein Ansatz, der auf konkrete, individuell bedeutsame Klänge fokussiert.
Für die „Healing Soundscapes“ suchen wir nach übergreifenden Klangeigenschaften, nach Prinzipien, die die eingespielten Klänge für möglichst viele Hörende angenehm machen und ihnen ein Gefühl von Zugehörigkeit zum Raum, Verbundenheit, „Helle und Wärme“, entspannter Wachheit geben. Eine solche Atmosphäre, die wir im Krankenhaus damit schaffen möchten, unterstützt indirekt die Heilung, die Menschen dort zu finden hoffen.

Wie kann eine solche heilsame Geräuschkulisse etwa in Krankenhäusern gelingen? Was müssen Institutionen dafür unternehmen?
Dr. Pia Preißler: Oft ist es wichtig, als ersten Schritt den Lärm mit bestimmten Maßnahmen zu reduzieren. Denn es macht keinen Sinn, einen noch lauteren musikalischen Reiz (auch wenn er noch so schön ist) in eine solche Umgebung zu geben. Das wäre nur ein weiterer Stressfaktor für die Menschen dort. Wir haben zu Beginn unseres Projektes zum Beispiel darum gebeten, den wummernden Snackautomaten aus dem Wartebereich in den Vorraum zu verschieben. In Neubauten kann die Akustik im Sinne eines Healing Environments mitgeplant werden. In Bestandsbauten sind akustische Nachbesserungen möglich.
Abgesehen vom Budget jedoch ist die Aufgeschlossenheit der Klinikleitung und der Mitarbeitenden natürlich entscheidend. Es braucht ein Bewusstsein in der jeweiligen Klinik, dass das akustische Wohlbefinden – sowie die anderen Sinneswahrnehmungen – im Selbstverständnis einer Gesundheitseinrichtung eine hohe Bedeutung hat.
Was wird aktuell in den Institutionen getan und wo gibt es Handlungsbedarf?
Dr. Pia Preißler: Es gibt einzelne Maßnahmen, um den Lärm zu mindern, aber, so wie ich es beobachte, noch nicht systematisch. Bei einzelnen medizinischen Prozeduren wird den Patientinnen und Patienten eine „individuelle Musik“ über Kopfhörer angeboten. Oft erklingt in Warte- und Arbeitsbereichen unhinterfragt Radiomusik.
Ich denke, es fehlt eine Reflektion, ob das für alle so gut ist, und es fehlen noch Alternativen – wie wir sie mit den raumbezogenen Klängen gerade entwickeln. Entscheidend ist, dass wir in der Entwicklung der Idee die Perspektive der Patientinnen und Patienten sowie der Mitarbeitenden mit einbeziehen. Ich glaube, dass durch Gespräche mit den Anwesenden und Vorträge über das Thema schon vieles ins Bewusstsein gerät. Vielleicht wäre auch ein Hörspaziergang im UKE eine schöne Unternehmung.
UKE und HfMT haben gemeinsam das Lernangebot „Healing Soundscapes“. Wie erklärst du den Inhalt einem Kind?
Dr. Pia Preißler: Im Krankenhaus muss man manchmal lange warten. Das ist oft sehr langweilig und außerdem hat man vielleicht Schmerzen oder Angst vor dem, was einen erwartet. Und wenn man dann noch in einem lauten und ungemütlichen Raum sitzt, wo man sich gar nicht wohlfühlt, macht es die Sache noch schlimmer. Wir versuchen gerade, solche Situationen zu verbessern.
Unsere Idee ist, dass wir schöne Klänge in die Räume einspielen. Keine Musik, wie du sie vielleicht kennst, sondern einzelne Klänge, die kommen und gehen, man kann hin- und weghören. Wir hoffen, dass das den Menschen gut tut. Da wir diese Idee gerade noch entwickeln, hilft es uns, uns mit anderen Kolleginnen und Kollegen, die ähnliches machen, auszutauschen. Das machen wir immer wieder in verschiedenen Veranstaltungen wie etwa Open Lectures.

Warum sind diese Themen wichtig für dich und welchen Wert haben sie für die Menschen?
Dr. Pia Preißler: Ich erlebe selbst, wie wichtig die akustische Umgebungsqualität für mein Wohlbefinden ist. Und durch meine Arbeit im Krankenhaus weiß ich um die Belastung durch Lärm oder unschöne Geräusche – oder eben auch um die Belastung durch die Abwesenheit angenehmer Geräusche. Es gibt einzelne Beispiele aus anderen Krankenhäusern, in denen ein Healing Environment umgesetzt wurde, die mich auf gute Weise beeindrucken.
Ein Teil einer solchen Vision umsetzen zu können und damit etwas für Patientinnen und Patienten sowie Mitarbeitende zu verbessern, ist eine schöne Aufgabe. Und ich bin sehr gespannt, zu welchen Erkenntnissen wir in unserem Projekt noch kommen werden, welche Klänge sich eignen und wie sie in Bezug zum Raum ihre Wirkung entfalten werden.
Über Dr. Pia Preißler

Dr. phil. Pia Preißler ist Diplom-Musiktherapeutin und leitet seit 2023 das Teilprojekt Healing Soundscapes am UKE. Dieses Projekt ist Teil des Clusters Musik & Gesundheit im ligeti zentrum, eines im Rahmen der Innovativen Hochschule vom BMBF geförderten Hochschulverbundprojektes. Sie schloss ihr Musiktherapiestudium an der HfMT in 2008 ab und arbeitet und forscht seitdem am UKE mit dem Schwerpunkt Musiktherapie in der Psychoonkologie. An der HfMT lehrt sie zu den Themen Healing Soundscapes, Rezeptive Musiktherapie und Berufsfelderkundung.
Bild: Roman Kraft / Unsplash
11.08.2026 | HOOU
Warum uns Nachrichten ermüden und wie wir damit umgehen können
Immer mehr Menschen fühlen sich von Nachrichten überfordert. Die Forschung spricht von Nachrichtenmüdigkeit: zu viele Krisenmeldungen, zu wenig Orientierung, oft folgt der Rückzug. Das Lernangebot „News-Life-Balance“ der TU Hamburg und der Hamburg Media School zeigt, warum dieser Zustand entsteht und wie sowohl Mediennutzende als auch Journalist:innen Wege finden können, informiert zu bleiben, ohne auszubrennen. Welche Ursachen dahinterstehen und was sich verändern müsste, erklären Anke Gehrmann, freie Journalistin, und Prof. Christopher Buschow, Studiengangsleiter für Digitalen Journalismus an der Hamburg Media School. Das Interview führte Johanna Rose-Jastram.
Frau Gehrmann, früher schien der Umgang mit Nachrichten klarer geregelt. Was war anders?
Anke Gehrmann: Früher gab es feste Nachrichtenrituale. Da gab es zum Frühstück die Tageszeitung oder die Radiosendung, die fünf oder manchmal auch nur zehn Minuten ging. Die Tageszeitung hat man von A bis Z durchgeblättert und dann war man durch. Oder abends gab es die Tagesschau oder andere Nachrichtensendungen. Die Nachrichten wurden mit einer Verzögerung vorgetragen, von Sprecher:innen, die sehr distanziert waren. Das waren Barrieren oder Distanzmöglichkeiten. Da wusste man genau: Ich bin orientiert, so und so viel muss ich wissen.
Wie unterscheidet sich das von der heutigen Nachrichtenwelt?
Anke Gehrmann: Heute sind die Faktoren ganz andere. Es gibt einen 24/7-Newsflow. Man wird auf allen Kanälen bombardiert. Man scrollt immer weiter, weil die Algorithmen so programmiert sind, dass sie dich möglichst lange halten. Das führt zu totaler Überforderung. Man hat gar keine Zeit mehr, sich zurückzuziehen, zu verarbeiten oder eine Distanz zu finden.
Herr Buschow, warum führt diese Überforderung so oft zu Nachrichtenvermeidung?
Christopher Buschow: Es gibt verschiedene Faktoren, die zu Nachrichtenvermeidung führen. Negative Nachrichten sind ein wesentlicher Treiber, das zeigt die Forschung sehr deutlich. Krisen, Konflikte und Negativität führen dazu, dass Menschen sich überlastet fühlen und keine Selbstwirksamkeit spüren – also keine Möglichkeit, die Situation ein Stück weit zu verändern.
Wissenschaft kurz erklärt: News-Life-Balance
Negative Schlagzeilen, ein endloser News-Stream und Krisen im Dauerlauf: Viele Menschen fühlen sich von Nachrichten überfordert. Der Podcast zum Lernangebot “News-Life-Balance” der Hamburg Open Online Universität erklärt anhand aktueller Forschung, warum Nachrichtenvermeidung entsteht, welche Rolle der Journalismus dabei spielt und wie bewusster Konsum sowie konstruktive Ansätze wieder zu Orientierung führen. Mit Prof. Christopher Buschow und Anke Gehrmann von der Hamburg Media School.
Frau Gehrmann, was passiert, wenn Menschen über längere Zeit fast nur Negatives sehen?
Anke Gehrmann: Das Problem ist: Wenn man so viele negative oder ausschließlich negative Nachrichten hört, rutscht man in eine sogenannte erlernte Hilflosigkeit. Die Menschen kommen in ein Ohnmachtsgefühl: ‚Es ist alles so schlecht, ich kann eh nichts tun.‘ Wenn es immer nur dieses eine Narrativ gibt, schlägt das auf die Stimmung – und viele sagen dann: Damit beschäftige ich mich nicht mehr.
Herr Buschow, eine Pause kann gesund sein. Wo beginnt es problematisch zu werden?
Christopher Buschow: Bei der bewussten Nachrichtenvermeidung ist es oft eine Schutzreaktion. Man sagt: Ich kann das nicht so lange ertragen, ich brauche Pausen ohne Nachrichten, in denen ich Kraft sammeln kann. Viele vermeiden einzelne Themen, vermeiden Nachrichten zu Trump, oder nehmen sich Auszeiten am Wochenende oder abends, schalten Push-Nachrichten ab. Das ist häufig reflektiert. Aber es gibt einen Kipppunkt. Wenn man merkt, dass man eigentlich gar keine Lust mehr auf Nachrichten hat und dauerhaft abschaltet, verliert man den Bezug zu den eigenen Nutzungsroutinen. Und das kann gesellschaftliche Effekte haben: Menschen sind schlechter informiert, treffen schlechtere Entscheidungen und gehen seltener wählen.
Welche Risiken entstehen, wenn viele Menschen sich dauerhaft zurückziehen?
Anke Gehrmann: Studien zeigen klar: Menschen, die Nachrichten vermeiden, sind viel anfälliger für Desinformation und Desinformationskampagnen, weil sie nicht kritisch und fundiert informiert sind. Das ist ein Risiko für die Gesellschaft, weil wir Menschen brauchen, die mündige Entscheidungen treffen. Das ist wichtig für die Demokratie.
Trägt der Journalismus zu diesem Problem bei?
Christopher Buschow: Wir wissen aus der Forschung, dass Negativität zwar zu Erschöpfung und Vermeidung führt, aber gleichzeitig sehr populär ist. Online wird mehr geklickt, wenn Headlines negativer sind. Das hat evolutionsbiologische Gründe: Die schlechte Nachricht war früher überlebenswichtig – der Säbelzahntiger vor der Höhle. Das erklärt, warum negative Nachrichten heute stärker konsumiert werden.
Anke Gehrmann: Und der wirtschaftliche Druck ist enorm. Wenn man eine bestimmte Quote erreichen muss, ist man geneigt, das Bild zu nehmen, das mehr geklickt wird. Das hat nichts mit Sensationslust zu tun, sondern damit, wie das Gehirn funktioniert: Wir klicken das Bild mit dem Feuerball eher an als eine positive Lösungsgeschichte. Und das ist auch das, was wir gelernt haben: „Only bad news are good news“.

Jeder kennt Work-Life-Balance. Aber niemand kennt seine News-Life-Balance. Dabei brauchen wir eine neue Balance zwischen der Nachrichtenwelt und unserem eigenen Leben.Anke Gehrmann, Hamburg Media School
Wenn der Journalismus Teil des Problems ist, wie könnte er Teil der Lösung werden?
Christopher Buschow: Wir können nichts an den Krisen ändern. Aber der Journalismus muss nicht ohne konstruktive Perspektive berichten. Es geht nicht darum, das Positive zu betonen. Aber eine Lösungsorientierung, ein Weg nach vorne, kann Menschen zurückholen, die sonst sagen: Es ist immer alles negativ. Diese Geschichten zeigen Selbstwirksamkeit: Du kannst etwas ändern, auch im kleinen Wirkbereich. Das ist wichtig.
Frau Gehrmann, Sie haben das Konzept der News-Life-Balance entwickelt. Was bedeutet das?
Anke Gehrmann: Jeder kennt Work-Life-Balance. Aber niemand kennt seine News-Life-Balance. Dabei brauchen wir eine neue Balance zwischen der Nachrichtenwelt und unserem eigenen Leben. Die Frage ist: Wie können wir gut informiert bleiben und gleichzeitig gesund und stabil bleiben. Auch als Journalist:innen? Das Lernangebot hilft, genau das herauszufinden.
Wie sieht Ihre eigene News-Life-Balance aus?
Anke Gehrmann: Es ist kein Rezept, sondern ich versuche, mich immer besser kennenzulernen: Wie reagiere ich auf Nachrichten, im Vergleich zu anderen? Das ist individuell. Und es geht viel ums Nervensystem: Bin ich in Sicherheit? Wenn ich Nachrichten schaue und merke, dass mich etwas belastet, setze ich bewusst etwas dagegen. Das kann ein Spaziergang sein. Oder etwas ganz Simples wie: Ich schaue mich im Raum um und stelle fest, dass ich hier gerade safe bin.
News-Life-Balance: Wie wir informiert bleiben, ohne auszubrennen
Negative Schlagzeilen, ein endloser News-Stream und Krisen im Dauerlauf: Viele Menschen fühlen sich von Nachrichten überfordert. Der Podcast zum Lernangebot “News-Life-Balance” der Hamburg Open Online Universität erklärt anhand aktueller Forschung, warum Nachrichtenvermeidung entsteht, welche Rolle der Journalismus dabei spielt und wie bewusster Konsum sowie konstruktive Ansätze wieder zu Orientierung führen. Mit Prof. Christopher Buschow und Anke Gehrmann von der Hamburg Media School.
Strategien für einen gesunden Nachrichtenumgang
Wenn ihr euch tiefer mit dem Thema beschäftigen wollt: Das Lernangebot „News-Life-Balance“ der Hamburg Open Online University führt durch die zentralen Ursachen von Nachrichtenmüdigkeit, zeigt anhand aktueller Forschung, wie Mediennutzung und Nervensystem zusammenhängen, und bietet Übungen, Reflexionsimpulse und praktische Strategien für einen gesünderen Umgang mit Nachrichten.
Ihr findet das gesamte Lernangebot mit Hintergrundmaterial und interaktiven Elementen auf hoou.de.
Bild: Google DeepMind / Unsplash
05.08.2026 | Meena Stavesand
KI ist Teamsport: Warum wir alle mitspielen sollten
„Education is key“ – aber reicht Aufklärung allein? Bildungsexperte Max Landefeld vom Fraunhofer-Institut für Intelligente Analyse- und Informationssysteme IAIS erklärt, warum KI ohne diverse Teams unvollständig bleibt und wichtige Perspektiven übersieht, was der EU AI Act bringen soll und weshalb KI-Kompetenz schon in der Schule beginnen muss. Das Interview ist ein Plädoyer für KI als Teamsport statt Tech-Monopol.
Mit der HAW Hamburg hat das Fraunhofer IAIS das Lernangebot „KI und Diversität“ erstellt. Warum das wichtig ist? Künstliche Intelligenz reproduziert unsere Vorurteile und genau daran müssen wir auf Entwicklungs- und Nutzungsebene arbeiten. Wie das aussehen kann, verrät Max Landefeld im Gespräch.
KI und Diversität
Um mit KI verantwortungsvoll umgehen zu können, bietet euch dieser Kurs ein Verständnis für KI-Konzepte, Biases, ethische Fragestellungen und Standards vertrauenswürdiger KI.
Wenn Sie Künstliche Intelligenz und Diversität hören, welche drei Begriffe kommen Ihnen in den Sinn und warum?
Max Landefeld: Mir kommt zuerst der Begriff „Spiegel“ in den Kopf – das mag etwas pathetisch klingen, aber KI zeigt uns relativ schnell, was in unseren Daten und damit auch in unseren Denkmustern steckt. Als Reflexionsinstrument sehe ich diese Technologie als sehr wertvoll an.
Der zweite Begriff, der direkt an das Thema Daten anknüpft, ist „Fairness“ beziehungsweise „Unfairness“. Viele Daten weisen Selection Bias auf – diskriminierende Muster finden sich in den Daten wieder und werden dann häufig unbewusst durch die Algorithmen reproduziert. Die Algorithmen selbst haben erst einmal keinen eigenen Wertemechanismus, was dann häufig zu unfairen Ergebnissen führt.
Als dritten Begriff denke ich an „Vertrauenswürdigkeit“ oder „Trustworthiness“. Dieser Bereich der Forschung setzt sich kritisch mit KI auseinander und fasst Initiativen und Ansätze zusammen – seien es technologische oder regulatorische Ansätze. Sie beschäftigt sich mit der Entwicklung und dem Einsatz von KI, die insbesondere zuverlässig, ethisch und sicher sein soll. Das sind die ersten Buzzwords, die mir in den Kopf kommen.

Bias (engl. für Verzerrung oder Voreingenommenheit) bezeichnet systematische Fehler oder Unausgewogenheiten in Daten und Algorithmen, die zu unfairen oder diskriminierenden Ergebnissen führen. Diese entstehen, wenn KI-Systeme mit historischen Daten mit gesellschaftlichen Ungleichheiten trainieren.<br><br>Beispiele: Recruiting-Software bevorzugte männliche Bewerber, Gesichtserkennungssysteme funktionieren bei hellhäutigen Personen zuverlässiger als bei People of Color, Kreditvergabe-Algorithmen benachteiligen Menschen aus bestimmten Wohngebieten.<br><br>Gegensteuern lässt sich durch vielfältige Entwicklungsteams, repräsentative Trainingsdaten und kontinuierliche Überprüfung der Ergebnisse.
Sie beschäftigen sich mit KI und Diversität. Gab es einen Schlüsselmoment, der Ihr Interesse oder Bewusstsein für verantwortungsbewusste und vielfältige KI besonders geweckt hat?
Landefeld: Ich arbeite seit mehreren Jahren im Bildungsbereich, und wenn ich ehrlich bin, sind es die Diskussionen mit Schülerinnen und Schülern, die mich besonders prägen. Sie berichten ungefiltert von ihren Ängsten, Vorbehalten und negativen wie positiven Erfahrungen mit KI. Ich kann also keinen genauen Termin nennen, aber die Debatten, die mich über die vergangenen Jahre begleiteten, haben mein Interesse und mein eigenes Bewusstsein für das Thema stark gefördert und gestärkt.
Was sind die Ängste der Schüler:innen?
Landefeld: Häufig befürchten sie, dass KI wie in einem Science-Fiction-Film – Stichwort Terminator – autonom die Weltherrschaft übernimmt. Das sind die extremen Gedanken. Einfachere Beispiele kennen sie von Instagram, TikTok oder aus Zeitungen: Systeme, die bestimmte Gruppen ausschließen, beispielsweise bei Bewerbungen für Jobs. Oder Chatbots, die regelmäßig schädlichen Input geben, aber auch Feedback, das irreführend ist und die Schülerinnen und Schüler verunsichert.
Hat sich das in den vergangenen Jahren verstärkt? Als ChatGPT rauskam, wurde KI quasi gesellschaftsfähig. Vorher war sie eher ein Thema für Fachleute. Haben sich die Gespräche verändert?
Landefeld: Die Besonderheit ist: Wir nutzen KI schon seit vielen Jahren, teils Jahrzehnten – häufig wissen wir das aber nicht. Es fängt bei den Empfehlungsalgorithmen von Social Media an, geht über Googles Page-Ranking-Algorithmus bis hin zur Face-ID am Smartphone oder Google Maps. Überall stecken Machine Learning und Deep-Learning-Algorithmen drin.
Mit ChatGPT hatten wir jetzt einen Game Changer: Mit einem Aha-Effekt bekommt man generischen Output und allen wird klar: Okay, das scheint ein KI-System zu sein. Die größte Herausforderung dabei ist das Thema Aufklärung. Wir sagen immer „Education is key“ – und da ist etwas dran. Wir sollten versuchen, KI-Kompetenzen zu schulen und im besten Fall in der Schule damit anfangen, wirklich aufzuklären. Das bedeutet nicht, dass jede:r Data Scientist:in werden muss – das sind die Fachleute, die sich mit der Algorithmik und der Konzeptionierung von KI-Systemen beschäftigen. Aber zumindest jede:r sollte ein grundlegendes Verständnis haben:
- Wie funktioniert so ein Algorithmus?
- Warum sind Daten wichtig?
Nur so können wir potenziell gefährliche Outputs wie Bias erkennen, reflektieren und einschätzen.
Neben der Aufklärung ist die Transparenz wichtig. Insbesondere wenn wir KI nutzen, wissen wir im Regelfall nicht, welche Daten ins Modelltraining geflossen sind. Da braucht es Transparenz – auch auf der Anbieterseite.
Gelingt das aktuell?
Landefeld: Aktuell gelingt es wenig bis kaum. Wir haben den EU AI Act, der derzeit sukzessive in nationales Recht überführt wird. Diese europäische KI-Regelung soll Abhilfe schaffen und insbesondere die Anbieter dazu verpflichten, ihre Systeme kritisch aufzubauen und zu prüfen. Auch hier spielt das Stichwort Vertrauenswürdigkeit eine große Rolle.
Wir in Europa haben große Hoffnungen, dass diese KI-Entwicklung auf europäischer Ebene zu unseren Gunsten beeinflusst wird und wir uns kritischer und selbstreflektierter damit auseinandersetzen. Wobei wir einschränken müssen: Es handelt sich um europäisches, nicht um internationales bzw. globales Recht.

Der AI Act (KI-Verordnung) ist ein umfassendes Gesetz zur Regulierung Künstlicher Intelligenz, das die Europäische Union (EU) 2024 verabschiedet hat. Die Verordnung wird derzeit schrittweise in nationales Recht überführt und soll 2026 vollständig in Kraft treten.<br><br>Das Gesetz teilt KI-Systeme nach ihrem Risiko ein: Anwendungen mit unannehmbarem Risiko wie biometrische Massenüberwachung werden verboten. Hochrisiko-KI in sensiblen Bereichen wie Bewerbungsverfahren, Kreditvergabe oder Strafverfolgung unterliegt strengen Auflagen. KI mit geringem Risiko wie Chatbots muss als solche gekennzeichnet werden. Für KI-Anbieter bedeutet das: Sie müssen offenlegen, welche Daten sie zum Training verwendet haben, Risiken dokumentieren und ihre Systeme auf Diskriminierung prüfen. Bei Verstößen drohen hohe Strafen. <br><br>Der AI Act gilt als wichtiger Schritt für vertrauenswürdige KI, betrifft aber nur den europäischen Markt – internationale Standards fehlen weiterhin.
Wie kann Diversität dazu beitragen, KI fairer und besser zu machen?
Landefeld: Diversität ist ein elementarer Schlüssel, weil sie Blickwinkel erweitert. Auf der einen Ebene bei der Entwicklung – das geht von der Datenauswahl bis hin zur Interpretation der Ergebnisse. Unterschiedliche Erfahrungen, kulturelle Hintergründe und Denkweisen können dabei helfen, Wissenslücken zu erkennen , Perspektivenvielfalt zu ermöglichen und damit gerechtere, vertrauenswürdige Systeme zu gestalten. Das ist die Entwicklungsseite, wo wir noch viel Potenzial haben.
Gleichzeitig müssen sich aber auch die Nutzenden damit auseinandersetzen – also diejenigen, die diese Systeme nicht selbst entwickeln, sondern sie tagtäglich anwenden. Auch sie müssen sich damit beschäftigen und beispielsweise den Output ihrer Chatbot-Anfragen kritisch prüfen.
Warum ist es wichtig, dass möglichst viele Menschen – nicht nur Fachleute – ein Verständnis für KI und Vielfalt entwickeln?
Landefeld: Weil KI so allumfassend ist und alle Gesellschaften, alle Industrien berührt. Das betrifft insbesondere die private Nutzung zu Hause mit den sozialen Medien, aber auch die ganze Joblandschaft. Es wird keine Industrie geben, die langfristig nicht bedeutend von KI berührt wird und sich dadurch verändert.
Deshalb ist es ganz wichtig, dass wir uns alle kritisch damit auseinandersetzen. Ein Kollege von mir sagt immer: „KI ist Teamsport.“ Das fasst es gut zusammen. Es ist eben nicht dieses „nerdige“ Informatik-Thema, mit dem sich nur die Data Scientists befassen sollen.
Denn selbst Data Scientists mit einem multikulturellen, diversen Hintergrund sind nicht zwingend repräsentativ für Gesellschaften. Es sind häufig doch die Akademiker:innen mit mathematisch-statistischem Hintergrund. Deswegen muss man sich – wieder diese Differenzierung – auf der Entwicklungsebene kritisch damit auseinandersetzen und ein grobes Verständnis auch für diese algorithmische Voreingenommenheit und Biases in KI-Systemen entwickeln, aber eben auch auf der Nutzungsebene.
Sie haben mit der HAW Hamburg am Fraunhofer IAIS ein Lernangebot zu KI und Diversität entwickelt: Was kann ich da lernen?
Landefeld: Wir befassen uns auf der einen Seite mit den Grundlagen: Was ist KI überhaupt? Woher kommt sie? Es gibt verschiedene Begriffe und Grundtechnologien, die in fast allen Systemen vorkommen – die erklären wir. Des Weiteren erklären wir das Thema Biases und welchen Bezug das zur Diversität hat. Wir zeigen auf, warum diverse Ansätze so wichtig sind. Dann schauen wir uns an, was auf regulatorischer Ebene passiert und was die europäischen Institutionen vorgeben – an Leitlinien, aber auch an Gesetzen wie dem EU AI Act. Zum Abschluss üben wir den kritischen und reflektierten Umgang mit solchen Tools, mit den Chatbots, die gerade sehr präsent in unserem Alltag sind.
KI und Diversität
Um mit KI verantwortungsvoll umgehen zu können, bietet euch dieser Kurs ein Verständnis für KI-Konzepte, Biases, ethische Fragestellungen und Standards vertrauenswürdiger KI.
An welche Altersgruppe richtet sich das Angebot?
Landefeld: Das E-Learning richtet sich an Menschen ab 16 Jahren aufwärts – insbesondere an Schülerinnen und Schüler, aber auch an Studierende der Hochschulen. Es ist ansonsten offen für alle. Wir freuen uns, wenn Menschen mit einem anderen Hintergrund, beispielsweise im Kontext der beruflichen Weiterbildung, sich damit auseinandersetzen. Demnach ist es auch kostenlos und frei verfügbar für alle. Sie bekommen dort einen schnellen Einstieg, wenn Sie sich mit dem Thema befassen wollen.
Wenn Sie in die Zukunft blicken: Was wünschen Sie sich für den gesellschaftlichen Umgang mit KI in einer pluralistischen Welt?
Landefeld: Ich fände es schön, wenn KI von diesem reinen Informatik-Thema weg kommt und als gemeinsames Gestaltungsprojekt verstanden und interpretiert wird. Denn es ist kein rein technisches Thema – es ist so bedeutsam und hat so viel Einfluss auf verschiedene Bereiche bei uns privat, aber auch auf der Arbeit. Im Zuge dessen – und das ist vielleicht sogar ein Appell, den ich formulieren möchte – ist es wichtig, dass wir KI-Kompetenzen aufbauen und dass dies strukturell gefördert wird. Das geht meines Erachtens schon in der Schule los, und zwar nicht nur im Informatikunterricht, sondern fächerübergreifend.
Dieser Ansatz sollte sich fortsetzen bis zur universitären Ausbildung und dann zur stetigen Aus- und Weiterbildung auch im Betrieb. Der Artikel 4 des EU AI Acts sieht genau das vor. Trotzdem haben wir noch viel zu tun in den nächsten Jahren und Jahrzehnten, um diese Kompetenzen aufzubauen. Wichtig ist es allemal.
Über Max Landefeld

Max Landefeld arbeitet am Fraunhofer IAIS und koordiniert die Initiative AI4Schools. Diese widmet sich der Gestaltung von Bildungsangeboten rund um das Thema KI für Schulen. Er engagiert sich leidenschaftlich für die Entwicklung vertrauenswürdiger, nachhaltiger und niedrigschwelliger KI-Systeme.
Bild: Lukas S / Unsplash
30.07.2026 | Meena Stavesand
Vielfalt leben: Wie Empowerment und Bildung unsere Gesellschaft stärken
Hamburg feiert Vielfalt: Der Christopher Street Day (CSD) bringt am Wochenende Farbe und Botschaften für Gleichberechtigung in die Hafenstadt. Doch Pride ist mehr als ein Fest – es ist Erinnerung und politischer Auftrag in einem. Hinter der Feier steckt eine Geschichte, die uns bis heute lehrt, warum Empowerment so wichtig ist.
Regenbogenfarben überall in der Stadt: Am Sonntag ziehen wieder viele Menschen durch die Straßen Hamburgs, um ein Zeichen zu setzen. Für Toleranz, für Diversität, für eine gemeinsame Zukunft.
Klar ist aber auch: Vielfalt braucht Wissen. Wer die Geschichte von Stonewall kennt, die hinter dem CSD steht, begreift, warum die Paraden weltweit heute noch so wichtig sind. Bildung schafft dieses Verständnis – und gibt Werkzeuge an die Hand, um Diskriminierung abzubauen. Unser Lernangebot „Diversify!“ der HAW Hamburg unterstützt dabei, Perspektiven zu erweitern und Empowerment in die Praxis umzusetzen. Dazu gleich mehr.
Von Stonewall bis Hamburg – der Ursprung einer weltweiten Bewegung
Die Wurzeln reichen zurück ins Jahr 1969: In der New Yorker Christopher Street kam es in der Bar Stonewall Inn zu einer weiteren Polizeirazzia – doch diesmal wehrten sich die Gäste. Angeführt von mutigen Stimmen wie Stormé DeLarverie begannen mehrtägige Proteste. Diese Stonewall-Aufstände markierten den Beginn der modernen LGBTQ+-Bewegung und inspirierten Menschen auf der ganzen Welt.

It was a rebellion, it was an uprising, it was a civil rights disobedience—it wasn’t no damn riot.
Stormé DeLarverie über die Stonewall-Unruhen
Nur zehn Jahre später fand auch in Deutschland der erste Christopher Street Day statt, nämlich in Berlin. Hamburg schloss sich ein Jahr später an. Seitdem ist der CSD hier ein fest verankerter Termin, der nicht nur gefeiert, sondern auch als politisches Signal verstanden wird.
Mehr Aufklärung für mehr Akzeptanz
Die Geschichte von Stonewall und der CSD-Bewegung ist mehr als nur ein Rückblick – sie ist eine Einladung zum Lernen. Bildung hilft uns, zu verstehen, warum diese Kämpfe geführt wurden und warum sie bis heute wichtig sind. Sie zeigt, wie tief Vorurteile in Gesellschaften verwurzelt sein können, und wie gezielte Aufklärung zu mehr Akzeptanz führt.
Ob in Schulen, Hochschulen, Medien oder am Arbeitsplatz – Bildung öffnet Türen. Sie macht deutlich, dass Vielfalt kein Trend, sondern ein fester Bestandteil einer gerechten Gesellschaft ist. Genau hier setzt Empowerment an.
Empowerment: Wohlbefinden und Sichtbarkeit stärken
Empowerment ist heute ein zentrales Element der Pride-Bewegung. Es geht darum, Menschen zu bestärken, die aufgrund ihrer Identität oder Orientierung immer noch Diskriminierung erfahren.
Dieses Jahr möchten wir die Gelegenheit nutzen, um auf konkrete Empowerment-Strategien hinzuweisen, die darauf abzielen, die Rechte, das Wohlbefinden und die Sichtbarkeit von LGBTQ+ Personen zu stärken. In unserem Lernangebot „Diversify!“ der HAW Hamburg gibt es viele wertvolle Informationen zum Thema Vielfalt – und auch Empowerment.

Empowerment kommt aus dem Englischen und steht für die Stärkung der politischen, sozialen, ökonomischen und spirituellen Kraft einer Person oder Community. Besonders wichtig ist dies bei Menschen, die von anhaltender und alltäglicher Diskriminierung betroffen sind – etwa durch Rassismus, Sexismus oder Klassismus. Empowerment marginalisierter Gruppen bedeutet, Kraft zu schöpfen und Selbstbestimmung zu fördern. Für eine diskriminierungssensible Gesellschaft braucht es jedoch auch Powersharing: die bewusste Abgabe von Einfluss durch diejenigen, die über mehr Macht verfügen.
Ein zentraler Bestandteil von Empowerment ist Bildung. Aufklärungsarbeit in Schulen, am Arbeitsplatz und in der Öffentlichkeit kann Vorurteile abbauen und das Verständnis für die Herausforderungen der LGBTQ+-Community stärken. Bildungsinitiativen schaffen eine Kultur der Akzeptanz und des Respekts – entscheidend für das Wohlbefinden aller.
Sichtbarkeit schafft Bewusstsein
Ebenso wichtig ist die Sichtbarkeit. Veranstaltungen und Kampagnen z.B im Pride Month bieten LGBTQ+-Personen Plattformen, um ihre Geschichten zu erzählen. Sichtbarkeit hilft, Stereotype aufzubrechen und ein breiteres Bewusstsein für die Vielfalt menschlicher Erfahrungen zu schaffen.
In unserem Lernangebot „Diversify!“ der HAW Hamburg findest du zahlreiche Handreichungen, wie du dich selbst und andere in deiner (Medien-)Arbeit empowern kannst – nicht nur im Kontext sexueller Vielfalt, sondern auch im Kampf gegen Rassismus, Antisemitismus oder Ableismus.
Diversify
Die OER Diversify! sollte als ein Startpunkt verstanden werden, sich struktureller Diskriminierung, der Rolle der Medien und der Verantwortung der Lehre anzunähern.
Sensibilisierung, Empowerment und Positionierung
Im Lernangebot geht es auch um Fragen, die wir uns stellen können, um marginalisierte Personen zu unterstützen:
- Wie kann ich wenig sichtbare Personen in meiner Medienarbeit empowern?
- Welche Strategien helfen, den eigenen – oft begrenzten – Blickwinkel zu reflektieren?
- Können Medien barrierefreier und für alle zugänglich gestaltet werden?
- Wie lassen sich stereotype Vorstellungen in Sprache, Bild und Ton aufbrechen?
Gemeinsam Vielfalt gestalten
Lass uns diese Zeit als Erinnerung und Inspiration nutzen, jeden Tag aufs Neue für Gleichberechtigung, Akzeptanz und Empowerment einzutreten. Das Lernangebot „Diversify!“ unterstützt uns dabei. So können wir gemeinsam eine inklusive Zukunft gestalten, in der jeder Mensch die Freiheit hat, sich selbst voll und ganz zu entfalten.
22.07.2026 | Meena Stavesand
Zeitreise am Klavier: Wie historische Instrumente unsere Wahrnehmung der Musik verändern
Wie unterscheidet sich der Klang eines historischen Klaviers von dem eines modernen Flügels und warum entwickelte sich der Klavierbau im 19. Jahrhundert so rasant? Prof. Dr. Hans Bäßler von der Hochschule für Musik und Theater (HfMT) nimmt uns mit auf eine Reise durch die Geschichte des Klavierbaus – von den zarten Klängen der frühen Pianofortes bis hin zur kraftvollen Klangfülle moderner Konzertflügel.
Er spricht über die Besonderheiten historischer Instrumente, ihren Einfluss auf die Musik und die Bedeutung für die Ausbildung von Pianist:innen. Es ist ein Blick in die Welt vergangener Klänge – mit Tipps, wo man selbst historische Klaviere erleben kann.
In dem Lernangebot „Historische Klaviere“ werden die Inhalte dieses Gesprächs vertieft. In detaillierten Videos, aufgenommen im Museum für Kunst und Gewerbe, wo die historischen Instrumente zu bewundern sind, können sich Musikliebhaber:innen, Studierende und neugierige Laien auf Klangvergleiche, tiefgehende Erklärungen und eindrucksvolle Demonstrationen freuen.
Prof. Bäßler, was unterscheidet Klaviere aus dem 18. und 19. Jahrhundert und einen modernen Flügel?
Prof. Dr. Hans Bäßler: Der wohl auffälligste Unterschied liegt in der Klangfülle. Ein moderner Flügel besitzt einen voluminöseren, gleichmäßigeren Klang, während historische Instrumente oft einen helleren, durchsichtigen und flexibleren Ton aufweisen. Im 19. Jahrhundert erlebte der Klavierbau eine rasante Entwicklung. Ursprünglich aus dem Cembalo hervorgegangen, wandelte sich das Klavier im ausgehenden 18. Jahrhundert stetig weiter. Ab dem frühen 19. Jahrhundert beschleunigte sich dieser Prozess erheblich.
Was war der Grund?
Prof. Dr. Hans Bäßler: Die Veränderungen hatten, grob gesagt, zwei Hauptgründe: Zum einen entwickelte sich der Klavierbau technisch weiter und ermöglichte neue Spielweisen, zum anderen stellten die neuen Kompositionen ganz andere Anforderungen an das Instrument. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war der Klang eines Klaviers noch stark von der Stilistik des Cembalos beeinflusst, was man beispielsweise an frühen Pianofortes wahrnehmen kann. Ein wunderbares Beispiel dafür ist das Instrument der Wiener Manufaktur Brodmann aus dem Jahr 1815. Sein Klang ist filigraner und feiner als der späterer Klaviere.
In England dagegen entwickelte sich besonders durch den höchst erfolgreichen Klavierbauer Broadwood eine zukunftsweisende Konzeption, die die Mechanik und den Klang verbesserten. Dies setzte sich in Deutschland in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch Instrumente von Steinweg (später Steinway), Bechstein oder Blüthner, fort – Flügel, die für einen ausgeglicheneren und größeren Klang konzipiert wurden.
Pianist und Professor für Klavier an der HfMT Hubert Rutkowski spielt hier auf dem Hammerflügel Joseph Brodmann (Wien um 1815):
Zum Vergleich spielt Prof. Rutkowski in diesem Video auf einem moderneren Steinway&Sons D-274 mit harmonischer Dämpfung (New York, 1872):
Wie kam es zu diesem neuen Klang?
Prof. Dr. Hans Bäßler: Ein entscheidender Faktor waren die größeren und schwereren Hämmer, die jetzt dickere Saiten anschlugen. Dadurch erhöhte sich die Zugkraft, die wiederum durch einen Eisenrahmen aufgefangen werden musste.
Das klangliche Ergebnis war frappierend – und damit eine zentrale Voraussetzung für die neuen, kraftvolleren Kompositionen von Chopin, Liszt, Schumann oder Brahms.
Ein weiterer Einflussfaktor war die Erweiterung der Orchester im 19. Jahrhundert. Die Besetzungen wuchsen, insbesondere die Bläsergruppen wurden erweitert. Klaviere mussten in den Konzerten für Klavier und Orchester dieser neuen Klangmacht standhalten, sowohl physisch als auch klanglich. Gleichzeitig aber sollten die Instrumente auch feinste Nuancen umsetzen können. Pianisten verlangten nach Flügeln und Klavieren, mit denen sowohl ein zweifaches Piano wie ein zweifaches Forte lieferten, weil diese Dynamikspannen von den Komponisten jetzt vorgeschrieben wurde.
Prof. Rutkowski spielt hier auf einem Flügel von Pleyel (Paris, 1847):
In diesem Video spielt Rutkowski auf einem Flügel von John Broadwood & Sons (London, 1841):
Kann man sagen, dass sich die Kompositionen veränderten und die Klavierbauer darauf reagierten?
Prof. Dr. Hans Bäßler: Ja, wie schon angedeutet, war es ein dynamischer, wechselseitiger Prozess. Die Komponisten verlangten nach einem erweiterten Klangvolumen, worauf die Klavierbauer reagierten. Gleichzeitig boten die neuen Instrumente Möglichkeiten, die wiederum das kompositorische Schaffen beeinflussten.
Man kann das mit der Entwicklung der Orgel vergleichen: Im 19. Jahrhundert entstand der Wunsch nach einem orchestralen Orgelklang, also wurden entsprechende Instrumente gebaut. Gleichzeitig inspirierten sie die Komponisten, die ihre Werke an den neuen Möglichkeiten ausrichteten. Dieser Innovationsprozess setzte sich bis ins frühe 20. Jahrhundert fort.
Wie hat sich der Aufbau der Klaviere noch verändert? Gab es Anpassungen an den Tasten oder den Pedalen?
Prof. Dr. Hans Bäßler: Ja, insbesondere im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert gab es eine Reihe von Pedalen, die für spezielle Klangeffekte sorgten. Manche dienten dazu, den Klang farblich zu verändern, andere versuchten, den Klang anderer Instrumente zu imitieren – natürlich nur in einer abstrahierten Form. Mit der Zeit wurde die Anzahl der Pedale auf die heute gebräuchlichen zwei und später drei reduziert.
Auch die Saitenzahl nahm zu. Während frühe Klaviere nur eine oder zwei Saiten pro Taste hatten, wurden es später drei. Dadurch wurde der Klang voller und kräftiger. Durch diese technische Entwicklung wurde auch der Tonumgang vergrößert auf die heute üblichen 88 Tasten.
Wie beeinflusst der Klangcharakter eines historischen Flügels die Wahrnehmung der Musik?
Prof. Dr. Hans Bäßler: Enorm. Wer historische Instrumente hört, merkt schnell, dass sie eine andere Art von Ausdruckskraft besitzen. Ein:e Pianist:in muss auf ihnen anders spielen als auf einem modernen Flügel. Besonders auffällig ist das in der Interpretation von Beethoven-Stücken, wie die HOOU-Aufnahmen meines Kollegen Rutkowski beweisen: Auf historischen Instrumenten wird oft stärker mit feinsten Tempomodifikationen gearbeitet – ein Phänomen, das unter dem Begriff „Agogik“ bekannt ist. Dies ist notwendig, weil die realen Möglichkeiten der Dynamik klanglich eher eingeschränkt ist.
Das aber führt dazu, dass man beginnt, genauer anzuhören. Es kommt dann ein ganz eigener subtiler Klang zustande, das Gestische der Musik wird deutlicher herausgestrichen.
Ist es für Pianist:innen eine reine Geschmacksfrage, auf welchem Instrument sie lieber spielen?
Prof. Dr. Hans Bäßler: Das hängt von der musikalischen Vision der Künstlerin oder des Künstlers ab. Manche Musiker:innen beschäftigen sich intensiv mit historischen Instrumenten, um das ursprüngliche Klangbild der Werke zu erfassen. Dennoch spielen sie auch auf modernen Flügeln, übertragen dabei aber Erkenntnisse aus der historischen Aufführungspraxis.

60
Seit 60 Jahren gibt es einen Trend, sich auf historische Instrumente zu besinnen – insbesondere, um ein authentisches Spielgefühl zu erleben. Auch in der Hochschulausbildung zeigt sich dieser Trend.
Welche Rolle spielen historische Klaviere in der Musikausbildung?
Prof. Dr. Hans Bäßler: Eine durchaus wichtige Rolle. Man muss die historische Kenntnis haben, um zu verstehen, was so eine Komposition aussagen will. In Hannover gibt es beispielsweise in einem Saal der Hochschule für Musik, Theater und Medien eine Sammlung historischer nachgebauter Instrumente, die für den Unterricht genutzt werden. In Hamburg ist es für die Klavierabteilung der Musikhochschule möglich, zu Unterrichtszwecken die große Sammlung des Museums für Kunst und Gewerbe zu nutzen.
Man kann feststellen, dass es schon seit gut 60 Jahren einen Trend gibt, sich auf die historischen Instrumente zu besinnen. Auch Organist:innen suchen oft gezielt historische Instrumente auf, um ein authentisches Spielgefühl zu erleben, Streicher:innen orientieren sich an alten Spielweisen und benutzen besondere Bögen, Bläser:innen spielen auf alten Instrumenten ohne Ventile. Und dies alles findet auch immer häufiger seinen Niederschlag in der Hochschulausbildung.
Es macht einen erheblichen Unterschied, ob man ein Stück auf einem modernen oder einem historischen Instrument spielt. Bei historischen Orgel ist beispielsweise der Tastendruck oft deutlich schwerer. Solche physischen Eigenheiten zu erfahren, trägt dazu bei, die Musik tiefer zu verstehen und originalgetreuer zu interpretieren. Dass es darum auch eine verstärkte Erfahrung mit musiktheoretischen Kenntnissen geben muss, versteht sich von selbst.
Was fasziniert Sie an den historischen Instrumenten besonders?
Prof. Dr. Hans Bäßler: Historische Instrumente eröffnen eine ganz neue Tiefendimension im Verständnis von Musik. Sie lassen uns die Werke großer Komponisten in ihrem ursprünglichen Klanggewand erleben und ermöglichen uns, ihre Musik so zu hören, wie sie möglicherweise ursprünglich gedacht war.
Die Unterschiede in der Klangfarbe, im Anschlag und in der Resonanz führen dazu, dass selbst vertraute Stücke plötzlich eine neue Facette erhalten. Doch man sollte sich nichts vormachen: wie damals die Musik tatsächlich geklungen hat, weiß man zwangsläufig nicht. Es ist eben so: Man reduziert bestimmte Fehler, die durch die Rezeptionsgeschichte entstanden sind. Aber da gibt es Entdeckungen, die eine andere Welt aufscheinen lassen.
Da schwingt schon der Grund für das Lehrangebot „Historische Klaviere“ mit. Warum haben Sie es realisiert?
Prof. Dr. Hans Bäßler: Es ist mir ein großes Anliegen, dass sich dieses Wissen entwickelt, es erhalten bleibt und an die nächste Generation weitergegeben wird. Deshalb ist es so wichtig, dass es Lehrangebote gibt, die sich mit historischen Instrumenten befassen.
Historische Klaviere - Im Spannungsfeld zwischen Instrumentenbau und Interpretationsgewohnheiten
Wie klingt ein Flügel aus dem XVIII. oder XIX. Jahrhundert im Vergleich zu einem zeitgenössischen Flügel? Spielen wir die gleichen Stücke auf Flügeln aus verschiedenen Epochen unterschiedlich? Um die Antworten herauszufinden, besuche gerne unseren Kurs!
Wo kann man historische Klaviere heute noch sehen?
Prof. Dr. Hans Bäßler: Historische Klaviere sind in verschiedenen Museen zu besichtigen. Besonders hervorzuheben ist das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe, wo eine beeindruckende Sammlung historischer Tasteninstrumente ausgestellt ist, die wir in unserem Lernangebot „Historische Klaviere“ näher betrachtet haben. Dort kann man die Entwicklung des Klavierbaus über die Jahrhunderte hinweg nachvollziehen und die Unterschiede zwischen frühen Instrumenten und modernen Flügeln genau studieren.
Können solche Instrumente heute noch erworben werden?
Prof. Dr. Hans Bäßler: Ja, es gibt spezialisierte Instrumentenbauer:innen, die exakte Nachbauten historischer Klaviere anfertigen. Aber auch einige Originalinstrumente aus dem 19. Jahrhundert sind noch im Umlauf. In Frankreich oder England kann man mit etwas Glück auf gut erhaltene historische Flügel stoßen.
Ist es also realistisch, sich ein historisches Klavier ins eigene Wohnzimmer zu stellen?
Prof. Dr. Hans Bäßler: Absolut. Wer sich für das Thema begeistert, sollte sich ein solches Instrument anschaffen. Sie sind zwar empfindlicher als moderne Klaviere und erfordern etwas mehr Pflege, aber sie bieten eine einzigartige Klangerfahrung, die den Zugang zur Musikgeschichte auf eine ganz besondere Weise eröffnet.
Über Prof. Dr. Hans Bäßler
Nach seinem Abitur 1965 studierte Prof. Dr. Hans Bäßler Theologie, Philosophie und Kirchenmusik in Hamburg. Er unterrichtete am Gymnasium Willhöden und war von 1994 bis 2014 Professor für Musikpädagogik an der Hochschule für Musik und Theater Hannover. Danach lehrte er an der Musikhochschule Lübeck und übernahm 2017 eine Seniorprofessur an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg. Von 1970 bis 1994 wirkte er als Organist an der Hamburger Hauptkirche St. Petri. Außerdem war er Bundesvorsitzender des Verbandes Deutscher Schulmusiker (1996-2006) und veröffentlichte mehrere musikpädagogische Fachbücher.
Bild: Moe Magners / pexels.com
13.07.2026 | Meena Stavesand
Wie man gemeinsam lernt, wenn niemand die Antworten vorgibt
Kein:e Dozent:in, keine Prüfung, kein Druck – und trotzdem lernen alle. In einem Learning Circle sitzen Menschen zusammen, die sich vorher nicht kannten, und arbeiten sich gemeinsam über mehrere Wochen in ein Thema ein. Wie das funktioniert, warum hier niemand „funktionieren“ muss und für wen diese Art zu lernen das Richtige ist, haben wir mit Gabi Fahrenkrog besprochen, die zuletzt den Learning Circle zur Gemeinwohl-Ökonomie an der HAW Hamburg geleitet hat.
Ein Raum, ein Tisch, ein paar Menschen über ihre Materialien gebeugt. Es ist still oder es summt vor Gesprächen, je nachdem, wann man hereinkommt. Niemand steht a la Frontalunterricht vorne und spricht. Es gibt keine Folien und natürlich auch keine Noten am Ende. Und doch passiert hier etwas, das viele aus ihrer eigenen Schul- und Studienzeit so nicht kennen. Was genau das ist, lässt sich am besten von jemandem erklären, die schon viele dieser Runden begleitet hat: Gabi Fahrenkrog. Sie ist Expertin für so genannte Learning Circles.
Gabi, stell dir vor, ich komme zum ersten Mal zu einem Learning Circle. Die Tür geht auf – was erlebe ich?
Gabi Fahrenkrog: Das kommt darauf an, wann du dazukommst. Vielleicht ist es total leise, weil alle gerade in die Materialien vertieft sind. Vielleicht ist es aber auch sehr lebendig – denn das Lernen passiert hier zu großen Teilen über den Austausch zwischen den Teilnehmenden. Beides ist möglich: Du kommst rein und es ist ganz still, oder du kommst rein und zack, es ist voller Leben.
Das klingt nach einer entspannten Lernatmosphäre. Heißt das, ich kann als Teilnehmende hier nichts falsch machen?
Das ist es auch. Bei uns muss niemand funktionieren. Es steht nicht das Ergebnis im Vordergrund, sondern das Wie. Jede Stimme hat das gleiche Gewicht, und alles ist als Einladung gedacht – zum gemeinsamen Lernen und zum Lernen voneinander.
Am Anfang sind die Leute oft zurückhaltend und trauen sich nicht recht, etwas zu sagen – gerade zuzugeben, dass man etwas nicht verstanden hat, ist in einer Gruppe von Fremden schwierig. Aber ich als Leiterin bin selbst eine Lernende und Teil der Gruppe. Wenn ich genau das ausspreche, mich also als nicht perfekt zeige und sage, dass ich noch viele Fragen habe, öffnet das die Tür.
Dann wird es auch für alle anderen einfacher. Das war bisher jedes Mal ein Türöffner.
Bei deinen Learning Circles steht niemand vorne und doziert, alle bringen sich mit ein. Warum passt das zu Themen wie Nachhaltigkeit oder Gemeinwohl-Ökonomie wie zuletzt an der HAW Hamburg?
Bei der Gemeinwohl-Ökonomie steckt es schon im Begriff: Gemeinwohl. Es geht darum, gemeinsam etwas voranzubringen. Dafür ist ein Learning Circle als Format besonders geeignet, weil wir uns auf Augenhöhe begegnen – das ist ein zutiefst demokratisches Vorgehen.
Wenn der Kern von Demokratie das gemeinsame Gestalten und Bewegen von Dingen ist, dann bildet ein Learning Circle genau das im Kleinen ab. Deshalb halte ich diese Kombination für sehr gelungen: gemeinsam lernen, Wissen teilen, sich auf gleicher Höhe verständigen.

Teilnehmen kann jede:r. Es gibt keine Voraussetzung – wirklich jede Person, ganz unabhängig davon, wer sie ist oder woher sie kommt, kann dabei sein. Das Einzige, was es braucht, ist Interesse am Thema und am gemeinsamen Austausch.
Gabi Fahrenkrog
Brauche ich Vorwissen? Wer darf mitmachen?
Teilnehmen kann jede:r. Es gibt keine Voraussetzung – wirklich jede Person, ganz unabhängig davon, wer sie ist oder woher sie kommt, kann dabei sein. Das Einzige, was es braucht, ist Interesse am Thema und am gemeinsamen Austausch.
Bei uns kamen die Teilnehmenden aus ganz unterschiedlichen Bereichen: Menschen, die in der Gemeinwohl-Ökonomie-Bewegung schon aktiv sind, ein Lehrer, eine Frau aus dem Personalmanagement, eine Studierende – und auch altersmäßig war es bunt gemischt.
Dadurch, dass das Angebot von Hochschulen kommt, erreichen wir aber natürlich eine bestimmte Gruppe. Ich wäre sehr gespannt darauf, das einmal breiter zu streuen, wirklich in die ganze Stadtgesellschaft hinein, und zu sehen, ob wir dann auch Menschen ohne akademischen Hintergrund gewinnen. Das fände ich spannend.
Gab es einen Moment, in dem du gemerkt hast: Das Format funktioniert?
Den gibt es jedes Mal – nämlich genau dann, wenn die Menschen wirklich anfangen, miteinander zu interagieren, in den Austausch gehen, die Themen diskutieren und etwas Gemeinschaftliches entsteht. Das muss nicht heißen, dass alle als eine große Gruppe arbeiten; oft bilden sich auch kleinere Gruppen. Aber sobald das passiert, ist der Weg zum Erfolg bereitet. Garantieren kann ich das aber nicht, anregen schon. Und dann nimmt es eine eigene Dynamik auf.
Dass das Format funktioniert, sehe ich immer daran, dass die Teilnehmenden weitermachen wollen. Nach meinem ersten Learning Circle, der digital stattfand, hatten alle Lust, sich weiter mit dem Thema zu beschäftigen. Im zweiten Learning Circle zur Gemeinwohl-Ökonomie an der HAW Hamburg waren Zweidrittel der Teilnehmenden so begeistert, dass sie selbst Ideen eingebracht haben, was sie gerne machen würden. Daraus ist der dritte Learning Circle entstanden. Mit den Menschen aus dem Einstiegskurs haben wir dort OER, also offene Bildungsmaterialien, zur Gemeinwohl-Ökonomie erarbeitet. Das zeigt: Die Leute haben Spaß an dem Format.
Wie läuft ein Treffen konkret ab – welche Rolle hast du als Leiterin?
Meine Aufgabe ist es vor allem, den Rahmen zu geben. Das Format ist im Kern ein bisschen anarchisch und genau dafür braucht es eine einfache Struktur: ein kurzer Check-in zu Beginn, in dem alle erzählen, wie es ihnen geht; dann eine Lernphase, allein oder in der Gruppe, das entscheiden die Leute selbst; danach der gemeinsame Austausch, der längste Teil; und am Schluss Feedback und Reflexion.
In der Regel sind das zwei Stunden. Wie sie konkret ablaufen, weiß ich vorher nicht – das regelt sich in der Gruppe, und bisher hat das jedes Mal funktioniert. Es sind erwachsene Menschen, da kann man viel Vertrauen haben. Den Austausch moderiere ich, aber ich steuere ihn nicht: schauen, dass alle zu Wort kommen, dass Nachfragen möglich sind – und ansonsten nicht eingreifen. Es ist total im Fluss.
Für wen ist diese Art zu lernen das Richtige?
Eigentlich für alle, die neugierig sind und Lust auf Austausch haben. Voraussetzungen gibt es keine – es braucht Interesse am Thema, etwas Zeit, denn wir haben feste Termine, und die Bereitschaft, dabeizubleiben, weil sich ja eine Gruppe bildet. Im Grunde gilt: offen und dabei sein.
Und ehrlich gesagt ist das gar kein klassisches Lernen. Es ist das, was Menschen ohnehin immer tun: sich austauschen, in Beziehung treten, Wissen teilen. Wer das mag, ist hier richtig – ganz gleich, was er oder sie schon mitbringt.
Immer mehr Menschen fühlen sich von Nachrichten überflutet – zu negativ, zu stressig, zu viel. Doch es geht auch anders! Mit der News-Life-Balance lernst du, informiert zu bleiben, ohne dass es deine Stimmung oder Gesundheit belastet. In dem neuen Learning Circle der TU Hamburg entwickelst du Schritt für Schritt deine individuelle News-Life-Balance – eine Art Gebrauchsanweisung für deinen Nachrichtenkonsum.
Wir treffen uns im Freiraum des Museums für Kunst und Gewerbe Hamburg (MK&G) – 6 x jeweils dienstags. Los geht’s am 28. Juli von 15:30 bis 17:30 Uhr. Mehr Infos: Learning Circle News-Life-Balance

Über Gabi Fahrenkrog
Gabriele Fahrenkrog ist Bibliothekarin und Informationswissenschaftlerin. Sie arbeitet im Open Science Lab der TIB – Leibniz Informationszentrum Technik und Naturwissenschaften (Hannover), wo sie im Team Open GLAM in Projekten zu offener Kultur und Bildung tätig ist. Ihre Schwerpunkte dabei liegen auf Partizipation und Community-Building.
Foto: Maximilian Glas / Grafik: Sina Gösele
08.07.2026 | Meena Stavesand
Science and Art Slam: Hamburgs Wissenschaftler:innen buhlen um deinen Applaus
Stell dir vor, jemand wählt den Notruf – stellvertretend für Hamburgs marode Brücken. Genau so hat der Doktorand der TU Hamburg, Mohsen Falah, im vergangenen Jahr den lautesten Applaus des Abends kassiert und den Slam-Pokal geholt. Am Donnerstag, 12. November, geht das Ganze in die dritte Runde: beim Science and Art Slam der HOOU in der Zentralbibliothek der Bücherhallen Hamburg. Eintritt frei – und garantiert kein einziger endloser Fachvortrag.
Vergiss Powerpoint-Marathons und Vorträge, bei denen du nach zehn Minuten aufs Handy schielst. Hier haben Forschende und Kulturschaffende nur wenige Augenblicke Zeit, dich für ihr Thema zu begeistern – simple und effektiv. Sie erklären ihre Arbeit so, dass sie jede:r versteht, egal ob mit Doktortitel oder ohne. Genau das ist der Punkt: Du brauchst kein Vorwissen und musst bei den ersten beiden Slams nicht dabei gewesen sein. Du kommst rein, lehnst dich zurück und entscheidest am Ende, wer am besten performt hat. Denn:
Du bist die Jury!
Dein Applaus zählt: Denn hier gibt’s keine Fachjury, die urteilt. Du bist die Jury. Du entscheidest, wer am Ende mit dem Pokal nach Hause geht. Was zwischen erstem und letztem Beitrag passiert, ist jedes Jahr neu – letztes Mal ging es unter anderem um nachhaltiges Online-Shopping, eine Hochschulreform, die vielleicht ChatGPT schreibt, und ein Cembalo, das plötzlich alles andere als barock klang.

Dass das Konzept aufgeht, hat haben die letzten beiden Slams gezeigt: Über 150 Gäste füllten die Zentralbibliothek der Bücherhallen Hamburg und feierten die Beiträge lautstark. Ein Abend, an dem Wissenschaft und Kunst aufeinandertreffen und beide alles geben, um dich zu überzeugen.
Zwischendurch gibt’s eine Pause zum Durchatmen und Diskutieren. Danach gehst du mit einem Kopf voller Ideen nach Hause, die dich so schnell nicht loslassen. Das Beste: Der Einlass ist kostenlos. Aber: Die Plätze sind begrenzt – sichere dir dein Ticket, bevor’s jemand anderes tut: Hier geht’s zur Anmeldung.
Lust zu slammen?
Du forschst oder bist Kulturschaffende:r an einer Hamburger Hochschule und hast ein Thema, für das du brennst? Dann trau dich auf die Bühne. Du musst kein Bühnentalent mitbringen: Jede:r Slammer:in bekommt vorab ein kostenloses, professionelles Einzelcoaching, in dem wir gemeinsam an deinem Auftritt feilen – Aufbau, Timing, Wirkung. Am Ende stehst du da oben und weißt genau, was du tust. Dieses Handwerk nimmt dir übrigens niemand mehr weg, auch nicht nach dem Slam.
Melde dich jetzt bei Dr. Paula Guglielmi per E-Mail an guglielmi@hoou.de. Wir freuen uns auf deine Nachricht!
Science and Art Slam der HOOU 2026
- Donnerstag, 12. November, 17.30 bis 20 Uhr
- Zentralbibliothek der Bücherhallen Hamburg, Hühnerposten 1 (Eingang: Arno-Schmidt-Platz), 20097 Hamburg
- Eintritt frei | Anmeldung erforderlich
Bild: Lisa / pexels.com
07.07.2026 | HOOU
Gegen die Vermüllung unserer Städte: Wie kleine Gruppen Großes bewegen
Ein lauer Sommerabend im Park. Überall sitzen Menschen auf Decken, lachen, essen, genießen die Sonne. Stunden später ist niemand mehr da, aber leer ist der Rasen nicht. Überall liegen Dosen, Plastikverpackungen, Zigarettenstummel. Am nächsten Tag passiert es genauso wieder. Was banal klingt, ist ein soziales Phänomen: Vermüllung ist ansteckend. Hier setzt das Lernangebot „Agents of Change“ der Technischen Universität Hamburg an. Es zeigt, wie sich Normen verändern und kleine Gruppen eine große Wirkung entfalten können. Ein Beitrag von Atessa Bucalovic.
Viele von uns orientieren sich daran, was andere tun. Wenn der Platz sauber ist, geben wir uns Mühe, ihn so zu hinterlassen. Wenn er verschmutzt ist, sinkt die Hemmschwelle. Forschende nennen das gesellschaftliche Normen. Das sind unausgesprochene Regeln, die unser Verhalten beeinflussen.
Die Philosophin Cristina Bicchieri erforscht, wie Menschen Verhaltensentscheidungen treffen. Sie beschreibt das so: Menschen folgen Normen, wenn sie glauben, dass andere sie befolgen – und erwarten, dass sie es selbst auch tun.
Mit anderen Worten: Wir halten uns an Regeln, wenn wir glauben, dass sie gelten. Und wenn genug Menschen sich daran halten, entsteht eine neue Normalität.
Das „Agents of Change“ Simulations-Labor
Im „Agents of Change“-Labor der HOOU kannst du selbst erleben, wie soziale Dynamiken entstehen. In der interaktiven Computersimulation begleitest du Spaziergänger:innen im Park und beobachtest, ab wann nachhaltiges Verhalten ins Positive „kippt“, also zur Norm wird. Darin kannst du Einstellungen verändern, um dann zu beobachten, welche Auswirkungen das auf das Verhalten der Personen in der Simulationswelt hat.
- Wie viele Menschen braucht es, damit andere sich anschließen?
- Wie stark wirken Vorbilder, Hinweise oder kleine Anstöße, sogenannte „Nudges“?
- Und was passiert, wenn die „Agents of Change“ konsequent vorangehen?
Agents of Change - nachhaltiges Handeln ins Rollen bringen
Unser alltägliches Handeln wird oft von dem Verhalten unserer Mitmenschen beeinflusst. Doch wie viele Personen braucht es, um uns selbst und andere zu nachhaltigem Handeln zu motivieren – zum Beispiel, um unsere Umgebung sauber zu halten? Schlüpf hinein in die Rolle des Beobachter-Aliens „Observer“ und beobachte das Wegwerfverhalten von Menschen mit Hilfe eines Simulations-Labors. Kannst du das Wissen übertragen, um nachhaltiges Handeln in deinem Umfeld ins Rollen zu bringen?
Das Experiment zeigt: Schon eine kleine Gruppe von „Agents of Change“ kann eine große Veränderung anstoßen. Besonders, wenn ihr Verhalten sichtbar, konsequent und glaubwürdig ist. Sie sind die Auslöser dafür, dass aus individuellen Handlungen kollektives Verhalten entsteht.
Was Städte gegen Littering tun – und was wirklich wirkt
Eine Langzeitstudie der Humboldt-Universität Berlin untersuchte in mehreren Großstädten, warum Menschen Müll liegen lassen und welche Maßnahmen helfen. Das Ergebnis: Nicht fehlende Mülleimer sind das Problem, sondern Bequemlichkeit und Gleichgültigkeit. Besonders betroffen sind Orte, an denen bereits Müll liegt – die sogenannten Littering-Hotspots.
Die Studie zeigte auch, welche Maßnahmen funktionieren:
- Auffällige Mülleimer mit klaren Hinweisen
- Nudges: etwa Fußspuren, die zum nächsten Papierkorb führen
- Plakataktionen mit positiven Botschaften
- Kümmerer:innen oder Waste-Watcher, die im Viertel präsent sind
In Hamburg sind die Waste-Watcher seit Jahren im Einsatz. Sie sprechen Menschen direkt an, sensibilisieren für sauberes Verhalten und stärken so die soziale Norm vor Ort.
Ein Blick nach Hamburg – und in den Müll
Laut dem Bericht „Daten und Fakten 2023“ der Stadtreinigung Hamburg werden jährlich rund 18.500 Tonnen Kehricht, wie zum Beispiel aufgesammelter Straßenmüll, entsorgt. Über 20.000 Papierkörbe stehen in der Stadt und werden bis zu 3 Mal pro Woche geleert.
Diese Zahlen zeigen: Sauberkeit ist eine Mammutaufgabe. An Mülleimern mangelt es nicht, und doch landet viel Abfall auf der Straße. Auch wenn wir nicht genau wissen, wie hoch der Anteil des „fallengelassenen Mülls“ ist, eines ist klar: Jede:r kann dazu beitragen, dass weniger davon im Kehricht landet, indem man den eigenen Müll in den Eimer statt daneben wirft.
Denn Vermüllung beeinflusst nicht nur das Wohlbefinden vieler Menschen, sondern auch das von Tieren, die Abfälle fressen oder sich daran verletzen. Sauberkeit bleibt also eine gemeinsame Aufgabe. Und sie beginnt im Kleinen, bei jeder einzelnen Entscheidung.
Wenn die Szene selbst putzt
Auch in Hannover gibt es ein bemerkenswertes Beispiel für gemeinschaftliches Engagement. Dort treffen sich Menschen aus der Drogenszene regelmäßig, um den Platz vor dem Stellwerk – einer zentralen Anlaufstelle für Suchtkranke – zu reinigen. Das Projekt nennt sich „Die Szene putzt“.
Was als Aufräumaktion begann, ist heute ein Symbol: Verantwortung übernehmen funktioniert, indem man selbst Teil der Lösung wird. So zeigen die Teilnehmenden, dass Mitgestaltung und Würde auch unter schwierigen Lebensbedingungen möglich sind.
Veränderung ist kein Zufall, sondern beeinflussbar
Das alles zeigt: Soziale Veränderung beginnt nicht mit Druck, sondern mit Einsicht. Und mit ein paar Menschen, die anfangen. Die Forschung nennt sie „kritische Masse“: Eine kleine, sichtbare Gruppe, die durch ihr Verhalten andere ansteckt.
Das HOOU-Projekt „Agents of Change“ macht diesen Effekt erlebbar und verbindet so Wissenschaft, Bildung und Gesellschaft. Wer teilnimmt, lernt: Veränderung ist kein Zufall, sondern beeinflussbar. Vor allem, wenn man versteht, wie Normen aktiviert werden können.
Mut zu mehr Verantwortung und damit Veränderung
Sauberkeit ist Teamarbeit und Erwartungsarbeit. Wenn wir zeigen, dass uns der öffentliche Raum wichtig ist, schließen sich andere an.
Das digitale Lernangebot der HOOU macht Mut, Verantwortung zu übernehmen und Veränderung selbst anzustoßen – im eigenen Viertel, auf dem Campus oder im Park.
Denn manchmal braucht es nur ein paar Menschen, die aufstehen, um den Unterschied zu machen.

Mache dich und die Welt fit für die Zukunft! Entdecke weitere Lernangebote und Podcasts zum Thema:
Bild: Mediaserver Hamburg / Christian Brandes
30.06.2026 | Meena Stavesand
Was hat der Grüne Bunker in Hamburg mit deinem Balkon zu tun?
Den Grünen Bunker an der Feldstraße kennen fast alle in Hamburg, aber was dort oben an Natur wächst, wissen nur die, die schon einmal da waren. Genau solche Beispiele nehmen die beiden Studierenden Maria Hüttl und Adrian Kösters von der HAW Hamburg zum Ausgangspunkt für ein Lernangebot über Renaturierung der Stadt. Es zeigt, wie Gebäudebegrünung, naturnahe Balkone und der richtige Umgang mit Grünflächen die Biodiversität fördern und warum das nicht nur den Tieren, sondern uns allen nützt. Im Gespräch erklärt Adrian, was die beiden antreibt und warum sie dabei auf Hoffnung statt Weltuntergang setzen.
Ihr Lernangebot, das Ende des Jahres erscheint und im Rahmen der BNE-Pionier*innen der HAW Hamburg entsteht, ist auch Thema bei der Hamburger Sustainability Week. Am Mittwoch, 1. Juli, stehen von 16 bis 18 Uhr in der Zentralbibliothek der Bücherhallen Hamburg drei Themenbereiche im Fokus: nachhaltiger Lebensstil, Ressourcen und Machtverhältnisse sowie Städte und Biotope. Zu jedem dieser Schwerpunkte geben anschauliche Infoposter einen fundierten Überblick und eröffnen unterschiedliche Perspektiven. An ergänzenden Hands-on-Stationen können Besucher:innen selbst aktiv werden, neue Denkanstöße gewinnen und ihr eigenes Bewusstsein für Nachhaltigkeit stärken.
Die Veranstaltung findet in Kooperation mit dem Format „Reingeforscht“ der HAW Hamburg statt und verbindet interaktive Elemente mit fachlichen Impulsen aus Wissenschaft und Praxis. So entsteht ein lebendiger Austauschraum, der zum Mitmachen, Diskutieren und Weiterdenken einlädt.
Im Interview gibt es nun erste Einblicke in das Thema zu Städte und Biotope und zum entstehenden Lernangebot.
Der Grüne Bunker in der Feldstraße steht mitten in Hamburg. Was passiert da oben eigentlich an Natur, das viele gar nicht ahnen?
Adrian Kösters: Ein Biologe hätte da sicher noch einmal ein anderes Auge für die Details als ich, aber: Was mich vor allem beeindruckt, ist die schiere Dimension des Grünen Bunkers. Insgesamt entstanden dort mehr als 10.000 Quadratmeter Grün- und Gemeinschaftsfläche – ein großer Teil davon begrünt, das ist deutlich mehr als ein Standard-Fußballfeld. Und das auf einem Gebäude – das ist schon eine beeindruckende Größenordnung. Dort oben gibt es tatsächlich so etwas wie eine richtige Parkfläche, dazu Fassaden- und Dachbegrünung – es wurden rund 4.700 Bäume und Gehölze gepflanzt, dazu etwa 16.000 Stauden. Wenn man selbst dort steht, ist es noch einmal deutlich beeindruckender als auf Bildern.

10.000
Quadratmeter Grün- und Gemeinschaftsfläche befinden sich auf dem Grünen Bunker in der Feldstraße im Hamburger Stadtteil St. Pauli.
Was hat der Bunker mit eurem Lernangebot zu tun?
Adrian Kösters: Für das Projekt, das ich zusammen mit Maria Hüttl umsetze, ist der Bunker der Aufhänger: Davon ausgehend thematisieren wir Dach- und Fassadenbegrünung allgemein – welche Dacharten es gibt und welche Vorteile hat das. Ich bin gelernter Dachdecker und habe Vorkenntnisse in diesem Bereich. Denn das, was es am Bunker zu sehen gibt, ist am Ende auch für die eigene Garage oder das Wohnhaus möglich. Das wollen unter anderem wir zeigen, wenn wir uns mit Stadtbiotopen beschäftigen.
Bei unserem aktuellen Verlust an Biodiversität könnte man leicht in Weltuntergangsstimmung verfallen. Warum setzt ihr stattdessen bewusst auf Hoffnung und funktioniert das?
Adrian Kösters: Das hat sich vor allem aus unserem Ziel ergeben: Wir wollen konkrete Vorschläge bieten, die jede:r selbst umsetzen kann. Dadurch verschiebt sich der Fokus automatisch – weg von „Was stirbt alles aus?“ hin zu „Was kann ich tun, und was bringt mir das?“. Auf das Artensterben und die Folgen gehen wir grundlegend ein, aber der Antrieb ist das Handeln. Und das Schöne: Die meisten dieser Dinge sind Sachen, von denen man selbst profitiert, die sogar Spaß machen und einem Lebensqualität in der direkten Umgebung geben.
Aus dieser Perspektive heraus verliert man zumindest für den Moment die negative Brille auf das große Ganze. Dass die Gesamtsituation kritisch ist, ist dabei unbestritten. Aber man kann sich entscheiden, aus welchem Blickwinkel man draufschaut: Das Thema ist bekannt, Naturschutzgebiete werden erweitert, Organisationen sichern im großen Stil Flächen, etwa Regenwald. Am Ende bleibt aber die Frage, welcher Blickwinkel einen selbst zum Handeln animiert – und das ist meistens der positive.
Und vielleicht motiviert man so auch andere – wird selbst zum Beispiel; der Nachbar sieht die grüne Garage und denkt: Das kann ich auch.
Adrian Kösters: Ja, genau. Wir möchten mit unserem Lernangebot für das Thema sensibilisieren und einen kleinen Teil zur gesellschaftlichen Entwicklung beitragen.
Nicht jede:r hat einen Garten, aber viele einen Balkon. Wie wird aus einem normalen Balkon ein kleiner Lebensraum für Insekten und Vögel?
Adrian Kösters: Das ist gerade vor allem das Thema meiner Teamkollegin Maria Hüttl. Zum einen sind heimische Pflanzen wichtig, die ans Ökosystem und an die Witterung hier angepasst sind. Dafür gibt es zum Beispiel Listen und Vorschläge vom NABU. Auf exotische Blumen sollte man im besten Fall verzichten. Zum anderen kann man diese heimischen Pflanzen ruhig etwas natürlicher behandeln – beispielsweise Blüten und Blätter verwelken lassen, denn in diesem Prozess finden Insekten Schutz, überwintern dort und Vögel finden Nahrung.
Man muss heimische Pflanzen auch nicht bei leichten Minusgraden reinholen – sie sind für die Temperaturen ausgelegt und kommen im Sommer wieder. Selbst abgeblühte Pflanzen erfüllen so ihren eigenen Nutzen. Und falls jemand nur einen kleinen, schattigen Balkon hat: Auch dafür gibt es Lösungen, der muss nicht kahl bleiben. Im Kern würde ich sagen: heimisch und möglichst natürlich lassen, und den Jahreszeiten ihren Lauf gewähren.
Also auch nicht jeden Grashalm und jedes Unkraut sofort entfernen – das könnte ein Lebensraum sein, den wir so gar nicht sehen.
Adrian Kösters: Genau. Der kurzgeschorene Rasen wird oft kritisiert – versiegelte Flächen sind noch kritischer. Das heißt nicht, dass man den Rasen wuchern lassen muss, aber schon ein kleines Rückzugsgebiet, das etwas wilder wachsen darf, scheint sehr positive Auswirkungen zu haben. Es gibt auch den „mähfreien Mai“, in dem man bewusst stehen lässt, weil es der Natur guttut.
Spannend finde ich, dass das manchmal auch am gesellschaftlichen Druck scheitert – gerade in Nachbarschaften, wo der gepflegte Garten als Statussymbol gilt. Dann ist plötzlich der Außeneindruck wichtiger als die eigentliche Funktion. Das finde ich fast schon symbolisch.
Was machen Menschen in Parks und Grünanlagen oft falsch, ohne es zu merken – und was wäre besser?
Adrian Kösters: Ein bekannteres Beispiel ist das Füttern von Wasservögeln, also klassisch Enten. Das ist für Kinder eine schöne Beschäftigung, aber Brotreste und die übermäßige Nahrungszufuhr können über die Ausscheidungen der Tiere dazu führen, dass Gewässer überdüngt werden – viele Algen, wenig Sauerstoff, das Gewässer kann regelrecht „kippen“.
Ein anderes Thema ist die Leinenpflicht für Hunde etwa in Brut- und Paarungszeiten. Selbst der dauerhafte Stress durch freilaufende Hunde – oder durch Menschen, die stören – kann Tieren schaden; es gibt Vögel, die bei zu viel Stress sogar ihren Brutprozess abbrechen. Dann gibt es das Thema Müll. Es gibt ein wissenschaftliches Maß dafür, wie schädlich weggeworfene Fremdkörper im Wasser sind – also wie viele Wasserlebewesen in einem Liter Wasser dann absterben. Dazu kommt Angelmüll, der in Gewässern zurückbleibt und in dem sich vor allem Vögel verheddern.
Am Ende geht es uns darum, Menschen das Bewusstsein zu geben, solche Dinge selbst einzuschätzen oder zu erkennen: Da sollte ich mich noch mal informieren bzw. anders verhalten. Gut gemeint heißt eben nicht automatisch gut gemacht.

Mache dich und die Welt fit für die Zukunft! Entdecke weitere Lernangebote und Podcasts zum Thema:
Warum sollte mich als Stadtbewohner:in mehr Grün überhaupt interessieren – was habe ich persönlich davon?
Adrian Kösters: Ganz vorne steht der Erholungswert: Parks und Grünflächen als Orte, an denen man zur Natur und damit zur Ruhe kommt. Es gibt Belege, dass sich der Aufenthalt in der Natur positiv auf die mentale Gesundheit auswirkt – sogar schon Grünflächen, die man gar nicht betritt, etwa begrünte Dächer, sollen positiv wirken. Bei expliziter Gebäudebegrünung kommt sogar Bauwerkschutz dazu: Begrünte Flachdächer sollen länger halten.
Grüne Gebäude wirken außerdem aufs lokale Klima – durch die Verdunstung kühlen sie ihre Umgebung, was in immer wärmeren Sommern sehr wertvoll ist. Dann ist da die globale Ebene: Wenn Tieren immer mehr Lebensraum fehlt, kann der Biodiversitätsschwund über Kettenreaktionen langfristig gravierende Folgen haben – auch für uns. Und nicht zu vergessen: nicht versiegelter Boden wirkt als Regenspeicher. Der Fischmarkt hier in Hamburg steht ja immer mal wieder unter Wasser. Gerade mit Blick auf häufigere Extremwetter – Starkregen nach Dürre, wenn der Boden nicht mehr genug aufnimmt – ist das ein echtes Thema. Selbst der Bunker erfüllt da als eine Art Schwammspeicher einen Nutzen. Dazu kommt die Wirkung auf Luftqualität und Schadstoffe.
Es scheint also breit gefächerte Vorteile zu geben – fürs Individuum, für die Stadt und am Ende für den Planeten.
Über Adrian Kösters
Ich bin Adrian Kösters und studiere im zweiten Bildungsweg Regenerative Energiesysteme an der HAW Hamburg, nachdem ich zuvor verschiedene Ausbildungsbereiche ausprobiert und mich für den Fokus Energiewende entschieden habe. Zu dem Thema „Biologische Vielfalt in der Stadt“ kam ich durch einen Vortrag am Tag der Nachhaltigkeit an unserer Hochschule. Mir wurde klar, dass viele (inklusive mir) gar nicht wissen, was man selbst für eine grüne Stadt tun kann. Auch wenn ich fachfremd bin, begeistert es mich, mich im aktuellen HOOU-Projekt in diese Themen einzuarbeiten. Wir möchten zeigen, dass nachhaltiger Naturschutz in der Stadt machbar ist und schon im Kleinen auf dem eigenen Balkon oder im Garten anfängt.
Zum Weiterdenken
Was bleibt? Vor allem eine ermutigende Erkenntnis: Mehr Natur in der Stadt ist keine Frage von Garten oder großem Budget. Schon ein paar heimische Pflanzen auf dem Balkon, eine wilde Ecke im Rasen oder der bewusste Verzicht aufs Entenfüttern machen einen Unterschied – und gleichzeitig profitieren wir selbst: kühlere Sommer, sauberere Luft, Erholung und ein Boden, der Starkregen abfedert. Vom Fußballfeld auf dem Bunker bis zum Blumenkasten am Fenster spannt sich derselbe Gedanke: Wer einmal versteht, wie viel schon kleine Flächen bewirken, schaut anders auf die eigene Umgebung – und vielleicht steckt das ja sogar die Nachbarschaft an.
Wer tiefer einsteigen möchte, findet im Lernangebot Städte und Biotope der BNE-Pionier*innen an der HAW Hamburg mehr zu Gebäudebegrünung, naturnahen Balkonen und dem richtigen Verhalten in städtischen Naturräumen.
Lust auf mehr?

„Biodiversität beginnt vor der Haustür“ – Warum Artenvielfalt unser Überleben sichert
Bild: Sou Jest / Unsplash
25.06.2026 | Meena Stavesand
Seltene Erden sind gar nicht selten – warum sind sie dann so umkämpft?
Wahrscheinlich liegt es gerade neben dir: dein Smartphone. In ihm stecken bis zu 50 verschiedene Metalle – viele davon aus Regionen, über die wir zu selten nachdenken. Rohstoffe wie seltene Erden stecken in fast jeder Technologie, die unseren Alltag und unsere Zukunft prägt, vom Smartphone über Solarzellen bis zu militärischer Ausrüstung. Genau das macht sie zu einem Politikum und zu einem Hebel der Macht. Im Lernangebot „Ressourcen und Machtverhältnisse“ beschäftigen sich Baktash Ghani, Timo Hilker, Luise Hailer und Murat Coban von der HAW Hamburg mit den globalen Abhängigkeiten dahinter. Im Gespräch erklären Baktash und Timo, warum Begriffe oft durcheinandergehen, wie Rohstoffe und militärische Macht zusammenhängen und was das mit unserem eigenen Konsum zu tun hat.
Ihr Lernangebot, das Ende des Jahres erscheint und im Rahmen der BNE-Pionier*innen der HAW Hamburg entsteht, ist auch Thema bei der Hamburger Sustainability Week. Am Mittwoch, 1. Juli, stehen von 16 bis 18 Uhr in der Zentralbibliothek der Bücherhallen Hamburg drei Themenbereiche im Fokus: nachhaltiger Lebensstil, Ressourcen und Machtverhältnisse sowie Städte und Biotope. Zu jedem dieser Schwerpunkte geben anschauliche Infoposter einen fundierten Überblick und eröffnen unterschiedliche Perspektiven. An ergänzenden Hands-on-Stationen können Besucher:innen selbst aktiv werden, neue Denkanstöße gewinnen und ihr eigenes Bewusstsein für Nachhaltigkeit stärken.
Die Veranstaltung findet in Kooperation mit dem Format „Reingeforscht“ der HAW Hamburg statt und verbindet interaktive Elemente mit fachlichen Impulsen aus Wissenschaft und Praxis. So entsteht ein lebendiger Austauschraum, der zum Mitmachen, Diskutieren und Weiterdenken einlädt.
Im Interview gibt es nun erste Einblicke in das Thema zum nachhaltigen Leben und zum entstehenden Lernangebot.
In jedem Smartphone stecken bis zu 50 Metalle. Warum sind ausgerechnet diese Rohstoffe so umkämpft?
Timo Hilker: Beim Thema seltene Erden wird schnell klar: Es ist eine Ressource – ähnlich wie beim Öl, die endlich ist und uns zwingt, perspektivisch auf andere Technologien überzugehen. Anders als der Begriff suggeriert, sind seltene Erden aber gar nicht so selten. Das eigentliche Problem ist, sie zu raffinieren, also sie überhaupt als nutzbaren Rohstoff aus der Erde zu bekommen. Das ist schwierig. Einige Länder haben sich darauf spezialisiert, wodurch Abhängigkeiten entstehen. Im Kontext dieser 50 Metalle kommt dann eine Art künstliche Verknappung hinzu: Länder entscheiden, an wen sie liefern und an wen nicht. Es geht also stark darum, mit wem man handeln möchte und mit wem nicht – nach kapitalistischen Marktprinzipien sind diese Rohstoffe deshalb sehr umkämpft.
Baktash Ghani: Die Bedeutung dieser kritischen Rohstoffe steckt in deren Gebrauch in Technologien der Zukunft – was wir mit Nachhaltigkeit verbinden. Zum Beispiel werden Lithium und Kobalt in Batterien elektrischer Fahrzeuge gebraucht und Gallium steckt in Hochleistungssolarzellen. Neben diesen Verwendungen zu Nachhaltigkeitszwecken werden diese Rohstoffe aber auch in militärischen Technologien genutzt, was deren Bedeutung nochmals erhöht. Die weitverbreitete Verwendung der kritischen Rohstoffe drängt Länder dazu, eine sichere Lieferkette dieser Ressourcen herzustellen.

Anders als der Begriff suggeriert, sind seltene Erden aber gar nicht so selten. Das eigentliche Problem ist, sie zu raffinieren, also sie überhaupt als nutzbaren Rohstoff aus der Erde zu bekommen. Das ist schwierig. Einige Länder haben sich darauf spezialisiert, wodurch Abhängigkeiten entstehen.
Timo Hilker
Kann man zusammenfassend sagen: Wer Zugang zu diesen Ressourcen hat, hat Zugang zu Zukunftstechnologien und damit auch die Kontrolle darüber?
Baktash Ghani: Da diese Ressourcen wesentliche Bestandteile vieler Technologien sind, kann man sagen, dass sie für die Zukunftstechnologien absolut unverzichtbar sind. Ein sicherer Zugang bedeutet, in diesem Zusammenhang, ungestörte Entwicklung und Forschung. Die Kontrolle über Zukunftstechnologien ist aus meiner Sicht etwas schwer zu definieren. Länder, die die Lieferkette der kritischen Rohstoffe dominieren, könnten den Zugang anderer Länder verhindern oder ihre Dominanz als ein Instrument der Weltpolitik benutzen. Ich bin aber der Meinung, dass die Welt zu groß und divers ist, und deswegen eine totale Kontrolle über die Technologien der Zukunft unrealistisch ist. Es gibt inzwischen Initiativen und Projekte von Ländern, die diese Abhängigkeit reduzieren wollen – vor allem auch die EU. Aber Abhängigkeiten sehe ich hier durchaus.
Timo Hilker: Die Antwort auf die Frage ist komplexer und komplizierter, weil seltene Erden global gar nicht so ungleich verteilt sind. Selbst in Deutschland hätten wir theoretisch legalen Zugriff darauf – nur ist es, bei unserer Art zu wirtschaften, ökonomisch nicht sinnvoll. Ähnlich ist es beim Recycling: Bei vielen dieser Metalle kommt erst jetzt der Gedanke auf, Dinge zu recyceln, um unabhängiger zu werden – auch mit einem kleinen Nachhaltigkeitsgedanken. Bisher war das schlicht nicht wirtschaftlich tragbar, weil wir Ressourcen anderswo günstig bekommen, ohne hier vor Ort Umweltschäden oder Menschenrechtsverletzungen in Kauf nehmen zu müssen.
Kritische Rohstoffe und seltene Erden werden oft verwechselt. Was ist der Unterschied und warum ist er wichtig?
Timo Hilker: Seltene Erden sind eine chemische Definition aus dem Periodensystem – streng genommen die Lanthanoide. Bei der Bergung sind sie immer an andere Metalle gekoppelt und dadurch nicht einfach abzubauen. Kritische Rohstoffe dagegen sind keine chemische, sondern eine wirtschaftliche Kategorie – immer aus der Sicht eines Betrachters wie der EU. Vereinfacht gesagt: Seltene Erden sind eine Tatsache der Chemie, kritische Rohstoffe eine Entscheidung der Politik. Die EU bewertet dafür zwei Dinge – die ökonomische Relevanz und das Versorgungsrisiko. Übersteigen beide einen bestimmten Wert, gilt ein Rohstoff als kritisch. Es gibt aber auch Ausnahmen: Nickel etwa zählt die EU dazu, obwohl er die Kriterien streng genommen nicht erfüllt – einfach, weil ihm eine besondere strategische Bedeutung zugeschrieben wird.
Sind kritische Rohstoffe auch seltene Erden?
Timo Hilker: Nach aktueller europäischer Definition sind tatsächlich alle seltenen Erden zugleich kritische Rohstoffe – unterschieden wird da nur noch in leichte und schwere seltene Erden. Das ist aber die heutige EU-Definition; theoretisch könnte das auch anders sein. Aktuell gehören die seltenen Erden also allesamt zu den kritischen Rohstoffen.

Für mich sind diese Rohstoffe vor allem mit Blick auf Nachhaltigkeit relevant – es gibt den Diskurs, dass grüne Technologie gegen den Klimawandel helfen und zu besser gestalteten Städten beitragen kann. Aber genau dieselben Rohstoffe werden eben auch militärisch gebraucht. Es ist also kein simpler Gegensatz zwischen Nachhaltigkeit und Militär, sondern eine ständige Konkurrenz um dieselben Stoffe.
Baktash Ghani
Wie hängen diese Rohstoffe und militärische Technologie zusammen?
Baktash Ghani: Für mich sind diese Rohstoffe vor allem mit Blick auf Nachhaltigkeit relevant – es gibt den Diskurs, dass grüne Technologie gegen den Klimawandel helfen und zu besser gestalteten Städten beitragen kann. Aber genau dieselben Rohstoffe werden eben auch militärisch gebraucht, und da überschneidet sich der Bedarf. Hochleistungsmagnete etwa, deren Industrie stark von China dominiert wird, stecken in Kampfjets, Satelliten oder U-Booten. Andere Elemente wie Gallium und Germanium sind für die Infrarotoptik sehr wichtig – und Gallium wird zugleich für Solarzellen gebraucht. Es ist also kein simpler Gegensatz zwischen Nachhaltigkeit und Militär, sondern eine ständige Konkurrenz um dieselben Stoffe.
Warum ist es wichtig, dass wir darüber sprechen?
Baktash Ghani: Weil man grundsätzlich darüber reden sollte, wie man diese Rohstoffe herbekommt – ob für Nachhaltigkeitsprojekte oder fürs Militär, und was das für Handel und Handelsabkommen bedeutet. Welche Folgen hat das in anderen Ländern? Nickel etwa wird in Indonesien abgebaut; es gibt viele Geschichten, wie dort Verarbeitungszentren aufgebaut wurden, um Mehrwert im Land zu halten. Das führt aber auch zu Naturzerstörung und zu schwierigen Arbeitsbedingungen für die Menschen vor Ort. Und wenn diese Rohstoffe in militärischer Technologie gebraucht werden, sind sie eben strategisch wichtig. Um wettbewerbsfähig zu sein und eine widerstandsfähige Verteidigungsindustrie zu haben, braucht es sichere Lieferketten. Bedauerlicherweise gibt es diese Konkurrenz.
Timo Hilker: Hier zeigen sich Paradoxien der Globalisierung. Schon 2023 hatte China eine Lizenzpflicht für Gallium und Germanium eingeführt, und Ende 2024 folgte dann ein direktes Exportverbot dieser Dual-Use-Materialien an die USA – einschließlich der Lieferung an militärische Endnutzer, was mittlerweile allerdings wieder gelockert wurde. Als Exportnation steht China im Kapitalismus einerseits unter dem Druck, seine Rohstoffe zu verkaufen, sieht aber andererseits das Risiko – und tatsächlich haben Nationen wie die USA begonnen, bestimmte Rohstoffe zu horten, auch mit Blick auf eine militärische Bedrohung. Es entsteht eine Spannung zwischen „Wir müssen verkaufen, um auf dem internationalen Markt präsent zu sein“ und der Sorge vor zu großer Abhängigkeit.

Mache dich und die Welt fit für die Zukunft! Entdecke weitere Lernangebote und Podcasts zum Thema:
Wohlstand hängt an Rohstoffen, die anderswo unter harten Bedingungen abgebaut werden. Wie ehrlich kann – oder muss – man dieses Ungleichgewicht ansprechen?
Baktash Ghani: Es ist absolut wichtig, dass wir über die kritischen Rohstoffe in Bezug auf Nachhaltigkeit sprechen, weil sie nicht neutral sind, und sie können kontraproduktiv auf Nachhaltigkeitsziele wirken. Grüne Technologie, was wir in unserem Lernangebot näher besprechen werden, wird als eine Lösung unserer heutigen Probleme wie Klimawandel betrachtet. Da sie aber diese Rohstoffe brauchen, muss es sichergestellt werden, dass sie auch nachhaltig beschafft werden. Wie produktiv können Nachhaltigkeitsprojekte sein, wenn die Beschaffung der Ressourcen, die dafür wichtig sind, zu Krisen, Menschenrechtsverletzung oder Naturzerstörung in anderen Ländern beiträgt? Außerdem: Nachhaltigkeit und damit verbundene Probleme müssen weltweit betrachtet werden. Das haben wir beim Klimawandel gesehen.
Timo Hilker: Ich würde da gern auf die Sustainable Development Goals verweisen. Die Vereinten Nationen haben festgestellt, dass man mit dem Gedanken „Nur meine Nation, nur meine Familie, nur ich“ nicht weit kommt – globale Probleme müssen wir gemeinsam angehen, und wir müssen anerkennen, dass wir als Menschen alle gleich sind. Es ist eben nicht selbstverständlich, dass ich hier warm vor meinem Laptop sitzen kann; historische Prozesse haben dazu geführt, dass es mir anders geht als jemandem, der woanders geboren wird. Gerade beim Arbeitsrecht und Umweltschutz sieht man, dass viele deutsche Industrieunternehmen etwa nach China ausweichen, um beispielsweise weniger Umweltauflagen zu haben. Daran sieht man, dass auch deutsche Unternehmen als große Global Player international Einfluss auf Umweltschäden oder Menschenrechtsverletzungen haben können.
Was sollte jede:r über die Herkunft der Geräte wissen, die wir täglich in der Hand halten?
Timo Hilker: Ich würde der verbreiteten Annahme widersprechen, dass wir als Individuum kaum etwas bewirken können. Wäre jedem bewusst, wie viel für sein Smartphone ausgebeutet wird – sowohl die Umwelt als auch Menschenrechte –, dann sähe die Welt schon anders aus. Saubere Luft und sauberes Wasser betreffen einen ja selbst. Und beim „Lotto des Lebens“ hätte es genauso einen selbst treffen können, an einer Lithiumraffinerie zu leben, giftige Abgase einzuatmen und vielleicht schon in jungen Jahren unter Zwang zu arbeiten. Dieses Bewusstsein verändert den Blick.
Baktash Ghani: Zudem würde ich sagen, dass Menschen versuchen sollten, Veränderung auf der größeren gesellschaftlichen und politischen Bühne zu bewirken – nicht nur durch individuelles Konsumverhalten. Beispielsweise Handel in Bezug auf kritische Rohstoffe muss zur nachhaltige Entwicklung aller Partnern beitragen. Dafür muss es fair und gerecht sein. Zudem muss sichergestellt werden, dass der Handel mit demokratischen Staaten stattfindet und er zudem nicht finanzielle Mittel für Menschenrechtsverletzung und Menschenunterdrückung in anderen Ländern zur Verfügung stellt. Ich bin der Meinung, dass wir das durch gesellschaftliches Engagement erzielen können.
Können wir sagen: Wissen schafft Bewusstsein – und das schafft dann vielleicht bessere Bedingungen?
Timo Hilker: Gerade Deutschland und Europa als historische Industrienationen verlagern ganz bewusst Dinge dorthin, wo weniger Recht herrscht. Unser Industriewunder beruhte auf Kohle und Öl – auch im Ruhrgebiet wurde unter Tage alles andere als menschenwürdig gearbeitet. Wir haben uns da herausgekämpft und diese Verletzungen anschließend woanders hin verlagert. Das kann nicht die Lösung sein.
Baktash Ghani: Ich sehe das auch so. Meines Erachtens wird Wissen gesellschaftliche und politische Bewegungen als Folge haben, was zu nachhaltigerer Beschaffung dieser Ressourcen führen kann, was wiederum Nachhaltigkeitsziele weltweit fördert und unterstützt.

Über Baktash Ghani
Ich bin Baktash Ghani, 25 Jahre alt, aus Afghanistan. Ich studiere zurzeit Angewandte Informatik an der HAW Hamburg im zweiten Fachsemester. Im Rahmen des Projektes HOOU meets BNE-Pionier*innen beschäftige ich mich mit dem Thema Handelsabkommen bei kritischen Rohstoffen, die für Nachhaltigkeit relevant sind. Eigentlich versuche ich, mich von politischen Themen fernzuhalten, da sie oft zu komplex und zu erschöpfend wirken. Bei diesem Thema habe ich aber gemerkt, wie viel einfache Erzählungen über „gute“ und „schlechte“ Länder eigentlich verdecken. Ich habe gelernt, dass die Welt viel grauer ist, als man denkt. Ich bin der Meinung, dass Wissen der erste Schritt ist, um Nachhaltigkeit zu fördern und Veränderung zu fordern. Eine echte Veränderung braucht ein tiefes Verständnis aktueller Themen wie kritischer Rohstoffe und deren Zusammenhang mit Politik und Ökonomie.

Über Timo Hilker
Ich bin Timo, 28 Jahre alt, studiere aktuell im Master Process Engineering an der HAW Hamburg und bin in meiner Fakultät Nachhaltige Ingenieurwissenschaften auch im Fakultätsrat. Nebenbei engagiere ich mich schon länger in den studentischen Gremien – vor allem im Studierenden-Parlament und dem AStA. Meinen Bachelor habe ich auch schon an der HAW gemacht und konnte im letzten Semester eine Vertiefung in die erneuerbaren Energien machen, da ich in meinem Auslandssemester an der Polytechnic Institute of Porto Sustainable Energies studiert habe.
Zum Weiterdenken
Was bleibt? Vor allem ein Perspektivwechsel: Das Smartphone in der Hand ist kein in sich geschlossenes Gerät, sondern das Ende einer langen, weltweiten Kette aus Abbau, Verarbeitung, Handel und politischen Entscheidungen. Niemand muss Rohstoffexpert:in werden – aber wer einmal verstanden hat, dass kritische Rohstoffe eine politische Kategorie sind und seltene Erden eine chemische, liest Nachrichten über Exportbeschränkungen und Lieferketten mit anderen Augen. Genau dieses Bewusstsein, da sind sich beide einig, ist der erste Schritt: Es macht aus einem abstrakten Weltthema etwas, das mit dem eigenen Alltag zu tun hat – und schafft die Grundlage dafür, nachhaltigere Beschaffungswege überhaupt einzufordern.
Wer tiefer einsteigen möchte, findet Antworten im Lernangebot „Ressourcen und Machtverhältnisse“ der HAW Hamburg, das Baktash Ghani, Timo Hilker, Luise Hailer und Murat Coban gerade entwickeln. Es wird Ende 2026 veröffentlicht.
Lust auf mehr?

Warum der abgelaufene Joghurt oft noch gut ist, der Kassenbon nicht ins Altpapier gehört und kleine Schritte mehr bringen als jeder große Vorsatz: