Bild: Sou Jest / Unsplash
25.06.2026 | Meena Stavesand
Seltene Erden sind gar nicht selten – warum sind sie dann so umkämpft?
Wahrscheinlich liegt es gerade neben dir: dein Smartphone. In ihm stecken bis zu 50 verschiedene Metalle – viele davon aus Regionen, über die wir zu selten nachdenken. Rohstoffe wie seltene Erden stecken in fast jeder Technologie, die unseren Alltag und unsere Zukunft prägt, vom Smartphone über Solarzellen bis zu militärischer Ausrüstung. Genau das macht sie zu einem Politikum und zu einem Hebel der Macht. Im Lernangebot „Ressourcen und Machtverhältnisse“ beschäftigen sich Baktash Ghani, Timo Hilker, Luise Hailer und Murat Coban von der HAW Hamburg mit den globalen Abhängigkeiten dahinter. Im Gespräch erklären Baktash und Timo, warum Begriffe oft durcheinandergehen, wie Rohstoffe und militärische Macht zusammenhängen und was das mit unserem eigenen Konsum zu tun hat.
Ihr Lernangebot, das Ende des Jahres erscheint und im Rahmen der BNE-Pionier*innen der HAW Hamburg entsteht, ist auch Thema bei der Hamburger Sustainability Week. Am Mittwoch, 1. Juli, stehen von 16 bis 18 Uhr in der Zentralbibliothek der Bücherhallen Hamburg drei Themenbereiche im Fokus: nachhaltiger Lebensstil, Ressourcen und Machtverhältnisse sowie Städte und Biotope. Zu jedem dieser Schwerpunkte geben anschauliche Infoposter einen fundierten Überblick und eröffnen unterschiedliche Perspektiven. An ergänzenden Hands-on-Stationen können Besucher:innen selbst aktiv werden, neue Denkanstöße gewinnen und ihr eigenes Bewusstsein für Nachhaltigkeit stärken.
Die Veranstaltung findet in Kooperation mit dem Format „Reingeforscht“ der HAW Hamburg statt und verbindet interaktive Elemente mit fachlichen Impulsen aus Wissenschaft und Praxis. So entsteht ein lebendiger Austauschraum, der zum Mitmachen, Diskutieren und Weiterdenken einlädt.
Im Interview gibt es nun erste Einblicke in das Thema zum nachhaltigen Leben und zum entstehenden Lernangebot.
In jedem Smartphone stecken bis zu 50 Metalle. Warum sind ausgerechnet diese Rohstoffe so umkämpft?
Timo Hilker: Beim Thema seltene Erden wird schnell klar: Es ist eine Ressource – ähnlich wie beim Öl, die endlich ist und uns zwingt, perspektivisch auf andere Technologien überzugehen. Anders als der Begriff suggeriert, sind seltene Erden aber gar nicht so selten. Das eigentliche Problem ist, sie zu raffinieren, also sie überhaupt als nutzbaren Rohstoff aus der Erde zu bekommen. Das ist schwierig. Einige Länder haben sich darauf spezialisiert, wodurch Abhängigkeiten entstehen. Im Kontext dieser 50 Metalle kommt dann eine Art künstliche Verknappung hinzu: Länder entscheiden, an wen sie liefern und an wen nicht. Es geht also stark darum, mit wem man handeln möchte und mit wem nicht – nach kapitalistischen Marktprinzipien sind diese Rohstoffe deshalb sehr umkämpft.
Baktash Ghani: Die Bedeutung dieser kritischen Rohstoffe steckt in deren Gebrauch in Technologien der Zukunft – was wir mit Nachhaltigkeit verbinden. Zum Beispiel werden Lithium und Kobalt in Batterien elektrischer Fahrzeuge gebraucht und Gallium steckt in Hochleistungssolarzellen. Neben diesen Verwendungen zu Nachhaltigkeitszwecken werden diese Rohstoffe aber auch in militärischen Technologien genutzt, was deren Bedeutung nochmals erhöht. Die weitverbreitete Verwendung der kritischen Rohstoffe drängt Länder dazu, eine sichere Lieferkette dieser Ressourcen herzustellen.

Anders als der Begriff suggeriert, sind seltene Erden aber gar nicht so selten. Das eigentliche Problem ist, sie zu raffinieren, also sie überhaupt als nutzbaren Rohstoff aus der Erde zu bekommen. Das ist schwierig. Einige Länder haben sich darauf spezialisiert, wodurch Abhängigkeiten entstehen.Timo Hilker
Kann man zusammenfassend sagen: Wer Zugang zu diesen Ressourcen hat, hat Zugang zu Zukunftstechnologien und damit auch die Kontrolle darüber?
Baktash Ghani: Da diese Ressourcen wesentliche Bestandteile vieler Technologien sind, kann man sagen, dass sie für die Zukunftstechnologien absolut unverzichtbar sind. Ein sicherer Zugang bedeutet, in diesem Zusammenhang, ungestörte Entwicklung und Forschung. Die Kontrolle über Zukunftstechnologien ist aus meiner Sicht etwas schwer zu definieren. Länder, die die Lieferkette der kritischen Rohstoffe dominieren, könnten den Zugang anderer Länder verhindern oder ihre Dominanz als ein Instrument der Weltpolitik benutzen. Ich bin aber der Meinung, dass die Welt zu groß und divers ist, und deswegen eine totale Kontrolle über die Technologien der Zukunft unrealistisch ist. Es gibt inzwischen Initiativen und Projekte von Ländern, die diese Abhängigkeit reduzieren wollen – vor allem auch die EU. Aber Abhängigkeiten sehe ich hier durchaus.
Timo Hilker: Die Antwort auf die Frage ist komplexer und komplizierter, weil seltene Erden global gar nicht so ungleich verteilt sind. Selbst in Deutschland hätten wir theoretisch legalen Zugriff darauf – nur ist es, bei unserer Art zu wirtschaften, ökonomisch nicht sinnvoll. Ähnlich ist es beim Recycling: Bei vielen dieser Metalle kommt erst jetzt der Gedanke auf, Dinge zu recyceln, um unabhängiger zu werden – auch mit einem kleinen Nachhaltigkeitsgedanken. Bisher war das schlicht nicht wirtschaftlich tragbar, weil wir Ressourcen anderswo günstig bekommen, ohne hier vor Ort Umweltschäden oder Menschenrechtsverletzungen in Kauf nehmen zu müssen.
Kritische Rohstoffe und seltene Erden werden oft verwechselt. Was ist der Unterschied und warum ist er wichtig?
Timo Hilker: Seltene Erden sind eine chemische Definition aus dem Periodensystem – streng genommen die Lanthanoide. Bei der Bergung sind sie immer an andere Metalle gekoppelt und dadurch nicht einfach abzubauen. Kritische Rohstoffe dagegen sind keine chemische, sondern eine wirtschaftliche Kategorie – immer aus der Sicht eines Betrachters wie der EU. Vereinfacht gesagt: Seltene Erden sind eine Tatsache der Chemie, kritische Rohstoffe eine Entscheidung der Politik. Die EU bewertet dafür zwei Dinge – die ökonomische Relevanz und das Versorgungsrisiko. Übersteigen beide einen bestimmten Wert, gilt ein Rohstoff als kritisch. Es gibt aber auch Ausnahmen: Nickel etwa zählt die EU dazu, obwohl er die Kriterien streng genommen nicht erfüllt – einfach, weil ihm eine besondere strategische Bedeutung zugeschrieben wird.
Sind kritische Rohstoffe auch seltene Erden?
Timo Hilker: Nach aktueller europäischer Definition sind tatsächlich alle seltenen Erden zugleich kritische Rohstoffe – unterschieden wird da nur noch in leichte und schwere seltene Erden. Das ist aber die heutige EU-Definition; theoretisch könnte das auch anders sein. Aktuell gehören die seltenen Erden also allesamt zu den kritischen Rohstoffen.

Für mich sind diese Rohstoffe vor allem mit Blick auf Nachhaltigkeit relevant – es gibt den Diskurs, dass grüne Technologie gegen den Klimawandel helfen und zu besser gestalteten Städten beitragen kann. Aber genau dieselben Rohstoffe werden eben auch militärisch gebraucht. Es ist also kein simpler Gegensatz zwischen Nachhaltigkeit und Militär, sondern eine ständige Konkurrenz um dieselben Stoffe.Baktash Ghani
Wie hängen diese Rohstoffe und militärische Technologie zusammen?
Baktash Ghani: Für mich sind diese Rohstoffe vor allem mit Blick auf Nachhaltigkeit relevant – es gibt den Diskurs, dass grüne Technologie gegen den Klimawandel helfen und zu besser gestalteten Städten beitragen kann. Aber genau dieselben Rohstoffe werden eben auch militärisch gebraucht, und da überschneidet sich der Bedarf. Hochleistungsmagnete etwa, deren Industrie stark von China dominiert wird, stecken in Kampfjets, Satelliten oder U-Booten. Andere Elemente wie Gallium und Germanium sind für die Infrarotoptik sehr wichtig – und Gallium wird zugleich für Solarzellen gebraucht. Es ist also kein simpler Gegensatz zwischen Nachhaltigkeit und Militär, sondern eine ständige Konkurrenz um dieselben Stoffe.
Warum ist es wichtig, dass wir darüber sprechen?
Baktash Ghani: Weil man grundsätzlich darüber reden sollte, wie man diese Rohstoffe herbekommt – ob für Nachhaltigkeitsprojekte oder fürs Militär, und was das für Handel und Handelsabkommen bedeutet. Welche Folgen hat das in anderen Ländern? Nickel etwa wird in Indonesien abgebaut; es gibt viele Geschichten, wie dort Verarbeitungszentren aufgebaut wurden, um Mehrwert im Land zu halten. Das führt aber auch zu Naturzerstörung und zu schwierigen Arbeitsbedingungen für die Menschen vor Ort. Und wenn diese Rohstoffe in militärischer Technologie gebraucht werden, sind sie eben strategisch wichtig. Um wettbewerbsfähig zu sein und eine widerstandsfähige Verteidigungsindustrie zu haben, braucht es sichere Lieferketten. Bedauerlicherweise gibt es diese Konkurrenz.
Timo Hilker: Hier zeigen sich Paradoxien der Globalisierung. Schon 2023 hatte China eine Lizenzpflicht für Gallium und Germanium eingeführt, und Ende 2024 folgte dann ein direktes Exportverbot dieser Dual-Use-Materialien an die USA – einschließlich der Lieferung an militärische Endnutzer, was mittlerweile allerdings wieder gelockert wurde. Als Exportnation steht China im Kapitalismus einerseits unter dem Druck, seine Rohstoffe zu verkaufen, sieht aber andererseits das Risiko – und tatsächlich haben Nationen wie die USA begonnen, bestimmte Rohstoffe zu horten, auch mit Blick auf eine militärische Bedrohung. Es entsteht eine Spannung zwischen „Wir müssen verkaufen, um auf dem internationalen Markt präsent zu sein“ und der Sorge vor zu großer Abhängigkeit.

Mache dich und die Welt fit für die Zukunft! Entdecke weitere Lernangebote und Podcasts zum Thema:
Wohlstand hängt an Rohstoffen, die anderswo unter harten Bedingungen abgebaut werden. Wie ehrlich kann – oder muss – man dieses Ungleichgewicht ansprechen?
Baktash Ghani: Es ist absolut wichtig, dass wir über die kritischen Rohstoffe in Bezug auf Nachhaltigkeit sprechen, weil sie nicht neutral sind, und sie können kontraproduktiv auf Nachhaltigkeitsziele wirken. Grüne Technologie, was wir in unserem Lernangebot näher besprechen werden, wird als eine Lösung unserer heutigen Probleme wie Klimawandel betrachtet. Da sie aber diese Rohstoffe brauchen, muss es sichergestellt werden, dass sie auch nachhaltig beschafft werden. Wie produktiv können Nachhaltigkeitsprojekte sein, wenn die Beschaffung der Ressourcen, die dafür wichtig sind, zu Krisen, Menschenrechtsverletzung oder Naturzerstörung in anderen Ländern beiträgt? Außerdem: Nachhaltigkeit und damit verbundene Probleme müssen weltweit betrachtet werden. Das haben wir beim Klimawandel gesehen.
Timo Hilker: Ich würde da gern auf die Sustainable Development Goals verweisen. Die Vereinten Nationen haben festgestellt, dass man mit dem Gedanken „Nur meine Nation, nur meine Familie, nur ich“ nicht weit kommt – globale Probleme müssen wir gemeinsam angehen, und wir müssen anerkennen, dass wir als Menschen alle gleich sind. Es ist eben nicht selbstverständlich, dass ich hier warm vor meinem Laptop sitzen kann; historische Prozesse haben dazu geführt, dass es mir anders geht als jemandem, der woanders geboren wird. Gerade beim Arbeitsrecht und Umweltschutz sieht man, dass viele deutsche Industrieunternehmen etwa nach China ausweichen, um beispielsweise weniger Umweltauflagen zu haben. Daran sieht man, dass auch deutsche Unternehmen als große Global Player international Einfluss auf Umweltschäden oder Menschenrechtsverletzungen haben können.
Was sollte jede:r über die Herkunft der Geräte wissen, die wir täglich in der Hand halten?
Timo Hilker: Ich würde der verbreiteten Annahme widersprechen, dass wir als Individuum kaum etwas bewirken können. Wäre jedem bewusst, wie viel für sein Smartphone ausgebeutet wird – sowohl die Umwelt als auch Menschenrechte –, dann sähe die Welt schon anders aus. Saubere Luft und sauberes Wasser betreffen einen ja selbst. Und beim „Lotto des Lebens“ hätte es genauso einen selbst treffen können, an einer Lithiumraffinerie zu leben, giftige Abgase einzuatmen und vielleicht schon in jungen Jahren unter Zwang zu arbeiten. Dieses Bewusstsein verändert den Blick.
Baktash Ghani: Zudem würde ich sagen, dass Menschen versuchen sollten, Veränderung auf der größeren gesellschaftlichen und politischen Bühne zu bewirken – nicht nur durch individuelles Konsumverhalten. Beispielsweise Handel in Bezug auf kritische Rohstoffe muss zur nachhaltige Entwicklung aller Partnern beitragen. Dafür muss es fair und gerecht sein. Zudem muss sichergestellt werden, dass der Handel mit demokratischen Staaten stattfindet und er zudem nicht finanzielle Mittel für Menschenrechtsverletzung und Menschenunterdrückung in anderen Ländern zur Verfügung stellt. Ich bin der Meinung, dass wir das durch gesellschaftliches Engagement erzielen können.
Können wir sagen: Wissen schafft Bewusstsein – und das schafft dann vielleicht bessere Bedingungen?
Timo Hilker: Gerade Deutschland und Europa als historische Industrienationen verlagern ganz bewusst Dinge dorthin, wo weniger Recht herrscht. Unser Industriewunder beruhte auf Kohle und Öl – auch im Ruhrgebiet wurde unter Tage alles andere als menschenwürdig gearbeitet. Wir haben uns da herausgekämpft und diese Verletzungen anschließend woanders hin verlagert. Das kann nicht die Lösung sein.
Baktash Ghani: Ich sehe das auch so. Meines Erachtens wird Wissen gesellschaftliche und politische Bewegungen als Folge haben, was zu nachhaltigerer Beschaffung dieser Ressourcen führen kann, was wiederum Nachhaltigkeitsziele weltweit fördert und unterstützt.

Über Baktash Ghani
Ich bin Baktash Ghani, 25 Jahre alt, aus Afghanistan. Ich studiere zurzeit Angewandte Informatik an der HAW Hamburg im zweiten Fachsemester. Im Rahmen des Projektes HOOU meets BNE-Pionier*innen beschäftige ich mich mit dem Thema Handelsabkommen bei kritischen Rohstoffen, die für Nachhaltigkeit relevant sind. Eigentlich versuche ich, mich von politischen Themen fernzuhalten, da sie oft zu komplex und zu erschöpfend wirken. Bei diesem Thema habe ich aber gemerkt, wie viel einfache Erzählungen über „gute“ und „schlechte“ Länder eigentlich verdecken. Ich habe gelernt, dass die Welt viel grauer ist, als man denkt. Ich bin der Meinung, dass Wissen der erste Schritt ist, um Nachhaltigkeit zu fördern und Veränderung zu fordern. Eine echte Veränderung braucht ein tiefes Verständnis aktueller Themen wie kritischer Rohstoffe und deren Zusammenhang mit Politik und Ökonomie.

Über Timo Hilker
Ich bin Timo, 28 Jahre alt, studiere aktuell im Master Process Engineering an der HAW Hamburg und bin in meiner Fakultät Nachhaltige Ingenieurwissenschaften auch im Fakultätsrat. Nebenbei engagiere ich mich schon länger in den studentischen Gremien – vor allem im Studierenden-Parlament und dem AStA. Meinen Bachelor habe ich auch schon an der HAW gemacht und konnte im letzten Semester eine Vertiefung in die erneuerbaren Energien machen, da ich in meinem Auslandssemester an der Polytechnic Institute of Porto Sustainable Energies studiert habe.
Zum Weiterdenken
Was bleibt? Vor allem ein Perspektivwechsel: Das Smartphone in der Hand ist kein in sich geschlossenes Gerät, sondern das Ende einer langen, weltweiten Kette aus Abbau, Verarbeitung, Handel und politischen Entscheidungen. Niemand muss Rohstoffexpert:in werden – aber wer einmal verstanden hat, dass kritische Rohstoffe eine politische Kategorie sind und seltene Erden eine chemische, liest Nachrichten über Exportbeschränkungen und Lieferketten mit anderen Augen. Genau dieses Bewusstsein, da sind sich beide einig, ist der erste Schritt: Es macht aus einem abstrakten Weltthema etwas, das mit dem eigenen Alltag zu tun hat – und schafft die Grundlage dafür, nachhaltigere Beschaffungswege überhaupt einzufordern.
Wer tiefer einsteigen möchte, findet Antworten im Lernangebot „Ressourcen und Machtverhältnisse“ der HAW Hamburg, das Baktash Ghani, Timo Hilker, Luise Hailer und Murat Coban gerade entwickeln. Es wird Ende 2026 veröffentlicht.