Bild: Mediaserver Hamburg / Christian Brandes
30.06.2026 | Meena Stavesand
Was hat der Grüne Bunker in Hamburg mit deinem Balkon zu tun?
Den Grünen Bunker an der Feldstraße kennen fast alle in Hamburg, aber was dort oben an Natur wächst, wissen nur die, die schon einmal da waren. Genau solche Beispiele nehmen die beiden Studierenden Maria Hüttl und Adrian Kösters von der HAW Hamburg zum Ausgangspunkt für ein Lernangebot über Renaturierung der Stadt. Es zeigt, wie Gebäudebegrünung, naturnahe Balkone und der richtige Umgang mit Grünflächen die Biodiversität fördern und warum das nicht nur den Tieren, sondern uns allen nützt. Im Gespräch erklärt Adrian, was die beiden antreibt und warum sie dabei auf Hoffnung statt Weltuntergang setzen.
Ihr Lernangebot, das Ende des Jahres erscheint und im Rahmen der BNE-Pionier*innen der HAW Hamburg entsteht, ist auch Thema bei der Hamburger Sustainability Week. Am Mittwoch, 1. Juli, stehen von 16 bis 18 Uhr in der Zentralbibliothek der Bücherhallen Hamburg drei Themenbereiche im Fokus: nachhaltiger Lebensstil, Ressourcen und Machtverhältnisse sowie Städte und Biotope. Zu jedem dieser Schwerpunkte geben anschauliche Infoposter einen fundierten Überblick und eröffnen unterschiedliche Perspektiven. An ergänzenden Hands-on-Stationen können Besucher:innen selbst aktiv werden, neue Denkanstöße gewinnen und ihr eigenes Bewusstsein für Nachhaltigkeit stärken.
Die Veranstaltung findet in Kooperation mit dem Format „Reingeforscht“ der HAW Hamburg statt und verbindet interaktive Elemente mit fachlichen Impulsen aus Wissenschaft und Praxis. So entsteht ein lebendiger Austauschraum, der zum Mitmachen, Diskutieren und Weiterdenken einlädt.
Im Interview gibt es nun erste Einblicke in das Thema zu Städte und Biotope und zum entstehenden Lernangebot.
Der Grüne Bunker in der Feldstraße steht mitten in Hamburg. Was passiert da oben eigentlich an Natur, das viele gar nicht ahnen?
Adrian Kösters: Ein Biologe hätte da sicher noch einmal ein anderes Auge für die Details als ich, aber: Was mich vor allem beeindruckt, ist die schiere Dimension des Grünen Bunkers. Insgesamt entstanden dort mehr als 10.000 Quadratmeter Grün- und Gemeinschaftsfläche – ein großer Teil davon begrünt, das ist deutlich mehr als ein Standard-Fußballfeld. Und das auf einem Gebäude – das ist schon eine beeindruckende Größenordnung. Dort oben gibt es tatsächlich so etwas wie eine richtige Parkfläche, dazu Fassaden- und Dachbegrünung – es wurden rund 4.700 Bäume und Gehölze gepflanzt, dazu etwa 16.000 Stauden. Wenn man selbst dort steht, ist es noch einmal deutlich beeindruckender als auf Bildern.

10.000
Quadratmeter Grün- und Gemeinschaftsfläche befinden sich auf dem Grünen Bunker in der Feldstraße im Hamburger Stadtteil St. Pauli.
Was hat der Bunker mit eurem Lernangebot zu tun?
Adrian Kösters: Für das Projekt, das ich zusammen mit Maria Hüttl umsetze, ist der Bunker der Aufhänger: Davon ausgehend thematisieren wir Dach- und Fassadenbegrünung allgemein – welche Dacharten es gibt und welche Vorteile hat das. Ich bin gelernter Dachdecker und habe Vorkenntnisse in diesem Bereich. Denn das, was es am Bunker zu sehen gibt, ist am Ende auch für die eigene Garage oder das Wohnhaus möglich. Das wollen unter anderem wir zeigen, wenn wir uns mit Stadtbiotopen beschäftigen.
Bei unserem aktuellen Verlust an Biodiversität könnte man leicht in Weltuntergangsstimmung verfallen. Warum setzt ihr stattdessen bewusst auf Hoffnung und funktioniert das?
Adrian Kösters: Das hat sich vor allem aus unserem Ziel ergeben: Wir wollen konkrete Vorschläge bieten, die jede:r selbst umsetzen kann. Dadurch verschiebt sich der Fokus automatisch – weg von „Was stirbt alles aus?“ hin zu „Was kann ich tun, und was bringt mir das?“. Auf das Artensterben und die Folgen gehen wir grundlegend ein, aber der Antrieb ist das Handeln. Und das Schöne: Die meisten dieser Dinge sind Sachen, von denen man selbst profitiert, die sogar Spaß machen und einem Lebensqualität in der direkten Umgebung geben.
Aus dieser Perspektive heraus verliert man zumindest für den Moment die negative Brille auf das große Ganze. Dass die Gesamtsituation kritisch ist, ist dabei unbestritten. Aber man kann sich entscheiden, aus welchem Blickwinkel man draufschaut: Das Thema ist bekannt, Naturschutzgebiete werden erweitert, Organisationen sichern im großen Stil Flächen, etwa Regenwald. Am Ende bleibt aber die Frage, welcher Blickwinkel einen selbst zum Handeln animiert – und das ist meistens der positive.
Und vielleicht motiviert man so auch andere – wird selbst zum Beispiel; der Nachbar sieht die grüne Garage und denkt: Das kann ich auch.
Adrian Kösters: Ja, genau. Wir möchten mit unserem Lernangebot für das Thema sensibilisieren und einen kleinen Teil zur gesellschaftlichen Entwicklung beitragen.
Nicht jede:r hat einen Garten, aber viele einen Balkon. Wie wird aus einem normalen Balkon ein kleiner Lebensraum für Insekten und Vögel?
Adrian Kösters: Das ist gerade vor allem das Thema meiner Teamkollegin Maria Hüttl. Zum einen sind heimische Pflanzen wichtig, die ans Ökosystem und an die Witterung hier angepasst sind. Dafür gibt es zum Beispiel Listen und Vorschläge vom NABU. Auf exotische Blumen sollte man im besten Fall verzichten. Zum anderen kann man diese heimischen Pflanzen ruhig etwas natürlicher behandeln – beispielsweise Blüten und Blätter verwelken lassen, denn in diesem Prozess finden Insekten Schutz, überwintern dort und Vögel finden Nahrung.
Man muss heimische Pflanzen auch nicht bei leichten Minusgraden reinholen – sie sind für die Temperaturen ausgelegt und kommen im Sommer wieder. Selbst abgeblühte Pflanzen erfüllen so ihren eigenen Nutzen. Und falls jemand nur einen kleinen, schattigen Balkon hat: Auch dafür gibt es Lösungen, der muss nicht kahl bleiben. Im Kern würde ich sagen: heimisch und möglichst natürlich lassen, und den Jahreszeiten ihren Lauf gewähren.
Also auch nicht jeden Grashalm und jedes Unkraut sofort entfernen – das könnte ein Lebensraum sein, den wir so gar nicht sehen.
Adrian Kösters: Genau. Der kurzgeschorene Rasen wird oft kritisiert – versiegelte Flächen sind noch kritischer. Das heißt nicht, dass man den Rasen wuchern lassen muss, aber schon ein kleines Rückzugsgebiet, das etwas wilder wachsen darf, scheint sehr positive Auswirkungen zu haben. Es gibt auch den „mähfreien Mai“, in dem man bewusst stehen lässt, weil es der Natur guttut.
Spannend finde ich, dass das manchmal auch am gesellschaftlichen Druck scheitert – gerade in Nachbarschaften, wo der gepflegte Garten als Statussymbol gilt. Dann ist plötzlich der Außeneindruck wichtiger als die eigentliche Funktion. Das finde ich fast schon symbolisch.
Was machen Menschen in Parks und Grünanlagen oft falsch, ohne es zu merken – und was wäre besser?
Adrian Kösters: Ein bekannteres Beispiel ist das Füttern von Wasservögeln, also klassisch Enten. Das ist für Kinder eine schöne Beschäftigung, aber Brotreste und die übermäßige Nahrungszufuhr können über die Ausscheidungen der Tiere dazu führen, dass Gewässer überdüngt werden – viele Algen, wenig Sauerstoff, das Gewässer kann regelrecht „kippen“.
Ein anderes Thema ist die Leinenpflicht für Hunde etwa in Brut- und Paarungszeiten. Selbst der dauerhafte Stress durch freilaufende Hunde – oder durch Menschen, die stören – kann Tieren schaden; es gibt Vögel, die bei zu viel Stress sogar ihren Brutprozess abbrechen. Dann gibt es das Thema Müll. Es gibt ein wissenschaftliches Maß dafür, wie schädlich weggeworfene Fremdkörper im Wasser sind – also wie viele Wasserlebewesen in einem Liter Wasser dann absterben. Dazu kommt Angelmüll, der in Gewässern zurückbleibt und in dem sich vor allem Vögel verheddern.
Am Ende geht es uns darum, Menschen das Bewusstsein zu geben, solche Dinge selbst einzuschätzen oder zu erkennen: Da sollte ich mich noch mal informieren bzw. anders verhalten. Gut gemeint heißt eben nicht automatisch gut gemacht.

Mache dich und die Welt fit für die Zukunft! Entdecke weitere Lernangebote und Podcasts zum Thema:
Warum sollte mich als Stadtbewohner:in mehr Grün überhaupt interessieren – was habe ich persönlich davon?
Adrian Kösters: Ganz vorne steht der Erholungswert: Parks und Grünflächen als Orte, an denen man zur Natur und damit zur Ruhe kommt. Es gibt Belege, dass sich der Aufenthalt in der Natur positiv auf die mentale Gesundheit auswirkt – sogar schon Grünflächen, die man gar nicht betritt, etwa begrünte Dächer, sollen positiv wirken. Bei expliziter Gebäudebegrünung kommt sogar Bauwerkschutz dazu: Begrünte Flachdächer sollen länger halten.
Grüne Gebäude wirken außerdem aufs lokale Klima – durch die Verdunstung kühlen sie ihre Umgebung, was in immer wärmeren Sommern sehr wertvoll ist. Dann ist da die globale Ebene: Wenn Tieren immer mehr Lebensraum fehlt, kann der Biodiversitätsschwund über Kettenreaktionen langfristig gravierende Folgen haben – auch für uns. Und nicht zu vergessen: nicht versiegelter Boden wirkt als Regenspeicher. Der Fischmarkt hier in Hamburg steht ja immer mal wieder unter Wasser. Gerade mit Blick auf häufigere Extremwetter – Starkregen nach Dürre, wenn der Boden nicht mehr genug aufnimmt – ist das ein echtes Thema. Selbst der Bunker erfüllt da als eine Art Schwammspeicher einen Nutzen. Dazu kommt die Wirkung auf Luftqualität und Schadstoffe.
Es scheint also breit gefächerte Vorteile zu geben – fürs Individuum, für die Stadt und am Ende für den Planeten.
Über Adrian Kösters
Ich bin Adrian Kösters und studiere im zweiten Bildungsweg Regenerative Energiesysteme an der HAW Hamburg, nachdem ich zuvor verschiedene Ausbildungsbereiche ausprobiert und mich für den Fokus Energiewende entschieden habe. Zu dem Thema „Biologische Vielfalt in der Stadt“ kam ich durch einen Vortrag am Tag der Nachhaltigkeit an unserer Hochschule. Mir wurde klar, dass viele (inklusive mir) gar nicht wissen, was man selbst für eine grüne Stadt tun kann. Auch wenn ich fachfremd bin, begeistert es mich, mich im aktuellen HOOU-Projekt in diese Themen einzuarbeiten. Wir möchten zeigen, dass nachhaltiger Naturschutz in der Stadt machbar ist und schon im Kleinen auf dem eigenen Balkon oder im Garten anfängt.
Zum Weiterdenken
Was bleibt? Vor allem eine ermutigende Erkenntnis: Mehr Natur in der Stadt ist keine Frage von Garten oder großem Budget. Schon ein paar heimische Pflanzen auf dem Balkon, eine wilde Ecke im Rasen oder der bewusste Verzicht aufs Entenfüttern machen einen Unterschied – und gleichzeitig profitieren wir selbst: kühlere Sommer, sauberere Luft, Erholung und ein Boden, der Starkregen abfedert. Vom Fußballfeld auf dem Bunker bis zum Blumenkasten am Fenster spannt sich derselbe Gedanke: Wer einmal versteht, wie viel schon kleine Flächen bewirken, schaut anders auf die eigene Umgebung – und vielleicht steckt das ja sogar die Nachbarschaft an.
Wer tiefer einsteigen möchte, findet im Lernangebot Städte und Biotope der BNE-Pionier*innen an der HAW Hamburg mehr zu Gebäudebegrünung, naturnahen Balkonen und dem richtigen Verhalten in städtischen Naturräumen.
Lust auf mehr?

„Biodiversität beginnt vor der Haustür“ – Warum Artenvielfalt unser Überleben sichert