Zu sehen ist ein kleines Pflänzchen, das aus dem Boden kommt.

Bild: Roman Synkevych / Unsplash

03.02.2026 | hoouadmin

Die Macht der Böden – Warum Böden wichtiger für uns sind, als wir denken

Böden sind wahre Meister, wenn es darum geht, Wasser zu speichern, Schadstoffe zu filtern und Pflanzen mit Nährstoffen zu versorgen. Sie bilden die Grundlage für unsere Ernährung, sorgen für sauberes Trinkwasser und können sogar Auswirkungen der Klimakrise abmildern. Trotzdem wird ihre Wirkung regelmäßig unterschätzt. Warum sich das ändern muss, was sie an Böden fasziniert und wie wichtig gesunde Böden für unser Ökosystem sind, erklärt Jana Rose, Wissenschaftlerin an der TU Hamburg, im Interview. Sie hat mit ihrem Team das Lernangebot „Good soil, good future“ erstellt. Das Interview führte Stefanie Eisenreich.

Jana, warum sollten wir uns mehr für unsere Böden interessieren?

Wir alle werden direkt vom Zustand des Bodens beeinflusst. Wenn wir kontaminierten Boden haben, kontaminieren wir uns selbst. Wenn der Boden Schadstoffe hat, dann sind diese im Wasser, das wir trinken oder in den Lebensmitteln, die wir essen. Ich kenne ein Beispiel, bei dem ein Chemiekonzern große Landstriche mit Cadmium kontaminiert hat, und die Landwirte, die dort anbauten, hatten sehr hohe Konzentrationen von Cadmium in ihren Karotten und Kartoffeln. Die Menschen haben unwissentlich über eine Generation lang kontaminierte Lebensmittel gegessen. Der direkte Bezug ist für jeden gegeben.

Das Kursbild zum Lernangebot:  good soil, good future - Healthy soil regenerates resources

good soil, good future - Healthy soil regenerates resources

Fruit and vegetables nowadays contain fewer nutrients than in the past. This is because soils are severely degraded and provide plants with fewer nutrients. Conventional agricultural practices not only degrade the soil and reduce its fertility but also pollute water bodies. The “good soil, good future” course explains the methods that can be used to improve this condition and how they affect various soil parameters such as water storage capacity and nutrient content. It also suggests simple experiments you can carry out to check and improve soil conditions, whether in your houseplants, garden, or field.

Zum Lernangebot

Was fasziniert dich am meisten am Thema Boden?

Während meiner Bachelorarbeit habe ich mich intensiv mit Lehmsteinen beschäftigt. Mich begeisterte der Gedanke, dass man von Materialien wegkommt, die nur Müll verursachen. Trotz des deutlichen Rückgangs machten zum Beispiel im Jahr 2023 die Bau- und Abbruchabfälle mit knapp 200 Millionen Tonnen weiterhin den Großteil des Gesamtabfallaufkommens aus (52 %). Lehmsteine hingegen werden aus Boden hergestellt. Sie können einfach in Wasser eingeweicht werden, lösen sich auf und sind somit wiederverwendbar. Neben der Nutzung von Boden als Baumaterial, ist das Faszinierendste jedoch, dass er die Grundlage für unsere Lebensmittel und für sauberes Wasser ist. Leider vergessen wir oft, dass der Boden unser Fundament ist und behandeln ihn wie Dreck.

Und trotzdem bekommt der Boden viel zu wenig Aufmerksamkeit.

Ja, es werden Millionen investiert, um Produkte zu vermarkten – für den perfekten „Crunch“ oder die perfekte Kombination aus süß, salzig, crunchy und weich, wie bei Oreo-Keksen. Aber es wird kein Marketing für eine gesunde Banane gemacht. Ähnlich ist es in der Landwirtschaft: Es wird viel Geld in die Erforschung der Effekte agrochemischer Produkte gesteckt. Natürliche Heilquellen wie Kurkuma aber können nicht patentiert werden, und Firmen können damit kein Geld verdienen. Wir haben jedoch mit unserem Projekt Glück, dass wir von Wasserversorgern finanziert werden, deren einziger Fokus sauberes Trinkwasser ist und die kein kommerzielles Verkaufsinteresse haben.

In deinen Forschungen geht es auch um unsere Trinkwasserversorgung. Wir hören oft von drohenden Wasserkrisen – auch wegen sinkender Grundwasserspiegel. Wie ordnest du das ein?

Ich nutze gerne die Anekdote eines Klimaforschers, der sagte: Eine Tasse steht am Rand eines Tisches im Gleichgewicht. Wenn wir sie immer weiterschieben, fällt sie irgendwann runter und zerspringt in Splitter. Sie ist dann zwar wieder im Gleichgewicht, aber es ist ein anderes Gleichgewicht als vorher. Das ist vergleichbar mit dem Klimawandel. Wir müssten jetzt extrem viel machen, um zu verhindern, dass die Tasse herunterfällt. In der Region unseres Forschungsprojekts sehen wir auf jeden Fall, dass die Grundwasserspiegel sinken, und das ist ein Problem, das es überall auf der Erde gibt. Wir denken immer, Grundwasser ist endlos vorhanden und Wasser gibt es überall, aber das stimmt nicht. Süßwasser ist eine endliche Ressource.

Das Bild zur Podcastepisode: good soil, good future – Podcast

good soil, good future – Podcast

Boden und Wasser hängen enger zusammen, als viele denken. Kann der Boden Wasser und Nährstoffe gut aufnehmen, bleiben sie im natürlichen Kreislauf. Ist er jedoch geschwächt, werden Stoffe ausgewaschen und gelangen in Flüsse, Seen oder ins Grundwasser. Besonders Rückstände aus Düngemitteln wie Nitrat können dort Umwelt, Tiere und auch uns Menschen belasten. Im „Wissenschaft kurz erklärt”-Podcast „Guter Boden, gutes Wasser” bekommst du einen verständlichen Überblick über diese Zusammenhänge. In einem Gespräch mit zwei Expert*innen aus Wissenschaft und Praxis erfährst du, warum Böden in gutem Zustand die Grundlage für sauberes Trinkwasser sind – und welche einfachen Schritte du selbst im Alltag gehen kannst, um Boden und Wasser zu schützen.

Zur Episode

Du sprichst in eurer Podcastfolge mit dem Vorstand des bayrischen Trinkwasserschutzes Oberpfalz über steigende Nitratwerte im Grundwasser durch Überdüngung. Wie hängt das mit dem sinkenden Grundwasserspiegel zusammen?

Wenn wir weniger Wasser haben, aber den gleichen Schadstoffeintrag, dann haben wir umso mehr Schadstoff im Wasser. Das Herausfiltern dieser Stoffe verursacht sehr hohe Kosten. Wasserversorger vermeiden es deshalb, wenn es nicht gesetzlich vorgegeben ist. Das bedeutet, viele Stoffe bleiben dann im Grundwasser und kontaminieren in der Folge unser Trinkwasser. Deshalb sind solche Trinkwasserkooperationen wie die in Bayern ein wichtiger Teil der Lösung.

Laut Umweltbundesamt sind etwa 45 Prozent aller Siedlungs- und Verkehrsflächen in Deutschland versiegelt, also bebaut, asphaltiert oder anderweitig befestigt. Welche Rolle spielt das für den Boden und unser Trinkwasser?

Flächenversiegelung ist die Vollkatastrophe für den Boden. Es wird ihm sozusagen die obere Haut abgeschnitten. Er kann nicht mehr atmen. Wir zerstören damit alles, was sich darunter befindet. Insbesondere in Städten führt Versiegelung dazu, dass wir keine Grundwasserauffüllung mehr haben. Das Wasser versickert nicht nach unten, sondern geht in die Kanalisation, wird gereinigt und fließt in die Flüsse und dann ins Meer. Das saubere Trinkwasser ist damit weg und kann nicht in den Kreislauf zurückkehren. Versiegelung führt auch zu einem Temperaturanstieg – in Städten haben wir ein Mikroklima mit bis zu 2 Grad mehr. Wir zerstören das komplette Habitat für Mikroorganismen und Vögel.

Welche Schritte müssten wir gehen, um eine Veränderung einzuleiten?

Als Erstes muss ein Bewusstsein dafür entstehen. Wir sollten nicht versuchen, besser als die Natur zu sein, indem wir irgendwelche Produkte entwickeln, sondern die Natur nachahmen. Ich glaube, wir haben eigentlich alle Lösungen schon parat, wir wenden sie nur nicht an. Im Alltag können wir auf individueller Ebene aber alle sehr leicht Dinge tun, die den Boden und unser Trinkwasser schützen. Wir können Wasser sparen, im eigenen Garten oder vor dem Haus Flächenversiegelung vermeiden, mit Wurmboxen dazu beitragen, die Nährstoffe ihrem natürlichen Kreislauf zurückzuführen, auf richtiges Recycling achten oder auch die ein oder andere Jeans weniger kaufen. All unsere Konsumentscheidungen tragen letztlich auch dazu bei, wie gut unsere Trinkwasserversorgung ist.

Über Jana Maria-Magdalena Rose

Jana Maria-Magdalena Rose forscht an der TU Hamburg in Kooperation mit der Hamburg Open Online University zum Thema Bodengesundheit. Jana studierte Bau- und Umweltingenieurwesen und wollte ursprünglich Bauingenieurin werden. Später kam sie zur Hydrogeologie, um der Geschichte (und damit auch ihrer Faszination) von Böden auf den Grund zu gehen. Derzeit widmet sich Jana in ihrer Promotion dem Zusammenhang zwischen Bodenbearbeitung und dem im Boden vorherrschenden Mikrobiom.