Kategorie: Aktuelles
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24.04.2026 | Meena Stavesand
Volkskrankheit Asthma: Betroffene können mit der richtigen Therapie beschwerdefrei leben
Laufende Nase, tränende Augen, immer wieder Nies- und Hustenanfälle – die Pollensaison oder auch Hausstaubmilben plagen viele Menschen. Bei manchen hat die Allergie zu einem Asthma geführt. Daraus resultiert meistens eine lebenslange Therapie, aber die Patientinnen und Patienten seien dadurch auch weitestgehend symptomfrei, sagt der Facharzt für Pneumologie Dr. med. Sören Galow vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). „Unser Ziel ist es, dass die Betroffenen ein völlig uneingeschränktes Leben führen können.“ Dazu gehöre beispielsweise auch Sport. Wie das gelingt und wie Asthma überhaupt entsteht und diagnostiziert wird, erklärt Dr. Galow im Interview.
Dr. Galow hat an dem UKE-Lernangebot „Medizin. Online. Verstehen“ mitgewirkt. In diesem Onlineportal geht es um so genannte „Volkskrankheiten“ wie Asthma, aber auch Adipositas, Herz-Erkrankungen, Depressionen oder Epilepsie. Die Inhalte sind so aufbereitet, dass sie einen niederschwelligen Zugang zu den Informationen gewährleisten. Im Interview erläutert Dr. Sören Galow nochmals die wichtigsten Aspekte zum Thema Asthma und zu den Therapiemöglichkeiten.
Was ist eigentlich Asthma?
Dr. Sören Galow: Asthma bronchiale ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung der Atemwege, die in unterschiedlichen Formen auftreten kann und verschiedene Ursachen hat. Die Erkrankung ist gekennzeichnet durch eine so genannte bronchiale Hyperreagibilität. Das bedeutet, die Betroffenen haben ein überempfindliches Atemwegssystem. Durch diese Überempfindlichkeit kann es dann durch verschiedene Reize zu einer raschen Verengung der Atemwege kommen, die in ihrer Schwere sehr variabel sein kann. Diese so genannte Atemwegsobstruktion besteht in der Regel nicht dauerhaft, sondern tritt beim Asthma bronchiale klassischerweise anfallsartig auf.
Wie viele Menschen sind in Deutschland betroffen?
Dr. Sören Galow: In Deutschland sind etwa acht Millionen Menschen von einer Asthmaerkrankung betroffen. Es handelt sich beim Asthma somit um eine Volkskrankheit, die in der gesamten so genannten westlichen Welt und insbesondere in hochentwickelten Ländern häufig auftritt. Man kann die exakten Patienten- und Patientinnenzahlen zwischen verschiedenen Ländern oft nur bedingt vergleichen, weil viele Länder ganz eigene Grundlagen für die Datenerhebung nutzen.
Es gibt allerdings definitiv ein deutliches Gefälle zwischen industriell hochentwickelten Staaten und sogenannten Entwicklungs- und Schwellenländern: Die Asthmahäufigkeit ist bei uns deutlich höher als zum Beispiel in Vietnam oder Peru. In den USA leiden wiederum prozentual – und somit natürlich auch in absoluten Zahlen – noch mehr Menschen als bei uns in Deutschland an einem Asthma.
Sind die Fallzahlen gestiegen?
Dr. Sören Galow: Über die letzten Jahre und Jahrzehnte hat die Zahl von Asthmatikerinnen und Asthmatiker in Deutschland stetig zugenommen, aber sind es wirklich mehr geworden oder schauen wir mittlerweile nur besser hin? In den letzten Jahren scheinen sich die Zahlen bei uns auf einem hohen Niveau zu stabilisieren. Dies ist eine Entwicklung, die wir in der gesamten westlichen industriellen Welt beobachten. In Schwellenländern und insbesondere in den Regionen der sogenannten Megacitys wie zum Beispiel Lagos, Dehli, Mumbai, Jarkata oder Sao Paulo steigen die Fallzahlen hingegen aktuell enorm an.
Was sind die Ursachen von Asthma?
Dr. Sören Galow: Es gibt verschiedene zugrundeliegende Ursachen für das Asthma bronchiale. Daraus resultiert eine Unterscheidung in verschiedene Formen des Asthmas. Wir unterscheiden ganz grundsätzlich zwischen einem allergischem und einem nicht-allergischem Asthma. Ein klassisches Beispiel: Der oder die Betroffene hat eine Pollenallergie. In der Pollensaison macht er eine Radtour, fährt an einem Feld vorbei, ist einer hohen Pollenkonzentration ausgesetzt und bekommt einen Asthmaanfall. Neben solchen saisonalen Allergien können aber auch ganzjährige Allergien wie zum Beispiel eine Haustaubmilbenallergie ein Asthma auslösen.
Demgegenüber sehen wir aber auch Patientinnen und Patienten mit einem Asthma, die keine solche nachweisbare Allergie haben. Die Allergie ist also nur eine von mehreren Ursachen, wenngleich die weitaus häufigste. Eine andere Variante: Patientinnen und Patienten ohne Allergie, aber mit klassischen Asthma-Symptomen, haben in ihrem Blut und in ihren Atemwegen eine erhöhte Zahl von sogenannten Eosinophilen (genauer: eosinophile Granulozyten, eine bestimmte Untergruppe der weißen Blutkörperchen). Diese Zellen können ebenfalls ein Asthma bronchiale verursachen, wir sprechen dann von einem eosinophilen Asthma. Die hier genannten Ursachen und Formen stellen allerdings nur einen groben Ausschnitt der aktuellen Erkenntnisse zur Ursachenerforschung und Einteilung des Asthmas dar.

Nach meiner persönlichen Meinung spielt Luftverschmutzung in der Entstehung eines Asthmas eine untergeordnete Rolle. Es gibt allerdings sehr konkrete Hinweise darauf, dass das kindliche Aufwachsen auf einem traditionellen Bauernhof der Entwicklung eines allergischen Asthmas und ganz allgemein der Entstehung von Allergien vorbeugen kann.Dr. Sören Galow, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Wie sieht es mit Umwelteinflüssen aus? Spielen die bei Asthma eine Rolle?
Dr. Sören Galow: Der Zusammenhang zwischen Umweltfaktoren bzw. Umwelteinflüssen wie Luftverschmutzung und Asthma werden zum Teil kontrovers diskutiert. Ob Luftverschmutzung oder andere klassische Umweltfaktoren ein Asthma bronchiale verursachen können, ist nicht restlos geklärt.
Nach meiner persönlichen Meinung spielt Luftverschmutzung in der Entstehung eines Asthmas eine untergeordnete Rolle. Es gibt allerdings sehr konkrete Hinweise darauf, dass das kindliche Aufwachsen auf einem traditionellen Bauernhof der Entwicklung eines allergischen Asthmas und ganz allgemein der Entstehung von Allergien vorbeugen kann. Man bezeichnet dies manchmal auch als sogenannten „Bauernhof-Effekt“. Sicher ist jedenfalls, dass individuell ungünstige Umweltbedingungen einen Asthmaanfall auslösen können. Wenn man also ein überempfindliches Bronchialsystem hat, kann beispielsweise Luftverschmutzung dazu führen, dass man Beschwerden bekommt.
Das heißt, ich habe diese Eigenschaft in meinem Körper, dass ich auf bestimmte Einflüsse überempfindlich reagiere, und dann bricht es aus.
Dr. Sören Galow: Genau, die Umweltbelastung kommt dann sozusagen oben drauf. Gleiches gilt für psychischen Stress oder zum Beispiel auch für sportliche Betätigung bei kalten Außentemperaturen. Das überempfindliche Bronchialsystem bildet die Grundlage und die Reize lösen dann Asthma-Symptome aus.
An welchen Symptomen erkenne ich Asthma?
Dr. Sören Galow: Die klassischen Symptome beim Asthma bronchiale sind anfallsartig auftretende Atemnot, Husten und ein – zumeist sehr zäher – Auswurf. Häufig berichten Betroffene auch über ein atemabhängiges Engegefühl in der Brust. Manchmal kann man außerdem sehr spezielle Atemgeräusche, z. B. ein sogenanntes Giemen und Brummen oder auch Pfeifen beim Ausatmen, wahrnehmen.
Häufigkeit und Ausprägung dieser Symptome sind sehr unterschiedlich und sie können allesamt in Kombination oder auch für sich allein auftreten. So ist es beispielsweise möglich, dass Husten zunächst das einzige Symptom eines Asthmas bleibt. Ein weiteres klassisches Erkennungsmerkmal, insbesondere für das allergische Asthma, ist zudem ein saisonales oder periodisches Auftreten. Einige allergische Asthmatikerinnen und Asthmatiker haben beispielsweise nur Symptome, wenn auch gerade Pollensaison ist.
Asthma.Online.Verstehen.
Bei Asthma handelt es sich um eine Erkrankung der Atemwege. Die Atemwege verengen sich, was Symptome wie Luftnot, Husten oder ein Engegefühl in der Brust auslösen kann. Oft fehlt jedoch der Zugang zu verlässlichen Informationen bezüglich Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten.
Was macht der Arzt oder die Ärztin, wenn ich solche Symptome habe?
Dr. Sören Galow: Zuerst machen wir eine Anamnese, das heißt, wir fragen nach den Beschwerden und der Leidensgeschichte unserer Patientinnen und Patienten. Daraus erfahren wir schon sehr viel und können einen Anfangsverdacht stellen. Es folgt dann eine klinische Untersuchung, die zum Beispiel das Abhören der Lunge und der Atemgeräusche beinhaltet. Der Goldstandard und häufig entscheidende Aspekt der Diagnostik ist dann die Lungenfunktionsuntersuchung. Wenn wir in dieser Untersuchung eine Verengung der Atemwege feststellen, testen wir mit atemwegserweiternden Medikamenten, ob diese eine Linderung bringen. Wenn wir mit unseren Medikamenten die Enge der Atemwege auflösen können, ist die Diagnose eines Asthmas bereits gesichert und wir können uns rasch der optimalen Behandlung zuwenden.
Nun ist es aber natürlich so, dass diese Lungenfunktionsuntersuchung nicht in der freien Natur bei starkem Pollenflug stattfindet, die Patientinnen und Patienten also in dem Moment der Untersuchung dem allergischen Auslöser für die Atembeschwerden nicht ausgesetzt sind. Dementsprechend werden wir in diesem Fall zum gegebenen Zeitpunkt auch keine Auffälligkeiten in der Lungenfunktion finden. Aber wenn wir eine gute Anamnese gemacht haben und von dem Patienten oder der Patientin wissen, dass er oder sie auf bestimmte Auslöser reagiert, können wir eine sogenannte Provokationstestung durchführen. Das bedeutet, wir lösen wiederrum mit speziellen Medikamenten einen Asthmaanfall aus und können dann hierüber die Diagnose stellen. Eine solche Untersuchung ist aber natürlich nicht ganz ungefährlich und sollte daher nur von Spezialistinnen und Spezialisten durchgeführt werden. In erfahrenen Händen kann solch eine Provokationsuntersuchung aber gefahrenlos und ohne Bedenken durchgeführt werden.
Wenn nach der Lungenfunktionsuntersuchung Zweifel an der Diagnose bestehen, müssen ggf. noch weitergehende Untersuchungen folgen, die auch andere Organsysteme wie zum Beispiel das Herz-Kreislauf-System genauer begutachten. Es gibt zum Beispiel ein sogenanntes „Asthma cardiale“. In diesem Fall sorgt einer Herzerkrankung für asthma-ähnliche Symptome. Herz und Lunge bilden eine funktionelle Einheit und arbeiten eng zusammen – wir dürfen also auch als Lungenärztinnen und Lungenärzte niemals die anderen Organe aus dem Blick verlieren – insbesondere wenn Untersuchungsbefunde nicht zu unserer Verdachtsdiagnose passen.

Wenn die Diagnose Asthma lautet, wie sieht dann die Therapie aus?
Dr. Sören Galow: In der Asthmatherapie hat sich in den letzten Jahren ein grundlegender Paradigmenwechsel vollzogen. Früher wurde die Behandlung des Asthmas als reine Symptombekämpfung verstanden. Heute geht es um Symptomvermeidung und Krankheitskontrolle. Wir wollen das Krankheitsbild positiv verändern, so gut und dauerhaft behandeln, dass es im Idealfall erst gar nicht mehr zu Symptomen kommt. Um das zu erreichen, nutzen wie zum Beispiel sogenannte antientzündliche Therapien, allen voran inhalative Kortikosteroide, also zu inhalierendes Kortisonspray. Durch die Wirkung des Kortions wird unter anderem der Entzündung in den Atemwegen entgegengewirkt.
Eine weitere Therapiemöglichkeit ist die Inhalation von antiobstruktiven bzw. bronchialerweiternden Medikamente. Diese werden beim Asthma in Kombination mit Kortison inhaliert und sorgen dann für eine zusätzliche Erweiterung der Bronchien.
Eine weitere wichtige Option ist die Allergen-Immuntherapie. Wenn wir eine bestimmte Allergie als auslösenden Faktor identifizieren können, gibt es in vielen Fällen die Möglichkeit der medikamentösen Desensibilisierung oder auch Hyposensibilisierung. Dabei wird versucht, die Allergie abzuschwächen oder dem Körper zu helfen, eine schrittweise Toleranz gegenüber dem Allergen zu entwickeln. Denn eine klassische Allergie ist vereinfacht gesagt nichts anderes als eine Überreaktion unserer Immunsystems.
In einigen Fällen kann es infolge einer erfolgreichen Behandlung sogar gelingen, eine Allergie komplett verschwinden zu lassen. Die Allergen-Immuntherapie muss in der Regel über mehrere Jahre durchgeführt werden, wenngleich es aber zum Glück häufig bereits während der Behandlung zu einer Verbesserung allergischen Beschwerden kommen kann.

Der Konsum von Tabakprodukten und anderen inhalativen Genussmitteln kann bei Asthmatikerinnen und Asthmatikern zu schwersten Asthmaanfällen und schlimmen, nicht rückgängig zu machenden Lungenschäden führen.Dr. Sören Galow – Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Als weitere Möglichkeit verfügen wir über Antikörpertherapien, so genannte Biologika. Es handelt sich hierbei um sehr moderne Medikamente, mit denen wir gezielt versuchen, verschiedene das Asthma auslösende Botenstoffe im menschlichen Körper zu blockieren. Derzeit stehen uns in Deutschland und Europa sechs spezielle Antikörper für die Behandlung des Asthmas zur Verfügung. Diese Therapieform kommt gegenwärtig aber nur bei besonders schweren Fällen zum Einsatz, wenn es uns also nicht gelingt, das Asthma mit den inhalativen Medikamenten und einer Allergen-Immuntherapie erfolgreich zu behandeln. Die Antikörper werden in der Regel alle paar Wochen über eine kleine Spritze unter die Haut verabreicht.
Neben der medikamentösen Therapie ist es natürlich auch enorm wichtig, auslösende Faktoren soweit möglich zu vermeiden und auf potenziell lungenschädliche Dinge wie zum Beispiel Rauchen unbedingt zu verzichten. Ein wichtiger Satz dazu: Der Konsum von Tabakprodukten und anderen inhalativen Genussmitteln kann bei Asthmatikerinnen und Asthmatikern zu schwersten Asthmaanfällen und schlimmen, nicht rückgängig zu machenden Lungenschäden führen.
Gibt es Abstufungen bei der Schwere des Asthmas?
Dr. Sören Galow: Ja, unsere Therapie orientiert sich führend an der Schwere des Asthmas. Die Therapie erfolgt hierbei nach einem Stufenkonzept. Es gibt fünf Stufen – je höher die Stufe, desto schwerer das Asthma und desto schärfer die Therapie. Viele Betroffene benötigen eine Behandlung der so genannten dritten Therapiestufe, also eine dauerhafte Inhalationstherapie mit niedrigen bis moderaten Dosen Kortison und einer zusätzlichen bronchienerweiternden Medikamenten. Wenn man dann feststellt, dass das Asthma hierunter vollständig kontrolliert ist, kann man im Verlauf auch eine Stufe runtergehen und erhält die kombinierte Inhalationstherapie nur bei Bedarf – wenn zum Beispiel Allergiesaison ist.
Das Ganze geht aber natürlich auch in die andere Richtung: Wenn eine Therapie nicht ausreicht, das Asthma also nicht vollständig oder nur teilweise kontrolliert wird, steigen wir mit dem Patienten bzw. der Patientin eine Therapiestufe nach oben und erhöhen dann die Dosen der Inhalationstherapie oder setzen in besonders schweren Fällen auch Antikörper (Biologika) ein. Zum Glück sind diese schweren Fälle von Asthma sehr selten. Die allermeisten Patientinnen und Patienten können wir mit inhalativen Therapien sehr gut behandeln.
Müssen alle Asthmatikerinnen und Asthmatiker ihr Leben lang behandelt werden?
Dr. Sören Galow: Asthma ist eine chronische Erkrankung, die entsprechend auch lebenslang behandelt werden muss. Wir passen die Therapie aber natürlich immer wieder an, wenn der Krankheitsverlauf es zulässt. Kann man vielleicht die Dosis reduzieren, kann man vielleicht auf eine Bedarfstherapie umstellen? Das Behandlungskonzept muss gemeinsam regelmäßig hinterfragt werden, da sich die Krankheitsschwere und Krankheitsaktivität im Verlauf eines Lebens ändern kann – in die eine wie auch in die andere Richtung.
Um ihre Frage aber noch einmal konkret zu beantworten: Ja, ein Asthma muss lebenslang ärztlich überwacht und auch behandelt werden – manchmal nur saisonal bei Pollenflug, aber trotzdem lebenslang. Darauf muss man sich als Asthmatiker oder Asthmatikern einstellen. Das fordert natürlich eine Menge Ausdauer und Disziplin seitens der Betroffenen in Bezug auf die Medikamenteneinnahme, wird aber in den allermeisten Fällen auch mit einer vollständigen Beschwerdefreiheit belohnt.
Kann ich trotz Asthma problemlos Sport treiben?
Dr. Sören Galow: Ja! Unser oberstes Behandlungsziel ist es, dass unsere Patientinnen und Patienten ein völlig uneingeschränktes Leben führen können – und dazu gehört auch Sport. Es gibt Spitzensportlerinnen und Spitzensportler, die trotz Asthma zu 100 Prozent leistungsfähig sind. Wenn Betroffene bei sportlichen Aktivitäten welcher Art auch immer, Luftnot verspüren, sollten sie dies unbedingt mit ihrem Arzt oder ihrer Ärztin thematisieren und besprechen. Mit einer modernen und individuellen Asthmatherapie sind den eigenen Zielen bereits heute kaum Grenzen gesetzt. Und wahrscheinlich werden wir Asthma bronchiale in Zukunft immer besser und individueller behandeln können.
Über Dr. Sören Galow

Dr. med. Sören Galow ist Facharzt für Innere Medizin und Pneumologie und als Funktionsoberarzt in der Abteilung für Pneumologie (Chefarzt: PD Dr. med. Hans F. E. Klose) im UKE tätig. In dieser Funktion leitet er unter anderem die Spezialsprechstunde für schweres Asthma bronchiale. Neben der Behandlung von Patientinnen und Patienten mit schwerem Asthma beschäftigt er sich schwerpunktmäßig mit der Betreuung von Patientinnen und Patienten mit Lungenhochdruckerkrankungen (Pulmonale Hypertonie), Lungenfibrosen, Sarkoidose sowie der Vor- und Nachbetreuung im Rahmen einer Lungentransplantation. Das Team der Pneumologie ist fester Bestandteil des Martin-Zeitz-Centrum für seltene Erkrankungen (Centrum für seltene Lungenerkrankungen) sowie des universitären Transplantationszentrums des UKE.
Lizenzhinweis für das Interview: CC BY 4.0
Bild: KOMMERS / Unsplash
23.04.2026 | Meena Stavesand
Zukunft der Bildung: Warum wir trotz KI weiter lernen müssen
Claude liefert eine aufwendige Recherche in Sekunden, erklärt mathematische Formeln auf simple Weise, löst schwierige Aufgaben verständlich. Wozu brauchen wir dann noch Schulen, Universitäten und andere Bildungseinrichtungen? Wozu müssen wir überhaupt noch lernen? Zukunftsforscher Max Irmer zeigt, wie KI unser Lernen verändern könnte und warum wir die Zukunft der Bildung neu denken sollten.
Max Irmer ist Zukunftsforscher. Er berät Organisationen dabei, wie die Welt in 10 oder 15 Jahren aussehen könnte. Im vergangenen Jahr leitete er an der HAW Hamburg das HOOU Spekulations-Labor* – einen dreiteiligen Workshop, in dem die Teilnehmenden die Zukunft der Bildung nicht nur durchdenken, sondern greifbar machen: mit spekulativem Design, Design Fiction und KI-Tools.
Wir haben mit ihm darüber gesprochen, wie künstliche Intelligenz unser Lernen verändert, warum wir trotzdem noch Wissenschaftler:innen und Lehrkräfte brauchen, und warum es sich lohnt, über eine „Zukunft ohne Lernen“ zu spekulieren.
Wir leben in Zeiten von KI und bekommen Unmengen an Wissen in Sekundenschnelle. Wie beeinflusst das unser Verständnis von Lernen?
Diese Diskussion führen wir gerade intensiv – zu Recht. Denn nicht alles, was wir sehen, ist positiv. Die Metapher „Wissen in Sekundenschnelle“ stimmt, aber wir müssen auch fragen: Was meinen wir mit Wissen? Ich kann heute schnell herausfinden, wann welcher Krieg stattfand. Aber das Wissen, das für unsere Zeit relevant ist, ist vor allem Transferwissen, das verschiedene Themenbereiche verbindet.
Die KI-Tools werden besser, können uns aber nicht immer das perfekte Wissen liefern. Ich denke, die Zukunft des Lernens entwickelt sich dahin, dass wir schneller recherchieren, und im besten Fall schafft das Freiraum: Wir verstehen Zusammenhänge besser und bilden uns eine eigene Perspektive. KI-gestützt, aber nicht KI-vorgegeben.
Als problematisch empfinde ich, dass KI-Programme uns vorgaukeln, sie würden uns alles Wissen geben, und wir müssten nicht mehr selbst denken. Die Zukunft kann sehr schön werden, sie kann dadurch aber auch schwierig werden, wenn wir so tun, als würden wir in wenigen Sekunden ein tolles Ergebnis liefern, aber eigentlich steht nichts da.
Warum sollten wir noch selbst aktiv lernen oder als Wissenschaftler:in oder Lehrkraft weiterarbeiten?
Wir brauchen unabhängige Instanzen, die Tools nutzen, aber selbst denken und hinterfragen, was aus einer Maschine kommt. Beim Lernen geht es stark um Identitätsbildung: Wer bin ich? Was kann ich? Ein Beispiel: Fremdsprachen lerne ich nicht gerne, darum freue mich auf eine Zukunft mit Echtzeit-Übersetzungen via Kopfhörer. Das bringt Vorteile, aber der kultureller Bezug einer Sprache wird weniger, und das ist schade, weil Gesprochenes mehr transportiert als reine Information.
Lernen bleibt wichtig, um zu differenzieren. Wir können KI legitim nutzen. Die Fragen sind allerdings: Wie, in welchem Umfang und wofür? Vokabeltraining kann KI-gestützt mehr Spaß machen als im alten Lehrbuch. Aber für andere Sachen ist analoges Lernen wichtiger – wenn es zum Beispiel darum geht, selber Dinge zu erfahren.

Ich wünsche mir, dass KI als Unterstützerin fungiert – eine, die sich ans individuelle Lernniveau anpasst, schneller oder spezifischer erklärt, in einer Sprache spricht, die ich verstehe.Max Irmer
Wenn du einen Wunsch hättest: Wie sieht die Zukunft der Bildung aus?
Ich hoffe, dass wir die Dinge beibehalten, die gut funktionieren, und uns gleichzeitig neuere Entwicklungen zu eigen machen. Nicht nur Technologie, sondern auch die Frage: Braucht es noch Vorlesungen oder Frontalbeschallung? Braucht es klassische Hörsäle?
Ich wünsche mir, dass KI als Unterstützerin fungiert – eine, die sich ans individuelle Lernniveau anpasst, schneller oder spezifischer erklärt, in einer Sprache spricht, die ich verstehe.
Mein Wunsch: Wir hinterfragen kritisch und übernehmen, was Sinn ergibt. Wir dürfen uns aber nicht dem kapitalistischen Gedanken hingeben, sonst unterwerfen wir Wissen und Lernen dem System. Das ist nicht gut.
An der HAW Hamburg leitest du als Zukunftsforscher das HOOU-Spekulations-Labor der HAW Hamburg. Was machen Zukunftsforscher:innen genau? Wie sieht dein Arbeitsalltag aus?
Ich mache eine Mischung aus Zukunftsforschung und Foresight – also strategischer Vorausschau. Die Disziplin erforscht Zukünfte. Niemand hat eine Glaskugel, aber es gibt methodische Ansätze, wie man Zukünfte greifbar macht. Denn – und das sollte uns Zuversicht geben: Die Zukunft ist gestaltbar. Darum berate ich Institutionen zu der Frage, wie die Welt in 10, 15 Jahren aussehen könnte. Dafür nutze ich Methoden wie Trends, Szenarien, Speculative Design und Design Fiction. Damit machen wir Zukünfte greifbar, verständlich, erfahrbar und eben gestaltbar.
Die UNESCO spricht in dem Zusammenhang von Futures Literacy – der Kompetenz, Zukünfte lesen und bearbeiten zu können. Das befähigt uns, Zukunft aktiv zu gestalten und dem Dystopischen etwas entgegenzusetzen.
Du hast Methoden angesprochen, die im Spekulations-Labor vorkommen. Was passiert da genau?
Es geht um die Zukunft der Bildung beziehungsweise die Zukunft des Lernens. Dafür nutzen wir verschiedene Methoden. Wir inszenieren ein Labor und spekulieren. Das heißt, wir überlegen uns, wie die Zukunft des Lernens und der Bildung aussehen könnte. Das klingt einfach, aber wir machen das als Menschen ganz selten aktiv. Mit den richtigen Methoden gelingt das deutlich fundierter.
Wir greifen also auf Spekulationsmethoden zurück – dem Speculative Design und Design Fiction. Die Idee: Wir geben uns bewusst einen Raum, wo die Teilnehmenden die ganze Zeit in Zukünften denken, sich alternative Entwicklungen anschauen und das in eine Form gießen. Aus diesem abstrakten Denken entstehen spekulative Artefakte.
Was könnte das beispielsweise sein?
Ich sage bewusst nichts, weil ich den Teilnehmenden sonst etwas vorgeben würde. Sie sollen mit ihren eigenen Gedanken reinkommen. Wir schauen uns beispielsweise Hollywoodfilme an, weil die mit spekulativem Design arbeiten. Etwa „Minority Report“ von Steven Spielberg – der Film zeigt eine Zukunftswelt mit vielen Prototypen, die diese komplexe Zukunft greifbar machen.
Wir stellen uns Fragen wie: Wie lerne ich? Gehe ich noch in die Universität? Und wie komme ich dahin? Nehme ich den Bus, ein Flugtaxi? Wir versuchen, unseren Gedanken in Artefakten eine Form zu geben. Wir prototypisieren. Oder anders gesagt: Wir basteln konkret an Ideen.
Danach greifen wir auf KI-Tools zurück, um diese kennenzulernen und zu schauen: Was können die? Was können die nicht? Was ist kritisch daran?
Ihr titelt „Zukunft ohne Lernen? Lernen ohne Zukunft?“ Wie seid ihr darauf gekommen? Warum ist es sinnvoll, so an das Thema ranzugehen?
Der Titel ist provokativ. Bestenfalls reagieren Menschen darauf und sagen: Nee, das sehe ich nicht. Dann will ich wissen: Warum nicht? Und damit kommen wir in die Diskussion.
Was ich vorwegnehmen kann: Eine Zukunft ohne Lernen sehe ich persönlich nicht. Ich bin sehr gespannt, was die Teilnehmenden sagen. Ich hoffe, wir gehen mit einem anderen Titel als wir reingegangen sind. Aber das hängt ganz von den Teilnehmenden ab, von ihren Gedanken und dem, was sie sich vorstellen können und für plausibel halten.
Für wen ist der Workshop gedacht? Nur für Didaktiker:innen und für Wissenschaftler:innen oder auch für Menschen, die sich einfach für das Thema interessieren?
Alle sind herzlich willkommen. Die Mischung macht’s. Ich wünsche mir, dass nicht nur Menschen mit Wissenschaftshintergrund kommen, nicht nur Lehrerinnen und Lehrer, nicht nur Studierende, sondern Menschen aus verschiedenen Ecken. Das macht den Diskurs und den Perspektivenwechsel spannender. Es gibt keine Einstiegshürden.
Oft gibt es leider eine Hürde, wenn es um Angebote von Hochschulen geht. Viele denken, sie gehörten als Nicht-Akademiker:innen da nicht hin.
Absolut. Aber man muss irgendwo anfangen. Ich bin gespannt, wie die Zukunft der Bildung diese Einstiegshürden abbaut. KI-gestützte Angebote können individualisierte Lerninhalte bringen. Wenn ein Bot mir morgens sagt „Hey, dieses Angebot ist umsonst, da könntest du hingehen“, dann ist es vielleicht spannend genug.
Ich hoffe, dass uns Technologie hilft, solchen positiven Bildern näherzukommen. Wir brauchen positive Zukunftsbilder. Dafür lohnt es sich, zum Workshop zu kommen und diese zu erarbeiten, zu entwickeln, zu basteln.
Über Max Irmer

Max Irmer ist Zukunftsforscher und baut Brücken zwischen der Gegenwart und der Zukunft, der alten und der neuen Welt und zwischen Analogem und Digitalem. Dafür bedient er sich Ansätzen, Methoden und Tools aus den Bereichen Foresight, Experience Design und Transformationsmanagement. Max glaubt daran, dass wir die Zukunft nur gestalten können, wenn wir sie greifbar und erlebbar machen. Folglich versucht er den Zukunftsdiskurs überall wo möglich zu stimulieren.
*Hinweis: Aktuell gibt es keine neuen Termine für das Spekulations-Labor der HAW Hamburg.
Headerbild: AbsolutVision/Unsplash
14.04.2026 | Meena Stavesand
Ideen als Problemlöser: Gemeinsam kreative Lösungen schaffen
Ideen hat jeder Mensch, und Kreativität kann man lernen. Davon ist Jan Küchenhof von der TU Hamburg überzeugt. Mit seinem Lernangebot „Collaborative Ideation“ zeigt er, wie wir gemeinsam für komplexe und gesellschaftlich relevante Probleme Ideen finden und entwickeln können. Das geht am besten in einem diversen Team. Im Interview erklärt Jan Küchenhof, was eine Idee eigentlich ist, wie Ideen entstehen und welche Rolle die eigene Kreativität bei dem Ideenfindungsprozess spielt.
Wer Lust hat, dies einmal auszuprobieren, hat bald die Möglichkeit: bei der Zukunftswerkstatt für die Mobilität von morgen. In vier interaktiven Zoom-Sessions könnt ihr eure Sichtweise zu aktuellen Herausforderungen in Hamburg einbringen und gemeinsam neue Konzepte entwerfen. Mehr dazu gibt es am Ende des Interviews.
Was ist eigentlich eine Idee?
Jan Küchenhof: Für mich ist eine Idee dieser Aha-Moment, den vermutlich jeder von uns kennt. Es macht klick bei uns im Kopf, der Schalter wird umgelegt und es offenbart sich eine potentielle Lösung. Eine Idee kann auch die Antwort auf eine Frage sein, über die wir uns schon länger den Kopf zerbrechen. Häufig muss man ein Problem etwas inkubieren, also etwas länger mit sich herumtragen bis man auf eine Lösung kommt. Eine Idee ist dann ein Problemlöser. Das heißt aber nicht, dass eine Idee immer etwas Neues sein muss – anders als bei einer Invention, also einer Erfindung.
Wie entstehen Ideen?
Jan Küchenhof: Ideen können auf unterschiedliche Arten und Weisen entstehen – bei denkenden Lebewesen sind sie das Resultat kognitiver Prozesse und können sich im Unterbewusstsein entwickeln, allerdings auch gezielt herbeigeführt werden. Klar ist: Jeder Mensch hat Ideen. Meist braucht es ein Problem, das wir zunächst verstehen und dann lösen wollen, damit wir Ideen erkennen. Dieser Prozess kann unterstützt werden – zum einen mit intuitiven Methoden wie etwa Brainstorming, die unsere Kreativität anregen, oder zum anderen mit diskursiven Methoden, die unser systematisches Denken anstoßen. Das Problem, das es zu lösen gilt, wird dann Schritt für Schritt analysiert und durchdrungen, um am Ende passende Ideen für die Problemlösung zu erhalten.
Collaborative Ideation: Gemeinsam Ideen entwickeln
Wie können dezentrale Teams bei der kollaborativen Ideenentwicklung zur gemeinsamen Lösungfindung komplexer Problemstellungen unterstützt werden?
Welche Rolle spielt die eigene Kreativität bei Ideen und kann ich Kreativität lernen?
Jan Küchenhof: Früher wurde oft angenommen, dass Kreativität eine besondere Fähigkeit ist, die einige Menschen besitzen und andere nicht. Daher haben sich manche selbst schnell als unkreativ abgestempelt und das Entwickeln von Ideen den „Kreativen“ überlassen. Es ist vermutlich auch so, dass einige Menschen einfach kreativer sind als andere – jedoch gibt es mehrere Formen von Kreativität und Expert:innen erkennen zunehmend, dass kreatives Denken zu den grundlegenden kognitiven Fähigkeiten gehört, die jeder besitzt. Wir alle werden bei der Geburt mit einer individuellen natürlichen Kreativität ausgestattet. In Kombination mit dem uns verfügbare Wissen steigt unsere verfügbare Kreativität und damit auch die kreative Leistung. Die kreative Leistung kann außerdem durch gezielten Wissenserwerb oder durch Kreativitätstechniken erhöht werden. Der Unterschied zwischen Menschen, die als kreativ und als nicht-kreativ gelten, liegt meist nur darin, wie aktiv sie diese Fertigkeiten nutzen. Daraus folgt: jeder kann seine kreatives Denken stärken und verbessern.
Wie entwickelt man seine Idee weiter?
Jan Küchenhof: Wenn man eine gute Idee gefunden hat, kann man versuchen, sie in die Tat umzusetzen. Natürlich kann nicht jede Idee realisiert werden – schon gar nicht sofort. Manchmal lohnt es sich auch, eine Idee erst einmal weiter zu durchdenken, zu entwickeln, bevor man in die Umsetzung geht. Mit Methoden wie Design Thinking haben wir heute die Möglichkeit, durchdachte Ideen zügig in Prototypen zu verwandeln und sie dann zu testen. Meist gibt es mehr als eine Lösung – daher ist eine gute Abwägung bei Ideen und deren Umsetzung wichtig. Hierbei spielen verschiedene Aspekte eine Rolle wie Aufwand, Umsetzbarkeit, Nutzen und auch die Frage: Welche Alternativen es gibt? Besonders hilfreich ist bei diesem Ideenfindungsprozess ein vielfältiges Team und ein geleiteter Prozess, damit sich komplexe Probleme leichter lösen lassen.
Wie kommen wir an Ideen für sehr komplexe und gesellschaftsübergreifende Probleme?
Jan Küchenhof: Genau diese Frage haben wir uns an der TU Hamburg ebenfalls gestellt – und eine Lösung dafür gefunden. In dem HOOU-Lernangebot „Collaborative Ideation“ haben wir uns auf Probleme konzentriert, die eine hohe gesellschaftliche Relevanz haben, da sie alle Menschen betreffen, aber nicht von Einzelnen gelöst werden können. Im Team ist das verfügbare Wissen höher und der Austausch kann die Motivation stärker anregen als alleine im stillen Kämmerchen an neuen Ideen zu arbeiten. Außerdem kann man die Ideen dann mit den unterschiedlichen Sichtweisen und Erfahrungen der Gruppe diskutieren.
So haben wir uns ein sehr relevantes Thema gesetzt: „Plastikmüll in Stadt und Umwelt“. Zunächst haben wir die Probleme dieses Themas identifiziert und kategorisiert. Wir konnten festlegen, dass es Probleme gibt, die jeder Menschen angehen kann – etwa beim Einkauf den Jutebeutel zu nehmen statt die Plastiktüte. Andere Probleme wie Industrieabfälle, die etwa von Unternehmen in Gewässer geleitet werden, sind nicht von einer Einzelperson zu lösen und erfordern mehr als individuelle Maßnahmen. Hier kann zum Beispiel die Politik mit entsprechenden Regulierungen eingreifen.
Im weiteren Prozess stießen wir auf das Thema Mikroplastik – ein Problem, das weit über die Reichweite von Einzelpersonen, Unternehmen und auch Politik hinausgeht. Mikroplastik ist mittlerweile überall in unseren Ökosystemen verbreitet: in Böden, Gewässern, der Nahrungskette und sogar in uns selbst, was unter anderem zu erhöhtem Artensterben beiträgt. Um hier eine Wirkung zu erzielen, müssen umfassende Maßnahmen und Mechanismen aktiviert werden.

Nachdem wir die Probleme sortiert hatten, wählten wir diejenigen aus, die wir als lösbar ansahen. In einem weiteren Workshop widmeten wir uns dann der Lösungsfindung. Wir sammelten Ideen, wie die Probleme angegangen werden könnten, wählten die besten aus und ließen sie im 5-Minuten-Takt von Team zu Team wandern. Auf diese Weise konnten die Vorschläge verfeinert werden. Jetzt sind die Ideen ausgereift und bereit zur Umsetzung – und genau das macht sie wahrhaft kreativ.
Lernangebot Collaborative Ideation als kostenloser Moodle-Kurs
Das HOOU-Projekt „Collaborative Ideation: Design Methods going Digital!“ wurde bereits 2021 gefördert und realisiert und geht nun in die zweite Runde. Mit dem Umzug auf die neue Moodle-Plattform wird das Lernangebot interaktiver und bietet digitale Möglichkeiten zum Mitmachen und Nachmachen. Wer mehr darüber wissen möchte, wie man gemeinsam an komplexe Probleme herangeht und kreative Lösungen entwickelt, für den ist unser Lernangebot „Collaborative Ideation“ genau das Richtige. Realisiert wird es von Jan Küchenhof vom Institut für Produktentwicklung und Produktentwicklung (PKT) der TU Hamburg und fleißiger studentischer Unterstützung. Das neue Lehr- und Lernprojekt soll ab Januar 2024 online verfügbar sein.
Jetzt anmelden! Zukunftswerkstatt für die Mobilität von morgen
Wie bewegen wir uns morgen durch Hamburg? Effizient, klimafreundlich und für alle zugänglich? Die Welt verändert sich ständig – und die Ideen von heute gestalten die Realität von morgen. In unserer Zukunftswerkstatt für die Mobilität von morgen möchten wir gemeinsam mit euch neue Perspektiven auf urbane Mobilität entwickeln.
In vier interaktiven Zoom-Sessions könnt ihr eure Sichtweise zu aktuellen Herausforderungen in Hamburg einbringen und gemeinsam neue Konzepte entwerfen. Methodisch begleitend erkunden wir im HOOU-Kurs „Collaborative Ideation“ die gemeinsamen Ideenentwicklung.
Unsere kreative Reise führt euch durch verschiedene Stationen:
Workshop 1 – Kennenlernen in Kollektivien
30.04. | 16:30–18:30 Uhr
Workshop 2 – Überfahrt auf die Problemsinsel
21.05. | 16:30–18:30 Uhr
Workshop 3 – Lösungssuche im Kreativland
11.06. | 16:30–18:30 Uhr
Workshop 4 – Die Eishöhlen Sieb-Iriens
02.07. | 16:30–18:30 Uhr
Ihr könnt auch schon vorab in unseren HOOU-Kurs „Collaborative Ideation: Gemeinsam Ideen entwickeln“ hineinschauen:
https://learn.hoou.de/blocks/course_overview_page/course.php?id=483
Anmeldung
Wenn ihr teilnehmen möchtet, meldet euch bitte bis zum 25.04. per E-Mail an: jan.kuechenhof@gmail.com
Wir freuen uns auf eure Ideen und darauf, gemeinsam an einer spannenden Zukunft der Mobilität zu arbeiten!
Annerkennungsmöglichkeiten
A) Teilnehmerbescheid über das Lernangebot “Collaborative Ideation”: https://learn.hoou.de/blocks/course_overview_page/course.php?id=483
B) Für Studierende: 3 ETCS über den SDG-Campus (https://sdg-campus.de/)
07.04.2026 | Katrin Schröder
Body, Mind & Soul - Die Kunst eines gesunden Lebens
Unsere sorgfältig zusammengestellten Kurse bieten dir wertvolle Einblicke und praktische Tipps, um Körper, Geist und Seele in Einklang zu bringen. Lerne, wie du durch Musik in Bewegung bleibst, deine Ernährung optimierst, Achtsamkeit in den Alltag bringst und deine Darmgesundheit förderst. Erfahre außerdem Wissenswertes zu Volkskrankheiten wie Bluthochdruck, Diabetes oder Asthma.
Das relative Energiedefizit: Zu viel Sport bei zu wenig Kalorien?
Wer viel trainiert, beispielsweise für einen Marathon, muss dem Körper auch viel Energie geben, sonst kann es zu einem relativen Energiedefizit kommen. Das äußert sich etwa durch ein schwächer werdendes Immunsystem, Zyklusproblemen bei Frauen oder auch einer geringeren Knochendichte. Was das relative Energiedefizit genau ist, erklärt die HAW Hamburg in ihrem Lernangebot.
Wissenschaft kurz erklärt: das relative Energiedefizit
Was ist das relative Energiedefizit im Sport? Hier erhältst du einen ersten Einstieg in dieses komplexe Thema.
Spielend gesund bleiben: So beugst du Verspannungen vor
Verspannungen – wer kennt sie nicht? Sie schleichen sich ein und machen sich in Schulter, Nacken, Kiefer, Armen oder Fingern bemerkbar. In Zeiten hoher Belastung können sie zur täglichen Qual werden. In unserem Lernangebot „Spielend gesund bleiben“ findest du Video-Übungen der Hochschule für Musik und Theater und des Universitätsklinikums Eppendorf, um Verspannungen zu lösen und vorzubeugen. Ursprünglich für Musiker:innen entwickelt, sind diese Übungen ein Segen für alle, die Entspannung und Schmerzlinderung suchen.
Spielend gesund bleiben
Gesundes Musizieren braucht einen gesunden Körper und wir zeigen Dir die Übungen dafür!
Medizin. Online. Verstehen.: Beschäftige dich proaktiv mit deiner Gesundheit
Den eigenen Körper besser verstehen – das möchte das Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) mit seinem Angebot „Medizin. Online. Verstehen“. Das Besondere: Die Expert:innen des UKE haben die Informationen zusammengestellt, um die Gesundheitskompetenz der Menschen zu erhöhen. Wichtige Informationen zu Krankheiten wie Brustkrebs, Schlaganfall oder Depressionen sind durch Videos und Texte verständlich erläutert. Sie bieten einen leichten und guten Überblick über Ursachen, Behandlung, Prognose und Forschung zu den jeweiligen Erkrankungen.
Medizin. Online. Verstehen.
In diesem Lernangebot stellen wir verschiedene Erkrankungen und deren Behandlung am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) in Form von kurzen Filmen und informativen Texten auf einer projekteigenen Webseite vor.
Stärkung der ethischen Reflexion im Gesundheitswesen: im Alltag des Pflegeberufes kompetent agieren
Praxisnahes Wissen rund um die palliative Versorgung, ethische Reflexion und interprofessionelle Entscheidungsfindung – das bietet dieses Lernangebot der HAW Hamburg. Du lernst von Expert:innen und profitierst von modernen Methoden, die dir helfen, im Alltag des Pflegeberufes kompetent zu agieren. Was du hier lernst, stärkt nicht nur dein Fachwissen, sondern auch deine Fähigkeit, die Lebensqualität der betreuten Menschen nachhaltig zu verbessern.
Stärkung der ethischen Reflexion im Gesundheitswesen (SeRAH)
Online-Fortbildung für Mitarbeitende im Gesundheitswesen zur Stärkung ihrer Kompetenzen in palliativer Versorgung, ethischer Reflexion und interprofessioneller Entscheidungsfindung.
Gesund durchs Studium: Ernährung, Achtsamkeit und der Umgang mit Konflikten
Gesundheitskompetenz bedeutet, im Alltag so zu handeln, dass es dir gut geht. Dazu gehören nicht nur eine gesunde Ernährung, sondern auch Resilienz, Achtsamkeit und der Umgang mit Konflikten. Aber wie schaffst du das im stressigen Studien- oder Arbeitsalltag? In dem Lernangebot „Gesund durchs Studium“ der HAW Hamburg findest du praxisnahe Anleitungen, spannende Quizzes und den unterhaltsamen Podcast „fit & fröhlich“. So lernst du auf lockere Art und Weise, wie du gesünder durch den Alltag kommst.
Gesund durchs Studium
Gesund durchs Studium und noch viel weiter? Wie das gehen kann und was das bedeutet, findest du hier heraus.
Well Beings: Eine Ausstellung über Panikattacken und Depressionen
Well Beings ist ein Projekt von Valentina Karga, Professorin an der HFBK Hamburg. Es befasst sich mit den psychischen Folgen des Klimawandels, wie der Angst vor dem Untergang, Panikattacken und Depressionen. Der Markt reagiert darauf mit Gewichtsdecken, Umarmungskissen und Plüschtieren. Inspiriert durch diese Produkte und durch prähistorische Idole aus dem Museum für Kunst und Gewebe, schuf Karga interaktive Figuren aus recycelten Materialien. Besucher:innen konnten diese in einer Ausstellung berühren und umarmen. In dem Lernangebot der HFBK können Eindrücke der Arbeit Kargas mit Vorträgen, Diskussionen und Lesungen nachempfunden werden.
Well Beings in Times of Climate Anxiety
In Well Beings, an interactive installation by the artist Valentina Karga, visitors can confront their feelings, worries and fears about the climate crisis. Due to the immediate consequences of climate change, more and more people suffer from a chronic fear of doom, which is accompanied by feelings of helplessness, anger or guilt and can lead to panic attacks, nervousness, sleep disorders and even depression. The market has responded to this anxiety with a huge range of consumer products such as weighted blankets, hug pillows and stuffed animals. These objects inspire Karga and form the starting point for her work. At the same time, she discovered idols - prehistoric figures of abstracted creatures made of marble and clay - in the museum's Antiquities Collection. For the artist, they represent a distinct cultural heritage, and symbolize a closeness to nature. Using natural and recycled materials, she has created figures and forms based on the idols that visitors can touch and embrace.
Epidemic Disease Detective Hamburg (EDDi): Detektivarbeit gegen Epidemie
Die Pest, die Spanische Grippe und COVID-19 – Epidemien waren immer Teil der Menschheitsgeschichte und werden auch in Zukunft eine Bedrohung für die globale Gesundheit darstellen. Gleichzeitig arbeiten Akteure der öffentlichen Gesundheit zusammen, um Ausbrüchen von Infektionskrankheiten entgegenzuwirken und deren Ursachen aufzuspüren – eine echte Detektivarbeit! EDDi – Epidemic Disease Detective Hamburg – macht diese Arbeit lebendig, indem sie eine interaktive Schulungsressource bereitstellt, die in erster Linie für den Einsatz im Hochschulbereich konzipiert ist, und erzählt die Geschichte eines Krankheitsausbruchs in Hamburg. Das Angebot hat die HAW Hamburg konzipiert.
EDDi - Epidemic Disease Detective Hamburg
Epidemic Disease Detective - Tracking down Infectious Diseases! A playful Open Educational Resource to learn about infectious disease epidemiology.
Nudging in der Ernährung: Wie kleine Schubser zu besserer Gesundheit führen
Gesunde Ernährung beginnt oft mit kleinen Entscheidungen – doch was wäre, wenn uns diese Entscheidungen leichter gemacht würden? Dank Nudging, einem cleveren Konzept der Verhaltensökonomie, werden wir beispielsweise im Supermarkt subtil zu besseren Lebensmitteln „geschubst“. Erfahre im Lernangebot der HAW Hamburg, wie diese unsichtbaren Anstupser funktionieren und wie sie dir helfen können, gesündere Entscheidungen zu treffen – ganz ohne Zwang!
Nudging in der Ernährung
Grundlagen für die Anwendung von Nudging im Bereich der Ernährung und Gesundheit.
IRIS – Individual Resorbable Intestinal Stents: Die Heilung des Darms im Fokus
Medizin trifft Technik: Im Lernangebot „IRIS“ des UKE und der TU Hamburg werden resorbierbare Darmstents entwickelt, um die Wundheilung bei Darmdefekten schneller und nachhaltiger zu gestalten. Mediziner:innen, Betroffene und Angehörige können mit den Informationen ihr Wissen für Verletzungen, Gefahren und Herausforderungen bei der Heilung von Darmverletzungen erweitern. Es gibt auch einen Einblick, wie Verletzungen im Darmbereich entstehen können und welche besonderen Herausforderungen im Dünndarmbereich bestehen, um die Wundheilung zu gewährleisten.
IRIS - Individual Resorbable Intestinal Stents
In diesem Lernangebot geht es um den Entwicklungsprozess von individuellen resorbierbaren Darmstents.
Unsere Events für dich
Wirtschaft neu denken – gemeinsam lernen: 2. Learning Circle zu Gemeinwohl-Ökonomie
Was wäre, wenn wirtschaftlicher Erfolg nicht am Gewinn gemessen würde, sondern daran, wie sehr ein Unternehmen Menschen, Gesellschaft und Umwelt stärkt? Genau das ist die Idee der Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ) – […]
Wie kann Nachhaltigkeit gesellschaftlich verbinden?
Der Zukunftsentscheid im Oktober 2025 hat gezeigt: Die Hamburger Stadtgesellschaft wünscht sich mehr Klimaschutz. Doch die Kluft zwischen Befürworter*innen und Gegner*innen scheint tief. Wie kann eine Transformation gelingen, auch wenn […]
Zukunftswerkstatt für die Mobilität von morgen
Wie bewegen wir uns morgen durch Hamburg? Effizient, klimafreundlich und für alle zugänglich? Die Welt verändert sich ständig – und die Ideen von heute gestalten die Realität von morgen. In […]
Denkstoff für dich: Unsere Themenwelten
Bild: Sasun Bughdaryan/Unsplash
07.04.2026 | Meena Stavesand
Im Labyrinth der Symptome: Facharzt spricht über langen Weg zur Diagnose bei seltenen Erkrankungen
Zum Weltgesundheitstag (7. April) sprechen wir mit dem Oberarzt Dr. Fabian Braun vom UKE über die Thematik und wie viele Menschen betroffen sind. Es sind mehr als gedacht.
Dr. Fabian Braun ist Internist und unter anderem Oberarzt im Martin Zeitz Centrum für Seltene Erkrankungen des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE). Im Interview erläutert er, wie oft so genannte seltene Erkrankungen wirklich vorkommen, wie die Suche nach der richtigen Diagnose und der passenden Therapie aussieht und an welche Patientin er sich wohl sein Leben lang erinnern wird. In diesem Lernangebot des UKE werden seltene Erkrankungen im Detail erläutert.
Seltene Erkrankungen.Online.Verstehen.
Die Symptome einer seltenen Erkrankung sind in der Regel sehr komplex. Deshalb ist es oft nicht leicht, sofort die Ursache zu finden. Oft fehlt jedoch der Zugang zu verlässlichen Informationen bezüglich Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten.
Dr. Braun, was definiert eine Krankheit als „selten“ und wie viele Menschen sind weltweit und in Deutschland davon betroffen?
Dr. Fabian Braun: Die Definition ist rein statistischer Natur im Moment. Das heißt: Wenn eine Erkrankung seltener oder gleich 1 auf 2000 Personen auftritt, sprechen wir von einer seltenen Erkrankung. Damit haben wir in Deutschland etwa zwischen vier und fünf Millionen Betroffene. Daran merkt man auch, dass seltene Erkrankungen gar nicht so selten vorkommen, wenn wir alle Fälle zusammennehmen, sondern wir viele Patientinnen und Patienten deutschlandweit haben, die an individuellen seltenen Erkrankungen leiden.
In der EU sind es circa 30 Millionen Betroffene, weltweit gehen wir von über 300 Millionen Menschen aus. Es gibt auch regionale Unterschiede bezüglich der Häufigkeit bestimmter Erkrankungen, die in unseren Breitengraden beispielsweise als selten anzusehen sind, während sie in anderen Teilen der Welt häufiger vorkommen. Aber man merkt an diesen Zahlen, dass das Gebiet der seltenen Erkrankungen ein großes sozialmedizinisches Problem darstellt
Können Sie das in Relation setzen zu einer „Volkskrankheit“ wie Diabetes mellitus?
Dr. Braun: Insbesondere Diabetes mellitus des Typs 2 ist in Deutschland weit verbreitet. Wir bewegen uns hier in einem Bereich von fast 10 Prozent, also 1 auf 10 Betroffene.
Für Krankheiten wie Diabetes mellitus gibt es durch die Häufigkeit eine große Studienlage. Das ist bei seltenen Erkrankungen nicht der Fall. Welche Herausforderungen ergeben sich daraus?
Dr. Fabian Braun: Die Diagnose ist das erste Problem. Denn wir arbeiten im medizinischen System nach dem Motto: Häufig ist es häufig, selten ist es selten. Das klingt furchtbar trivial, aber dementsprechend hat man die meisten Berührungspunkte und auch die größte Erfahrung mit häufigeren Krankheitsbildern. Das ist dann noch einmal abhängig davon, wo man als Medizinerin oder Mediziner tätig ist. Die Allgemeinmedizinerin in der Stadt beispielsweise wird natürlich viel öfter Husten, Schnupfen, Heiserkeit, Bluthochdruck oder Diabetes sehen als beispielsweise die Nephrologin bei uns in der Uniklinik, die sich dann in manchen Fällen mit seltenen Nierenerkrankungen auseinandersetzen muss.
Generell kommt bei der Diagnostik die Problematik hinzu, dass man als Arzt oder Ärztin erst einmal daran denken muss, dass es eine seltene Erkrankung sein könnte, da ein Großteil dieser mit sehr gängigen Symptomen auftritt. Es sind selten Blickdiagnosen – diese gibt es vor allem bei Betroffenen im Kindesalter. Manche Symptome demaskieren sich allerdings auch erst nach der Adoleszenz (also im Erwachsenenalter) und treten dann mit Symptomen auf, die wir bei vielen häufigen Erkrankungen sehen. Das macht eine Diagnose schwieriger.

Wenn man auf dem richtigen Weg ist, sind wir in der Diagnostik zum Glück ein großes Stück weitergekommen. Das fängt bei metabolischen Untersuchungen an, die wir aus dem Blut direkt testen können, sprich, ob bestimmte Abbauprodukte zum Beispiel nicht vernünftig ausgeschieden werden können, und geht weiter bis wirklich tiefste genetische Diagnostik, die wir mittlerweile mit vertretbaren Kosten durchführen können. Das führt dazu, dass die Gruppe der seltenen Erkrankungen anwächst. Therapie und die Erfahrungen mit Therapie sind dann der Anschlusspunkt. Wenn es nur sechs Fälle weltweit gibt, kann man nicht von statistischen Verläufen sprechen, sondern ist wirklich in einem Extrembereich, in dem man auf seine Expertise, aber auch auf das eigene medizinische Gefühl angewiesen ist.
Eine weitere Herausforderung war früher, dass die Entwicklung von Medikamenten für seltene Erkrankungen lange für die Pharmafirmen nicht rentabel gewesen ist. Das hat sich mittlerweile geändert. Allerdings stellt dies auch das Gesundheitssystem vor Herausforderungen, weil wir hier von Therapiekosten sprechen, die schnell eine halbe Million Euro pro Jahr betragen können.
Wie läuft das meistens ab? Mir geht es nicht gut und ich überlege, zum Arzt zu gehen. Der erste Weg führt mich dann zu meinem Hausarzt. Was passiert danach?
Dr. Fabian Braun: Es gibt unterschiedliche Wege, wie Sie schlussendlich zu uns finden. Wenn Ihre hausärztliche Praxis schon Hinweise findet, dass ein bestimmtes Organsystem betroffen ist – und nur das –, dann haben Sie die Möglichkeit, zu einem Facharzt oder einer Fachärztin für dieses Organ zu gehen. Diese Facharztpraxis entscheidet dann nach weiteren Untersuchungen, ob es noch intensivere Expertenmeinungen braucht und involviert uns als Centrum für seltene Erkrankungen oder direkt eine Spezialambulanz oder -abteilung im UKE. Sobald es mehrere Organsysteme trifft, kann dieser Weg schwieriger werden, weil es dann häufig unterschiedliche Befunde gibt, die teilweise nicht alle dramatisch beziehungsweise noch in der Anfangsphase sind, sich aber häufen. Und wenn tatsächlich der Verdacht auf eine seltene Erkrankung besteht, die aber nicht genau zu fassen ist, dann gibt es die Möglichkeit, dass Sie bei uns im Zentrum für seltene Erkrankungen des UKE vorgestellt werden. Davon gibt es in Deutschland über 30.
Meistens erhalten wir ein zweiseitiges Dokument, indem die hausärztliche oder fachärztliche Praxis die Hauptsymptome erläutert. Wir erfassen das und versuchen, weiterzuhelfen. Im Zweifelsfall lassen wir uns die Akte schicken, die auch hunderte Seiten stark sein kann. In einem Extremfall hatte eine Patientin zwei Aktenschränke mit Befunden zu Hause stehen, das können wir nicht durcharbeiten, da sind wir auf die Mithilfe der behandelnden Praxen angewiesen.

Wie geht es weiter, wenn Sie die wichtigsten Informationen vorliegen haben?
Dr. Fabian Braun: Liegen die wichtigsten Informationen vor, diskutieren wir das interdisziplinär im Gremium. Darin sitzen Spezialistinnen und Spezialisten aus der Humangenetik, aus der Gastroenterologie, Neurologie, Psychosomatik und Nephrologie. Wenn Kinder betroffen sind, holen wir uns die Pädiatrie hinzu. Wir konsultieren bei Bedarf auch andere UKE interne Kliniken, z.B. die Kardiologie. Manchmal ergibt es das Krankheitsbild, dass wir Betroffene direkt in die spezialisierten Zentren schicken können. Doch manchmal ist der Befund unklar und wir führen zum Beispiel selbst eine genetische Diagnostik durch. Sobald wir Anhaltspunkte haben, können wir die Betroffenen an die Spezialambulanzen vermitteln. Das ist unser Job: den Patientinnen und Patienten schnell helfen, indem wir sie an die Expertinnen und Experten verweisen.
Ihr Beispiel mit der Schrankwand ist eindrücklich. Der Leidensweg für die Betroffenen ist oftmals sehr lang ist, richtig?
Dr. Fabian Braun: Ja. Durchschnittlich kann man sagen, dass es fünf Jahre dauert, bis eine seltene Erkrankung diagnostiziert ist. Und bei diesem Durchschnittswert muss man bedenken, dass er viele Kinder inkludiert, die sehr früh diagnostiziert werden. Das heißt im Umkehrschluss, die Zeitspanne reicht von ein paar Wochen bis hin zu Jahrzehnten.
Können Sie ein Beispiel für eine seltene Krankheit geben?
Dr. Fabian Braun: Da möchte ich ein Beispiel aus meinem Forschungsgebiet der Nephrologie, also der Nierenheilkunde, anführen. Das ist der Morbus Fabry, eine seltene Stoffwechselerkrankung, die genetisch vererbt wird. Das Problem ist ein sehr diffuses Krankheitsbild. Es fängt meistens im Kindesalter mit Schmerzen in den Händen und Füßen und mit Bauchschmerzen und Verdauungsauffälligkeiten an. Und da werden die meisten schon denken: Ja, Kinder haben mal Bauchschmerzen, Verstopfung oder Durchfall. Das macht es ganz schwierig, schon in diesem Stadium die Krankheit zu diagnostizieren.
Im weiteren Verlauf kommt es zu Hautveränderungen, die auftreten können, aber auch nicht übermäßig sein müssen. Die Schmerzen an den Händen und Füßen, die sich vor allem bei Hitze und Kälte verstärken können, nehmen irgendwann ab, weil die Nervenzellen kaputt gehen. Danach kommt es zu stärkeren Organbeteiligungen. Es kommt zu einer Beeinträchtigung der Nierenfunktion, es kommt zu einer Beeinträchtigung des Herzens, es kommt zu frühen Schlaganfällen. Vor 23 Jahren hatten wir dafür wenig Therapien, was zu einer deutlich verkürzten Lebenserwartung geführt hat. Das hat sich glücklicherweise geändert. Aber Morbus Fabry ist ein typisches Beispiel, das vor allem früher, als es noch sehr wenige Fälle gab und die Studienlage dünn war, eine Diagnostik aufgrund des diffusen Krankheitsbildes und damit auch die Therapie schwierig waren.
Können Sie über einen besonders bemerkenswerten Fall in Ihrer Karriere berichten, bei dem die Behandlung erfolgreich war?
Dr. Fabian Braun: Ja, das ist tatsächlich die erste Patientin gewesen, die ich jemals ärztlich betreut habe. Die allererste Patientin, die ich aufgenommen habe, als ich in Köln meine Ausbildung in innerer Medizin und Nephrologie begonnen habe. Sie hatte ein seltenes Krankheitsbild, eine sogenannte TTP (thrombotisch thrombozytopene Purpura): Bei ihr kam es zu einem Verbrauch der Blutplättchen und gleichzeitig zu einer Zerstörung der roten Blutkörperchen, was unter anderem die Nieren beeinträchtigte. Wir haben die Patientin dann entsprechend behandelt, worauf ich jetzt nicht im Detail eingehe.
Dieses Krankheitsbild besserte sich zwar, aber die Frau entwickelte eine schwere Darmerkrankung mit einer granulomatösen Entzündung in den Dünndarmbereichen, die wir nicht verstanden haben. Sie konnte Nahrung nicht mehr vernünftig aufnehmen und musste lange über die Vene ernährt werden. Ich war ein halbes Jahr auf der Station tätig. Die Patientin war die ganze Zeit da und wurde von mir betreut. Durch weitere Proben und Test hatten wir dann den Verdacht, dass es eine Erkrankung sein könnte, die bisher erst fünfmal weltweit beschrieben worden ist. Wir bewegen uns hier in dem extrem seltenen Bereich. Die Diagnose lautete dann: ideopathische nicht-granulomatöse ulzerative Jejunoileitis.
Konnten Sie der Patientin helfen?
Dr. Fabian Braun: Ja, ich habe ihr an meinem letzten Tag, bevor ich in meiner Ausbildung weiter rotiert bin, ein Medikament verabreicht, das zu den Immunsuppressiva oder den Immunmodulatoren zählt. Das war meine letzte gute Tat, die ich an der Patientin vollbringen konnte, denn danach hat sich das Krankheitsbild tatsächlich gebessert. Ich habe im Vorfeld des Interviews noch einmal bei den Kolleginnen und Kollegen in Köln nachgefragt, ob sie damit auch weiterhin beschwerdefrei ist. Ist sie. Sie bekommt das Medikament regelmäßig. Also, das ist ein Fall, der mich wahrscheinlich mein Leben lang begleiten wird. Sie ist, soweit ich das überblicken kann, bisher die einzige Patientin, die weltweit jemals die Kombination dieser beiden Krankheitsbilder hatte.

Bei solch seltenen Fällen hilft Aufklärung – unter Medizinerinnen und Medizinern, aber auch in der Bevölkerung. Was können wir in der Gesellschaft tun, um das Bewusstsein für seltene Krankheiten zu erhöhen?
Dr. Fabian Braun: Ja, Aufklärung ist sehr wichtig. Also auch das, was wir mit diesem Interview tun, ist genau das Richtige. Ich fasse das mit dem Wort Awareness zusammen – meine damit aber weniger die Patientinnen und Patienten, sondern mehr das medizinische Fachpersonal, die Ärztinnen und Ärzte, aber auch die Pflegerinnen und Pfleger. Wir arbeiten immer im Team und besprechen uns. Da ist es hilfreich, wenn beispielsweise jemand gerade eine Fortbildung zu Morbus Fabry durchlaufen hat, von neusten Erkenntnissen weiß und diese in die Diagnostik einbringt. Dann können wir testen und den Betroffenen schneller helfen. Betroffene selbst sollten bei Beschwerden nicht zu lange warten, sondern die Hausarztpraxis aufsuchen – oder im schlimmsten Fall natürlich die Notfallambulanzen.
Über Dr. Fabian Braun
Dr. Fabian Braun ist Facharzt für Innere Medizin und geschäftsführender Oberarzt der III. Medizinischen Klinik sowie klinischer Leiter für Innere Medizin des Martin Zeitz Centrums für Seltene Erkrankungen des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf. Als Mitarbeiter der Ambulanz für genetische Nierenerkrankungen beschäftigt er sich seit Jahren klinisch mit seltenen renalen Erkrankungen und ist der Hauptansprechpartner für Fabry Patient:innen mit Nierenbeteiligung am UKE. Wissenschaftlich adressiert seine Arbeitsgruppe die intrazelluläre Signaltransduktion mittels Extrazellularvesikeln in seltenen Nierenerkanungen wie der fokal segmentalen Glomerulosklerose, membranösen Nephropathie und rapid progredienten Glomerulonephritis. Seit seiner Promotion an der Universität zu Köln beschäftigt er sich mit der molekularen Pathologie der Podozytopathie im Rahmen des Morbus Fabry mit dem stetigen Bestreben neuartige und informative in vitro und in vivo Systeme zu entwickeln. Mit seinem Wechsel nach Hamburg konnte er vor allem die Techniken des in vitro Disease Modelling von Morbus Fabry mittels induzierten pluripotenten Stammzellen und Organoidsystemen weiter vorantreiben und einen speziellen Fokus auf Substrat-unabhängige Krankheitsmechanismen legen. Während der COVID-19-Pandemie trug Dr. Braun darüber hinaus wesentliche Anteile zu den Studien zum Multiorgantropismus von SARS-CoV-2 und dessen Auswirkungen auf die Niere und Leber bei.

Mehr zu Seltenen Erkrankungen
Das UKE hat auf seiner Webseite noch weitere Informationen zu Erkrankungen, die nur sehr selten auftreten. Unter hoou-uke.de gibt es auch Wissenswertes über gesellschaftlich sehr relevante Erkrankungen wie Diabetes mellitus oder Herzinsuffizienz.
Bild: Georg Eiermann / Unsplash
31.03.2026 | hoouadmin
Lohnt sich Diversity?
Der Wirtschaftsethiker Dr. Hans Rusinek von der Universität St.Gallen kritisiert, dass Unternehmen Diversity lange vor allem als Renditeversprechen verkauft haben – und damit genau jene moralische Grundlage preisgaben, aus der sich der Anspruch auf Vielfalt eigentlich speist. Statt Diversity als „Business Case“ zu verhandeln, plädiert er dafür, Arbeit wieder als sozialen Ort zu begreifen, an dem sich entscheidet, ob Menschen als Ressource behandelt werden – oder als Subjekte mit unantastbarer Würde. Ein Text von Andrea Richter.
Der aktuelle Streit um Diversity erzählt davon, welches Menschenbild in unserer Arbeitswelt gelten soll. Er thematisiert Inklusion und Zugehörigkeit. Für Rusinek, der an der Universität St.Gallen zur Zukunft der Arbeit forscht, ist die Arbeitswelt weit mehr als ein Ort der Verwertung. Sie sei, so der Transformationsforscher, ein zentraler sozialer Raum, in dem Menschen aufeinandertreffen, die sich oft nicht ganz freiwillig zusammengefunden hätten. Aber gerade diese Reibung zwischen unterschiedlichen Biografien und Perspektiven versteht er als Ressource – aus ihr entstünden Konflikte, aber auch Wärme, Beziehungen und Lernprozesse.
In den vergangenen Jahren, so Rusinek, sei Diversity vor allem als „Business Case“ verkauft worden: als Hebel für Produktivität, Employer Branding und bessere Bilanzen. Diese Übersetzung einer moralischen in eine rein ökonomische Sprache hält er für folgenreich: Wer mit Zahlen argumentiere, so Rusinek, öffne auch die Tür für Zahlen-Tricksereien – etwa, wenn Unternehmen Quoten schönten, indem sie gering bezahlte Frauen im Service einfach mit in Führungsstatistiken hineinrechnen. Gleichzeitig kühle diese Verzifferung Emotionen und Empörung ab, die für sozialen Wandel eigentlich nötig wären.
Wenn Vielfalt zur Kulisse wird
Die Logik des Business Case, so der Wirtschaftsethiker, schaffe zudem neue Formen der Instrumentalisierung: People of Colour oder andere marginalisierte Gruppen würden zur dekorativen Kulisse in Broschüren und Kampagnen, ohne dass sich an Machtverhältnissen oder Strukturen wirklich etwas ändere.
Rusinek verweist auf Sarah Kaplans Papier „Against the Business Case for Responsibility“, Forschung, die zeige, dass genau diese Quantifizierung von Verantwortung diejenigen entfremdet, denen sie eigentlich nützen soll. Diversität werde dann zum „Salz in der Suppe des Erfolgs“ – etwas, das man sich „gönnt“, aber möglichst kontrolliert dosiert. Der Business Case für Diversity, so Rusinek, greife zu kurz, weil Verantwortung zu einer reinen Win-Win-Logik ökonomischer Argumente werde, die bei sich ändernden wirtschaftspolitischen Bedingungen schnell fallengelassen werde.
Parallel dazu beobachtet Rusinek einen handfesten Backlash: Gegenbewegungen, die Diversity nicht nur ökonomisch, sondern explizit moralisch angreifen – etwa mit Verweisen auf Meritokratie oder eine vermeintlich bedrohte „westliche Zivilisation“. Während Gegnerinnen und Gegner mit Werten argumentierten, so der Transformationsforscher, verharrten viele Organisationen auf der Seite der Zahlen und wunderten sich, warum sie auf dem Feld der Moral verlören. Für ihn ist klar: Wer das moralische Terrain räumt, darf sich über den Ton der Debatte nicht wundern.
Diversität als Frage der Würde
Im Kern verortet Rusinek Diversity in der Tradition der Menschenwürde – nicht in der Logik von Rendite oder Shareholder Value. In einer Gesellschaft, in der Leistungsdruck bis in Kitas reiche, sei der Gedanke zentral, dass jeder Mensch einen Wert hat, unabhängig von Einkommen, Leistung oder Passfähigkeit zu Effizienzlogiken. Vielfalt ernst zu nehmen, bedeute dann, Menschen nicht als „Ressource“ zu betrachten, sondern als Subjekte mit unveräußerlicher Würde.
Viele Managerinnen und Manager behaupteten jedoch, in Organisationen spreche man nun einmal die Sprache des Geldes – Rusinek hält das für eine gefährliche Vereinfachung. Unternehmen, so der Forscher, seien immer „multilinguale Systeme“, die zugleich in den Sprachen von Sinn, Tradition, Verantwortung und Beziehung kommunizieren – spätestens, wenn es um die Gewinnung und Bindung von Talenten gehe. Wer nur monetär argumentiere, blende aus, dass Organisationen soziale Orte seien, in denen Werte immer eine Rolle spielten – ob bewusst gestaltet oder nicht.

Weder die Notwendigkeit einer humanen Arbeitskultur noch die Klimakrise werden verschwinden, nur weil Unternehmen Programme streichen oder Budgets einfrieren. Wer heute an Diversity, Fairness und Verantwortung festhält, wird gebraucht, wenn in Zukunft die Fehler der Gegenwart korrigiert werden müssen.Dr. Hans Rusinek, Universität St. Gallen
Als kritischer Begleiter des New-Work-Diskurses stört Rusinek vor allem, wie stark die Idee sinnvoller Arbeit zu Mitarbeiterfolklore verkommen sei: Innovationsworkshops, Pizzabestellungen und Wohlfühl-Rituale, so Rusinek, ersetzten strukturelle Veränderungen. Im Kern von New Work sieht er dagegen eine alte Einsicht: Wenn Wissen, Kreativität und Leidenschaft von Menschen zählen, müssen sie wie Menschen behandelt werden – nicht wie Zahnräder einer Industrie-Logik, die längst an vielen Stellen überholt ist. Trotzdem tickten viele Büros und Schulen noch immer wie Fabriken des 19. Jahrhunderts: getaktet, kontrolliert, misstrauisch.
Die gängige Managementfrage „Wie motiviere ich meine Leute?“ dreht Rusinek um: Spannender sei, wie Organisationen aufhören können, ihre Mitarbeitenden systematisch zu demotivieren. Er spricht von „Zumutungen“ – von Alltagskränkungen, rassistischen Witzen, unzuverlässigen Dienstplänen, Scheinbeteiligung oder der Erfahrung, für Arbeit am Ende nur einen digitalen Papierkorb zu füttern. Wer diese Zumutungen ehrlich identifiziere und abbaue, schaffe die Voraussetzung für echte Energie – Motivation, die nicht mit Boni, Tischtennisplatten oder Benefits erkauft werden muss.
Diversity, Klima und die Zukunft der Arbeit
Für Rusinek ist die Zukunft der Arbeit untrennbar mit der Zukunft des Planeten verbunden: Organisationen, die sich von ihrer Umwelt abkoppelten, verkennten, so der Arbeitsforscher, die Folgen ihres Handelns. Diversity spielt für ihn dabei eine doppelte Rolle: Sie bringe Perspektiven in Unternehmen und erhöhe so die Chance, blinde Flecken und Risiken früher wahrzunehmen. Je unterschiedlicher die Menschen in einer Organisation, desto größer sei das Spektrum an Wahrnehmungen – und desto eher entstehe der Zweifel, aus dem neues Wissen erwachse.
Optimismus fällt Rusinek mit Blick auf Klimakrise, Demokratie und Arbeitswelt nicht leicht – und er beschönigt das nicht. Die Hoffnung des 36jährigen speist sich eher aus einer nüchternen Realität: „Weder die Notwendigkeit einer humanen Arbeitskultur noch die Klimakrise werden verschwinden, nur weil Unternehmen Programme streichen oder Budgets einfrieren. Wer heute an Diversity, Fairness und Verantwortung festhält, wird gebraucht, wenn in Zukunft die Fehler der Gegenwart korrigiert werden müssen.“
Comm.Unity
Wie erreichen wir mehr Menschen für Veranstaltungen zu Diversity, Equity & Inclusion (DEI), vor allem dann, wenn E-Mails oft ungelesen bleiben oder im Alltag untergehen? Genau hier setzt Comm.Unity an. Der Titel verbindet Communication und Unity und steht für die Frage, wie Kommunikation dazu beitragen kann, Aufmerksamkeit zu erzeugen, Zugehörigkeit zu stärken und echte Teilhabe an Diversitätsthemen zu ermöglichen. Entstanden ist dieses Lernangebot in enger Zusammenarbeit mit der Stabsstelle Gleichstellung der Technischen Universität Hamburg (TUHH). Ausgangspunkt ist ein Forschungsprojekt an der TUHH: Dort haben wir untersucht, wie unterschiedliche Zielgruppen auf verschieden formulierte Einladungen und Kommunikationskanäle reagieren. Aus diesen realen Experimenten ist ein Lernangebot entstanden, das psychologische Hintergründe, Kommunikationspraxis und Forschung zusammenbringt. Dieses Lernangebot zeigt dir, wie sich Theorie und Praxis zueinander führen lassen, verknüpft mit Beispielen aus dem Berufsalltag.
In unserem Lernangebot „Comm.Unity“ zu Diversität erklären wir, was die Begriffe Diversity, Equity und Inclusion eigentlich bedeuten. Wir untersuchen, ob Kommunikation dazu beitragen kann, Zugehörigkeit zu stärken und echte Teilhabe, nicht nur in der Arbeitswelt, zu ermöglichen. Außerdem finden sich dort viele interessante Informationen zu psychologischen Mechanismen, die in uns wirken und die es zu überwinden gilt, um Inklusion wirksam zu machen.
Über Dr. Hans Rusinek

Dr. Hans Rusinek forscht an der Universität St.Gallen zum Wandel der Arbeitswelt, der Mobilisierung von Mitarbeitenden und den Anforderungen an zukunftsfähiges Wirtschaften. Neben seiner Lehrtätigkeit in Masterprogrammen und der Executive School ist Dr. Hans Rusinek als Berater tätig. Er war Associate Strategy Director bei Boston Consulting Group und arbeitete bei der Transformationsberatung BrightHouse in Europa. Seit 2025 ist er Mitglied im Verwaltungsrat der der Schweizer Movis AG. (Bild: Holtgreve)
Bild: Robina Weermeijer / Unsplash
26.03.2026 | Meena Stavesand
Epilepsie verstehen: Neurochirurg spricht über Ursachen, Diagnose und Therapiemöglichkeiten
Epilepsie ist eine komplexe neurologische Erkrankung, die bei etwa 0,5 bis 1 Prozent der Menschen im Laufe ihres Lebens auftritt. Bei Kindern ist es die häufigste neurologische Erkrankung. Doch nicht jeder Anfall, der umgangssprachlich oft als „Krampfanfall“ bezeichnet wird, weist auf eine Epilepsie hin. Manchmal spiegeln Anfälle nur eine vorübergehende Störung des Gehirns wider und können durch Faktoren wie Schlafentzug, niedrigen Blutzucker oder andere medizinische Ursachen ausgelöst werden.
Am 26. März ist der Purple Day, ein internationaler Gedenktag für Epilepsie. Er soll dazu dienen, über Epilepsie aufzuklären und den Menschen die Angst vor der Erkrankung zu nehmen. Wir haben mit Dr. med. Thomas Sauvigny, Geschäftsführender Oberarzt und Leiter der Epilepsiechirurgie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), über die Erkrankung gesprochen. Weiterführende Informationen zu Epilepsie gibt es auch im UKE-Lernangebot „Medizin. Online. Verstehen“.
Epilepsie.Online.Verstehen.
Epilepsien sind eine Gruppe verschiedener Erkrankungen des Gehirns, deren Gemeinsamkeit in einer Übererregbarkeit von Nervenzellen des zentralen Nervensystems besteht. Oft fehlt jedoch der Zugang zu verlässlichen Informationen bezüglich Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten.
Tatsächlich erlebt etwa jeder zehnte Mensch in seinem Leben einen einmaligen Anfall, ohne dass eine erhöhte Anfallsbereitschaft vorliegt. Dennoch ist es wichtig, wiederkehrende Anfälle ernst zu nehmen und eine genaue Diagnose zu stellen, um die richtige Therapie zu finden. Das Gespräch mit Dr. Sauvigny zeigt, wie vielfältig die Ursachen und Symptome sein können und warum eine frühzeitige Diagnose entscheidend für den Umgang mit der Krankheit ist.
Was ist Epilepsie und wie äußert sie sich?
Dr. Thomas Sauvigny: Obwohl wir eine Vorstellung davon haben, was Epilepsie ist, ist eine genaue Definition schwierig, da sie entweder relativ vage ist oder möglicherweise Dinge ausschließt, die doch vorhanden sind. Eine pragmatische Definition: Epilepsie ist eine Erkrankung des Gehirns, die durch eine elektrische Fehlfunktion gekennzeichnet ist. Es liegt also eine elektrische Überaktivität von Nervenzellen vor, die zu epileptischen Anfällen führt. Wenn man mehrere epileptische Anfälle hat, kann man in der Regel sagen, dass man wahrscheinlich eine Epilepsie hat.
Wie erkennt man epileptische Anfälle?
Dr. Thomas Sauvigny: Epileptische Anfälle können sich sehr unterschiedlich äußern. Es kann sich um eine Bewusstlosigkeit mit motorischen Entäußerungen handeln, d.h. Arme oder Beine fangen an zu schlagen, obwohl man nicht bei Bewusstsein ist. Es kann aber auch sein, dass man ein komisches Gefühl im Bauch hat oder Stimmen hört. All das kann ein epileptischer Anfall sein. Deshalb gibt es viele Definitionen oder Beschreibungen von epileptischen Anfällen.
Gemeinsam ist all diesen epileptischen Anfällen, dass es sich um eine Überaktivität oder Fehlfunktion von Nervenzellen handelt. Dies kann neurobiologische, kognitive und soziale Folgen haben. Diese Komplexität macht eine allgemeine Definition schwierig. Das ist auch der Grund, warum wir in der Diagnostik auf Klassifikationen zurückgreifen: Wenn wir die Ursache im Gehirn finden oder wenn wir gemessen haben, dass der Patient oder die Patientin Anfälle hat, dann können wir sagen: Das ist eine Epilepsie.

Anfälle können sich auch durch ungewöhnliche Verhaltensweisen zeigen, wie plötzliche Lachanfälle, was besonders bei einer bestimmten Epilepsieform bei Kindern vorkommt.Dr. Thomas Sauvigny, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Reicht ein einziger epileptischer Anfall aus, um eine Epilepsie zu diagnostizieren?
Dr. Thomas Sauvigny: Wenn wir zum Beispiel feststellen, dass im Kopf eine strukturelle Läsion (eine Schädigung, Verletzung oder Störung der Struktur), z.B. ein Tumor oder etwas ähnliches vorliegt, dann ist das Risiko, dass weitere Anfälle auftreten, relativ hoch. Ein in der Literatur vorgeschlagener Wert dafür ist 60 Prozent. Wir sagen also: Wenn das Risiko, weitere epileptische Anfälle zu bekommen, größer als 60 Prozent ist, dann diagnostizieren wir eine Epilepsie.
Das heißt im Umkehrschluss: Wenn jemand einen einzigen Anfall hat, der zum Beispiel durch Schlafentzug ausgelöst wurde, dann erfüllt das nicht die Kriterien zur Diagnose einer Epilepsie. Wenn wir keine andere Ursache im Kopf finden, zum Beispiel keine Läsion, dann sagen wir: Das ist keine Epilepsie, sondern ein einmaliges Ereignis – provoziert durch zu wenig Schlaf. Die Wahrscheinlichkeit, dass es wieder vorkommt, ist gering, wenn man nicht wieder zu wenig schläft.
Wenn man aber z.B. einen Hirntumor hat und ein oder zwei hierdurch ausgelöste Anfälle, dann reicht dies aus, um zu sagen, dass man eine Epilepsie aufgrund des Hirntumors hat. Wir gehen dann davon aus, dass die Wahrscheinlichkeit für weitere Anfälle relativ hoch ist, wenn die Ursache nicht behandelt wird. Das heißt: Ein Anfall ist nicht unbedingt gleich Epilepsie, aber man muss der Ursache nachgehen.
Was sind mögliche erste Anzeichen oder Symptome?
Dr. Thomas Sauvigny: Die Diagnose von Anfällen wird besonders herausfordernd, wenn sie sich nicht als klassischer bilateraler tonisch-klonischer Anfall zeigen – jene Form, die früher als großer Krampfanfall (Grand-Mal) bekannt war, einhergehend mit Bewusstseinsstörung und ausgeprägten motorischen Entäußerungen. Solche Anfälle werden in der Regel rasch als epileptisch erkannt oder zumindest vermutet. Doch es gibt auch Formen, die nur bestimmte Gehirnregionen betreffen, sogenannte fokale Anfälle, die sich sehr vielfältig und manchmal nur sehr diskret äußernd. Daher können die geschilderten Symptome oft fehlgedeutet werden. Prinzipiell sind immer Differentialdiagnosen (z.B. auch Synkopen) bei der Erstdiagnose zu berücksichtigen
Insbesondere bei Kleinkindern und Säuglingen ist die Erkennung von Anfällen oft schwierig, da sie sich auf vielfältige Weise äußern können – etwa durch nur sehr kurze Bewusstseinsverluste, Sprachstörungen oder das Auftreten einer sogenannten Aura, das zum Beispiel als ein ungewöhnliches Gefühl in der Bauchregion beschrieben wird. Manche Anfälle treten ausschließlich im Schlaf auf und bleiben unbemerkt, bis am nächsten Tag Symptome wie Muskelkater, Erschöpfung oder kognitive Einschränkungen auffallen. Anfälle können sich auch durch ungewöhnliche Verhaltensweisen zeigen, wie plötzliche Lachanfälle, was besonders bei einer bestimmten Epilepsieform bei Kindern vorkommt. Visuelle Phänomene, wie Flimmern oder Blitze, sind ebenfalls mögliche Anzeichen mancher Epilepsieformen.
Diese Vielseitigkeit macht die Erkennung von Anfällen besonders komplex. Da theoretisch jede normale Gehirnfunktion durch einen Anfall beeinträchtigt werden kann, gibt es unzählige Erscheinungsformen. Deshalb gibt es keine allgemeingültige oder pauschale Beschreibung eines Anfalls und auch unter Expert:innen herrscht häufig Uneinigkeit über die korrekte Benennung und Interpretation.
Gehen Betroffene dann relativ spät zum Arzt, weil sie die Symptome nicht als schwerwiegend wahrnehmen oder die Anfälle nicht bemerken, weil sie eben im Schlaf auftreten?
Dr. Thomas Sauvigny: Ja, das kann vorkommen. Natürlich gibt es Epilepsieformen, die sofort auffallen, entweder durch Begleiterkrankungen oder weil die Anfälle so eindeutig sind. Nicht selten bleiben Epilepsien aber auch jahrelang unbemerkt, weil die Symptome mit anderen Erkrankungen wie Angststörungen oder Depressionen verwechselt werden. Manchmal dauert es Jahre, bis die richtige Diagnose gestellt und die genaue Ursache der Epilepsie gefunden wird.
Wird die Ursache einer Epilepsie immer gefunden?
Dr. Thomas Sauvigny: Es gibt Fälle, in denen die Ursache unklar ist. Früher sprach man von kryptogenen Epilepsien, wenn keine eindeutige Ursache gefunden werden konnte. Wir haben eine internationale Klassifikation der Epilepsien, die die Anfälle nach ihrer Entstehung einteilt:
- Fokale Anfälle, die nur in einem bestimmten Teil des Gehirns auftreten,
- generalisierte Anfälle, die das ganze Gehirn betreffen, und
- Anfälle unbekannter Ursache.
Die Ursachen der Epilepsie sind einerseits genetische Faktoren und/oder strukturelle Veränderungen im Gehirn. Andererseits gibt es auch infektiöse oder autoimmune Ursachen um die häufigsten zu nennen.
Wie läuft eine Diagnose ab? Muss immer ein MRT gemacht werden?
Dr. Thomas Sauvigny: Ein MRT ist ein wichtiger Bestandteil der Diagnostik, aber erst der zweite oder dritte Schritt. Der erste Schritt ist immer die Anamnese, also die genaue Befragung der Betroffenen und deren Angehörigen. Dann macht man in der Regel ein Elektroenzephalogramm (EEG), um die Hirnströme zu messen. Ein kurzes EEG zeigt jedoch nicht immer Anfälle. Deshalb kann es notwendig sein, das EEG über mehrere Tage durchzuführen und die Patientinnen und Patienten mit Videokameras zu überwachen. Oft bringen auch Angehörige Handyvideos mit, die helfen, die Anfälle zu dokumentieren. Es folgen weitere Untersuchungen wie eine Kernspintomographie oder eine Nervenwasseranalyse, um die Ursache der Anfälle herauszufinden. Darüber hinaus gibt es in Epilepsiezentren noch viele weitere, spezielle Untersuchungen, die durchgeführt werden können.
Wie sieht die Therapie aus?
Dr. Thomas Sauvigny: Das hängt von der Art der Epilepsie ab. Die Haupttherapie besteht zunächst aus Medikamenten, die die Anfälle unterdrücken. Liegt eine strukturelle Ursache wie ein Tumor oder eine Fehlbildung vor, kommt oft auch eine Operation in Frage. Es gibt auch neurochirurgische Eingriffe, bei denen Hirnregionen stimuliert werden, um die Anfallsbereitschaft zu verringern, z. B. der Vagusnervstimulator. Bei bestimmten Epilepsien helfen auch Diäten oder experimentelle Therapien.
Epilepsie wirkt sich mitunter stark auf das soziale Leben der Betroffenen aus. Ein LKW-Fahrer, der an Epilepsie erkrankt, kann beispielsweise seinen Beruf nicht mehr ausüben.Dr. Thomas Sauvigny, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Es geht also in erster Linie darum, die Anfälle etwa durch Medikamente zu reduzieren?
Dr. Thomas Sauvigny: Genau, wir wollen die Anfälle durch Medikamente so weit wie möglich abschwächen, reduzieren oder wenn möglich ganz verhindern. Leider gelingt uns das bei etwa einem Drittel der Patientinnen und Patienten nicht, das heißt, es kommt trotz der Medikamente zu Anfällen. Aber umgekehrt: Bei vielen Betroffenen gelingt es, die Anfälle zu unterdrücken. Das hängt von der Art der Epilepsie ab. Wichtig ist auch, dass bei bestimmten Anfallsformen, die generalisiert auftreten, ein relevantes Risiko besteht, an einem Anfall zu sterben (sog. SUDEP). Dies ist vergleichbar mit dem plötzlichen Kindstod. Das ist natürlich ein extremes Beispiel, aber es zeigt, dass Epilepsie keine ungefährliche Krankheit ist. Auch Anfälle, die nicht tödlich verlaufen, können das Gehirn weiter schädigen und die Krankheit verschlimmern. Deshalb sind Medikamente wichtig.
Darüber hinaus gibt es psychosoziale und neuropsychologische Behandlungsmöglichkeiten, denn die Krankheit wirkt sich mitunter stark auf das soziale Leben aus. Ein LKW-Fahrer, der an Epilepsie erkrankt, kann beispielsweise seinen Beruf nicht mehr ausüben. Das ist ein ganz anderes Problem als bei einem Vierjährigen, bei dem es dafür viel mehr um die kognitive Entwicklung geht. Es gibt also viele verschiedene Ansätze, die individuell angepasst werden.
Ist Epilepsie heilbar oder eine Krankheit, mit der man leben muss?
Dr. Thomas Sauvigny: Grundsätzlich ist Epilepsie heilbar, aber das ist von Fall zu Fall unterschiedlich. Bei manchen Patientinnen und Patienten kann zum Beispiel ein Blutschwämmchen im Gehirn entfernt werden, und danach treten keine Anfälle mehr auf. Nach einigen Jahren können dann die Medikamente reduziert oder ganz abgesetzt werden. In solchen Fällen spricht man von Heilung. Betrachtet man aber alle Epilepsiepatienten, so handelt es sich in den meisten Fällen um eine chronische Erkrankung, die einen ein Leben lang begleitet. Das heißt nicht, dass man immer Anfälle hat, aber viele Menschen müssen ihr Leben lang Medikamente einnehmen, um anfallsfrei zu bleiben.
Spielen Stress, Ernährung und andere Faktoren eine Rolle bei Epilepsie?
Dr. Thomas Sauvigny: Stress an sich verursacht kausal keine Epilepsie, aber er kann die Wahrscheinlichkeit eines Anfalls erhöhen, insbesondere wenn andere Faktoren wie Schlafmangel oder Alkoholkonsum hinzukommen. Diese Faktoren beeinflussen die Erregbarkeit der Nervenzellen und können bei einer bestehenden Epilepsie einen Anfall auslösen. Daher ist es wichtig, auf diese Dinge zu achten, um das Risiko zu verringern. Zum Thema Ernährung: Eine spezielle Diät kann bei bestimmten Epilepsieformen helfen, ist aber nicht bei allen Epilepsieformen sinnvoll.
Wie gehen Menschen mit Epilepsie mit psychischen oder sozialen Faktoren um? Das ist sicher eine große Belastung.
Dr. Thomas Sauvigny: Ja, das ist ein großes Thema. Epilepsie ist eine chronische Erkrankung, die das soziale Leben stark beeinträchtigen kann. Vor einigen hundert Jahren galten Menschen mit Epilepsie noch als vom Teufel besessen oder schwachsinnig. Diese Stigmatisierung hat sich geändert, aber Epilepsie ist immer noch eine Krankheit, die mit Vorurteilen behaftet ist. Für Menschen, die beruflich eingeschränkt sind, wie zum Beispiel Lastwagenfahrer, bedeutet die Diagnose oft das Ende ihrer bisherigen Tätigkeit. Bei Kindern geht es vor allem um die schulische und kognitive Entwicklung. Viele Patientinnen und Patienten leiden auch an psychischen Begleiterkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen, die entweder durch die Epilepsie selbst oder durch die Belastungen der Erkrankung verursacht werden. Es gibt eine hohe Rate an sogenannten Komorbiditäten, also dem gleichzeitigen Auftreten mehrerer Erkrankungen.
Epilepsie.Online.Verstehen.
Epilepsien sind eine Gruppe verschiedener Erkrankungen des Gehirns, deren Gemeinsamkeit in einer Übererregbarkeit von Nervenzellen des zentralen Nervensystems besteht. Oft fehlt jedoch der Zugang zu verlässlichen Informationen bezüglich Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten.
Welche Unterstützungsmöglichkeiten gibt es?
Dr. Thomas Sauvigny: Es gibt zahlreiche Selbsthilfegruppen, die sehr hilfreich sind. Wichtige Anlaufstellen sind auch die spezialisierten Epilepsiezentren. Das Epilepsiezentrum Hamburg zum Beispiel vereint drei Krankenhäuser: Das Evangelische Krankenhaus Alsterdorf, das UKE und das Kinderkrankenhaus Wilhelmstift. Dort gibt es auch Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, die sich um die Vereinbarkeit von Epilepsie und Beruf kümmern, und spezielle Arbeitsplätze für Menschen mit Epilepsie. Diese Zentren bieten ebenfalls neuropsychologische Betreuung und Beratung für den Alltag an.
Ein Ausblick: Gibt es derzeit innovative Behandlungsmethoden oder Ansätze, die noch nicht weit verbreitet sind?
Dr. Thomas Sauvigny: Es gibt viele neue Ansätze, die sich in der Entwicklung befinden – sowohl neue Medikamente wie auch innovative Therapieverfahren wie z.B. gentherapeutische Ansätze. Auch in der Neurochirurgie hat sich in den vergangenen Jahrzehnten viel getan. Komplexere Fälle können heute besser operiert werden. Die Diagnostik hat sich durch invasive Methoden wie das Einsetzen von Elektroden ins Gehirn verbessert. Ein weiteres spannendes Gebiet ist die Genetik. In den vergangenen Jahren wurden immer mehr genetische Ursachen für Epilepsien entdeckt, auch für solche, bei denen man bisher nicht von genetischen Ursachen ausging. In Zukunft wird es wahrscheinlich neue medikamentöse Ansätze geben, die gezielt auf bestimmte Mutationen wirken.
Forschung wirkt. Je mehr wir über die Krankheit wissen, desto besser können wir sie behandeln.
Dr. Thomas Sauvigny: Ja, generell hat die genetische Forschung in den vergangenen zehn Jahren große Fortschritte gemacht. Es gibt aber auch viele andere Bereiche, in denen sich einiges getan hat, zum Beispiel in der invasiven und bildgebenden Diagnostik. Es ist ein Zusammenspiel verschiedener Disziplinen, die dazu beitragen, dass wir die Krankheit besser verstehen und behandeln können.
Über Dr. Thomas Sauvigny

Dr. Thomas Sauvigny ist Facharzt für Neurochirurgie sowie geschäftsführender Oberarzt an der Klinik und Poliklinik für Neurochirurgie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE). Sein Medizinstudium hat der gebürtige Koblenzer an der Eberhard-Karls-Universität in Tübingen absolviert. Seit 2012 ist Dr. Thomas Sauvigny am UKE tätig.
Bild: Imagine Buddy / Unsplash
18.03.2026 | Meena Stavesand
Nicht jede:r muss alles können: OER braucht Struktur
Die Entwicklung von Open Educational Resources (OER) ist neben dem normalen Lehrbetrieb kaum zu schaffen. Der Schlüssel liegt in der Arbeitsteilung. Lehrende müssen nicht zu Medienprofis werden. Wenn jede:r das macht, was sie oder er am besten kann, entstehen OER, die wirklich funktionieren. So zeigt Bildungsexperte Jöran Muuß-Merholz auch, warum sich seit Jahren immer mehr Menschen für OER interessieren und wie aus vereinzelten Anstrengungen eine immer größere Bewegung wird. Doch wie wird Bildung eigentlich in zehn Jahren aussehen?
Fünf Fragen an Jöran Muuß-Merholz – erschienen in der Broschüre „10 Jahre HOOU – 10 Gedanken zu hybrider Lehre & OER“ der HAW Hamburg. Kostenloser Download am Ende des Beitrags.
Wie holen wir OER aus der Nische?
Jöran Muuß-Merholz: Erstens: Finanzierung und Förderung. Das ist so banal wie basal: Wann immer eine Förderrichtlinie oder ein Budget Geld dafür vorsieht, dass Lehr-Lern-Materialien entwickelt werden, können wir eine Veröffentlichung als OER zur Auflage machen. Von einer solchem Standard lassen sich Ausnahmen begründen, aber wir können den Default umdrehen: Was öffentlich finanziert wird, muss offen bereitgestellt werden.
Zweitens: Professionalisierung und Arbeitsteilung. Wir können von Lehrpersonen erwarten, dass sie sich richtig gut mit dem Inhalt ihres Fachs auskennen. Und wir sollten fordern, dass sie in Sachen Didaktik fit sind. Aber wir können nicht verlangen, dass sie sich in alle urheberrechtlichen Finessen, offenen Technikstandards oder Veröffentlichungsmodalitäten einarbeiten, die für professionelle OER-Standards notwendig sind. Dafür braucht es Profis – also Menschen, in deren Stellenbeschreibung und Kompetenzprofil das steht. Das ist nicht wirklich revolutionär, dafür haben wir z.B. Zentren für Hochschuldidaktik und für Medien, Bibliotheken, Verlage oder auch Hilfskräfte. Wenn wir diesen Stellen das entsprechende Budget und die Kompetenz ermöglichen, bekommen wir eine professionelle Arbeitsteilung: Lehrende übernehmen diejenigen 80 Prozent der Arbeit, die fachlich und didaktisch notwendig sind – der Rest wird von OER-Profis beigesteuert.
Drittens: Kapazitätsaufbau und Austausch. Wir sind auf einem guten Weg, bei immer mehr Menschen Bewusstsein und Know-how für OER zu verbreiten. Aber es gibt immer noch viel Luft nach oben. Wir sind bisher quasi von einem Promillebereich in einen sehr niedrigen einstelligen Prozentbereich gekommen, was eine OER-Durchdringung angeht. Hinzu kommt, dass sich das Themenfeld ja ständig weiterentwickelt, zum Beispiel durch KI. Diese Weiterentwicklung wird durch Foren für den Austausch katalysiert. Wir merken das jedes Jahr beim OERcamp, unserem großen Treffen rund um freie und offene Materialien. Obwohl wir das seit 2012 veranstalten, kommen auch in 2025 noch jedes Jahr die Hälfte der Anmeldungen von Menschen, die vorher noch nicht dabei waren. Die Kreise dehnen sich immer weiter aus.
Für die Wirksamkeit dieser drei Punkte gibt es einen sehr markanten Beleg: In den vergangenen Jahren hat der Bildungsbereich Hochschule in Sachen OER den Bildungsbereich Schule überholt. Nach meiner Einschätzung liegt das ganz klar daran, dass man in den drei genannten Punkten in den Hochschulen Maßnahmen entschiedener als für die Schule vorangetrieben hat.

50
Prozent der Menschen, die zum OERcamp kommen, sind neu dabei.
Welche Chancen bieten hybride Lehr-/Lernangebote als OER?
Muuß-Merholz: Wenn man drei Lehrende fragt, was „hybride Angebote“ bedeuten, bekommt man vermutlich drei unterschiedliche Antworten. „Hybrid ist also nicht gleich hybrid“, schreiben Basner & Persike (2024)[1].
Nehmen wir als Szenario A an, dass „hybrid“ weiterhin ein unscharfer Begriff bleibt, der uneinheitlich verwendet wird. Selbst in diesem Falle hilft uns das Konzept von OER. Denn eine fundamentale Eigenschaft von OER liegt ja darin, dass unterschiedliche Lehrende Materialien je nach unterschiedlichem Einsatzszenario flexibel anpassen und verwenden können. Es liegt in der DNA von OER, dass offene Materialien gerade für unübersichtliche Übergänge (aka agile Innovationsprozesse) bessere Bedingungen bieten als geschlossene Materialien, die nur nach einer Friss-oder-stirb-Logik eingesetzt werden können.
Nehmen wir als Szenario B an, dass sich in Sachen „hybride Lehre“ in den nächsten Jahren Konzepte und Praxis weiter ausdifferenzieren und standardisieren. Auch dann wären dafür Akteur:innen, die auf OER setzen, prinzipiell besser aufgestellt. Das liegt in der grundsätzlichen Anpassbarkeit der Materialien begründet. Was wir in den Überlegungen zur hybriden Lehre ja immer besser verstehen: Es geht um neue Konfigurationen zwischen drei Kategorien, die wir für Bildungsangebote traditionell als distinkt betrachtet haben:
- A. Treffen, Veranstaltungen (traditionell: gleicher Ort, gleiche Zeit)
- B. Materialien, Publikationen (traditionell: ungleicher Ort, ungleiche Zeit)
- C. Austausch, Netzwerk (traditionell: eher synchron, häufig als „Nebenwirkung“ von A.)
Jede:r, der:die schon mal die einfachste Form der hybriden Lehre gestaltet hat, also einen Vortrag mit Videostream, bekommt einen ersten Eindruck, wie die traditionellen Kategorien aufbrechen. Aus der Veranstaltung wird durch das Video auch ein Material. Durch das Material wird die zeitliche Asynchronität möglich. Durch das Streaming wird die Ortsbindung aufgehoben. Durch digitale Tools kann man aus dem Material ein anderes Material machen, zum Beispiel ein automatisches Transkript, eine KI-generierte Zusammenfassung, eine interaktive Lerneinheit mit Quizfragen. Die Lernenden können das wahlweise in doppelter Geschwindigkeit wahrnehmen oder als Podcast (oder live im Hörsaal). Sie können sich synchron austauschen, z.B. im WhatsApp-Chat, noch während die Person vorträgt, später in einer Lerngruppe, anhand der Aufzeichnung, oder auch asynchron, in einem Forum oder über eine Kommentarfunktion.
Ich zitiere Muuß-Merholz (2021)[2]: „Hybrides Lehren und Lernen bedeutet, wenn man unter die Oberfläche schaut, dass die traditionellen Grenzen zwischen 1. Treffen/Veranstaltungen, 2. Materialien/Publikationen und 3. Austausch/Netzwerk verwischen. Die drei Bereiche vermischen sich und setzen sich neu zusammen, verweben und verzahnen sich. Die Digitalisierung macht unser Lehren und Lernen kuddelmuddeliger und vielfältiger. Wir können und müssen unsere Formen und Formate neu erfinden.“
Wir stehen nicht vor der Frage, ob das passiert oder nicht, sondern vor der Frage, ob und wie wir uns als Gestaltende einer Neukonfiguration sehen, die für Lehre das neu erfindet, was wir bisher als „Lehr-Lern-Material“ gedacht haben. Das ist kein einfacher Prozess. Aber mit OER wird dieser Prozess ganz sicher einfacher als ohne OER.

Um OER dauerhaft und im Zentrum von Hochschulen zu verändern, braucht es „soft politics“ im Hinblick auf Kultur und Haltung UND „hard politics“ bei den Strukturen und Rahmenbedingungen für die Lehre.Jöran Muuß-Merholz
Der OER-Grundsatz lautet „Teilen und Weiterentwickeln“. Wie verändert OER die Rolle der Lehrenden?
Muuß-Merholz: Im Sinne der bei der zweiten Frage skizzierten Neukonfiguration von Lehre wird die Arbeit mit Materialien grundsätzlich komplexer und praktisch einfacher. Angesichts von KI-Technologien stehen wir vor einem Überfluss an Möglichkeiten. Wenn die Verfügbarkeit und Übertragbarkeit von Materialien dazu kommt, dann haben wir auch hier eine Überfluss-Situation. „Überfluss“ heißt aber nicht automatisch „Paradies“. Wir stehen vor der Herausforderung, dass wir Ordnung, Auswahl, Anpassung und Orientierung für die Lernenden schaffen müssen.
Im OER-Diskurs ist häufig davon die Rede, dass sich für Lehrende die Aufgabe des Produzierens zugunsten des Kuratierens verschiebt. Sie wählen vorhandene Materialien aus, kombinieren sie neu, adaptieren sie und stellen den Kontext her. Ich vermute aber: die Rolle wird komplexer werden. Denn die beschriebenen Aufgaben lassen sich möglicherweise perspektivisch durch KI-Technologien übernehmen. Das ist für mich eine große, offene Frage.
Meine Annahme ist: Je unübersichtlicher, komplexer und unvorhersehbarer diese Entwicklungen sind, desto wichtiger werden Zusammenarbeit und Arbeitsteilung. Und an der Stelle sehe ich die OER-Akteur:innen als Vorreiter:innen. In Bezug auf Materialien sind sie im Austausch über traditionelle Grenzen hinaus quasi schon geübter, haben mehr Erfahrung in organisationsübergreifender Kooperation, gemeinsamer Entwicklung, im Austausch und in der ständigen Weiterentwicklung auch der nicht-eigenen Inhalte.
Wo liegen die Herausforderungen, OER im Zentrum der Hochschulen zu verankern?
Muuß-Merholz: Zu dieser Frage ist in Antworten häufig davon die Rede, dass es Verschiebungen in der „Kultur“ oder in der „Haltung“, vielleicht sogar im „Ethos“ der Lehrenden brauche. Dafür gibt es gute Argumente. Beispielsweise wird OER als Teil der Lehre nie die Bedeutung haben können, die Open Access als Teil der Forschung inne hat, solange die Lehre einfach viel weniger Wertschätzung erfährt als die Forschung. An vielen Hochschulen wird OER strategisch als Teil der Third Mission, also des Transfers von Wissen in die Gesellschaft, gesehen. Auch hier gilt: In einer Welt, in der Transfer eher als Add-On denn als integrativer Teil des Auftrags an Hochschulen gesehen wird, wird „Transfer-OER“ eine Randerscheinung bleiben.
Ich möchte nicht gegen die Rede von Kultur, Haltung und Ethos argumentieren. Aber diese Ebene wird alleine nicht ausreichen, um OER von einer Randerscheinung zum Normalfall zu machen. Dafür braucht es zusätzlich Veränderungen in den Strukturen. Dazu möchte ich die drei Forderungen aufgreifen, die ich zu Frage #1 genannt habe: Finanzierung und Förderung, Professionalisierung und Arbeitsteilung, Kapazitätsaufbau und Austausch. Das sind formale Rahmenbedingungen, über die sich das steuern lässt. Das sind Fragen von Policies, Budgets, Prioritäten – alles „hard politics“, wenn man so will. Um OER dauerhaft und im Zentrum von Hochschulen zu verändern, braucht es „soft politics“ im Hinblick auf Kultur und Haltung UND „hard politics“ bei den Strukturen und Rahmenbedingungen für die Lehre.
Szenario: In zehn Jahren gibt es hybride Lehr-/Lernangebote flächendeckend als OER. Wie sieht dann die Bildung aus?
Muuß-Merholz: Hier kommt die hoffnungsvolle Variante: Die Bildung ist in zehn Jahren noch vielfältiger und noch pädagogisch durchdachter als heute. Die Lehr-/Lernangebote haben sich noch stärker ausdifferenziert und weiterentwickelt. Wir sehen die klassische Vorlesung nur noch punktuell, zu rituellen und sozialen Zwecken. Wir unterstützen die Lernenden methodisch und technisch dabei, selbständig mit Lehr-Lern-Materialien zu lernen. Wir haben die soziale Bedeutung des Lernens besser verstanden und den Wert von Settings erkannt, in denen Menschen synchron und möglicherweise sogar in physischer Präsenz bei- und nebeneinander sitzen. Insgesamt haben wir die Didaktik so ausdifferenziert, dass das individuelle Lernen auf Materialien basiert (Intelligente tutorielle Systeme, Texte, Kurse, Videos, Übungen etc.) und unsere gemeinsamen Treffen den Austausch und die Zusammenarbeit in den Mittelpunkt stellen.
Dass die Materialien, mit denen wir arbeiten, dafür möglichst flexibel und anpassbar sein müssen, ist selbstverständlich. Dabei wird in zehn Jahren niemand im Alltag mehr bemerken, dass das „OER“ ist, mit dem wir da arbeiten. Denn es wird einfach der Standard sein, dass wir Materialien kopieren, anpassen, verändern und wieder weitergeben können. Das ist ja in anderen Bereichen heute schon so – weil wir uns das mit dem wissenschaftlichen Austausch mal unter den Vorzeichen von Offenheit ausgedacht und erfunden haben! Es bemerkt ja heute auch selten jemand, dass E-Mails, Kalender, Podcasts oder das World Wide Web auf offenen Standards basieren und durch diese Möglichkeiten eine unglaubliche Erfolgsgeschichte geschrieben haben. Aber sobald unsere Flexibilität, unser Austausch und unsere Zusammenarbeit wegen proprietärer Standards und isolierenden Silos gebremst oder blockiert werden, merken wir das sofort. Nur bei den Lehr-Lern-Materialien haben wir uns irgendwie an diesen defizitären Zustand so stark gewöhnt, dass wir ihn für normal halten – was für eine dumme Selbstbeschränkung von uns!
Literatur
[1] Basner, T., Persike, M. (2024). “Können Sie das nicht auch live streamen?” Didaktische Herausforderungen und strategische Potenziale hybrider synchroner Lehre. Diskussionspapier Nr. 31. Berlin: Hochschulforum Digitalisierung. Verfügbar unter https://hochschulforumdigitalisierung.de/wp-content/uploads/2024/06/HFD_DP_31_Hybride_Synchrone_Lehre.pdf.
[2] Muuß-Merholz, J. (2021): Die tatsächliche Hybridisierung der Bildung – warum sich Lernangebote im digitalen Wandel neu erfinden müssen. Bundeszentrale für politische Bildung. Verfügbar unter https://www.selbstlernen.net/hybridisierung-der-bildung/.
Das Interview ist in der Broschüre „10 Jahre HOOU – 10 Gedanken zu hybrider Lehre & OER“ der HAW Hamburg erschienen. Diese steht kostenlos zum Download.
In der Broschüre hat das Team der HAW Hamburg zehn Impulse gesammelt – zu Technik und Recht, zu Barrierefreiheit und Diversität, zu OER und interkultureller Zusammenarbeit. Keine trockene Theorie, sondern Praxisberichte, Checklisten und Interviews mit Menschen, die hybride Lehre jeden Tag gestalten.
Hintergrund: Martin Martz / Unsplash
06.03.2026 | Meena Stavesand
Weltfrauentag: Vier Frauen erzählen, warum sie ihr Wissen offen teilen
Kunstgeschichte, Künstliche Intelligenz, Geburtshilfe und Schlagzeug – an der HOOU teilen Frauen aus ganz unterschiedlichen Fachgebieten ihr Wissen offen mit der Welt. Zum Weltfrauentag haben wir vier von ihnen drei Fragen gestellt. Ihre Antworten zeigen, was sie antreibt, woran sie gerade arbeiten und welche Themen ihnen am Herzen liegen.
Hinter jedem Lernangebot auf der HOOU-Plattform stehen Menschen mit einer Geschichte, einer Haltung und einer Motivation. Oft sieht man die Kurse, die Texte, die Videos – aber nicht die Köpfe dahinter. Das wollten wir zum Weltfrauentag ändern. Nicht mit großen Reden über Gleichstellung, sondern indem wir vier Frauen einfach zu Wort kommen lassen: über ihre Arbeit, ihre Themen und das, was sie der Welt mitgeben wollen. Die Bandbreite ihrer Antworten zeigt, wie vielfältig offene Bildung sein kann – von der Kunstkritik bis zur Geburtsmedizin, von der KI-Werkstatt bis zum Schlagzeug-Repertoire.

Geschichte findet nicht in der Vergangenheit statt, sondern in der Gegenwart.Prof. Dr. Astrid Mania

Prof. Dr. Astrid Mania ist Professorin für Kunstkritik und Kunstgeschichte der Moderne an der Hochschule für bildende Künste Hamburg.
Was treibt dich an, dein Wissen offen zu teilen?
Neben der Begeisterung für mein Fach, die ich natürlich artikulieren möchte, ist es mir wichtig zu betonen, dass Geschichte nicht in der Vergangenheit, sondern in der Gegenwart stattfindet. Unser Blick auf die Geschichte ist von Fragen geprägt, die wir uns heute stellen. Was dabei sichtbar wird und was nicht, kann oft politische oder ideologische Gründe haben. Geschichte ist im guten wie im schlechten Sinne wandelbar. Eine kritische Selbstreflexion ist daher wichtig: Wozu forschen wir? Warum und aus welcher Perspektive heraus tun wir das? Was übersehen wir vielleicht dabei? Darum ist es in meinen Augen besonders wichtig, möglichst viel Wissen zugänglich zu machen – auch damit es für künftige Forschungen bereitsteht.
Woran arbeitest du gerade und warum begeistert es dich (und andere)?
Neben einer Reihe von eigenen Publikationsprojekten zu Kunstkritik und zeitgenössischer Kunst arbeite ich seit einem Jahr mit unseren Studierenden an einem Online-Archiv. Wir machen darin die Geschichte unserer internationalen Alumni sichtbar: The International Alumni Archive auf https://tiaa.hfbk.net.
Aktuell befassen wir uns mit den Jahren 1945 bis 1985. Es gibt Textbeiträge und Interviews, in denen es um das Studium dieser Alumni und die Zeit danach geht. In manchen Fällen haben heutige Studierende Verwandte und Zeitzeug:innen gefunden und konnten so ein Bild ihrer Vorgänger:innen zeichnen. Das Vorhaben profitiert enorm von unseren gegenwärtigen internationalen Studierenden, die in ihren Sprachen und Kulturen forschen und Informationen erschließen können.
Es ist ein wenig wie Detektivarbeit. Und die Lebenswege, die wir finden, sind hochgradig spannend: Alumnus Igor Suhacev war in Kanada als Ikonenmaler erfolgreich, Alice Matilda Schwartz wurde in den USA zu einer Pionierin im Unterrichtsfernsehen für Kunst, Francisco Whitaker Ferreira ist unter seinem Spitznamen „Chico“ und als Mitbegründer des Weltsozialforums bekannt. Und natürlich schließen sich grundlegende politische und sozio-ökonomische Fragen an unser Vorhaben an, die wir hoffentlich im Laufe der nächsten Jahre in Texten und Grafiken beantworten werden: Aus welchen Ländern kamen die Studierenden und warum? Wer konnte es sich überhaupt leisten, im Ausland zu studieren? Welche Form der Unterstützung gab es? Welche strukturellen Hindernisse galt es zu überwinden, auch mit Blick auf eine internationale künstlerische Karriere?
So wollen wir mit dem Online-Archiv den jetzigen und ehemaligen internationalen Studierenden einen historischen Kontext geben und gleichzeitig einen Wissensfundus auch für externe Interessierte anlegen, die sich mit Fragen des akademischen Austauschs oder des internationalen Kunstbetriebs befassen.
Über welches Thema sollten mehr Menschen Bescheid wissen?
Nach wie vor sind die Beiträge von Künstlerinnen unterschätzt und ungewusst, weil selbst zu Lebzeiten sehr erfolgreiche Künstlerinnen nicht in die Geschichte eingeschrieben und ihre Leistungen bewusst ignoriert wurden. Hier gibt es immer noch viel Nachholbedarf.

Offene und kostenfreie Bildung ist für eine demokratische Gesellschaft essentiell.Katrin Schröder

Katrin Schröder arbeitet beim Multimedia Kontor Hamburg und ist an der HOOU u. a. für Social Media verantwortlich.
Was treibt dich an, dein Wissen offen zu teilen?
Für mich ist offene und kostenfreie Bildung für eine demokratische, gerechte und vielfältige Gesellschaft essentiell. Daher finde ich es wichtig, wissenschaftlich fundierte Forschung durch unterschiedliche Wissenszugänge für jeden anzubieten.
Woran arbeitest du gerade und warum begeistert es dich (und andere)?
Derzeit setze ich mich vor allem im HOOU-Kosmos mit Künstlicher Intelligenz auseinander und versuche den Diskurs dazu durch unterschiedliche Formate, wie Online-Kurse, Schulungen oder KI-Werkstätten in die Gesellschaft zu tragen.
KI-Kompetenz an Hochschulen
Künstliche Intelligenz ist längst auf dem Campus angekommen – in Forschung, Lehre und Verwaltung. Ob automatisierte Prüfungsbewertung, KI-gestützte Beratung oder generative Tools im Studienalltag: Der verantwortungsvolle Umgang mit KI ist zu einer zentralen Zukunftsaufgabe für Hochschulen geworden. Dieser Kurs vermittelt praxisnahes Wissen über technische Grundlagen, ethische Fragestellungen und rechtliche Rahmenbedingungen – mit besonderem Fokus auf die neue europäische KI-Verordnung (AI Act). Interaktive Elemente laden zur aktiven Auseinandersetzung ein. Der Kurs richtet sich an Hochschulmitarbeitende aller Fachbereiche, die KI verstehen, einordnen und kompetent nutzen wollen. Das Lernangebot zu KI-Kompetenzen wurde als hochschulübergreifendes Selbstlernangebot durch das MMKH in enger Zusammenarbeit mit den beteiligten Hamburger Hochschulen entwickelt und bereitgestellt. Hinweis: Diese Beta-Version wird laufend weiterentwickelt – Inhalte und Funktionen können sich noch ändern.
Über welches Thema sollten mehr Menschen Bescheid wissen?
Ich denke, Themen wie Nachhaltigkeit, aber tatsächlich KI, wird uns in Zukunft im Leben und der Arbeit stark beschäftigen, daher finde ich die Auseinandersetzung damit wichtig. Die HOOU bietet in diesen Themenfeldern ja viele interessante Online-Kurse und Events an.

Gebären ist ein kraftvolles Geschehen – und gleichzeitig mit einer großen Verletzlichkeit verbunden, weshalb es Schutz, Geborgenheit und Respekt braucht.Dr. Angelica Ensel

Dr. Angelica Ensel ist promovierte Kulturwissenschaftlerin, Hebamme und an der HAW Hamburg im Studiengang Hebammenwissenschaft B.Sc. tätig.
Was treibt dich an, dein Wissen offen zu teilen?
Das große Potenzial der Geburt für die Gesundheit der Gebärenden und ihrer Familie. Gebären ist ein kraftvolles Geschehen – und gleichzeitig mit einer großen Verletzlichkeit verbunden, weshalb es Schutz, Geborgenheit und Respekt braucht. Wenn es den Fachkräften möglich ist, eine Geburtshilfe zu leisten, die ihren Werten entspricht, erleben sie Freude, Leidenschaft und Begeisterung.
Woran arbeitest du gerade und warum begeistert es dich (und andere)?
Ich möchte das Lernangebot der HOOU „Menschenwürdig gebären – erfahren und begleiten“ bekannt machen, das Wissen weiterzugeben, welche Elemente eine physiologische Geburt fördern und welchen Wandel unsere Geburtskultur braucht. Gleichzeitig engagiere ich mich in verschiedenen Netzwerken für eine Geburtshilfe, die die Rechte der Gebärenden sichert und eine gute Geburtserfahrung ermöglicht. Deshalb unterstütze ich die Klage des Vereins „Gerechte Geburt“ e.V., die in diesem Frühjahr beim Bundesverfassungsgericht eingebracht soll, um die Grundrechte der Gebärenden und ihrer Familien im Kontext der Geburtshilfe zu sichern.
Menschenwürdig gebären – erfahren und begleiten. Geburtskulturen im Wandel
Die Geburt als existenzielles Ereignis betrifft jeden Menschen – besonders Frauen, Paare und Kinder im Kontext von Schwangerschaft, Geburt und Elternwerden. Unmittelbar betrifft sie auch die Arbeit der begleitenden Berufsgruppen, wie Hebammen, Ärzt*innen, Pflegende, Beratende und Psychotherapeut*innen. Menschenwürdig gebären und geboren werden als fundamentales Frauen- und Menschenrecht ist auch in Deutschland keineswegs selbstverständlich. Dieses Lernangebot beleuchtet die essenziellen Elemente einer menschenwürdigen Geburt und das Zusammenwirken der Beteiligten mit dem Fokus auf die Geburt in der Klinik. Dabei werfen wir einen kritischen Blick auf die Machtstrukturen in der Geburtshilfe, den derzeitigen Notstand in der Versorgung und die Auswirkungen für Frauen, Familien und Fachkräfte. Wir widmen uns der Frage, welche Veränderungen notwendig sind, damit evidenzbasiertes Wissen und gelebte geburtshilfliche Kunst eine gesundheitsfördernde, frauen- und menschenwürdige Geburt ermöglichen.
Über welches Thema sollten mehr Menschen Bescheid wissen?
Erfahrungen von Respektlosigkeit und Gewalt im Kontext der Geburt sind weit verbreitet. Dazu gehören unter anderem: respektloses oder entwürdigendes Verhalten, Eingriffe ohne Einverständnis, mangelnde Aufklärung, Verweigerung von Schmerzmitteln sowie allein lassen. Etwa 25 Prozent aller Gebärenden machen solche Erfahrungen mit zum Teil gravierenden Traumatisierungen, die sie und ihre Familien nachhaltig schwer belasten. Deshalb ist es dringend notwendig, endlich die große gesellschaftliche Leistung des Gebärens anzuerkennen, die Menschenrechte rund um die Geburt in unserer Verfassung zu sichern und die finanziellen Mittel für ihre Umsetzung bereit zu stellen.

Das ist wie beim gemeinsamen Musizieren: da ist auch nicht immer nur einer wichtig.Prof. Dr. Cornelia Monske

Prof. Dr. Cornelia Monske ist Professorin für Schlagzeug an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg.
Was treibt dich an, dein Wissen offen zu teilen?
Ich habe mich mit dem Werk „Phenix“ von Françoise-Bernard Mâche sehr lange und intensiv beschäftigt. Es ist ein sehr komplexes und schweres Stück, das nur sehr wenig gespielt wird. Daher möchte ich mein Wissen gern teilen, um so noch viele andere zu animieren, sich auch mit diesem großartigen Werk auseinander zu setzen.
Woran arbeitest du gerade?
Ich arbeite gerade an einem neuen Projekt: „Das Schlagzeug in Werken von Axel Ruoff“. Er ist noch nicht so bekannt in der Schlagzeug-Welt und ich möchte ihn und ein paar seiner Werke gern bekannter machen.
Über welches Thema sollten mehr Menschen Bescheid wissen?
Ich beobachte bei meinen vielen Reisen, dass viele Menschen immer unhöflicher werden. Sie denken nur an den eigenen Vorteil. Wir leben in einer sehr starken „Ich-Gesellschaft“. Zu einem guten Miteinander gehört auch, sich selbst einmal zurück zu nehmen. Das ist wie beim gemeinsamen Musizieren: da ist auch nicht immer nur einer wichtig.
Was diese vier Frauen verbindet: der Wunsch, mit ihrer Arbeit etwas zugänglich zu machen, das sonst verborgen bleibt. Ihre Lernangebote findet ihr auf hoou.de. Danke an Astrid, Katrin, Angelica und Cornelia!
Bild: Roman Kraft / Unsplash
25.02.2026 | hoouadmin
Warum uns Nachrichten ermüden und wie wir damit umgehen können
Immer mehr Menschen fühlen sich von Nachrichten überfordert. Die Forschung spricht von Nachrichtenmüdigkeit: zu viele Krisenmeldungen, zu wenig Orientierung, oft folgt der Rückzug. Das Lernangebot „News-Life-Balance“ der TU Hamburg und der Hamburg Media School zeigt, warum dieser Zustand entsteht und wie sowohl Mediennutzende als auch Journalist:innen Wege finden können, informiert zu bleiben, ohne auszubrennen. Welche Ursachen dahinterstehen und was sich verändern müsste, erklären Anke Gehrmann und Prof. Christopher Buschow von der Hamburg Media School. Das Interview führte Johanna Rose-Jastram.
Frau Gehrmann, früher schien der Umgang mit Nachrichten klarer geregelt. Was war anders?
Anke Gehrmann: Früher gab es feste Nachrichtenrituale. Da gab es zum Frühstück die Tageszeitung oder die Radiosendung, die fünf oder manchmal auch nur zehn Minuten ging. Die Tageszeitung hat man von A bis Z durchgeblättert und dann war man durch. Oder abends gab es die Tagesschau oder andere Nachrichtensendungen. Die Nachrichten wurden mit einer Verzögerung vorgetragen, von Sprecher:innen, die sehr distanziert waren. Das waren Barrieren oder Distanzmöglichkeiten. Da wusste man genau: Ich bin orientiert, so und so viel muss ich wissen.
Wie unterscheidet sich das von der heutigen Nachrichtenwelt?
Anke Gehrmann: Heute sind die Faktoren ganz andere. Es gibt einen 24/7-Newsflow. Man wird auf allen Kanälen bombardiert. Man scrollt immer weiter, weil die Algorithmen so programmiert sind, dass sie dich möglichst lange halten. Das führt zu totaler Überforderung. Man hat gar keine Zeit mehr, sich zurückzuziehen, zu verarbeiten oder eine Distanz zu finden.
Herr Buschow, warum führt diese Überforderung so oft zu Nachrichtenvermeidung?
Christopher Buschow: Es gibt verschiedene Faktoren, die zu Nachrichtenvermeidung führen. Negative Nachrichten sind ein wesentlicher Treiber, das zeigt die Forschung sehr deutlich. Krisen, Konflikte und Negativität führen dazu, dass Menschen sich überlastet fühlen und keine Selbstwirksamkeit spüren – also keine Möglichkeit, die Situation ein Stück weit zu verändern.
Wissenschaft kurz erklärt: News-Life-Balance
Negative Schlagzeilen, ein endloser News-Stream und Krisen im Dauerlauf: Viele Menschen fühlen sich von Nachrichten überfordert. Der Podcast zum Lernangebot “News-Life-Balance” der Hamburg Open Online Universität erklärt anhand aktueller Forschung, warum Nachrichtenvermeidung entsteht, welche Rolle der Journalismus dabei spielt und wie bewusster Konsum sowie konstruktive Ansätze wieder zu Orientierung führen. Mit Prof. Christopher Buschow und Anke Gehrmann von der Hamburg Media School.
Frau Gehrmann, was passiert, wenn Menschen über längere Zeit fast nur Negatives sehen?
Anke Gehrmann: Das Problem ist: Wenn man so viele negative oder ausschließlich negative Nachrichten hört, rutscht man in eine sogenannte erlernte Hilflosigkeit. Die Menschen kommen in ein Ohnmachtsgefühl: ‚Es ist alles so schlecht, ich kann eh nichts tun.‘ Wenn es immer nur dieses eine Narrativ gibt, schlägt das auf die Stimmung – und viele sagen dann: Damit beschäftige ich mich nicht mehr.
Herr Buschow, eine Pause kann gesund sein. Wo beginnt es problematisch zu werden?
Christopher Buschow: Bei der bewussten Nachrichtenvermeidung ist es oft eine Schutzreaktion. Man sagt: Ich kann das nicht so lange ertragen, ich brauche Pausen ohne Nachrichten, in denen ich Kraft sammeln kann. Viele vermeiden einzelne Themen, vermeiden Nachrichten zu Trump, oder nehmen sich Auszeiten am Wochenende oder abends, schalten Push-Nachrichten ab. Das ist häufig reflektiert. Aber es gibt einen Kipppunkt. Wenn man merkt, dass man eigentlich gar keine Lust mehr auf Nachrichten hat und dauerhaft abschaltet, verliert man den Bezug zu den eigenen Nutzungsroutinen. Und das kann gesellschaftliche Effekte haben: Menschen sind schlechter informiert, treffen schlechtere Entscheidungen und gehen seltener wählen.
Welche Risiken entstehen, wenn viele Menschen sich dauerhaft zurückziehen?
Anke Gehrmann: Studien zeigen klar: Menschen, die Nachrichten vermeiden, sind viel anfälliger für Desinformation und Desinformationskampagnen, weil sie nicht kritisch und fundiert informiert sind. Das ist ein Risiko für die Gesellschaft, weil wir Menschen brauchen, die mündige Entscheidungen treffen. Das ist wichtig für die Demokratie.
Trägt der Journalismus zu diesem Problem bei?
Christopher Buschow: Wir wissen aus der Forschung, dass Negativität zwar zu Erschöpfung und Vermeidung führt, aber gleichzeitig sehr populär ist. Online wird mehr geklickt, wenn Headlines negativer sind. Das hat evolutionsbiologische Gründe: Die schlechte Nachricht war früher überlebenswichtig – der Säbelzahntiger vor der Höhle. Das erklärt, warum negative Nachrichten heute stärker konsumiert werden.
Anke Gehrmann: Und der wirtschaftliche Druck ist enorm. Wenn man eine bestimmte Quote erreichen muss, ist man geneigt, das Bild zu nehmen, das mehr geklickt wird. Das hat nichts mit Sensationslust zu tun, sondern damit, wie das Gehirn funktioniert: Wir klicken das Bild mit dem Feuerball eher an als eine positive Lösungsgeschichte. Und das ist auch das, was wir gelernt haben: „Only bad news are good news“.

Jeder kennt Work-Life-Balance. Aber niemand kennt seine News-Life-Balance. Dabei brauchen wir eine neue Balance zwischen der Nachrichtenwelt und unserem eigenen Leben.Anke Gehrmann, Hamburg Media School
Wenn der Journalismus Teil des Problems ist, wie könnte er Teil der Lösung werden?
Christopher Buschow: Wir können nichts an den Krisen ändern. Aber der Journalismus muss nicht ohne konstruktive Perspektive berichten. Es geht nicht darum, das Positive zu betonen. Aber eine Lösungsorientierung, ein Weg nach vorne, kann Menschen zurückholen, die sonst sagen: Es ist immer alles negativ. Diese Geschichten zeigen Selbstwirksamkeit: Du kannst etwas ändern, auch im kleinen Wirkbereich. Das ist wichtig.
Frau Gehrmann, Sie haben das Konzept der News-Life-Balance entwickelt. Was bedeutet das?
Anke Gehrmann: Jeder kennt Work-Life-Balance. Aber niemand kennt seine News-Life-Balance. Dabei brauchen wir eine neue Balance zwischen der Nachrichtenwelt und unserem eigenen Leben. Die Frage ist: Wie können wir gut informiert bleiben und gleichzeitig gesund und stabil bleiben. Auch als Journalist:innen? Das Lernangebot hilft, genau das herauszufinden.
Wie sieht Ihre eigene News-Life-Balance aus?
Anke Gehrmann: Es ist kein Rezept, sondern ich versuche, mich immer besser kennenzulernen: Wie reagiere ich auf Nachrichten, im Vergleich zu anderen? Das ist individuell. Und es geht viel ums Nervensystem: Bin ich in Sicherheit? Wenn ich Nachrichten schaue und merke, dass mich etwas belastet, setze ich bewusst etwas dagegen. Das kann ein Spaziergang sein. Oder etwas ganz Simples wie: Ich schaue mich im Raum um und stelle fest, dass ich hier gerade safe bin.
News-Life-Balance: Wie wir informiert bleiben, ohne auszubrennen
Negative Schlagzeilen, ein endloser News-Stream und Krisen im Dauerlauf: Viele Menschen fühlen sich von Nachrichten überfordert. Der Podcast zum Lernangebot “News-Life-Balance” der Hamburg Open Online Universität erklärt anhand aktueller Forschung, warum Nachrichtenvermeidung entsteht, welche Rolle der Journalismus dabei spielt und wie bewusster Konsum sowie konstruktive Ansätze wieder zu Orientierung führen. Mit Prof. Christopher Buschow und Anke Gehrmann von der Hamburg Media School.
Strategien für einen gesunden Nachrichtenumgang
Wenn ihr euch tiefer mit dem Thema beschäftigen wollt: Das Lernangebot „News-Life-Balance“ der Hamburg Open Online University führt durch die zentralen Ursachen von Nachrichtenmüdigkeit, zeigt anhand aktueller Forschung, wie Mediennutzung und Nervensystem zusammenhängen, und bietet Übungen, Reflexionsimpulse und praktische Strategien für einen gesünderen Umgang mit Nachrichten.
Ihr findet das gesamte Lernangebot mit Hintergrundmaterial und interaktiven Elementen auf hoou.de.