Eine Person öffnet ein kleines Glas mit Naturjoghurt und hat einen Löffel in der Hand.

Bild: Nataliya Vaitkevich / Pexels

24.06.2026 | Meena Stavesand

Nachhaltig leben: Es sind die kleinen Gewohnheiten, die zählen

Warum der abgelaufene Joghurt oft noch gut ist, der Kassenbon nicht ins Altpapier gehört und kleine Schritte mehr bringen als jeder große Vorsatz. Genau darum geht es im Lernangebot zu einem nachhaltigen Lebensstil, das die Studierenden Kasim Al-Zabin, Elisabeth Grützmacher und Lea Posingies von der HAW Hamburg entwickeln. Es führt durch drei Themen – nachhaltige Ernährung, Recycling und Verhaltensanalyse – und möchte keinen großen Lebenswandel verordnen, sondern zum Nachdenken über die eigenen Gewohnheiten anregen. Im Interview erzählen Elisabeth und Lea, wie das gelingen soll.

Ihr Lernangebot, das Ende des Jahres erscheint und im Rahmen der BNE-Pionier*innen der HAW Hamburg entsteht, ist auch Thema bei der Hamburger Sustainability Week. Am Mittwoch, 1. Juli, stehen von 16 bis 18 Uhr in der Zentralbibliothek der Bücherhallen Hamburg drei Themenbereiche im Fokus: nachhaltiger Lebensstil, Ressourcen und Machtverhältnisse sowie Städte und Biotope. Zu jedem dieser Schwerpunkte geben anschauliche Infoposter einen fundierten Überblick und eröffnen unterschiedliche Perspektiven. An ergänzenden Hands-on-Stationen können Besucher:innen selbst aktiv werden, neue Denkanstöße gewinnen und ihr eigenes Bewusstsein für Nachhaltigkeit stärken.

Die Veranstaltung findet in Kooperation mit dem Format „Reingeforscht“ der HAW Hamburg statt und verbindet interaktive Elemente mit fachlichen Impulsen aus Wissenschaft und Praxis. So entsteht ein lebendiger Austauschraum, der zum Mitmachen, Diskutieren und Weiterdenken einlädt.

Im Interview gibt es nun erste Einblicke in das Thema zum nachhaltigen Leben und zum entstehenden Lernangebot.

Die meisten von uns wissen, was nachhaltig wäre, und tun es trotzdem nicht. Wie packt euer Lernangebot genau diese Lücke an?

Elisabeth Grützmacher: Unser Lernangebot beginnt mit einer Selbstevaluation: Wo stehe ich gerade, wo gibt es Verbesserungspotenzial, aber auch: Was läuft schon gut? Dieser erste Blick auf den Status quo ist uns wichtig, weil er den Ausgangspunkt für alles Weitere bildet. Darauf aufbauend vermitteln wir Inhalte in drei Themenbereichen. Dabei soll es ausdrücklich nicht nur um Wissenstransfer gehen, sondern auch ums Reflektieren – also darum, das Gelernte auf das eigene Verhalten zu beziehen. Genau das leistet der Themenbereich „Verhaltensanalyse“ von unserem Teamkollegen Kasim Al-Zabim. Dort wollen wir Veränderungen anstoßen, die nicht nur kurz aufflackern, sondern für längere Zeit im Alltag bleiben. Ich betreue den Themenbereich „Ernährung“ und schaue auf den ökologischen Fußabdruck von Proteinquellen.

Lea Posingies: Ich bearbeite den Themenbereich „Recycling“. Daran lässt sich gut zeigen, welche Auswirkungen das eigene Handeln hat. Wenn ich aus Bequemlichkeit alles in den Restmüll werfe – was bedeutet das eigentlich konkret und warum wäre korrekte Mülltrennung so viel besser? Grundsätzlich wissen wir alle, dass wir unseren Müll trennen sollten, und die meisten von uns tun es auch. Aber zwischen diesem allgemeinen Wissen und einem echten Verständnis liegt ein Unterschied: Erst wenn wir konkret begreifen, was das eigene Handeln bewirkt, bekommen wir einen ganz anderen Anreiz, das Verhalten wirklich anzupassen.

Ihr arbeitet mit Selbstexperimenten. Was ist das Überraschendste, das Menschen dabei über ihr Alltagsverhalten herausfinden?

Elisabeth Grützmacher: Diese ganzen Dinge – ob Ernährung oder Recycling – laufen bei den meisten völlig automatisiert ab. Wir treffen im Alltag kaum bewusste Entscheidungen, vieles passiert einfach nebenbei. Erst durch die Selbstbeobachtung merken wir dann, dass etliches gar nicht so läuft, wie wir uns das eigentlich wünschen. Unser Handeln hängt stark von Gewohnheiten ab, vom jeweiligen Kontext und von Bequemlichkeit – weniger von rationaler Überlegung. Die zweite Erkenntnis ist aber genauso wichtig: Wir stellen oft fest, dass wir manche nachhaltigen Praktiken längst haben, dass aber nach oben trotzdem noch Luft ist. Aber: Klar ist auch, dass jeder Einzelne tatsächlich etwas bewirken kann.

Lea Posingies: Genau, und das ist uns ein zentrales Anliegen: zu zeigen, dass es nicht nur auf der großen, gesellschaftlichen Ebene wichtig ist, nachhaltiger zu werden, sondern dass schon unser ganz persönliches Verhalten Auswirkungen hat. Der Selbsttest am Anfang soll deshalb bewusst nicht nur aufzeigen, was man schlecht macht. Er soll einem genauso bewusst machen: Manche Dinge mache ich schon gut – die behalte ich bei. Am Ende geht es um dieses Bewusstsein für das eigene Tun, im Guten wie im Verbesserungswürdigen.

Also niemand muss sein Leben komplett umkrempeln, kleine Veränderungen reichen zunächst. Warum funktioniert das besser als der große Vorsatz?

Elisabeth Grützmacher: Das kennen wir doch alle: Wir nehmen uns zum Jahresanfang fest vor: Jetzt mache ich mehr Sport, jetzt ernähre ich mich gesünder. Aber die Veränderungen sind oft viel zu drastisch, um sie wirklich durchzuhalten. Nach kurzer Zeit fallen wir wieder in die alten Marotten zurück. Wenn wir stattdessen kleine Schritte in Richtung eines nachhaltigeren Lebensstils machen, lässt sich das viel leichter langfristig etablieren und als Gewohnheit festigen. Der Maßstab ist also nicht der radikale Bruch, sondern die Veränderung, die wir tatsächlich beibehalten können.

Lea Posingies: Und sobald etwas erst einmal zur Gewohnheit geworden ist, ist es eigentlich gar keine Anstrengung mehr – es ist in den Alltag integriert und läuft von selbst. Das summiert sich dann auch schön: Wenn viele Menschen unser Lernangebot durchlaufen und ihr Verhalten jeweils ein wenig anpassen, sehen wir in der Summe echte Auswirkungen. Beim Recycling fand ich es zum Beispiel spannend zu lernen, dass eine Abfallcharge ab einem bestimmten Anteil an Fehlwürfen komplett unbrauchbar wird und dann verbrannt werden muss, obwohl das eigentlich gar nicht nötig gewesen wäre. Gerade an so einem Punkt kann schon die kleine Veränderung von wenigen Menschen ausschlaggebend sein, ob eine ganze Charge recycelt werden kann oder nicht.

Bei euch geht’s auch um Ernährung und Proteine. Welche Eiweißquelle schneidet ökologisch überraschend gut – oder überraschend schlecht – ab?

Elisabeth Grützmacher: Ich fange mit dem an, von dem die meisten zumindest ahnen, dass es nicht so gut ist: tierisches Eiweiß, und da besonders Rind- und Rinderhackfleisch. Rinder stoßen als Wiederkäuer große Mengen des klimaschädlichen Methans aus und ihre Haltung bindet enorm viele Ressourcen – Fläche, Wasser und Futtermittel. Das macht sie ökologisch zu einer der teuersten Proteinquellen überhaupt.

Eine pflanzliche Alternative ist zum Beispiel die regional angebaute Lupine – aktuell auch ein Projekt in meinem Studium und noch ziemlich unbekannt. Sie ist eine Hülsenfrucht, braucht im Anbau vergleichsweise wenig Wasser und verbessert durch ihre Stickstoffbindung sogar den Boden, auf dem sie wächst. Laut dem Fraunhofer-Institut beansprucht der Anbau von Lupinen nur etwa ein Fünftel der Fläche, die für die Haltung einer Kuh inklusive des nötigen Futteranbaus gebraucht wird – das ist ein enormer Unterschied.

Bei pflanzlichen Quellen ist allerdings wichtig, verschiedene zu kombinieren, damit wir alle essentiellen Aminosäuren abdecken – darauf gehe ich im Lernangebot genauer ein. Tofu ist ebenfalls eine gute Quelle. Der häufige Vorwurf, dafür würden Regenwälder gerodet, stimmt in der Regel nicht: Wenn wir auf die Packung schauen, stammt das Soja meist aus Europa, hat also auch keinen langen Transportweg. Regenwälder werden eher für das Soja gerodet, das als Futtermittel für Rinder und Schweine dient – die Verbindung zur Tierhaltung bleibt also bestehen. Was viele dagegen überhaupt nicht auf dem Schirm haben: Quark und Käse haben durch ihren intensiven Produktionsprozess eine relativ hohe CO₂-Bilanz.

Das ist uns oft gar nicht klar, weil Käse wahrscheinlich zu den typischsten Dingen gehört, die wir alle einkaufen.

Elisabeth Grützmacher: Genau, und dahinter steht ja letztlich auch wieder die intensive Rinderhaltung. Käse hat natürlich trotzdem seine Vorteile, etwa als Kalziumquelle – es geht nicht darum, ihn zu verteufeln, sondern ihn realistisch einzuordnen. Interessant ist in dem Zusammenhang auch der Vergleich bei den Pflanzendrinks: Haferdrink ist deutlich nachhaltiger als Kuhmilch. Sojadrink hat dafür mehr Protein und kommt näher an den Proteingehalt normaler Milch heran – verbraucht im Anbau aber wieder mehr Wasser als Haferdrink. Es gibt also selten die eine perfekte Wahl, sondern es lohnt sich, die verschiedenen Aspekte gegeneinander abzuwägen.

Was nimmt jemand, der euer Lernangebot durchläuft, konkret mit in den nächsten Einkauf oder in den Alltag?

Lea Posingies: Wir wollen den Teilnehmenden auf jeden Fall mitgeben, besser zu planen, damit nicht so viele Lebensmittel verschwendet werden – das ist ein großer Punkt, den wir auch im Recycling-Modul aufgreifen. Und wir geben konkrete Strategien an die Hand, wie man sein Verhalten Schritt für Schritt anpassen und so am Ende tatsächlich einen nachhaltigeren Lebensstil leben kann, ohne sich selbst direkt zu überfordern.

Elisabeth Grützmacher: Lebensmittelverschwendung ist bei uns sogar ein eigenes Unterthema im Recycling-Modul, weil es die Brücke zwischen Ernährung und Recycling bildet. Da geben wir konkrete Infos mit: zum Beispiel den Unterschied zwischen Mindesthaltbarkeits- und Verbrauchsdatum, der vielen gar nicht bewusst ist. Oder dass gekochte Eier bei richtiger Lagerung noch rund zwei Monate halten und welche Lebensmittel wir problemlos einfrieren und auch ein Jahr später noch essen können.

Lea Posingies: Zum Abschluss greifen wir im Recycling-Modul noch ein paar Alltagsbeispiele auf, die immer wieder für Verwirrung sorgen. Ein fettiger Pizzakarton zum Beispiel gehört in den Restmüll, sobald sich das Fett ins Papier gezogen hat. Und auch der Kassenbon muss in den Restmüll, weil er aus Thermopapier besteht und einen Zusatzstoff enthält, Bisphenol, der schlecht für das Recycling der Papierfasern ist. Man würde so einen Bon ganz intuitiv in die Papiertonne werfen, aber mit dem richtigen Wissen lässt sich genau dieser kleine, alltägliche Fehler eben vermeiden.

Portrait von Kasim, er hat einen Bart, braune Haare und trägt ein weißes Hemd.

Über Kasim Al Zabin

Ich bin Kasim Al-Zabin und studiere Medizintechnik an der HAW Hamburg. Mich interessiert vor allem, warum Wissen allein oft nicht ausreicht, um Verhalten zu verändern. Ich möchte zeigen, dass nachhaltige Entscheidungen nicht nur von Motivation abhängen, sondern auch von Gewohnheiten, unserem Umfeld und alltäglichen Routinen.

Elisabeth steht vor einer Holzwand, hat lange glatte Haare und trägt einen weißen Strickpullover.

Über Elisabeth Grützmacher

Ich bin Elisabeth Grützmacher und studiere seit Oktober 2025 im Master Food Science an der HAW Hamburg. Mein besonderes Interesse gilt nachhaltigen Ernährungssystemen und insbesondere der Frage, wie pflanzliche Proteinquellen als ressourcenschonende Alternativen zu einer klimafreundlicheren Lebensmittelproduktion beitragen können. Als BNE-Pionierin möchte ich dazu beitragen, nachhaltige Ernährung alltagsnah und verständlich zu vermitteln.

Lea hat lange hellbraune Haare, trägt eine beige Jacke und steht vor einer hügeligen Landschaft.

Über Lea Posingies

Ich bin Lea Posingies und studiere International Business an der HAW Hamburg. Während meiner Studienzeit hat mich vor allem die Vereinbarung von Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit interessiert, weshalb ich in unserem Lernangebot das Thema „Recycling und nachhaltiger Konsum“ betreue. Als BNE-Pionierin ist mir wichtig, dass die Auswirkungen unseres Handelns im Alltag besser erkannt und so hoffentlich viele Menschen ermutigt werden, bewusstere Entscheidungen hin zu einem nachhaltigeren Konsum sowie einer korrekten Entsorgung ihrer Konsumgüter zu treffen.

Das Lernangebot der drei Studierenden wird zum Jahresende 2026 online gehen. Kasim Al-Zabin, Elisabeth Grützmacher und Lea Posingies sind Teil der BNE-Pionier*innen der HAW Hamburg.