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11.05.2026 | hoouadmin
Herausforderung Drohnen: Cyberangriffe von oben
Für die meisten Menschen ist eine Cyberattacke etwas, das im eigenen Postfach oder Netzwerk lauert. Doch was vielen nicht bewusst ist: Durch Drohnen können solche Angriffe heute auch über unseren Köpfen oder vor unserem Fenster passieren. Was Kriminelle bewegt, Drohnen einzusetzen, wie sie das tun und wie wir uns schützen können. Ein Beitrag von Prof. Dr. Volker Skwarek (HAW Hamburg), Host des HOOU-Podcasts „Die Sicherheits_lücke“
Drohnen: Errungenschaften der Technik, die nicht nur regelmäßig über, sondern mittlerweile auch in unseren Köpfen schwirren. In einer Vielzahl von Anwendungen sind sie längst fest etabliert: Sie transportieren Pakete, überwachen Wälder bei Brandgefahr oder liefern spektakuläre Luftaufnahmen bei Open-Air-Events. Wie bei jeder technologischen Innovation bringt der vermehrte Einsatz von Drohnen jedoch auch eine Reihe an Herausforderungen mit sich. Und Cyber(un)sicherheit steht in diesem Fall ganz oben auf der Liste.
Luftfahrtrechtlich als UAVs (Unmanned Aerial Vehicles) bezeichnet, sind Drohnen unbemannte Fluggeräte, die entweder autonom fliegen oder ferngesteuert werden. Ausgestattet mit Kameras und Sensoren können sie zahlreiche Aufgaben übernehmen, die sich üblicherweise mit Überwachung oder Dokumentation befassen. Für jede davon gibt es inzwischen spezialisierte Drohnen sowie die entsprechenden Konfigurationen.
Aber unabhängig davon, ob es sich um eine Drohne für Filmaufnahmen, eine militärische Drohne oder eine Do-it-yourself-Version im 3D-Druck handelt: Jede Drohne stellt ein potenzielles Risiko für einen Cyberangriff dar – und kann dabei sowohl Werkzeug als auch Ziel des Angriffs sein.
Die Schattenseiten der Freiheit
Drohnen sind inzwischen in einem breiten Spektrum und einer großen Preisspanne verfügbar. Sie sind oft sehr einfach zu steuern, klein und relativ unauffällig. Während sie im Flug einfach Grenzen überwinden und dadurch viele neue Möglichkeiten und Anwendungsfälle eröffnen, ziehen sie auch unweigerlich die Aufmerksamkeit von Cyberkriminellen auf sich. Denn die oben erwähnten Vorteile machen Drohnen auch zu äußerst attraktiven Begleitern für Cyberangriffe in sensiblen Bereichen, die ohne sie nicht zugänglich wären.
Doch wer nutzt Drohnen für Cyberangriffe? Und mit welcher Motivation wird ein solcher Cyberangriff ausgeführt? Auch wenn es sicher nicht eindeutig differenzierbar ist, so lassen sich verschiedene Kategorien von Angreifenden nach Mitteln und Zielen unterscheiden.
Wer nutzt Drohnen für Cyberangriffe?
Da sind zum einen die sogenannten Skriptkiddies: Diese Personengruppe, zumeist Menschen mit wenig Informatikkenntnissen, hat eingeschränkte technische und finanzielle Möglichkeiten und probiert beispielsweise publizierte Konzepte aus. Drohnen setzen sie eher als Mittel zum Zweck ein, ohne vorsätzlich ein Ziel zu verfolgen, das die IT-Sicherheit verletzt. Dazu gehört beispielsweise das Ausspähen von WiFi mit dem Versuch, in diese Netzwerke einzudringen.
Auch Cyberaktivist*innen setzen bereits vermehrt Drohnen ein. Diese Personengruppe agiert eher einzeln als organisiert und verfolgt ein weiterführendes, in der Regel übergeordnetes Ziel. Dabei werden bekannte Techniken und Schwachstellen kombiniert und weiterentwickelt. Es bestehen finanzielle Grenzen, die aber deutlich höher sind als die der Skriptkiddies. Zudem besteht in dieser Kategorie von Angreifenden ein umfangreicheres Wissen, etwa darüber, wie man Drohnen selbst baut oder so umbaut, dass sie sich optimal für den geplanten Angriff eignen.
So können Überwachungen im optischen oder Infrarotbereich für Social-Engineering-Angriffe durchgeführt oder auch optische und Laser- oder Radarscans von Liegenschaften zur Schwachstellenanalyse durchgeführt werden. Zudem können zusätzliche WiFi-Accesspoints als Man-in-the-Middle abgesetzt werden, um so Datenverkehr mitzuhören, abzufangen oder sogar im Namen des Absenders zu manipulieren. Aktivistische Gruppen verfolgen damit oft das Ziel, Daten und Informationen zu stehlen und für die aktivistischen Zwecke als Druckmittel einzusetzen. Eher selten besteht die Absicht, sich monetär zu bereichern.
Im Gegensatz zu Cyberaktivist*innen verfügen Cyberkriminelle, eine weitere Gruppe, die vom Einsatz von Drohnen profitieren kann, zusätzlich über große finanzielle Mittel, sodass ihre Angriffe nicht an materiellen Grenzen scheitern. Diese Gruppe ist in der Lage, sich zahlreiche Drohnen mit unterschiedlichen Eigenschaften und Nutzlasten zu beschaffen und diese in Mehrpilotensystemen für komplexe Aufgaben und Manöver zu steuern. Allerdings steht für Wirtschaftskriminelle der Return on Invest im Vordergrund. Somit sind bei den meisten Angriffen das Ausspähen und Stehlen von Daten, das Vorbereiten von physischen Einbrüchen, Cyberspionage und Erpressung zu erwarten.
Im Auftrag von Regierungen und Staaten
Eine besonders schwer zu greifende Gruppe sind die State Actors, also Angreifende, die im Auftrag von Regierungen und Staaten agieren. Sie nutzen ähnliche Mittel wie Cyberkriminelle, handeln jedoch eher nicht aus finanziellen Interessen. Für sie gilt, andere Gesellschafts- und Wirtschaftssysteme zu destabilisieren. Dabei sind Umfang und Art der eingesetzten Mittel von untergeordneter Bedeutung, wenn der Zweck sie aus Sicht der Handelnden rechtfertigt.
State Actors geht es bei Cyberangriffen durch Drohnen oft eher um nachrichtendienstliche Analysen: Längerfristiges Mitschneiden verschlüsselter Kommunikation über WiFi, sogenanntes IMSI-Scanning der SIM-Karten von Mobiltelefonen an verschiedenen Orten, um Bewegungsmuster und sogar Wohnorte von Personen zu bestimmen, oder der Einsatz von höchstauflösenden Kameras und Richtmikrofonen, um Bildschirme und Gespräche auszuspähen: eine ausgezeichnete Grundlage, um weitere Cyberoperationen zu starten.
Schnellere und gezieltere Angriffe möglich
Welche Gruppe sie auch einsetzt: Fest steht, dass Cyberangriffe durch Drohnen an Komplexität gewinnen. Etablierte Abwehrmaßnahmen wie ein Zaun oder eine Mauer lassen sich damit mühelos überwinden, der physische Angriffsraum wird erweitert und die Geschwindigkeit, in der Angriffe ausgeführt werden, erhöht sich. Für Firmen bedeutet das, dass die Absicherung ihres Geländes auch den Luftraum und womöglich das Umfeld miteinbeziehen muss.
Darüber hinaus ermöglicht die hohe Geschwindigkeit einer Drohne Cyberangriffe auf Orte und Räume, an denen man sich bisher in relativer Sicherheit wiegen konnte. Beispielsweise werden dadurch Angriffe auf WiFi-Systeme in einem vermeintlich physisch sicher abgegrenzten Raum möglich, indem in einem einzigen, schnellen Überflug Netzwerke, Authentifikationsverfahren oder Bluetoothgeräte lokalisiert und mitgeschnitten werden, um Sicherheitslücken zu finden.
Aus diesen Überlegungen lässt sich der Charakter der zu erwartenden Cyberangriffe ableiten: Die hohe Mobilität, die geringe Größe sowie die Möglichkeit zum Transport leichter Nutzlasten prädestiniert Drohnen dafür, Angriffe vorzubereiten und durchzuführen.
Methoden der Angriffe
Methoden, die dabei mittlerweile bekannt sind, sind etwa das Erstellen von (3D-)Geländeplänen oder das Ausspähen von vorhandenen und angefragten drahtlosen Netzwerken sowie von Bluetooth-Verbindungen, insbesondere zu Druckern und anderen schlecht gesicherten Geräten des Internet of Things.
Auch das Scannen von Netzwerken über ungesicherte Zugangspunkte oder das Ausstrahlen eines Netzwerks und Accesspoints wird durch Drohnen sehr viel einfacher. Zudem ermöglichen sie es, den Funkverkehr drahtloser Mäuse und Tastaturen mitzuschneiden sowie Personen, Dokumente und Bildschirme zu fotografieren oder zu filmen.
Die zu erwartenden Angriffe zeichnen sich also durch eine Mischung aus unerwarteter Nähe, Höhe, Position und Geschwindigkeit aus. Die konkreten Angriffsvektoren sind dabei vielfältig: von Social Engineering über Man-in-the-Middle-Angriffe, um Netzwerke zu kompromittieren, bis hin zum Ausnutzen bekannter Sicherheitslücken durch spezialisierte Tools.
Podcast thematisiert Drohnenangriffe und deren Abwehr
Eine gute Verteidigung gibt es leider nicht. In unserer mehrteiligen Podcast-Serie haben wir uns mit dem Thema auseinandergesetzt und herausgearbeitet, dass der beste Schutz darin besteht, über präventive Angriffe wie Red-Teaming und Pentesting herauszufinden, wo Schwachstellen gegenüber Drohnen bestehen. Und darin, sich beim Schutz von IT, Ressourcen und Gelände nicht auf die physische Unerreichbarkeit zu verlassen. Drohnenangriffe zu erkennen und abzuwehren, ist aufgrund der geringen Größe und hohen Geschwindigkeit oft ein aussichtsloses Unterfangen.
Selbstverteidigungsmaßnahmen wie Zerstörung, Hacking oder Abschuss lassen sich juristisch – wenn überhaupt – nur für den konkreten Einzelfall abschätzen. Grundsätzlich müsste die Polizei informiert werden und eingreifen. Dafür laufen Drohnenangriffe aber zu schnell ab. Zudem verfügt die Polizei selbst kaum über wirksame Maßnahmen.
Drohnen, Cybersecurity und Recht
In dieser Folge spricht Volker Skwarek mit David Klein, Fachanwalt für Informationsrecht und Salary Partner der Kanzlei Taylor Wessing. Das Gespräch dreht sich um Auswirkungen, Gefahren und rechtliche Beurteilungen rund um Cybersicherheit und Drohnen. Im Anschluss ordnen Monina Schwarz und Ingo Timm das Interview ein.
Daher bleibt die Empfehlung, Drohnen in der Bewertung des Cyberrisikos zu berücksichtigen und ausreichende Präventivmaßnahmen zu ergreifen – beispielsweise auch durch die Lage kritischer Räume, die Orientierung von Schreibtischen und Monitoren zu Fenstern oder Handlungsempfehlungen an die Mitarbeitenden im Fall einer Drohnensichtung.
Die Sicherheits_lücke
… ist ein Podcast der Hamburg Open Online University (HOOU), der IT-Sicherheit greifbar macht und fundierte Inhalte mit unterhaltsamen Gesprächen verbindet. Prof. Dr. Volker Skwarek (HAW Hamburg) spricht gemeinsam mit Monina Schwarz (Landesamt für Sicherheit in der Informationstechnik Bayern) und Prof. Dr. Ingo Timm (Deutsches Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz und Universität Trier) über aktuelle Risiken, technologische Trends und gesellschaftliche Herausforderungen. Die Illustrationen und das Design des Podcasts wurden gestaltet von Anne Vogt.
https://www.sicherheitsluecke.fm
Über den Autor
Volker Skwarek ist seit 2014 Professor für Technische Informatik an der HAW Hamburg und leitet das Forschungs- und Transferzentrum CyberSec. Dort forschen er und seine wissenschaftlichen Mitarbeiter an Methoden der Kodierung von Identitäten, Netzwerkabsicherung, Access-Control-Mechanismen insbesondere für Anwendungen der kritischen Infrastruktur. Bei der Gesellschaft für Informatik engagiert er sich als stellvertretender Sprecher der Fachgruppe Netzwerksicherheit (NetSec) und organisiert die Konferenz GI Sicherheit 2026 in Hamburg. Sein Text ist in Zusammenarbeit mit Monina Schwarz, Ingo Timm sowie Christian Friedrich entstanden, mit denen er seit Januar 2025 den Podcast „Die Sicherheits_lücke“ produziert. Dort wurde das Thema auch in mehreren Episoden aufgegriffen.
Dieser Beitrag ist im Mitgliedermagazin der Gesellschaft für Informatik e.V. – „Das Informatik-Magazin“ – erschienen.
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07.05.2026 | Meena Stavesand
KI trifft Klassenzimmer: Wie Lehrkräfte lernen, künstliche Intelligenz sinnvoll einzusetzen
Wie verändert KI die Bildung – nicht nur im Klassenzimmer, sondern schon in der Ausbildung der Lehrkräfte? Wir haben mit Johannes Schäfers von der TU Hamburg gesprochen. Er ist Experte für berufliche Bildung und entwickelte für die HOOU gemeinsam mit Prof. Dr. Maren Baumhauer und Stephanie Wichmann das Lernangebot „KOM.KI“, mit dem sich etwa Lehramtsstudierende auf den reflektierten Einsatz von KI vorbereiten können. Im Interview spricht er über Chancen, Stolpersteine – und darüber, warum man sich ruhig trauen darf, einfach mal mit KI loszulegen.
Wann bist du mit KI in Berührung gekommen?
Johannes Schäfers: Mein erster Berührungspunkt mit KI war tatsächlich Ende 2022, Anfang 2023, als die ersten Chatbots für die breite Gesellschaft wie z. B. ChatGPT aufkamen. Das war schon beeindruckend, was da plötzlich möglich war.
Wie nutzt du KI heute in deiner Arbeit an der TU Hamburg?
Johannes Schäfers: Inzwischen fast täglich. An der TU Hamburg haben wir einen eigenen Chatbot namens TUKI, die auch auf ChatGPT basiert. Die ist mit unserer Infrastruktur verknüpft. Das macht es besonders praktisch.
Ich nutze aber auch verschiedene KI-Tools fürs Brainstorming, zum Strukturieren von Inhalten und für Bildgenerierung – zum Beispiel für Präsentationen oder für die Lehre allgemein. KI hilft mir teilweise bei administrativen Aufgaben, um Prozesse effizienter zu gestalten. Es spart einfach Zeit und gibt Raum für Kreativität.
Wenn du an Schule und Bildung denkst – wo siehst du die größten Potenziale von KI? Für Lehrkräfte und für Schüler:innen?
Johannes Schäfers: Für Lehrkräfte sehe ich unter anderem riesiges Potenzial in der Analyse und Begleitung von Lernprozessen – also dabei, besser zu verstehen, wo die Schüler:innen gerade stehen – das nennt sich Learning Analytics.
Für Schüler:innen wiederum ist KI super, um sich Inhalte einfacher aufbereiten zu lassen: Zusammenfassungen, Gliederungen, einfache Erklärungen oder auch Bildmaterial. Das erleichtert vieles.
Aber: Es ist wichtig, diese Tools aber auch kritisch zu betrachten. Man muss lernen, die Ergebnisse zu hinterfragen. Ist das korrekt, was die KI da ausspuckt? Wie kann ich die Ergebnisse möglicherweise weiter überprüfen? Ergibt das Sinn? Diese Reflexion sollte immer dazu gehören.

Learning Analytics bezeichnet die systematische Auswertung von Lerndaten der Schüler:innen. Es geht darum, Lernstände zu analysieren, Abweichungen frühzeitig zu erkennen und individuelle Lernpfade aufzuzeigen. Beispielsweise kann ein KI-gestütztes System zeigen, wenn die Leistung eines Schülers oder einer Schülerin plötzlich abfällt – vielleicht durch persönliche Probleme oder Lernschwierigkeiten. Lehrkräfte können so gezielter unterstützen. Auch adaptive Lernpfade sind möglich: Wer Schwierigkeiten hat, bekommt kleinere, passende Aufgabenpakete – bis das große Ganze bewältigt werden kann. Das Ziel: mehr (und schnellere) individuelle Förderung.
Ich musste mir damals im Studium alle Inhalte mühsam zusammensuchen – heute fragt man ein Tool. Geht da nicht auch etwas verloren?
Johannes Schäfers: Natürlich kann man sagen: Die Tools nehmen einem einiges an Arbeit ab. Aber man muss auch dazu befähigt werden, sie überhaupt sinnvoll einsetzen zu können. Und genau da sehe ich unsere Aufgabe – in der Ausbildung der angehenden Lehrkräfte. Es geht nicht nur um die bloße Anwendung, sondern um eine ganzheitliche Kompetenzentwicklung im Umgang mit KI-Tools.
Und klar ist doch: Jede Generation hatte ihre Tools. Wir hatten in den 2000ern plötzlich Computer. Vor knapp 50 Jahren gab’s das alles noch nicht. Es geht nicht darum, ob man Technik nutzt – sondern wie.
Welche Kompetenzen sind dir dabei besonders wichtig?
Johannes Schäfers: Neben dem technischen Verständnis sind mir ethische, gesellschaftliche und auch ökologische Aspekte extrem wichtig. Aspekte der Diskriminierung, des Datenschutzes aber auch der Energieverbrauch von Servern – das gehört alles dazu. Ich versuche, meinen Studierenden genau diese Perspektiven mitzugeben: Es geht nicht nur um die Technik, sondern darum, wie wir verantwortungsvoll mit ihr umgehen.
Ihr habt ein Lernangebote zum Umgang mit KI erstellt. Es geht um die Entwicklung von KI-Kompetenzen. Was sind eure Erkenntnisse bisher?
Johannes Schäfers: Was mich total begeistert: Die Studierenden in unseren Seminaren kommen mit vielen eigenen Ideen. Sie entwickeln Projekte, erproben KI in Lehrveranstaltungen und profitieren auch selbst ganz konkret. Auch leistungsschwächere Studierende sehe ich durch KI gezielt unterstützt – etwa bei der Rechtschreibung oder bei der Gliederung von Texten. Das stärkt das Selbstbewusstsein und führt oft zu besseren Ergebnissen.
Aber das funktioniert natürlich nur, wenn die Studierenden auch wissen, wie man mit KI sinnvoll umgeht. Und genau das versuchen wir zu fördern – Schritt für Schritt, ohne Überforderung, mit den Lernangeboten unseres Projekts „Kom.KI“.
Worum geht’s da genau?
Johannes Schäfers: Wir haben zwei Formate entwickelt: den „Short Track“ für Einsteiger:innen, der sich am 4-A-Modell von Prof. Dr. Doris Weßels orientiert – also Aufklären, Ausprobieren, Akzeptieren, Aktiv werden. Wir haben das Ganze um ein fünftes A ergänzt: Anlässe schaffen. Denn oft fehlt in Schulen genau das – der konkrete Anlass, um KI sinnvoll z. B. im Unterricht einzusetzen.
Dann gibt es noch den „Deep Track“ für Fortgeschrittene. Dieser vertieft das Thema – mit konkreten Beispielprojekten, die unsere Studierenden gemeinsam mit Lehrkräften unter anderem aus Hamburger beruflichen Schulen entwickelt haben. Die Ergebnisse wurden hierbei in Form von Postern aufbereitet und sind auf unserer über unsere Lernangebote öffentlich zugänglich.
Kom.KI - Kompetenzentwicklung für KI-Tools
Künstliche Intelligenz (KI) spielt für viele Bereiche unseres Lebens bereits eine wichtige Rolle. Dies zeigt sich durch die intensive Nutzung von generativer KI, zum Beispiel in Form von Textgenerierung oder verschiedenen kreativen Prozessen wie Bilderstellung, Musikkomposition oder Videoproduktion. Die Veränderungen, die KI mit sich bringt, wirken sich aber auch unmittelbar auf unsere persönliche und berufliche Bildung aus. Diese Zusammenhänge möchten wir dir gerne hier in diesem Lernmodul vermitteln. Dafür haben zahlreiche Studentinnenund Studenten in Kooperation mit beruflichen Schulen Konzepte entwickelt, wie Künstliche Intelligenz für verschiedene Akteure zum Vorteil werden kann.
Wie gut kennen sich die Studierenden mit KI aus? Gibt es da Unterschiede?
Johannes Schäfers: Ja, definitiv. Manche sind sehr Technik-affin, andere tun sich schwerer – es gibt große Unterschiede. Dazu kommen die unterschiedlichen Vorerfahrungen oder auch ungleichen Zugänge zu kostenpflichtigen Tools – das sind alles reale Stolpersteine, denen wir begegnen.
Ich bin zwar ein Fan von „einfach mal ausprobieren“, also „trial and error“, aber wir brauchen trotzdem einen begleiteten Einstieg. Nur so können die Studierenden lernen, worauf es ankommt – nicht nur technisch, sondern auch inhaltlich und praktisch damit zu arbeiten sowie ihr Erlerntes zu reflektieren.
Ihr seid auch bei der KI-Werkstatt der HOOU. Was zeigt ihr dort?
Johannes Schäfers: Bei der KI-Werkstatt stellen wir beide Lernformate vor – und damit auch die Projektergebnisse unserer Studierenden. Uns geht’s darum, andere Lehrkräfte zu inspirieren: Schaut, was möglich ist! Findet Anlässe in eurem eigenen Schulalltag. Probiert Dinge aus, auch wenn ihr noch keine Expert:innen seid.
Denn genau das ist der erste Schritt: ins Handeln kommen. Nicht nur verstehen, sondern machen.
Wenn du an die Zukunft des Lernens denkst – welche Rolle spielt KI dabei?
Johannes Schäfers: Ich glaube KI wird nicht wieder verschwinden. Sie ist schon jetzt Teil unseres Alltags, besonders im Bildungsbereich. Und ich sehe das nicht als Problem, sondern als großartige Chance. Wichtig ist, dass wir lernen, damit umzugehen – kritisch, reflektiert und verantwortungsvoll.
Natürlich gibt es auch Risiken: KI kann halluzinieren, also falsche Informationen ausgeben. Aber wenn wir lernen damit umzugehen, können wir viel gewinnen. Studien zeigen schon jetzt: Wer mit KI arbeitet, kann manche Aufgaben schneller und besser erledigen – gerade im Bereich allgemeiner Schreibaufgaben. Die Qualität steigt, der Zeitaufwand sinkt. Das finde ich ist ein starkes Argument.
Aber: Es braucht Interesse, Neugier und die Bereitschaft, sich mit diesen Technologien auseinanderzusetzen. Nur dann kann man das Potenzial wirklich nutzen.
Über Johannes Schäfers

Johannes Schäfers M. Ed. ist seit Mai 2023 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Berufliche Bildung und Digitalisierung an der Technischen Universität Hamburg. Zuvor war er in der Zeit von Juni 2020 bis April 2023 über das BMBF-geförderte Projekt „Leibniz works 4.0“ im Rahmen der Qualitätsoffensive Lehrerbildung als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Berufspädagogik und Erwachsenenbildung an der Leibniz Universität Hannover beschäftigt. Sein Arbeits- und Forschungsschwerpunkt liegt in der Entwicklung und Evaluation von digitalen Lernumgebungen und der Erfassung und Förderung digitalisierungsbezogener Kompetenzen von Lehrkräften in der beruflichen Bildung.
Bewegung ist für Menschen egal welchen Alters wichtig. (Bild: Hugues de BUYER-MIMEURE/Unsplash)
29.04.2026 | Meena Stavesand
Warum Rhythmik für die Gesellschaft wichtig ist: „Jeder Mensch ist musikalisch“
Musik und Bewegung sind voneinander abhängig. Wir müssen uns erstens bewegen, um Musik zu erzeugen, und zweitens bewegen wir uns zur Musik. Das kann ein richtiger Tanz oder auch nur der wippende Kopf sein. Auf jeden Fall macht die Rhythmik etwas mit uns. Was genau und wo man Rhythmik einsetzen kann, erklärt uns Alexander Riedmüller zum Welttag des Tanzes (29. April).
Alexander Riedmüller ist Rhythmiker und beschäftigt sich mit dem Zusammenhang von Mensch, Musik und Bewegung. In seinem Lernangebot zu diesem Thema zeigt er Anwendungsbereiche sowie Studien- und Weiterbildungsmöglichkeiten, die die Rhythmik bietet. Für dieses Angebot der Hochschule für Musik und Theater (HfMT) ist er vor kurzem mit dem Aviso-Publikationspreis zur Förderung innovativer musikpädagogischer Publikationen der Universität für Musik und Darstellende Kunst in Wien ausgezeichnet worden. Wir haben mit Alexander Riedmüller über Rhythmik und ihre Bedeutung für Menschen gesprochen.
Alexander Riedmüller, worum geht es in deinem Lernangebot „Rhythmik / Musik und Bewegung“?
Alexander Riedmüller: Rhythmik ist ein sehr breites Fach, für das wir einen niederschwelligen Überblick geben wollten. Das Lernangebot „Rhythmik / Musik und Bewegung“ soll sowohl Menschen informieren, die noch nichts mit Rhythmik zu tun hatten, als auch Fachleute mit tiefgehendem Wissen versorgen. Wir sprechen in diesem digitalen, für alle offenen Lernangebot etwa über die verschiedenen Einsatzbereiche von Rhythmik, geben in Videos aber auch wissenschaftliche Informationen oder Forschungsstrategien – zum Beispiel für Studierende, die sich forschend mit dem Thema auseinandersetzen möchten.

Warum ist Musik und Bewegung für uns Menschen wichtig?
Riedmüller: Musik und Bewegung sind voneinander abhängig – in zweifacher Hinweis. Erstens müssen wir uns bewegen, um zu musizieren, zweitens bewegen wir uns zur Musik; das kann zum Beispiel mit dem wippenden Fuß oder Kopf beginnen und dann immer stärker werden – hin zu einem Tanz. Musik kann uns physisch, aber auch emotional bewegen.
Gilt das für alle Menschen?
Riedmüller: Ja, jeder Mensch ist musikalisch. Wenn wir Musik hören, löst das etwas in uns aus – wir bewegen uns. Aber wir setzen Musik auch in Beziehung. Das heißt: Unser Gehirn verknüpft automatisch ähnliche Lieder miteinander – wir können so emotional ergriffen sein beziehungsweise werden.
Wo wird Rhythmik als Fach eingesetzt?
Riedmüller: Rhythmiker:innen arbeiten etwa mit Kindern, um die Sinneswahrnehmungen zu schärfen, um die Kreativität zu fördern oder um das Sozialverhalten zu stärken. Das heißt im Umkehrschluss, dass sich viele Erzieher:innen oder Studierende der Musikpädagogik mit dem Zusammenhang von Musik und Bewegung beschäftigen. Aber auch Schauspieler:innen oder Opernsänger:innen, also Menschen, die professionell mit Musik arbeiten, helfen Rhythmiker:innen Musik noch besser wahrzunehmen. Rhythmik kann also sehr niederschwellig und früh bereits bei kleinen Kindern zum Einsatz kommen, aber auch den Menschen helfen, die noch besser verstehen wollen, wie Musik funktioniert.
Wie kam es zu dem Lernangebot an der HOOU?
Riedmüller: Wir haben vor dreieinhalb Jahren mit einem Team begonnen, uns mit dem Thema auseinanderzusetzen und entwickeln das Lernangebot „Rhythmik / Musik und Bewegung“ seitdem weiter. Von Anfang mit dabei sind Goran Lazarevic von der HfMT und ich – aber in den Jahren haben uns immer wieder tolle Menschen dabei unterstützt, den Kurs stetig zu erweitern. Sein zwei Jahren ist Professorin Elisabeth Pelz fest dabei – wir gehen jetzt auch in die vierte Projektrunde und arbeiten aktuell daran, das Lernangebot zweisprachig aufzusetzen, in Deutsch und Englisch. Die Idee zu dem Thema kam uns, weil man Rhythmik als Fach in Hamburg nicht studieren kann, aber an der HfMT viele Menschen arbeiten, die sich mit Rhythmik beschäftigen – in der Musiktherapie, in der Musikpädagogik, generell in der körperorientierten Lehre. Diese vielfältigen Einsatzmöglichkeiten wollen wir in dem Lernangebot sichtbar machen.
Das Fach Rhythmik hat also vielfältige Einsatzmöglichkeiten. Kann es damit auch eine gesellschaftliche Rolle spielen?
Riedmüller: Ja. Auch diese gesellschaftliche Rolle möchten wir mit dem Lernangebot zeigen. Rhythmik kommt etwa in der Schule, im Kindergarten zum Einsatz, aber auch in der Arbeit mit Menschen mit Behinderung. Wir sehen darüber hinaus Ansätze in der Arbeit mit Senior:innen. Kurz gesagt: Überall dort, wo wir uns mit Musik und Bewegung beschäftigen. Und genau das wollen wir mit unserem Kurs vermitteln.
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27.04.2026 | Meena Stavesand
Podcasting an Hochschulen: Was Audioformate für die Wissenschaft leisten können
Zehn Perspektiven, ein gemeinsames Medium: Die neue Broschüre „10 Jahre HOOU – 10 Stimmen zum Podcasting“ der HAW Hamburg zeigt, was passiert, wenn Lehre, Forschung und Kreativität gemeinsam das Mikro übernehmen. Es ist die zweite Publikation in der Broschürenreihe anlässlich des HOOU-Jubiläums.
Was können Podcasts im Hochschulkontext bewirken? Wie gelingt der Einstieg und was macht das Medium so besonders, wenn es um Bildung, Wissenschaft und gesellschaftliche Themen geht? Die neue Broschüre der HOOU@HAW Hamburg widmet sich genau diesen Fragen. Nach dem Auftakt mit „10 Fragen zu KI-Output, Urheberrecht und OER“ folgt damit nun die zweite Ausgabe dieser Broschürenreihe.
Verschiedene Autor:innen teilen ihre Erfahrungen mit dem Podcasting – vom ersten Workshop bis zur veröffentlichten Folge. Sie erzählen von Produktionsprozessen, Aha-Momenten, Stolpersteinen, rechtlichen Fragen, technischen Entscheidungen und der Wirkung von Podcasts in der Wissenschaft. Dabei wird klar: Podcasts sind mehr als ein Trendformat. Sie eröffnen Räume für Dialog, ermöglichen niedrigschwellige Teilhabe an Forschung und Lehre und schaffen neue Zugänge zu komplexen Themen.
Was die Broschüre lesenswert macht
- ehrliche Einblicke aus der Praxis – von der Idee bis zur Veröffentlichung
- konkrete Erfahrungen aus HOOU-Workshops
- Themen wie Recht, Open Educational Resources (OER), Diversität, Wissenschaftskommunikation und KI
- neue Perspektiven auf das Zusammenspiel von Bildung, Audio und Gesellschaft
Der Podcast zur Podcastbroschüre
Ein besonderes Extra: Ein sechsminütiger KI-generierter Podcast fasst Inhalte aus der Broschüre zusammen – überraschend stimmig, manchmal aber auch ein wenig wirr, aber hörenswert. Ein spannendes Experiment.
Wer sich für Podcasting in der Hochschule interessiert, findet hier keine Schritt-für-Schritt-Anleitung, sondern echte Stimmen, lebendige Perspektiven und viele Anregungen zum Weiterdenken.
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Bild: Alfonso Cerezo/Pixabay
24.04.2026 | Meena Stavesand
Volkskrankheit Asthma: Betroffene können mit der richtigen Therapie beschwerdefrei leben
Laufende Nase, tränende Augen, immer wieder Nies- und Hustenanfälle – die Pollensaison oder auch Hausstaubmilben plagen viele Menschen. Bei manchen hat die Allergie zu einem Asthma geführt. Daraus resultiert meistens eine lebenslange Therapie, aber die Patientinnen und Patienten seien dadurch auch weitestgehend symptomfrei, sagt der Facharzt für Pneumologie Dr. med. Sören Galow vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). „Unser Ziel ist es, dass die Betroffenen ein völlig uneingeschränktes Leben führen können.“ Dazu gehöre beispielsweise auch Sport. Wie das gelingt und wie Asthma überhaupt entsteht und diagnostiziert wird, erklärt Dr. Galow im Interview.
Dr. Galow hat an dem UKE-Lernangebot „Medizin. Online. Verstehen“ mitgewirkt. In diesem Onlineportal geht es um so genannte „Volkskrankheiten“ wie Asthma, aber auch Adipositas, Herz-Erkrankungen, Depressionen oder Epilepsie. Die Inhalte sind so aufbereitet, dass sie einen niederschwelligen Zugang zu den Informationen gewährleisten. Im Interview erläutert Dr. Sören Galow nochmals die wichtigsten Aspekte zum Thema Asthma und zu den Therapiemöglichkeiten.
Was ist eigentlich Asthma?
Dr. Sören Galow: Asthma bronchiale ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung der Atemwege, die in unterschiedlichen Formen auftreten kann und verschiedene Ursachen hat. Die Erkrankung ist gekennzeichnet durch eine so genannte bronchiale Hyperreagibilität. Das bedeutet, die Betroffenen haben ein überempfindliches Atemwegssystem. Durch diese Überempfindlichkeit kann es dann durch verschiedene Reize zu einer raschen Verengung der Atemwege kommen, die in ihrer Schwere sehr variabel sein kann. Diese so genannte Atemwegsobstruktion besteht in der Regel nicht dauerhaft, sondern tritt beim Asthma bronchiale klassischerweise anfallsartig auf.
Wie viele Menschen sind in Deutschland betroffen?
Dr. Sören Galow: In Deutschland sind etwa acht Millionen Menschen von einer Asthmaerkrankung betroffen. Es handelt sich beim Asthma somit um eine Volkskrankheit, die in der gesamten so genannten westlichen Welt und insbesondere in hochentwickelten Ländern häufig auftritt. Man kann die exakten Patienten- und Patientinnenzahlen zwischen verschiedenen Ländern oft nur bedingt vergleichen, weil viele Länder ganz eigene Grundlagen für die Datenerhebung nutzen.
Es gibt allerdings definitiv ein deutliches Gefälle zwischen industriell hochentwickelten Staaten und sogenannten Entwicklungs- und Schwellenländern: Die Asthmahäufigkeit ist bei uns deutlich höher als zum Beispiel in Vietnam oder Peru. In den USA leiden wiederum prozentual – und somit natürlich auch in absoluten Zahlen – noch mehr Menschen als bei uns in Deutschland an einem Asthma.
Sind die Fallzahlen gestiegen?
Dr. Sören Galow: Über die letzten Jahre und Jahrzehnte hat die Zahl von Asthmatikerinnen und Asthmatiker in Deutschland stetig zugenommen, aber sind es wirklich mehr geworden oder schauen wir mittlerweile nur besser hin? In den letzten Jahren scheinen sich die Zahlen bei uns auf einem hohen Niveau zu stabilisieren. Dies ist eine Entwicklung, die wir in der gesamten westlichen industriellen Welt beobachten. In Schwellenländern und insbesondere in den Regionen der sogenannten Megacitys wie zum Beispiel Lagos, Dehli, Mumbai, Jarkata oder Sao Paulo steigen die Fallzahlen hingegen aktuell enorm an.
Was sind die Ursachen von Asthma?
Dr. Sören Galow: Es gibt verschiedene zugrundeliegende Ursachen für das Asthma bronchiale. Daraus resultiert eine Unterscheidung in verschiedene Formen des Asthmas. Wir unterscheiden ganz grundsätzlich zwischen einem allergischem und einem nicht-allergischem Asthma. Ein klassisches Beispiel: Der oder die Betroffene hat eine Pollenallergie. In der Pollensaison macht er eine Radtour, fährt an einem Feld vorbei, ist einer hohen Pollenkonzentration ausgesetzt und bekommt einen Asthmaanfall. Neben solchen saisonalen Allergien können aber auch ganzjährige Allergien wie zum Beispiel eine Haustaubmilbenallergie ein Asthma auslösen.
Demgegenüber sehen wir aber auch Patientinnen und Patienten mit einem Asthma, die keine solche nachweisbare Allergie haben. Die Allergie ist also nur eine von mehreren Ursachen, wenngleich die weitaus häufigste. Eine andere Variante: Patientinnen und Patienten ohne Allergie, aber mit klassischen Asthma-Symptomen, haben in ihrem Blut und in ihren Atemwegen eine erhöhte Zahl von sogenannten Eosinophilen (genauer: eosinophile Granulozyten, eine bestimmte Untergruppe der weißen Blutkörperchen). Diese Zellen können ebenfalls ein Asthma bronchiale verursachen, wir sprechen dann von einem eosinophilen Asthma. Die hier genannten Ursachen und Formen stellen allerdings nur einen groben Ausschnitt der aktuellen Erkenntnisse zur Ursachenerforschung und Einteilung des Asthmas dar.

Nach meiner persönlichen Meinung spielt Luftverschmutzung in der Entstehung eines Asthmas eine untergeordnete Rolle. Es gibt allerdings sehr konkrete Hinweise darauf, dass das kindliche Aufwachsen auf einem traditionellen Bauernhof der Entwicklung eines allergischen Asthmas und ganz allgemein der Entstehung von Allergien vorbeugen kann.
Dr. Sören Galow, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Wie sieht es mit Umwelteinflüssen aus? Spielen die bei Asthma eine Rolle?
Dr. Sören Galow: Der Zusammenhang zwischen Umweltfaktoren bzw. Umwelteinflüssen wie Luftverschmutzung und Asthma werden zum Teil kontrovers diskutiert. Ob Luftverschmutzung oder andere klassische Umweltfaktoren ein Asthma bronchiale verursachen können, ist nicht restlos geklärt.
Nach meiner persönlichen Meinung spielt Luftverschmutzung in der Entstehung eines Asthmas eine untergeordnete Rolle. Es gibt allerdings sehr konkrete Hinweise darauf, dass das kindliche Aufwachsen auf einem traditionellen Bauernhof der Entwicklung eines allergischen Asthmas und ganz allgemein der Entstehung von Allergien vorbeugen kann. Man bezeichnet dies manchmal auch als sogenannten „Bauernhof-Effekt“. Sicher ist jedenfalls, dass individuell ungünstige Umweltbedingungen einen Asthmaanfall auslösen können. Wenn man also ein überempfindliches Bronchialsystem hat, kann beispielsweise Luftverschmutzung dazu führen, dass man Beschwerden bekommt.
Das heißt, ich habe diese Eigenschaft in meinem Körper, dass ich auf bestimmte Einflüsse überempfindlich reagiere, und dann bricht es aus.
Dr. Sören Galow: Genau, die Umweltbelastung kommt dann sozusagen oben drauf. Gleiches gilt für psychischen Stress oder zum Beispiel auch für sportliche Betätigung bei kalten Außentemperaturen. Das überempfindliche Bronchialsystem bildet die Grundlage und die Reize lösen dann Asthma-Symptome aus.
An welchen Symptomen erkenne ich Asthma?
Dr. Sören Galow: Die klassischen Symptome beim Asthma bronchiale sind anfallsartig auftretende Atemnot, Husten und ein – zumeist sehr zäher – Auswurf. Häufig berichten Betroffene auch über ein atemabhängiges Engegefühl in der Brust. Manchmal kann man außerdem sehr spezielle Atemgeräusche, z. B. ein sogenanntes Giemen und Brummen oder auch Pfeifen beim Ausatmen, wahrnehmen.
Häufigkeit und Ausprägung dieser Symptome sind sehr unterschiedlich und sie können allesamt in Kombination oder auch für sich allein auftreten. So ist es beispielsweise möglich, dass Husten zunächst das einzige Symptom eines Asthmas bleibt. Ein weiteres klassisches Erkennungsmerkmal, insbesondere für das allergische Asthma, ist zudem ein saisonales oder periodisches Auftreten. Einige allergische Asthmatikerinnen und Asthmatiker haben beispielsweise nur Symptome, wenn auch gerade Pollensaison ist.
Asthma.Online.Verstehen.
Bei Asthma handelt es sich um eine Erkrankung der Atemwege. Die Atemwege verengen sich, was Symptome wie Luftnot, Husten oder ein Engegefühl in der Brust auslösen kann. Oft fehlt jedoch der Zugang zu verlässlichen Informationen bezüglich Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten.
Was macht der Arzt oder die Ärztin, wenn ich solche Symptome habe?
Dr. Sören Galow: Zuerst machen wir eine Anamnese, das heißt, wir fragen nach den Beschwerden und der Leidensgeschichte unserer Patientinnen und Patienten. Daraus erfahren wir schon sehr viel und können einen Anfangsverdacht stellen. Es folgt dann eine klinische Untersuchung, die zum Beispiel das Abhören der Lunge und der Atemgeräusche beinhaltet. Der Goldstandard und häufig entscheidende Aspekt der Diagnostik ist dann die Lungenfunktionsuntersuchung. Wenn wir in dieser Untersuchung eine Verengung der Atemwege feststellen, testen wir mit atemwegserweiternden Medikamenten, ob diese eine Linderung bringen. Wenn wir mit unseren Medikamenten die Enge der Atemwege auflösen können, ist die Diagnose eines Asthmas bereits gesichert und wir können uns rasch der optimalen Behandlung zuwenden.
Nun ist es aber natürlich so, dass diese Lungenfunktionsuntersuchung nicht in der freien Natur bei starkem Pollenflug stattfindet, die Patientinnen und Patienten also in dem Moment der Untersuchung dem allergischen Auslöser für die Atembeschwerden nicht ausgesetzt sind. Dementsprechend werden wir in diesem Fall zum gegebenen Zeitpunkt auch keine Auffälligkeiten in der Lungenfunktion finden. Aber wenn wir eine gute Anamnese gemacht haben und von dem Patienten oder der Patientin wissen, dass er oder sie auf bestimmte Auslöser reagiert, können wir eine sogenannte Provokationstestung durchführen. Das bedeutet, wir lösen wiederrum mit speziellen Medikamenten einen Asthmaanfall aus und können dann hierüber die Diagnose stellen. Eine solche Untersuchung ist aber natürlich nicht ganz ungefährlich und sollte daher nur von Spezialistinnen und Spezialisten durchgeführt werden. In erfahrenen Händen kann solch eine Provokationsuntersuchung aber gefahrenlos und ohne Bedenken durchgeführt werden.
Wenn nach der Lungenfunktionsuntersuchung Zweifel an der Diagnose bestehen, müssen ggf. noch weitergehende Untersuchungen folgen, die auch andere Organsysteme wie zum Beispiel das Herz-Kreislauf-System genauer begutachten. Es gibt zum Beispiel ein sogenanntes „Asthma cardiale“. In diesem Fall sorgt einer Herzerkrankung für asthma-ähnliche Symptome. Herz und Lunge bilden eine funktionelle Einheit und arbeiten eng zusammen – wir dürfen also auch als Lungenärztinnen und Lungenärzte niemals die anderen Organe aus dem Blick verlieren – insbesondere wenn Untersuchungsbefunde nicht zu unserer Verdachtsdiagnose passen.

Wenn die Diagnose Asthma lautet, wie sieht dann die Therapie aus?
Dr. Sören Galow: In der Asthmatherapie hat sich in den letzten Jahren ein grundlegender Paradigmenwechsel vollzogen. Früher wurde die Behandlung des Asthmas als reine Symptombekämpfung verstanden. Heute geht es um Symptomvermeidung und Krankheitskontrolle. Wir wollen das Krankheitsbild positiv verändern, so gut und dauerhaft behandeln, dass es im Idealfall erst gar nicht mehr zu Symptomen kommt. Um das zu erreichen, nutzen wie zum Beispiel sogenannte antientzündliche Therapien, allen voran inhalative Kortikosteroide, also zu inhalierendes Kortisonspray. Durch die Wirkung des Kortions wird unter anderem der Entzündung in den Atemwegen entgegengewirkt.
Eine weitere Therapiemöglichkeit ist die Inhalation von antiobstruktiven bzw. bronchialerweiternden Medikamente. Diese werden beim Asthma in Kombination mit Kortison inhaliert und sorgen dann für eine zusätzliche Erweiterung der Bronchien.
Eine weitere wichtige Option ist die Allergen-Immuntherapie. Wenn wir eine bestimmte Allergie als auslösenden Faktor identifizieren können, gibt es in vielen Fällen die Möglichkeit der medikamentösen Desensibilisierung oder auch Hyposensibilisierung. Dabei wird versucht, die Allergie abzuschwächen oder dem Körper zu helfen, eine schrittweise Toleranz gegenüber dem Allergen zu entwickeln. Denn eine klassische Allergie ist vereinfacht gesagt nichts anderes als eine Überreaktion unserer Immunsystems.
In einigen Fällen kann es infolge einer erfolgreichen Behandlung sogar gelingen, eine Allergie komplett verschwinden zu lassen. Die Allergen-Immuntherapie muss in der Regel über mehrere Jahre durchgeführt werden, wenngleich es aber zum Glück häufig bereits während der Behandlung zu einer Verbesserung allergischen Beschwerden kommen kann.

Der Konsum von Tabakprodukten und anderen inhalativen Genussmitteln kann bei Asthmatikerinnen und Asthmatikern zu schwersten Asthmaanfällen und schlimmen, nicht rückgängig zu machenden Lungenschäden führen.
Dr. Sören Galow – Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Als weitere Möglichkeit verfügen wir über Antikörpertherapien, so genannte Biologika. Es handelt sich hierbei um sehr moderne Medikamente, mit denen wir gezielt versuchen, verschiedene das Asthma auslösende Botenstoffe im menschlichen Körper zu blockieren. Derzeit stehen uns in Deutschland und Europa sechs spezielle Antikörper für die Behandlung des Asthmas zur Verfügung. Diese Therapieform kommt gegenwärtig aber nur bei besonders schweren Fällen zum Einsatz, wenn es uns also nicht gelingt, das Asthma mit den inhalativen Medikamenten und einer Allergen-Immuntherapie erfolgreich zu behandeln. Die Antikörper werden in der Regel alle paar Wochen über eine kleine Spritze unter die Haut verabreicht.
Neben der medikamentösen Therapie ist es natürlich auch enorm wichtig, auslösende Faktoren soweit möglich zu vermeiden und auf potenziell lungenschädliche Dinge wie zum Beispiel Rauchen unbedingt zu verzichten. Ein wichtiger Satz dazu: Der Konsum von Tabakprodukten und anderen inhalativen Genussmitteln kann bei Asthmatikerinnen und Asthmatikern zu schwersten Asthmaanfällen und schlimmen, nicht rückgängig zu machenden Lungenschäden führen.
Gibt es Abstufungen bei der Schwere des Asthmas?
Dr. Sören Galow: Ja, unsere Therapie orientiert sich führend an der Schwere des Asthmas. Die Therapie erfolgt hierbei nach einem Stufenkonzept. Es gibt fünf Stufen – je höher die Stufe, desto schwerer das Asthma und desto schärfer die Therapie. Viele Betroffene benötigen eine Behandlung der so genannten dritten Therapiestufe, also eine dauerhafte Inhalationstherapie mit niedrigen bis moderaten Dosen Kortison und einer zusätzlichen bronchienerweiternden Medikamenten. Wenn man dann feststellt, dass das Asthma hierunter vollständig kontrolliert ist, kann man im Verlauf auch eine Stufe runtergehen und erhält die kombinierte Inhalationstherapie nur bei Bedarf – wenn zum Beispiel Allergiesaison ist.
Das Ganze geht aber natürlich auch in die andere Richtung: Wenn eine Therapie nicht ausreicht, das Asthma also nicht vollständig oder nur teilweise kontrolliert wird, steigen wir mit dem Patienten bzw. der Patientin eine Therapiestufe nach oben und erhöhen dann die Dosen der Inhalationstherapie oder setzen in besonders schweren Fällen auch Antikörper (Biologika) ein. Zum Glück sind diese schweren Fälle von Asthma sehr selten. Die allermeisten Patientinnen und Patienten können wir mit inhalativen Therapien sehr gut behandeln.
Müssen alle Asthmatikerinnen und Asthmatiker ihr Leben lang behandelt werden?
Dr. Sören Galow: Asthma ist eine chronische Erkrankung, die entsprechend auch lebenslang behandelt werden muss. Wir passen die Therapie aber natürlich immer wieder an, wenn der Krankheitsverlauf es zulässt. Kann man vielleicht die Dosis reduzieren, kann man vielleicht auf eine Bedarfstherapie umstellen? Das Behandlungskonzept muss gemeinsam regelmäßig hinterfragt werden, da sich die Krankheitsschwere und Krankheitsaktivität im Verlauf eines Lebens ändern kann – in die eine wie auch in die andere Richtung.
Um ihre Frage aber noch einmal konkret zu beantworten: Ja, ein Asthma muss lebenslang ärztlich überwacht und auch behandelt werden – manchmal nur saisonal bei Pollenflug, aber trotzdem lebenslang. Darauf muss man sich als Asthmatiker oder Asthmatikern einstellen. Das fordert natürlich eine Menge Ausdauer und Disziplin seitens der Betroffenen in Bezug auf die Medikamenteneinnahme, wird aber in den allermeisten Fällen auch mit einer vollständigen Beschwerdefreiheit belohnt.
Kann ich trotz Asthma problemlos Sport treiben?
Dr. Sören Galow: Ja! Unser oberstes Behandlungsziel ist es, dass unsere Patientinnen und Patienten ein völlig uneingeschränktes Leben führen können – und dazu gehört auch Sport. Es gibt Spitzensportlerinnen und Spitzensportler, die trotz Asthma zu 100 Prozent leistungsfähig sind. Wenn Betroffene bei sportlichen Aktivitäten welcher Art auch immer, Luftnot verspüren, sollten sie dies unbedingt mit ihrem Arzt oder ihrer Ärztin thematisieren und besprechen. Mit einer modernen und individuellen Asthmatherapie sind den eigenen Zielen bereits heute kaum Grenzen gesetzt. Und wahrscheinlich werden wir Asthma bronchiale in Zukunft immer besser und individueller behandeln können.
Über Dr. Sören Galow

Dr. med. Sören Galow ist Facharzt für Innere Medizin und Pneumologie und als Funktionsoberarzt in der Abteilung für Pneumologie (Chefarzt: PD Dr. med. Hans F. E. Klose) im UKE tätig. In dieser Funktion leitet er unter anderem die Spezialsprechstunde für schweres Asthma bronchiale. Neben der Behandlung von Patientinnen und Patienten mit schwerem Asthma beschäftigt er sich schwerpunktmäßig mit der Betreuung von Patientinnen und Patienten mit Lungenhochdruckerkrankungen (Pulmonale Hypertonie), Lungenfibrosen, Sarkoidose sowie der Vor- und Nachbetreuung im Rahmen einer Lungentransplantation. Das Team der Pneumologie ist fester Bestandteil des Martin-Zeitz-Centrum für seltene Erkrankungen (Centrum für seltene Lungenerkrankungen) sowie des universitären Transplantationszentrums des UKE.
Lizenzhinweis für das Interview: CC BY 4.0
Bild: KOMMERS / Unsplash
23.04.2026 | Meena Stavesand
Zukunft der Bildung: Warum wir trotz KI weiter lernen müssen
Claude liefert eine aufwendige Recherche in Sekunden, erklärt mathematische Formeln auf simple Weise, löst schwierige Aufgaben verständlich. Wozu brauchen wir dann noch Schulen, Universitäten und andere Bildungseinrichtungen? Wozu müssen wir überhaupt noch lernen? Zukunftsforscher Max Irmer zeigt, wie KI unser Lernen verändern könnte und warum wir die Zukunft der Bildung neu denken sollten.
Max Irmer ist Zukunftsforscher. Er berät Organisationen dabei, wie die Welt in 10 oder 15 Jahren aussehen könnte. Im vergangenen Jahr leitete er an der HAW Hamburg das HOOU Spekulations-Labor* – einen dreiteiligen Workshop, in dem die Teilnehmenden die Zukunft der Bildung nicht nur durchdenken, sondern greifbar machen: mit spekulativem Design, Design Fiction und KI-Tools.
Wir haben mit ihm darüber gesprochen, wie künstliche Intelligenz unser Lernen verändert, warum wir trotzdem noch Wissenschaftler:innen und Lehrkräfte brauchen, und warum es sich lohnt, über eine „Zukunft ohne Lernen“ zu spekulieren.
Wir leben in Zeiten von KI und bekommen Unmengen an Wissen in Sekundenschnelle. Wie beeinflusst das unser Verständnis von Lernen?
Diese Diskussion führen wir gerade intensiv – zu Recht. Denn nicht alles, was wir sehen, ist positiv. Die Metapher „Wissen in Sekundenschnelle“ stimmt, aber wir müssen auch fragen: Was meinen wir mit Wissen? Ich kann heute schnell herausfinden, wann welcher Krieg stattfand. Aber das Wissen, das für unsere Zeit relevant ist, ist vor allem Transferwissen, das verschiedene Themenbereiche verbindet.
Die KI-Tools werden besser, können uns aber nicht immer das perfekte Wissen liefern. Ich denke, die Zukunft des Lernens entwickelt sich dahin, dass wir schneller recherchieren, und im besten Fall schafft das Freiraum: Wir verstehen Zusammenhänge besser und bilden uns eine eigene Perspektive. KI-gestützt, aber nicht KI-vorgegeben.
Als problematisch empfinde ich, dass KI-Programme uns vorgaukeln, sie würden uns alles Wissen geben, und wir müssten nicht mehr selbst denken. Die Zukunft kann sehr schön werden, sie kann dadurch aber auch schwierig werden, wenn wir so tun, als würden wir in wenigen Sekunden ein tolles Ergebnis liefern, aber eigentlich steht nichts da.
Warum sollten wir noch selbst aktiv lernen oder als Wissenschaftler:in oder Lehrkraft weiterarbeiten?
Wir brauchen unabhängige Instanzen, die Tools nutzen, aber selbst denken und hinterfragen, was aus einer Maschine kommt. Beim Lernen geht es stark um Identitätsbildung: Wer bin ich? Was kann ich? Ein Beispiel: Fremdsprachen lerne ich nicht gerne, darum freue mich auf eine Zukunft mit Echtzeit-Übersetzungen via Kopfhörer. Das bringt Vorteile, aber der kultureller Bezug einer Sprache wird weniger, und das ist schade, weil Gesprochenes mehr transportiert als reine Information.
Lernen bleibt wichtig, um zu differenzieren. Wir können KI legitim nutzen. Die Fragen sind allerdings: Wie, in welchem Umfang und wofür? Vokabeltraining kann KI-gestützt mehr Spaß machen als im alten Lehrbuch. Aber für andere Sachen ist analoges Lernen wichtiger – wenn es zum Beispiel darum geht, selber Dinge zu erfahren.

Ich wünsche mir, dass KI als Unterstützerin fungiert – eine, die sich ans individuelle Lernniveau anpasst, schneller oder spezifischer erklärt, in einer Sprache spricht, die ich verstehe.
Max Irmer
Wenn du einen Wunsch hättest: Wie sieht die Zukunft der Bildung aus?
Ich hoffe, dass wir die Dinge beibehalten, die gut funktionieren, und uns gleichzeitig neuere Entwicklungen zu eigen machen. Nicht nur Technologie, sondern auch die Frage: Braucht es noch Vorlesungen oder Frontalbeschallung? Braucht es klassische Hörsäle?
Ich wünsche mir, dass KI als Unterstützerin fungiert – eine, die sich ans individuelle Lernniveau anpasst, schneller oder spezifischer erklärt, in einer Sprache spricht, die ich verstehe.
Mein Wunsch: Wir hinterfragen kritisch und übernehmen, was Sinn ergibt. Wir dürfen uns aber nicht dem kapitalistischen Gedanken hingeben, sonst unterwerfen wir Wissen und Lernen dem System. Das ist nicht gut.
An der HAW Hamburg leitest du als Zukunftsforscher das HOOU-Spekulations-Labor der HAW Hamburg. Was machen Zukunftsforscher:innen genau? Wie sieht dein Arbeitsalltag aus?
Ich mache eine Mischung aus Zukunftsforschung und Foresight – also strategischer Vorausschau. Die Disziplin erforscht Zukünfte. Niemand hat eine Glaskugel, aber es gibt methodische Ansätze, wie man Zukünfte greifbar macht. Denn – und das sollte uns Zuversicht geben: Die Zukunft ist gestaltbar. Darum berate ich Institutionen zu der Frage, wie die Welt in 10, 15 Jahren aussehen könnte. Dafür nutze ich Methoden wie Trends, Szenarien, Speculative Design und Design Fiction. Damit machen wir Zukünfte greifbar, verständlich, erfahrbar und eben gestaltbar.
Die UNESCO spricht in dem Zusammenhang von Futures Literacy – der Kompetenz, Zukünfte lesen und bearbeiten zu können. Das befähigt uns, Zukunft aktiv zu gestalten und dem Dystopischen etwas entgegenzusetzen.
Du hast Methoden angesprochen, die im Spekulations-Labor vorkommen. Was passiert da genau?
Es geht um die Zukunft der Bildung beziehungsweise die Zukunft des Lernens. Dafür nutzen wir verschiedene Methoden. Wir inszenieren ein Labor und spekulieren. Das heißt, wir überlegen uns, wie die Zukunft des Lernens und der Bildung aussehen könnte. Das klingt einfach, aber wir machen das als Menschen ganz selten aktiv. Mit den richtigen Methoden gelingt das deutlich fundierter.
Wir greifen also auf Spekulationsmethoden zurück – dem Speculative Design und Design Fiction. Die Idee: Wir geben uns bewusst einen Raum, wo die Teilnehmenden die ganze Zeit in Zukünften denken, sich alternative Entwicklungen anschauen und das in eine Form gießen. Aus diesem abstrakten Denken entstehen spekulative Artefakte.
Was könnte das beispielsweise sein?
Ich sage bewusst nichts, weil ich den Teilnehmenden sonst etwas vorgeben würde. Sie sollen mit ihren eigenen Gedanken reinkommen. Wir schauen uns beispielsweise Hollywoodfilme an, weil die mit spekulativem Design arbeiten. Etwa „Minority Report“ von Steven Spielberg – der Film zeigt eine Zukunftswelt mit vielen Prototypen, die diese komplexe Zukunft greifbar machen.
Wir stellen uns Fragen wie: Wie lerne ich? Gehe ich noch in die Universität? Und wie komme ich dahin? Nehme ich den Bus, ein Flugtaxi? Wir versuchen, unseren Gedanken in Artefakten eine Form zu geben. Wir prototypisieren. Oder anders gesagt: Wir basteln konkret an Ideen.
Danach greifen wir auf KI-Tools zurück, um diese kennenzulernen und zu schauen: Was können die? Was können die nicht? Was ist kritisch daran?
Ihr titelt „Zukunft ohne Lernen? Lernen ohne Zukunft?“ Wie seid ihr darauf gekommen? Warum ist es sinnvoll, so an das Thema ranzugehen?
Der Titel ist provokativ. Bestenfalls reagieren Menschen darauf und sagen: Nee, das sehe ich nicht. Dann will ich wissen: Warum nicht? Und damit kommen wir in die Diskussion.
Was ich vorwegnehmen kann: Eine Zukunft ohne Lernen sehe ich persönlich nicht. Ich bin sehr gespannt, was die Teilnehmenden sagen. Ich hoffe, wir gehen mit einem anderen Titel als wir reingegangen sind. Aber das hängt ganz von den Teilnehmenden ab, von ihren Gedanken und dem, was sie sich vorstellen können und für plausibel halten.
Für wen ist der Workshop gedacht? Nur für Didaktiker:innen und für Wissenschaftler:innen oder auch für Menschen, die sich einfach für das Thema interessieren?
Alle sind herzlich willkommen. Die Mischung macht’s. Ich wünsche mir, dass nicht nur Menschen mit Wissenschaftshintergrund kommen, nicht nur Lehrerinnen und Lehrer, nicht nur Studierende, sondern Menschen aus verschiedenen Ecken. Das macht den Diskurs und den Perspektivenwechsel spannender. Es gibt keine Einstiegshürden.
Oft gibt es leider eine Hürde, wenn es um Angebote von Hochschulen geht. Viele denken, sie gehörten als Nicht-Akademiker:innen da nicht hin.
Absolut. Aber man muss irgendwo anfangen. Ich bin gespannt, wie die Zukunft der Bildung diese Einstiegshürden abbaut. KI-gestützte Angebote können individualisierte Lerninhalte bringen. Wenn ein Bot mir morgens sagt „Hey, dieses Angebot ist umsonst, da könntest du hingehen“, dann ist es vielleicht spannend genug.
Ich hoffe, dass uns Technologie hilft, solchen positiven Bildern näherzukommen. Wir brauchen positive Zukunftsbilder. Dafür lohnt es sich, zum Workshop zu kommen und diese zu erarbeiten, zu entwickeln, zu basteln.
Über Max Irmer

Max Irmer ist Zukunftsforscher und baut Brücken zwischen der Gegenwart und der Zukunft, der alten und der neuen Welt und zwischen Analogem und Digitalem. Dafür bedient er sich Ansätzen, Methoden und Tools aus den Bereichen Foresight, Experience Design und Transformationsmanagement. Max glaubt daran, dass wir die Zukunft nur gestalten können, wenn wir sie greifbar und erlebbar machen. Folglich versucht er den Zukunftsdiskurs überall wo möglich zu stimulieren.
*Hinweis: Aktuell gibt es keine neuen Termine für das Spekulations-Labor der HAW Hamburg.
15.04.2026 | Dorothee Schielein
4229: Alexandra Eckert – Simulationsforschung und soziale Normen
Heute sind wir (Stephan Dublasky und Dodo Schielein) im Gespräch mit Alexandra Eckert (wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Controlling und Simulation). Wir sprechen über Kaffeemaschinen, Aliens, Bleistifte und Müll auf der Straße und darüber, weshalb das alles mit sozialen Normen und der Simulationsforschung zu tun hat. Alexandra Eckert gibt uns Einblicke in die spannenden Themen des Controllings, ihrer Doktorarbeit und die Arbeit als Simulationsforscherin.
Mit dem Lernangebot „Agents of Change” bietet Alexandra Eckert einen niederschwelligen Einstieg in die Sozialforschung mit Simulationssoftware.
Buchempfehlungen zu agentenbasierter Modellierung auf Englisch:
- Railsback, S. F., & Grimm, V. (2019). Agent-based and individual-based modeling: A practical introduction (2. Aufl.). Princeton University Press.
- Smaldino, P. E. (2023). Modeling Social Behavior—Mathematical and Agent-Based Models of Social Dynamics. Princeton University Press.
Headerbild: AbsolutVision/Unsplash
14.04.2026 | Meena Stavesand
Ideen als Problemlöser: Gemeinsam kreative Lösungen schaffen
Ideen hat jeder Mensch, und Kreativität kann man lernen. Davon ist Jan Küchenhof von der TU Hamburg überzeugt. Mit seinem Lernangebot „Collaborative Ideation“ zeigt er, wie wir gemeinsam für komplexe und gesellschaftlich relevante Probleme Ideen finden und entwickeln können. Das geht am besten in einem diversen Team. Im Interview erklärt Jan Küchenhof, was eine Idee eigentlich ist, wie Ideen entstehen und welche Rolle die eigene Kreativität bei dem Ideenfindungsprozess spielt.
Wer Lust hat, dies einmal auszuprobieren, hat bald die Möglichkeit: bei der Zukunftswerkstatt für die Mobilität von morgen. In vier interaktiven Zoom-Sessions könnt ihr eure Sichtweise zu aktuellen Herausforderungen in Hamburg einbringen und gemeinsam neue Konzepte entwerfen. Mehr dazu gibt es am Ende des Interviews.
Was ist eigentlich eine Idee?
Jan Küchenhof: Für mich ist eine Idee dieser Aha-Moment, den vermutlich jeder von uns kennt. Es macht klick bei uns im Kopf, der Schalter wird umgelegt und es offenbart sich eine potentielle Lösung. Eine Idee kann auch die Antwort auf eine Frage sein, über die wir uns schon länger den Kopf zerbrechen. Häufig muss man ein Problem etwas inkubieren, also etwas länger mit sich herumtragen bis man auf eine Lösung kommt. Eine Idee ist dann ein Problemlöser. Das heißt aber nicht, dass eine Idee immer etwas Neues sein muss – anders als bei einer Invention, also einer Erfindung.
Wie entstehen Ideen?
Jan Küchenhof: Ideen können auf unterschiedliche Arten und Weisen entstehen – bei denkenden Lebewesen sind sie das Resultat kognitiver Prozesse und können sich im Unterbewusstsein entwickeln, allerdings auch gezielt herbeigeführt werden. Klar ist: Jeder Mensch hat Ideen. Meist braucht es ein Problem, das wir zunächst verstehen und dann lösen wollen, damit wir Ideen erkennen. Dieser Prozess kann unterstützt werden – zum einen mit intuitiven Methoden wie etwa Brainstorming, die unsere Kreativität anregen, oder zum anderen mit diskursiven Methoden, die unser systematisches Denken anstoßen. Das Problem, das es zu lösen gilt, wird dann Schritt für Schritt analysiert und durchdrungen, um am Ende passende Ideen für die Problemlösung zu erhalten.
Collaborative Ideation: Gemeinsam Ideen entwickeln
Wie können dezentrale Teams bei der kollaborativen Ideenentwicklung zur gemeinsamen Lösungfindung komplexer Problemstellungen unterstützt werden?
Welche Rolle spielt die eigene Kreativität bei Ideen und kann ich Kreativität lernen?
Jan Küchenhof: Früher wurde oft angenommen, dass Kreativität eine besondere Fähigkeit ist, die einige Menschen besitzen und andere nicht. Daher haben sich manche selbst schnell als unkreativ abgestempelt und das Entwickeln von Ideen den „Kreativen“ überlassen. Es ist vermutlich auch so, dass einige Menschen einfach kreativer sind als andere – jedoch gibt es mehrere Formen von Kreativität und Expert:innen erkennen zunehmend, dass kreatives Denken zu den grundlegenden kognitiven Fähigkeiten gehört, die jeder besitzt. Wir alle werden bei der Geburt mit einer individuellen natürlichen Kreativität ausgestattet. In Kombination mit dem uns verfügbare Wissen steigt unsere verfügbare Kreativität und damit auch die kreative Leistung. Die kreative Leistung kann außerdem durch gezielten Wissenserwerb oder durch Kreativitätstechniken erhöht werden. Der Unterschied zwischen Menschen, die als kreativ und als nicht-kreativ gelten, liegt meist nur darin, wie aktiv sie diese Fertigkeiten nutzen. Daraus folgt: jeder kann seine kreatives Denken stärken und verbessern.
Wie entwickelt man seine Idee weiter?
Jan Küchenhof: Wenn man eine gute Idee gefunden hat, kann man versuchen, sie in die Tat umzusetzen. Natürlich kann nicht jede Idee realisiert werden – schon gar nicht sofort. Manchmal lohnt es sich auch, eine Idee erst einmal weiter zu durchdenken, zu entwickeln, bevor man in die Umsetzung geht. Mit Methoden wie Design Thinking haben wir heute die Möglichkeit, durchdachte Ideen zügig in Prototypen zu verwandeln und sie dann zu testen. Meist gibt es mehr als eine Lösung – daher ist eine gute Abwägung bei Ideen und deren Umsetzung wichtig. Hierbei spielen verschiedene Aspekte eine Rolle wie Aufwand, Umsetzbarkeit, Nutzen und auch die Frage: Welche Alternativen es gibt? Besonders hilfreich ist bei diesem Ideenfindungsprozess ein vielfältiges Team und ein geleiteter Prozess, damit sich komplexe Probleme leichter lösen lassen.
Wie kommen wir an Ideen für sehr komplexe und gesellschaftsübergreifende Probleme?
Jan Küchenhof: Genau diese Frage haben wir uns an der TU Hamburg ebenfalls gestellt – und eine Lösung dafür gefunden. In dem HOOU-Lernangebot „Collaborative Ideation“ haben wir uns auf Probleme konzentriert, die eine hohe gesellschaftliche Relevanz haben, da sie alle Menschen betreffen, aber nicht von Einzelnen gelöst werden können. Im Team ist das verfügbare Wissen höher und der Austausch kann die Motivation stärker anregen als alleine im stillen Kämmerchen an neuen Ideen zu arbeiten. Außerdem kann man die Ideen dann mit den unterschiedlichen Sichtweisen und Erfahrungen der Gruppe diskutieren.
So haben wir uns ein sehr relevantes Thema gesetzt: „Plastikmüll in Stadt und Umwelt“. Zunächst haben wir die Probleme dieses Themas identifiziert und kategorisiert. Wir konnten festlegen, dass es Probleme gibt, die jeder Menschen angehen kann – etwa beim Einkauf den Jutebeutel zu nehmen statt die Plastiktüte. Andere Probleme wie Industrieabfälle, die etwa von Unternehmen in Gewässer geleitet werden, sind nicht von einer Einzelperson zu lösen und erfordern mehr als individuelle Maßnahmen. Hier kann zum Beispiel die Politik mit entsprechenden Regulierungen eingreifen.
Im weiteren Prozess stießen wir auf das Thema Mikroplastik – ein Problem, das weit über die Reichweite von Einzelpersonen, Unternehmen und auch Politik hinausgeht. Mikroplastik ist mittlerweile überall in unseren Ökosystemen verbreitet: in Böden, Gewässern, der Nahrungskette und sogar in uns selbst, was unter anderem zu erhöhtem Artensterben beiträgt. Um hier eine Wirkung zu erzielen, müssen umfassende Maßnahmen und Mechanismen aktiviert werden.

Nachdem wir die Probleme sortiert hatten, wählten wir diejenigen aus, die wir als lösbar ansahen. In einem weiteren Workshop widmeten wir uns dann der Lösungsfindung. Wir sammelten Ideen, wie die Probleme angegangen werden könnten, wählten die besten aus und ließen sie im 5-Minuten-Takt von Team zu Team wandern. Auf diese Weise konnten die Vorschläge verfeinert werden. Jetzt sind die Ideen ausgereift und bereit zur Umsetzung – und genau das macht sie wahrhaft kreativ.
Lernangebot Collaborative Ideation als kostenloser Moodle-Kurs
Das HOOU-Projekt „Collaborative Ideation: Design Methods going Digital!“ wurde bereits 2021 gefördert und realisiert und geht nun in die zweite Runde. Mit dem Umzug auf die neue Moodle-Plattform wird das Lernangebot interaktiver und bietet digitale Möglichkeiten zum Mitmachen und Nachmachen. Wer mehr darüber wissen möchte, wie man gemeinsam an komplexe Probleme herangeht und kreative Lösungen entwickelt, für den ist unser Lernangebot „Collaborative Ideation“ genau das Richtige. Realisiert wird es von Jan Küchenhof vom Institut für Produktentwicklung und Produktentwicklung (PKT) der TU Hamburg und fleißiger studentischer Unterstützung. Das neue Lehr- und Lernprojekt soll ab Januar 2024 online verfügbar sein.
Jetzt anmelden! Zukunftswerkstatt für die Mobilität von morgen
Wie bewegen wir uns morgen durch Hamburg? Effizient, klimafreundlich und für alle zugänglich? Die Welt verändert sich ständig – und die Ideen von heute gestalten die Realität von morgen. In unserer Zukunftswerkstatt für die Mobilität von morgen möchten wir gemeinsam mit euch neue Perspektiven auf urbane Mobilität entwickeln.
In vier interaktiven Zoom-Sessions könnt ihr eure Sichtweise zu aktuellen Herausforderungen in Hamburg einbringen und gemeinsam neue Konzepte entwerfen. Methodisch begleitend erkunden wir im HOOU-Kurs „Collaborative Ideation“ die gemeinsamen Ideenentwicklung.
Unsere kreative Reise führt euch durch verschiedene Stationen:
Workshop 1 – Kennenlernen in Kollektivien
30.04. | 16:30–18:30 Uhr
Workshop 2 – Überfahrt auf die Problemsinsel
21.05. | 16:30–18:30 Uhr
Workshop 3 – Lösungssuche im Kreativland
11.06. | 16:30–18:30 Uhr
Workshop 4 – Die Eishöhlen Sieb-Iriens
02.07. | 16:30–18:30 Uhr
Ihr könnt auch schon vorab in unseren HOOU-Kurs „Collaborative Ideation: Gemeinsam Ideen entwickeln“ hineinschauen:
https://learn.hoou.de/blocks/course_overview_page/course.php?id=483
Anmeldung
Wenn ihr teilnehmen möchtet, meldet euch bitte bis zum 25.04. per E-Mail an: jan.kuechenhof@gmail.com
Wir freuen uns auf eure Ideen und darauf, gemeinsam an einer spannenden Zukunft der Mobilität zu arbeiten!
Annerkennungsmöglichkeiten
A) Teilnehmerbescheid über das Lernangebot “Collaborative Ideation”: https://learn.hoou.de/blocks/course_overview_page/course.php?id=483
B) Für Studierende: 3 ETCS über den SDG-Campus (https://sdg-campus.de/)
07.04.2026 | Katrin Schröder
Body, Mind & Soul - Die Kunst eines gesunden Lebens
Unsere sorgfältig zusammengestellten Kurse bieten dir wertvolle Einblicke und praktische Tipps, um Körper, Geist und Seele in Einklang zu bringen. Lerne, wie du durch Musik in Bewegung bleibst, deine Ernährung optimierst, Achtsamkeit in den Alltag bringst und deine Darmgesundheit förderst. Erfahre außerdem Wissenswertes zu Volkskrankheiten wie Bluthochdruck, Diabetes oder Asthma.
News-Life-Balance: Informiert bleiben, ohne auszubrennen
Du scrollst durch die Nachrichten und fühlst dich danach erschöpft, überfordert, vielleicht sogar müde von der Welt? Damit bist du nicht allein, und es gibt einen Weg da raus. Im Lernangebot „News-Life-Balance“ der TU Hamburg entwickelst du Schritt für Schritt deinen persönlichen Werkzeugkoffer für einen gesunden Nachrichtenkonsum. Egal, ob du Mediennutzer:in oder selbst Journalist:in bist: Mit Videos, Reflexionsaufgaben und konkreten Tools findest du deine eigene Balance zwischen Informiertsein und innerer Ruhe.
News-Life-Balance
Deine News-Life-Balance: Noch nie gehört? Kein Wunder, den meisten von uns fehlt sie wahrscheinlich. Immer mehr Menschen haben keine Lust mehr auf Nachrichten, auf den ersten Blick, weil sie so negativ sind. Doch Nachrichtenmüdigkeit hat viele Gründe – von der individuellen Verfassung bis zur fundamental veränderten Medienwelt – und ist eine Schutzreaktion auf ein komplexes Phänomen. Die Digitalisierung hat die Art, wie wir uns informieren, grundlegend verändert. Früher dominierten feste Nachrichten-Rituale: zum Frühstück die Tageszeitung, abends die Tageschau. Heute scheinen alle möglichen Arten von Nachrichten auf uns einzuprasseln – 24/7, ungefragt und eine gefühlt ständige Konfrontation mit zunehmend belastenden Inhalten. Distanz und Ruhe, um diese zu verarbeiten, drohen uns verloren zu gehen. Aktive Nachrichtenvermeidung scheint bisher der einzige Ausweg aus der Nachrichtenmüdigkeit zu sein. Doch was tun? Wie können wie in der heutigen Medienwelt noch informiert und gleichzeitig gesund und glücklich bleiben? Was wir brauchen, ist eine neue Balance zwischen Nachrichten und unserem Leben: eine „News-Life-Balance“. In diesem Lernangebot entwickeln wir Schritt für Schritt Deine individuelle „News-Life-Balance“. Eine Art Gebrauchsanweisung, die Dir - ob als Mediennutzende oder als Journalist*in - in Deinem Alltag dabei hilft, zu informieren bzw. informiert und gleichzeitig gesund und glücklich zu bleiben.
Das relative Energiedefizit: Zu viel Sport bei zu wenig Kalorien?
Wer viel trainiert, beispielsweise für einen Marathon, muss dem Körper auch viel Energie geben, sonst kann es zu einem relativen Energiedefizit kommen. Das äußert sich etwa durch ein schwächer werdendes Immunsystem, Zyklusproblemen bei Frauen oder auch einer geringeren Knochendichte. Was das relative Energiedefizit genau ist, erklärt die HAW Hamburg in ihrem Lernangebot.
Wissenschaft kurz erklärt: das relative Energiedefizit
Was ist das relative Energiedefizit im Sport? Hier erhältst du einen ersten Einstieg in dieses komplexe Thema.
Spielend gesund bleiben: So beugst du Verspannungen vor
Verspannungen – wer kennt sie nicht? Sie schleichen sich ein und machen sich in Schulter, Nacken, Kiefer, Armen oder Fingern bemerkbar. In Zeiten hoher Belastung können sie zur täglichen Qual werden. In unserem Lernangebot „Spielend gesund bleiben“ findest du Video-Übungen der Hochschule für Musik und Theater und des Universitätsklinikums Eppendorf, um Verspannungen zu lösen und vorzubeugen. Ursprünglich für Musiker:innen entwickelt, sind diese Übungen ein Segen für alle, die Entspannung und Schmerzlinderung suchen.
Spielend gesund bleiben
Gesundes Musizieren braucht einen gesunden Körper und wir zeigen Dir die Übungen dafür!
Medizin. Online. Verstehen.: Beschäftige dich proaktiv mit deiner Gesundheit
Den eigenen Körper besser verstehen – das möchte das Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) mit seinem Angebot „Medizin. Online. Verstehen“. Das Besondere: Die Expert:innen des UKE haben die Informationen zusammengestellt, um die Gesundheitskompetenz der Menschen zu erhöhen. Wichtige Informationen zu Krankheiten wie Brustkrebs, Schlaganfall oder Depressionen sind durch Videos und Texte verständlich erläutert. Sie bieten einen leichten und guten Überblick über Ursachen, Behandlung, Prognose und Forschung zu den jeweiligen Erkrankungen.
Medizin. Online. Verstehen.
In diesem Lernangebot stellen wir verschiedene Erkrankungen und deren Behandlung am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) in Form von kurzen Filmen und informativen Texten auf einer projekteigenen Webseite vor.
Stärkung der ethischen Reflexion im Gesundheitswesen: im Alltag des Pflegeberufes kompetent agieren
Praxisnahes Wissen rund um die palliative Versorgung, ethische Reflexion und interprofessionelle Entscheidungsfindung – das bietet dieses Lernangebot der HAW Hamburg. Du lernst von Expert:innen und profitierst von modernen Methoden, die dir helfen, im Alltag des Pflegeberufes kompetent zu agieren. Was du hier lernst, stärkt nicht nur dein Fachwissen, sondern auch deine Fähigkeit, die Lebensqualität der betreuten Menschen nachhaltig zu verbessern.
Stärkung der ethischen Reflexion im Gesundheitswesen (SeRAH)
Online-Fortbildung für Mitarbeitende im Gesundheitswesen zur Stärkung ihrer Kompetenzen in palliativer Versorgung, ethischer Reflexion und interprofessioneller Entscheidungsfindung.
Gesund durchs Studium: Ernährung, Achtsamkeit und der Umgang mit Konflikten
Gesundheitskompetenz bedeutet, im Alltag so zu handeln, dass es dir gut geht. Dazu gehören nicht nur eine gesunde Ernährung, sondern auch Resilienz, Achtsamkeit und der Umgang mit Konflikten. Aber wie schaffst du das im stressigen Studien- oder Arbeitsalltag? In dem Lernangebot „Gesund durchs Studium“ der HAW Hamburg findest du praxisnahe Anleitungen, spannende Quizzes und den unterhaltsamen Podcast „fit & fröhlich“. So lernst du auf lockere Art und Weise, wie du gesünder durch den Alltag kommst.
Gesund durchs Studium
Gesund durchs Studium und noch viel weiter? Wie das gehen kann und was das bedeutet, findest du hier heraus.
Well Beings: Eine Ausstellung über Panikattacken und Depressionen
Well Beings ist ein Projekt von Valentina Karga, Professorin an der HFBK Hamburg. Es befasst sich mit den psychischen Folgen des Klimawandels, wie der Angst vor dem Untergang, Panikattacken und Depressionen. Der Markt reagiert darauf mit Gewichtsdecken, Umarmungskissen und Plüschtieren. Inspiriert durch diese Produkte und durch prähistorische Idole aus dem Museum für Kunst und Gewebe, schuf Karga interaktive Figuren aus recycelten Materialien. Besucher:innen konnten diese in einer Ausstellung berühren und umarmen. In dem Lernangebot der HFBK können Eindrücke der Arbeit Kargas mit Vorträgen, Diskussionen und Lesungen nachempfunden werden.
Well Beings in Times of Climate Anxiety
In Well Beings, an interactive installation by the artist Valentina Karga, visitors can confront their feelings, worries and fears about the climate crisis. Due to the immediate consequences of climate change, more and more people suffer from a chronic fear of doom, which is accompanied by feelings of helplessness, anger or guilt and can lead to panic attacks, nervousness, sleep disorders and even depression. The market has responded to this anxiety with a huge range of consumer products such as weighted blankets, hug pillows and stuffed animals. These objects inspire Karga and form the starting point for her work. At the same time, she discovered idols - prehistoric figures of abstracted creatures made of marble and clay - in the museum's Antiquities Collection. For the artist, they represent a distinct cultural heritage, and symbolize a closeness to nature. Using natural and recycled materials, she has created figures and forms based on the idols that visitors can touch and embrace.
Epidemic Disease Detective Hamburg (EDDi): Detektivarbeit gegen Epidemie
Die Pest, die Spanische Grippe und COVID-19 – Epidemien waren immer Teil der Menschheitsgeschichte und werden auch in Zukunft eine Bedrohung für die globale Gesundheit darstellen. Gleichzeitig arbeiten Akteure der öffentlichen Gesundheit zusammen, um Ausbrüchen von Infektionskrankheiten entgegenzuwirken und deren Ursachen aufzuspüren – eine echte Detektivarbeit! EDDi – Epidemic Disease Detective Hamburg – macht diese Arbeit lebendig, indem sie eine interaktive Schulungsressource bereitstellt, die in erster Linie für den Einsatz im Hochschulbereich konzipiert ist, und erzählt die Geschichte eines Krankheitsausbruchs in Hamburg. Das Angebot hat die HAW Hamburg konzipiert.
EDDi - Epidemic Disease Detective Hamburg
Epidemic Disease Detective - Tracking down Infectious Diseases! A playful Open Educational Resource to learn about infectious disease epidemiology.
Nudging in der Ernährung: Wie kleine Schubser zu besserer Gesundheit führen
Gesunde Ernährung beginnt oft mit kleinen Entscheidungen – doch was wäre, wenn uns diese Entscheidungen leichter gemacht würden? Dank Nudging, einem cleveren Konzept der Verhaltensökonomie, werden wir beispielsweise im Supermarkt subtil zu besseren Lebensmitteln „geschubst“. Erfahre im Lernangebot der HAW Hamburg, wie diese unsichtbaren Anstupser funktionieren und wie sie dir helfen können, gesündere Entscheidungen zu treffen – ganz ohne Zwang!
Nudging in der Ernährung
Grundlagen für die Anwendung von Nudging im Bereich der Ernährung und Gesundheit.
IRIS – Individual Resorbable Intestinal Stents: Die Heilung des Darms im Fokus
Medizin trifft Technik: Im Lernangebot „IRIS“ des UKE und der TU Hamburg werden resorbierbare Darmstents entwickelt, um die Wundheilung bei Darmdefekten schneller und nachhaltiger zu gestalten. Mediziner:innen, Betroffene und Angehörige können mit den Informationen ihr Wissen für Verletzungen, Gefahren und Herausforderungen bei der Heilung von Darmverletzungen erweitern. Es gibt auch einen Einblick, wie Verletzungen im Darmbereich entstehen können und welche besonderen Herausforderungen im Dünndarmbereich bestehen, um die Wundheilung zu gewährleisten.
IRIS - Individual Resorbable Intestinal Stents
In diesem Lernangebot geht es um den Entwicklungsprozess von individuellen resorbierbaren Darmstents.
Unsere Events für dich
5. Digitaler Fachtag: Rhythmik / Musik & Bewegung
Spannende Einblicke, anregende Diskussionen und ein vielseitiges Programm mit Fachleuten aus Wissenschaft und Praxis erwartet Sie! Wir freuen uns auf ein Artist-Interview mit Emilie Groz (AT) sowie Vorträgen von Hanne […]
Live-Podcast „Ehrencast“
Wie engagieren sich Menschen für unsere Gesellschaft – und warum tun sie das eigentlich? In unserem Live-Podcast „Ehrencast“ geben Ehrenamtliche persönliche Einblicke in ihre Erfahrungen, Beweggründe und Herausforderungen. Die Moderation […]
KI-Werkstatt: KI in der Hochschullehre
Unter dem Titel “KI in der Hochschullehre – Perspektiven, Praxis und Austausch” veranstalten wir am Donnerstag, 4. Juni von 14:00–17:15 Uhr eine KI-Werkstatt. Diese findet in Präsenz im Forum Finkenau […]
Denkstoff für dich: Unsere Themenwelten
Bild: Sasun Bughdaryan/Unsplash
07.04.2026 | Meena Stavesand
Im Labyrinth der Symptome: Facharzt spricht über langen Weg zur Diagnose bei seltenen Erkrankungen
Zum Weltgesundheitstag (7. April) sprechen wir mit dem Oberarzt Dr. Fabian Braun vom UKE über die Thematik und wie viele Menschen betroffen sind. Es sind mehr als gedacht.
Dr. Fabian Braun ist Internist und unter anderem Oberarzt im Martin Zeitz Centrum für Seltene Erkrankungen des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE). Im Interview erläutert er, wie oft so genannte seltene Erkrankungen wirklich vorkommen, wie die Suche nach der richtigen Diagnose und der passenden Therapie aussieht und an welche Patientin er sich wohl sein Leben lang erinnern wird. In diesem Lernangebot des UKE werden seltene Erkrankungen im Detail erläutert.
Seltene Erkrankungen.Online.Verstehen.
Die Symptome einer seltenen Erkrankung sind in der Regel sehr komplex. Deshalb ist es oft nicht leicht, sofort die Ursache zu finden. Oft fehlt jedoch der Zugang zu verlässlichen Informationen bezüglich Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten.
Dr. Braun, was definiert eine Krankheit als „selten“ und wie viele Menschen sind weltweit und in Deutschland davon betroffen?
Dr. Fabian Braun: Die Definition ist rein statistischer Natur im Moment. Das heißt: Wenn eine Erkrankung seltener oder gleich 1 auf 2000 Personen auftritt, sprechen wir von einer seltenen Erkrankung. Damit haben wir in Deutschland etwa zwischen vier und fünf Millionen Betroffene. Daran merkt man auch, dass seltene Erkrankungen gar nicht so selten vorkommen, wenn wir alle Fälle zusammennehmen, sondern wir viele Patientinnen und Patienten deutschlandweit haben, die an individuellen seltenen Erkrankungen leiden.
In der EU sind es circa 30 Millionen Betroffene, weltweit gehen wir von über 300 Millionen Menschen aus. Es gibt auch regionale Unterschiede bezüglich der Häufigkeit bestimmter Erkrankungen, die in unseren Breitengraden beispielsweise als selten anzusehen sind, während sie in anderen Teilen der Welt häufiger vorkommen. Aber man merkt an diesen Zahlen, dass das Gebiet der seltenen Erkrankungen ein großes sozialmedizinisches Problem darstellt
Können Sie das in Relation setzen zu einer „Volkskrankheit“ wie Diabetes mellitus?
Dr. Braun: Insbesondere Diabetes mellitus des Typs 2 ist in Deutschland weit verbreitet. Wir bewegen uns hier in einem Bereich von fast 10 Prozent, also 1 auf 10 Betroffene.
Für Krankheiten wie Diabetes mellitus gibt es durch die Häufigkeit eine große Studienlage. Das ist bei seltenen Erkrankungen nicht der Fall. Welche Herausforderungen ergeben sich daraus?
Dr. Fabian Braun: Die Diagnose ist das erste Problem. Denn wir arbeiten im medizinischen System nach dem Motto: Häufig ist es häufig, selten ist es selten. Das klingt furchtbar trivial, aber dementsprechend hat man die meisten Berührungspunkte und auch die größte Erfahrung mit häufigeren Krankheitsbildern. Das ist dann noch einmal abhängig davon, wo man als Medizinerin oder Mediziner tätig ist. Die Allgemeinmedizinerin in der Stadt beispielsweise wird natürlich viel öfter Husten, Schnupfen, Heiserkeit, Bluthochdruck oder Diabetes sehen als beispielsweise die Nephrologin bei uns in der Uniklinik, die sich dann in manchen Fällen mit seltenen Nierenerkrankungen auseinandersetzen muss.
Generell kommt bei der Diagnostik die Problematik hinzu, dass man als Arzt oder Ärztin erst einmal daran denken muss, dass es eine seltene Erkrankung sein könnte, da ein Großteil dieser mit sehr gängigen Symptomen auftritt. Es sind selten Blickdiagnosen – diese gibt es vor allem bei Betroffenen im Kindesalter. Manche Symptome demaskieren sich allerdings auch erst nach der Adoleszenz (also im Erwachsenenalter) und treten dann mit Symptomen auf, die wir bei vielen häufigen Erkrankungen sehen. Das macht eine Diagnose schwieriger.

Wenn man auf dem richtigen Weg ist, sind wir in der Diagnostik zum Glück ein großes Stück weitergekommen. Das fängt bei metabolischen Untersuchungen an, die wir aus dem Blut direkt testen können, sprich, ob bestimmte Abbauprodukte zum Beispiel nicht vernünftig ausgeschieden werden können, und geht weiter bis wirklich tiefste genetische Diagnostik, die wir mittlerweile mit vertretbaren Kosten durchführen können. Das führt dazu, dass die Gruppe der seltenen Erkrankungen anwächst. Therapie und die Erfahrungen mit Therapie sind dann der Anschlusspunkt. Wenn es nur sechs Fälle weltweit gibt, kann man nicht von statistischen Verläufen sprechen, sondern ist wirklich in einem Extrembereich, in dem man auf seine Expertise, aber auch auf das eigene medizinische Gefühl angewiesen ist.
Eine weitere Herausforderung war früher, dass die Entwicklung von Medikamenten für seltene Erkrankungen lange für die Pharmafirmen nicht rentabel gewesen ist. Das hat sich mittlerweile geändert. Allerdings stellt dies auch das Gesundheitssystem vor Herausforderungen, weil wir hier von Therapiekosten sprechen, die schnell eine halbe Million Euro pro Jahr betragen können.
Wie läuft das meistens ab? Mir geht es nicht gut und ich überlege, zum Arzt zu gehen. Der erste Weg führt mich dann zu meinem Hausarzt. Was passiert danach?
Dr. Fabian Braun: Es gibt unterschiedliche Wege, wie Sie schlussendlich zu uns finden. Wenn Ihre hausärztliche Praxis schon Hinweise findet, dass ein bestimmtes Organsystem betroffen ist – und nur das –, dann haben Sie die Möglichkeit, zu einem Facharzt oder einer Fachärztin für dieses Organ zu gehen. Diese Facharztpraxis entscheidet dann nach weiteren Untersuchungen, ob es noch intensivere Expertenmeinungen braucht und involviert uns als Centrum für seltene Erkrankungen oder direkt eine Spezialambulanz oder -abteilung im UKE. Sobald es mehrere Organsysteme trifft, kann dieser Weg schwieriger werden, weil es dann häufig unterschiedliche Befunde gibt, die teilweise nicht alle dramatisch beziehungsweise noch in der Anfangsphase sind, sich aber häufen. Und wenn tatsächlich der Verdacht auf eine seltene Erkrankung besteht, die aber nicht genau zu fassen ist, dann gibt es die Möglichkeit, dass Sie bei uns im Zentrum für seltene Erkrankungen des UKE vorgestellt werden. Davon gibt es in Deutschland über 30.
Meistens erhalten wir ein zweiseitiges Dokument, indem die hausärztliche oder fachärztliche Praxis die Hauptsymptome erläutert. Wir erfassen das und versuchen, weiterzuhelfen. Im Zweifelsfall lassen wir uns die Akte schicken, die auch hunderte Seiten stark sein kann. In einem Extremfall hatte eine Patientin zwei Aktenschränke mit Befunden zu Hause stehen, das können wir nicht durcharbeiten, da sind wir auf die Mithilfe der behandelnden Praxen angewiesen.

Wie geht es weiter, wenn Sie die wichtigsten Informationen vorliegen haben?
Dr. Fabian Braun: Liegen die wichtigsten Informationen vor, diskutieren wir das interdisziplinär im Gremium. Darin sitzen Spezialistinnen und Spezialisten aus der Humangenetik, aus der Gastroenterologie, Neurologie, Psychosomatik und Nephrologie. Wenn Kinder betroffen sind, holen wir uns die Pädiatrie hinzu. Wir konsultieren bei Bedarf auch andere UKE interne Kliniken, z.B. die Kardiologie. Manchmal ergibt es das Krankheitsbild, dass wir Betroffene direkt in die spezialisierten Zentren schicken können. Doch manchmal ist der Befund unklar und wir führen zum Beispiel selbst eine genetische Diagnostik durch. Sobald wir Anhaltspunkte haben, können wir die Betroffenen an die Spezialambulanzen vermitteln. Das ist unser Job: den Patientinnen und Patienten schnell helfen, indem wir sie an die Expertinnen und Experten verweisen.
Ihr Beispiel mit der Schrankwand ist eindrücklich. Der Leidensweg für die Betroffenen ist oftmals sehr lang ist, richtig?
Dr. Fabian Braun: Ja. Durchschnittlich kann man sagen, dass es fünf Jahre dauert, bis eine seltene Erkrankung diagnostiziert ist. Und bei diesem Durchschnittswert muss man bedenken, dass er viele Kinder inkludiert, die sehr früh diagnostiziert werden. Das heißt im Umkehrschluss, die Zeitspanne reicht von ein paar Wochen bis hin zu Jahrzehnten.
Können Sie ein Beispiel für eine seltene Krankheit geben?
Dr. Fabian Braun: Da möchte ich ein Beispiel aus meinem Forschungsgebiet der Nephrologie, also der Nierenheilkunde, anführen. Das ist der Morbus Fabry, eine seltene Stoffwechselerkrankung, die genetisch vererbt wird. Das Problem ist ein sehr diffuses Krankheitsbild. Es fängt meistens im Kindesalter mit Schmerzen in den Händen und Füßen und mit Bauchschmerzen und Verdauungsauffälligkeiten an. Und da werden die meisten schon denken: Ja, Kinder haben mal Bauchschmerzen, Verstopfung oder Durchfall. Das macht es ganz schwierig, schon in diesem Stadium die Krankheit zu diagnostizieren.
Im weiteren Verlauf kommt es zu Hautveränderungen, die auftreten können, aber auch nicht übermäßig sein müssen. Die Schmerzen an den Händen und Füßen, die sich vor allem bei Hitze und Kälte verstärken können, nehmen irgendwann ab, weil die Nervenzellen kaputt gehen. Danach kommt es zu stärkeren Organbeteiligungen. Es kommt zu einer Beeinträchtigung der Nierenfunktion, es kommt zu einer Beeinträchtigung des Herzens, es kommt zu frühen Schlaganfällen. Vor 23 Jahren hatten wir dafür wenig Therapien, was zu einer deutlich verkürzten Lebenserwartung geführt hat. Das hat sich glücklicherweise geändert. Aber Morbus Fabry ist ein typisches Beispiel, das vor allem früher, als es noch sehr wenige Fälle gab und die Studienlage dünn war, eine Diagnostik aufgrund des diffusen Krankheitsbildes und damit auch die Therapie schwierig waren.
Können Sie über einen besonders bemerkenswerten Fall in Ihrer Karriere berichten, bei dem die Behandlung erfolgreich war?
Dr. Fabian Braun: Ja, das ist tatsächlich die erste Patientin gewesen, die ich jemals ärztlich betreut habe. Die allererste Patientin, die ich aufgenommen habe, als ich in Köln meine Ausbildung in innerer Medizin und Nephrologie begonnen habe. Sie hatte ein seltenes Krankheitsbild, eine sogenannte TTP (thrombotisch thrombozytopene Purpura): Bei ihr kam es zu einem Verbrauch der Blutplättchen und gleichzeitig zu einer Zerstörung der roten Blutkörperchen, was unter anderem die Nieren beeinträchtigte. Wir haben die Patientin dann entsprechend behandelt, worauf ich jetzt nicht im Detail eingehe.
Dieses Krankheitsbild besserte sich zwar, aber die Frau entwickelte eine schwere Darmerkrankung mit einer granulomatösen Entzündung in den Dünndarmbereichen, die wir nicht verstanden haben. Sie konnte Nahrung nicht mehr vernünftig aufnehmen und musste lange über die Vene ernährt werden. Ich war ein halbes Jahr auf der Station tätig. Die Patientin war die ganze Zeit da und wurde von mir betreut. Durch weitere Proben und Test hatten wir dann den Verdacht, dass es eine Erkrankung sein könnte, die bisher erst fünfmal weltweit beschrieben worden ist. Wir bewegen uns hier in dem extrem seltenen Bereich. Die Diagnose lautete dann: ideopathische nicht-granulomatöse ulzerative Jejunoileitis.
Konnten Sie der Patientin helfen?
Dr. Fabian Braun: Ja, ich habe ihr an meinem letzten Tag, bevor ich in meiner Ausbildung weiter rotiert bin, ein Medikament verabreicht, das zu den Immunsuppressiva oder den Immunmodulatoren zählt. Das war meine letzte gute Tat, die ich an der Patientin vollbringen konnte, denn danach hat sich das Krankheitsbild tatsächlich gebessert. Ich habe im Vorfeld des Interviews noch einmal bei den Kolleginnen und Kollegen in Köln nachgefragt, ob sie damit auch weiterhin beschwerdefrei ist. Ist sie. Sie bekommt das Medikament regelmäßig. Also, das ist ein Fall, der mich wahrscheinlich mein Leben lang begleiten wird. Sie ist, soweit ich das überblicken kann, bisher die einzige Patientin, die weltweit jemals die Kombination dieser beiden Krankheitsbilder hatte.

Bei solch seltenen Fällen hilft Aufklärung – unter Medizinerinnen und Medizinern, aber auch in der Bevölkerung. Was können wir in der Gesellschaft tun, um das Bewusstsein für seltene Krankheiten zu erhöhen?
Dr. Fabian Braun: Ja, Aufklärung ist sehr wichtig. Also auch das, was wir mit diesem Interview tun, ist genau das Richtige. Ich fasse das mit dem Wort Awareness zusammen – meine damit aber weniger die Patientinnen und Patienten, sondern mehr das medizinische Fachpersonal, die Ärztinnen und Ärzte, aber auch die Pflegerinnen und Pfleger. Wir arbeiten immer im Team und besprechen uns. Da ist es hilfreich, wenn beispielsweise jemand gerade eine Fortbildung zu Morbus Fabry durchlaufen hat, von neusten Erkenntnissen weiß und diese in die Diagnostik einbringt. Dann können wir testen und den Betroffenen schneller helfen. Betroffene selbst sollten bei Beschwerden nicht zu lange warten, sondern die Hausarztpraxis aufsuchen – oder im schlimmsten Fall natürlich die Notfallambulanzen.
Über Dr. Fabian Braun
Dr. Fabian Braun ist Facharzt für Innere Medizin und geschäftsführender Oberarzt der III. Medizinischen Klinik sowie klinischer Leiter für Innere Medizin des Martin Zeitz Centrums für Seltene Erkrankungen des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf. Als Mitarbeiter der Ambulanz für genetische Nierenerkrankungen beschäftigt er sich seit Jahren klinisch mit seltenen renalen Erkrankungen und ist der Hauptansprechpartner für Fabry Patient:innen mit Nierenbeteiligung am UKE. Wissenschaftlich adressiert seine Arbeitsgruppe die intrazelluläre Signaltransduktion mittels Extrazellularvesikeln in seltenen Nierenerkanungen wie der fokal segmentalen Glomerulosklerose, membranösen Nephropathie und rapid progredienten Glomerulonephritis. Seit seiner Promotion an der Universität zu Köln beschäftigt er sich mit der molekularen Pathologie der Podozytopathie im Rahmen des Morbus Fabry mit dem stetigen Bestreben neuartige und informative in vitro und in vivo Systeme zu entwickeln. Mit seinem Wechsel nach Hamburg konnte er vor allem die Techniken des in vitro Disease Modelling von Morbus Fabry mittels induzierten pluripotenten Stammzellen und Organoidsystemen weiter vorantreiben und einen speziellen Fokus auf Substrat-unabhängige Krankheitsmechanismen legen. Während der COVID-19-Pandemie trug Dr. Braun darüber hinaus wesentliche Anteile zu den Studien zum Multiorgantropismus von SARS-CoV-2 und dessen Auswirkungen auf die Niere und Leber bei.

Mehr zu Seltenen Erkrankungen
Das UKE hat auf seiner Webseite noch weitere Informationen zu Erkrankungen, die nur sehr selten auftreten. Unter hoou-uke.de gibt es auch Wissenswertes über gesellschaftlich sehr relevante Erkrankungen wie Diabetes mellitus oder Herzinsuffizienz.