Bild: Moe Magners / pexels.com
13.07.2026 | Meena Stavesand
Wie man gemeinsam lernt, wenn niemand die Antworten vorgibt
Kein:e Dozent:in, keine Prüfung, kein Druck – und trotzdem lernen alle. In einem Learning Circle sitzen Menschen zusammen, die sich vorher nicht kannten, und arbeiten sich gemeinsam über mehrere Wochen in ein Thema ein. Wie das funktioniert, warum hier niemand „funktionieren“ muss und für wen diese Art zu lernen das Richtige ist, haben wir mit Gabi Fahrenkrog besprochen, die zuletzt den Learning Circle zur Gemeinwohl-Ökonomie an der HAW Hamburg geleitet hat.
Ein Raum, ein Tisch, ein paar Menschen über ihre Materialien gebeugt. Es ist still oder es summt vor Gesprächen, je nachdem, wann man hereinkommt. Niemand steht á la Frontalunterricht vorne und spricht. Es gibt keine Folien und natürlich auch keine Noten am Ende. Und doch passiert hier etwas, das viele aus ihrer eigenen Schul- und Studienzeit so nicht kennen. Was genau das ist, lässt sich am besten von jemandem erklären, die schon viele dieser Runden begleitet hat: Gabi Fahrenkrog. Sie ist Expertin für so genannte Learning Circles.
Gabi, stell dir vor, ich komme zum ersten Mal zu einem Learning Circle. Die Tür geht auf – was erlebe ich?
Gabi Fahrenkrog: Das kommt darauf an, wann du dazukommst. Vielleicht ist es total leise, weil alle gerade in die Materialien vertieft sind. Vielleicht ist es aber auch sehr lebendig – denn das Lernen passiert hier zu großen Teilen über den Austausch zwischen den Teilnehmenden. Beides ist möglich: Du kommst rein und es ist ganz still, oder du kommst rein und zack, es ist voller Leben.
Das klingt nach einer entspannten Lernatmosphäre. Heißt das, ich kann als Teilnehmende hier nichts falsch machen?
Das ist es auch. Bei uns muss niemand funktionieren. Es steht nicht das Ergebnis im Vordergrund, sondern das Wie. Jede Stimme hat das gleiche Gewicht, und alles ist als Einladung gedacht – zum gemeinsamen Lernen und zum Lernen voneinander.
Am Anfang sind die Leute oft zurückhaltend und trauen sich nicht recht, etwas zu sagen – gerade zuzugeben, dass man etwas nicht verstanden hat, ist in einer Gruppe von Fremden schwierig. Aber ich als Leiterin bin selbst eine Lernende und Teil der Gruppe. Wenn ich genau das ausspreche, mich also als nicht perfekt zeige und sage, dass ich noch viele Fragen habe, öffnet das die Tür.
Dann wird es auch für alle anderen einfacher. Das war bisher jedes Mal ein Türöffner.
Bei deinen Learning Circles steht niemand vorne und doziert, alle bringen sich mit ein. Warum passt das zu Themen wie Nachhaltigkeit oder Gemeinwohl-Ökonomie wie zuletzt an der HAW Hamburg?
Bei der Gemeinwohl-Ökonomie steckt es schon im Begriff: Gemeinwohl. Es geht darum, gemeinsam etwas voranzubringen. Dafür ist ein Learning Circle als Format besonders geeignet, weil wir uns auf Augenhöhe begegnen – das ist ein zutiefst demokratisches Vorgehen.
Wenn der Kern von Demokratie das gemeinsame Gestalten und Bewegen von Dingen ist, dann bildet ein Learning Circle genau das im Kleinen ab. Deshalb halte ich diese Kombination für sehr gelungen: gemeinsam lernen, Wissen teilen, sich auf gleicher Höhe verständigen.

Teilnehmen kann jede:r. Es gibt keine Voraussetzung – wirklich jede Person, ganz unabhängig davon, wer sie ist oder woher sie kommt, kann dabei sein. Das Einzige, was es braucht, ist Interesse am Thema und am gemeinsamen Austausch.Gabi Fahrenkrog
Brauche ich Vorwissen? Wer darf mitmachen?
Teilnehmen kann jede:r. Es gibt keine Voraussetzung – wirklich jede Person, ganz unabhängig davon, wer sie ist oder woher sie kommt, kann dabei sein. Das Einzige, was es braucht, ist Interesse am Thema und am gemeinsamen Austausch.
Bei uns kamen die Teilnehmenden aus ganz unterschiedlichen Bereichen: Menschen, die in der Gemeinwohl-Ökonomie-Bewegung schon aktiv sind, ein Lehrer, eine Frau aus dem Personalmanagement, eine Studierende – und auch altersmäßig war es bunt gemischt.
Dadurch, dass das Angebot von Hochschulen kommt, erreichen wir aber natürlich eine bestimmte Gruppe. Ich wäre sehr gespannt darauf, das einmal breiter zu streuen, wirklich in die ganze Stadtgesellschaft hinein, und zu sehen, ob wir dann auch Menschen ohne akademischen Hintergrund gewinnen. Das fände ich spannend.
Gab es einen Moment, in dem du gemerkt hast: Das Format funktioniert?
Den gibt es jedes Mal – nämlich genau dann, wenn die Menschen wirklich anfangen, miteinander zu interagieren, in den Austausch gehen, die Themen diskutieren und etwas Gemeinschaftliches entsteht. Das muss nicht heißen, dass alle als eine große Gruppe arbeiten; oft bilden sich auch kleinere Gruppen. Aber sobald das passiert, ist der Weg zum Erfolg bereitet. Garantieren kann ich das aber nicht, anregen schon. Und dann nimmt es eine eigene Dynamik auf.
Dass das Format funktioniert, sehe ich auch immer daran, dass die Teilnehmenden weitermachen wollen. Nach meinem ersten Learning Circle, der digital stattfand, hatten alle Lust, sich weiter mit dem Thema zu beschäftigen. Im zweiten Learning Circle zur Gemeinwohl-Ökonomie an der HAW Hamburg waren Zweidrittel der Teilnehmenden so begeistert, dass sie selbst Ideen eingebracht haben, was sie gerne machen würden. Daraus ist der dritte Learning Circle entstanden. Mit den Menschen aus dem Einstiegskurs haben wir dort OER, also offene Bildungsmaterialien, zur Gemeinwohl-Ökonomie erarbeitet. Das zeigt: Die Leute haben Spaß an dem Format.
Wie läuft ein Treffen konkret ab – welche Rolle hast du als Leiterin?
Meine Aufgabe ist es vor allem, den Rahmen zu geben. Das Format ist im Kern ein bisschen anarchisch und genau dafür braucht es eine einfache Struktur: ein kurzer Check-in zu Beginn, in dem alle erzählen, wie es ihnen geht; dann eine Lernphase, allein oder in der Gruppe, das entscheiden die Leute selbst; danach der gemeinsame Austausch, der längste Teil; und am Schluss Feedback und Reflexion.
In der Regel sind das zwei Stunden. Wie sie konkret ablaufen, weiß ich vorher nicht – das regelt sich in der Gruppe, und bisher hat das jedes Mal funktioniert. Es sind erwachsene Menschen, da kann man viel Vertrauen haben. Den Austausch moderiere ich, aber ich steuere ihn nicht: schauen, dass alle zu Wort kommen, dass Nachfragen möglich sind, und ansonsten nicht eingreifen. Es ist total im Fluss.
Für wen ist diese Art zu lernen das Richtige?
Eigentlich für alle, die neugierig sind und Lust auf Austausch haben. Voraussetzungen gibt es keine – es braucht Interesse am Thema, etwas Zeit, denn wir haben feste Termine, und die Bereitschaft, dabeizubleiben, weil sich ja eine Gruppe bildet. Im Grunde gilt: offen und dabei sein.
Und ehrlich gesagt ist das gar kein klassisches Lernen. Es ist das, was Menschen ohnehin immer tun: sich austauschen, in Beziehung treten, Wissen teilen. Wer das mag, ist hier richtig – ganz gleich, was er oder sie schon mitbringt.
Immer mehr Menschen fühlen sich von Nachrichten überflutet – zu negativ, zu stressig, zu viel. Doch es geht auch anders! Mit der News-Life-Balance lernst du, informiert zu bleiben, ohne dass es deine Stimmung oder Gesundheit belastet. In dem neuen Learning Circle der TU Hamburg entwickelst du Schritt für Schritt deine individuelle News-Life-Balance – eine Art Gebrauchsanweisung für deinen Nachrichtenkonsum.
Wir treffen uns im Freiraum des Museums für Kunst und Gewerbe Hamburg (MK&G) – 6 x jeweils dienstags. Los geht’s am 28. Juli von 15:30 bis 17:30 Uhr. Mehr Infos: Learning Circle News-Life-Balance

Über Gabi Fahrenkrog
Gabriele Fahrenkrog ist Bibliothekarin und Informationswissenschaftlerin. Sie arbeitet im Open Science Lab der TIB – Leibniz Informationszentrum Technik und Naturwissenschaften (Hannover), wo sie im Team Open GLAM in Projekten zu offener Kultur und Bildung tätig ist. Ihre Schwerpunkte dabei liegen auf Partizipation und Community-Building.