Bild: Artem Labunsky
15.01.2026 | hoouadmin
Gegen die Vermüllung unserer Städte: Wie kleine Gruppen Großes bewegen
Ein lauer Sommerabend im Park. Überall sitzen Menschen auf Decken, lachen, essen, genießen die Sonne. Stunden später ist niemand mehr da, aber leer ist der Rasen nicht. Überall liegen Dosen, Plastikverpackungen, Zigarettenstummel. Am nächsten Tag passiert es genauso wieder. Was banal klingt, ist ein soziales Phänomen: Vermüllung ist ansteckend. Hier setzt das Lernangebot „Agents of Change“ der Technischen Universität Hamburg an. Es zeigt, wie sich Normen verändern und kleine Gruppen eine große Wirkung entfalten können. Ein Beitrag von Atessa Bucalovic.
Viele von uns orientieren sich daran, was andere tun. Wenn der Platz sauber ist, geben wir uns Mühe, ihn so zu hinterlassen. Wenn er verschmutzt ist, sinkt die Hemmschwelle. Forschende nennen das gesellschaftliche Normen. Das sind unausgesprochene Regeln, die unser Verhalten beeinflussen.
Die Philosophin Cristina Bicchieri erforscht, wie Menschen Verhaltensentscheidungen treffen. Sie beschreibt das so: Menschen folgen Normen, wenn sie glauben, dass andere sie befolgen – und erwarten, dass sie es selbst auch tun.
Mit anderen Worten: Wir halten uns an Regeln, wenn wir glauben, dass sie gelten. Und wenn genug Menschen sich daran halten, entsteht eine neue Normalität.
Das „Agents of Change“ Simulations-Labor
Im „Agents of Change“-Labor der HOOU kannst du selbst erleben, wie soziale Dynamiken entstehen. In der interaktiven Computersimulation begleitest du Spaziergänger:innen im Park und beobachtest, ab wann nachhaltiges Verhalten ins Positive „kippt“, also zur Norm wird. Darin kannst du Einstellungen verändern, um dann zu beobachten, welche Auswirkungen das auf das Verhalten der Personen in der Simulationswelt hat.
- Wie viele Menschen braucht es, damit andere sich anschließen?
- Wie stark wirken Vorbilder, Hinweise oder kleine Anstöße, sogenannte „Nudges“?
- Und was passiert, wenn die „Agents of Change“ konsequent vorangehen?
Agents of Change - nachhaltiges Handeln ins Rollen bringen
Unser alltägliches Handeln wird oft von dem Verhalten unserer Mitmenschen beeinflusst. Doch wie viele Personen braucht es, um uns selbst und andere zu nachhaltigem Handeln zu motivieren – zum Beispiel, um unsere Umgebung sauber zu halten? Schlüpf hinein in die Rolle des Beobachter-Aliens „Observer“ und beobachte das Wegwerfverhalten von Menschen mit Hilfe eines Simulations-Labors. Kannst du das Wissen übertragen, um nachhaltiges Handeln in deinem Umfeld ins Rollen zu bringen?
Das Experiment zeigt: Schon eine kleine Gruppe von „Agents of Change“ kann eine große Veränderung anstoßen. Besonders, wenn ihr Verhalten sichtbar, konsequent und glaubwürdig ist. Sie sind die Auslöser dafür, dass aus individuellen Handlungen kollektives Verhalten entsteht.
Was Städte gegen Littering tun – und was wirklich wirkt
Eine Langzeitstudie der Humboldt-Universität Berlin untersuchte in mehreren Großstädten, warum Menschen Müll liegen lassen und welche Maßnahmen helfen. Das Ergebnis: Nicht fehlende Mülleimer sind das Problem, sondern Bequemlichkeit und Gleichgültigkeit. Besonders betroffen sind Orte, an denen bereits Müll liegt – die sogenannten Littering-Hotspots.
Die Studie zeigte auch, welche Maßnahmen funktionieren:
- Auffällige Mülleimer mit klaren Hinweisen
- Nudges: etwa Fußspuren, die zum nächsten Papierkorb führen
- Plakataktionen mit positiven Botschaften
- Kümmerer:innen oder Waste-Watcher, die im Viertel präsent sind
In Hamburg sind die Waste-Watcher seit Jahren im Einsatz. Sie sprechen Menschen direkt an, sensibilisieren für sauberes Verhalten und stärken so die soziale Norm vor Ort.
Ein Blick nach Hamburg – und in den Müll
Laut dem Bericht „Daten und Fakten 2023“ der Stadtreinigung Hamburg werden jährlich rund 18.500 Tonnen Kehricht, wie zum Beispiel aufgesammelter Straßenmüll, entsorgt. Über 20.000 Papierkörbe stehen in der Stadt und werden bis zu 3 Mal pro Woche geleert.
Diese Zahlen zeigen: Sauberkeit ist eine Mammutaufgabe. An Mülleimern mangelt es nicht, und doch landet viel Abfall auf der Straße. Auch wenn wir nicht genau wissen, wie hoch der Anteil des „fallengelassenen Mülls“ ist, eines ist klar: Jede:r kann dazu beitragen, dass weniger davon im Kehricht landet, indem man den eigenen Müll in den Eimer statt daneben wirft.
Denn Vermüllung beeinflusst nicht nur das Wohlbefinden vieler Menschen, sondern auch das von Tieren, die Abfälle fressen oder sich daran verletzen. Sauberkeit bleibt also eine gemeinsame Aufgabe. Und sie beginnt im Kleinen, bei jeder einzelnen Entscheidung.
Wenn die Szene selbst putzt
Auch in Hannover gibt es ein bemerkenswertes Beispiel für gemeinschaftliches Engagement. Dort treffen sich Menschen aus der Drogenszene regelmäßig, um den Platz vor dem Stellwerk – einer zentralen Anlaufstelle für Suchtkranke – zu reinigen. Das Projekt nennt sich „Die Szene putzt“.
Was als Aufräumaktion begann, ist heute ein Symbol: Verantwortung übernehmen funktioniert, indem man selbst Teil der Lösung wird. So zeigen die Teilnehmenden, dass Mitgestaltung und Würde auch unter schwierigen Lebensbedingungen möglich sind.
Veränderung ist kein Zufall, sondern beeinflussbar
Das alles zeigt: Soziale Veränderung beginnt nicht mit Druck, sondern mit Einsicht. Und mit ein paar Menschen, die anfangen. Die Forschung nennt sie „kritische Masse“: Eine kleine, sichtbare Gruppe, die durch ihr Verhalten andere ansteckt.
Das HOOU-Projekt „Agents of Change“ macht diesen Effekt erlebbar und verbindet so Wissenschaft, Bildung und Gesellschaft. Wer teilnimmt, lernt: Veränderung ist kein Zufall, sondern beeinflussbar. Vor allem, wenn man versteht, wie Normen aktiviert werden können.
Mut zu mehr Verantwortung und damit Veränderung
Sauberkeit ist Teamarbeit und Erwartungsarbeit. Wenn wir zeigen, dass uns der öffentliche Raum wichtig ist, schließen sich andere an.
Das digitale Lernangebot der HOOU macht Mut, Verantwortung zu übernehmen und Veränderung selbst anzustoßen – im eigenen Viertel, auf dem Campus oder im Park.
Denn manchmal braucht es nur ein paar Menschen, die aufstehen, um den Unterschied zu machen.