Würfel, die das Wort News zeigen.

25.02.2026 | hoouadmin

Warum uns Nachrichten ermüden und wie wir damit umgehen können

Immer mehr Menschen fühlen sich von Nachrichten überfordert. Die Forschung spricht von Nachrichtenmüdigkeit: zu viele Krisenmeldungen, zu wenig Orientierung, oft folgt der Rückzug. Das Lernangebot „News-Life-Balance“ der TU Hamburg und der Hamburg Media School zeigt, warum dieser Zustand entsteht und wie sowohl Mediennutzende als auch Journalist:innen Wege finden können, informiert zu bleiben, ohne auszubrennen. Welche Ursachen dahinterstehen und was sich verändern müsste, erklären Anke Gehrmann und Prof. Christopher Buschow von der Hamburg Media School. Das Interview führte Johanna Rose-Jastram.

Frau Gehrmann, früher schien der Umgang mit Nachrichten klarer geregelt. Was war anders?

Anke Gehrmann: Früher gab es feste Nachrichtenrituale. Da gab es zum Frühstück die Tageszeitung oder die Radiosendung, die fünf oder manchmal auch nur zehn Minuten ging. Die Tageszeitung hat man von A bis Z durchgeblättert und dann war man durch. Oder abends gab es die Tagesschau oder andere Nachrichtensendungen. Die Nachrichten wurden mit einer Verzögerung vorgetragen, von Sprecher:innen, die sehr distanziert waren. Das waren Barrieren oder Distanzmöglichkeiten. Da wusste man genau: Ich bin orientiert, so und so viel muss ich wissen.

Wie unterscheidet sich das von der heutigen Nachrichtenwelt?

Anke Gehrmann: Heute sind die Faktoren ganz andere. Es gibt einen 24/7-Newsflow. Man wird auf allen Kanälen bombardiert. Man scrollt immer weiter, weil die Algorithmen so programmiert sind, dass sie dich möglichst lange halten. Das führt zu totaler Überforderung. Man hat gar keine Zeit mehr, sich zurückzuziehen, zu verarbeiten oder eine Distanz zu finden.

Herr Buschow, warum führt diese Überforderung so oft zu Nachrichtenvermeidung?

Christopher Buschow: Es gibt verschiedene Faktoren, die zu Nachrichtenvermeidung führen. Negative Nachrichten sind ein wesentlicher Treiber, das zeigt die Forschung sehr deutlich. Krisen, Konflikte und Negativität führen dazu, dass Menschen sich überlastet fühlen und keine Selbstwirksamkeit spüren – also keine Möglichkeit, die Situation ein Stück weit zu verändern.

Das Kursbild zum Lernangebot: Wissenschaft kurz erklärt: News-Life-Balance

Wissenschaft kurz erklärt: News-Life-Balance

Negative Schlagzeilen, ein endloser News-Stream und Krisen im Dauerlauf: Viele Menschen fühlen sich von Nachrichten überfordert. Der Podcast zum Lernangebot “News-Life-Balance” der Hamburg Open Online Universität erklärt anhand aktueller Forschung, warum Nachrichtenvermeidung entsteht, welche Rolle der Journalismus dabei spielt und wie bewusster Konsum sowie konstruktive Ansätze wieder zu Orientierung führen. Mit Prof. Christopher Buschow und Anke Gehrmann von der Hamburg Media School.

0.25 Stunden
Zum Lernangebot

Frau Gehrmann, was passiert, wenn Menschen über längere Zeit fast nur Negatives sehen?

Anke Gehrmann: Das Problem ist: Wenn man so viele negative oder ausschließlich negative Nachrichten hört, rutscht man in eine sogenannte erlernte Hilflosigkeit. Die Menschen kommen in ein Ohnmachtsgefühl: ‚Es ist alles so schlecht, ich kann eh nichts tun.‘ Wenn es immer nur dieses eine Narrativ gibt, schlägt das auf die Stimmung – und viele sagen dann: Damit beschäftige ich mich nicht mehr.

Herr Buschow, eine Pause kann gesund sein. Wo beginnt es problematisch zu werden?

Christopher Buschow: Bei der bewussten Nachrichtenvermeidung ist es oft eine Schutzreaktion. Man sagt: Ich kann das nicht so lange ertragen, ich brauche Pausen ohne Nachrichten, in denen ich Kraft sammeln kann. Viele vermeiden einzelne Themen, vermeiden Nachrichten zu Trump, oder nehmen sich Auszeiten am Wochenende oder abends, schalten Push-Nachrichten ab. Das ist häufig reflektiert. Aber es gibt einen Kipppunkt. Wenn man merkt, dass man eigentlich gar keine Lust mehr auf Nachrichten hat und dauerhaft abschaltet, verliert man den Bezug zu den eigenen Nutzungsroutinen. Und das kann gesellschaftliche Effekte haben: Menschen sind schlechter informiert, treffen schlechtere Entscheidungen und gehen seltener wählen.

Welche Risiken entstehen, wenn viele Menschen sich dauerhaft zurückziehen?

Anke Gehrmann: Studien zeigen klar: Menschen, die Nachrichten vermeiden, sind viel anfälliger für Desinformation und Desinformationskampagnen, weil sie nicht kritisch und fundiert informiert sind. Das ist ein Risiko für die Gesellschaft, weil wir Menschen brauchen, die mündige Entscheidungen treffen. Das ist wichtig für die Demokratie.

Trägt der Journalismus zu diesem Problem bei?

Christopher Buschow: Wir wissen aus der Forschung, dass Negativität zwar zu Erschöpfung und Vermeidung führt, aber gleichzeitig sehr populär ist. Online wird mehr geklickt, wenn Headlines negativer sind. Das hat evolutionsbiologische Gründe: Die schlechte Nachricht war früher überlebenswichtig – der Säbelzahntiger vor der Höhle. Das erklärt, warum negative Nachrichten heute stärker konsumiert werden.

Anke Gehrmann: Und der wirtschaftliche Druck ist enorm. Wenn man eine bestimmte Quote erreichen muss, ist man geneigt, das Bild zu nehmen, das mehr geklickt wird. Das hat nichts mit Sensationslust zu tun, sondern damit, wie das Gehirn funktioniert: Wir klicken das Bild mit dem Feuerball eher an als eine positive Lösungsgeschichte. Und das ist auch das, was wir gelernt haben: „Only bad news are good news“.

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Jeder kennt Work-Life-Balance. Aber niemand kennt seine News-Life-Balance. Dabei brauchen wir eine neue Balance zwischen der Nachrichtenwelt und unserem eigenen Leben.
Anke Gehrmann, Hamburg Media School

Wenn der Journalismus Teil des Problems ist, wie könnte er Teil der Lösung werden?

Christopher Buschow: Wir können nichts an den Krisen ändern. Aber der Journalismus muss nicht ohne konstruktive Perspektive berichten. Es geht nicht darum, das Positive zu betonen. Aber eine Lösungsorientierung, ein Weg nach vorne, kann Menschen zurückholen, die sonst sagen: Es ist immer alles negativ. Diese Geschichten zeigen Selbstwirksamkeit: Du kannst etwas ändern, auch im kleinen Wirkbereich. Das ist wichtig.

Frau Gehrmann, Sie haben das Konzept der News-Life-Balance entwickelt. Was bedeutet das?

Anke Gehrmann: Jeder kennt Work-Life-Balance. Aber niemand kennt seine News-Life-Balance. Dabei brauchen wir eine neue Balance zwischen der Nachrichtenwelt und unserem eigenen Leben. Die Frage ist: Wie können wir gut informiert bleiben und gleichzeitig gesund und stabil bleiben. Auch als Journalist:innen? Das Lernangebot hilft, genau das herauszufinden.

Wie sieht Ihre eigene News-Life-Balance aus?

Anke Gehrmann: Es ist kein Rezept, sondern ich versuche, mich immer besser kennenzulernen: Wie reagiere ich auf Nachrichten, im Vergleich zu anderen? Das ist individuell. Und es geht viel ums Nervensystem: Bin ich in Sicherheit? Wenn ich Nachrichten schaue und merke, dass mich etwas belastet, setze ich bewusst etwas dagegen. Das kann ein Spaziergang sein. Oder etwas ganz Simples wie: Ich schaue mich im Raum um und stelle fest, dass ich hier gerade safe bin.

Das Bild zur Podcastepisode: News-Life-Balance: Wie wir informiert bleiben, ohne auszubrennen 

News-Life-Balance: Wie wir informiert bleiben, ohne auszubrennen 

Negative Schlagzeilen, ein endloser News-Stream und Krisen im Dauerlauf: Viele Menschen fühlen sich von Nachrichten überfordert. Der Podcast zum Lernangebot “News-Life-Balance” der Hamburg Open Online Universität erklärt anhand aktueller Forschung, warum Nachrichtenvermeidung entsteht, welche Rolle der Journalismus dabei spielt und wie bewusster Konsum sowie konstruktive Ansätze wieder zu Orientierung führen. Mit Prof. Christopher Buschow und Anke Gehrmann von der Hamburg Media School.

Zur Episode

Strategien für einen gesunden Nachrichtenumgang

Wenn ihr euch tiefer mit dem Thema beschäftigen wollt: Das Lernangebot „News-Life-Balance“ der Hamburg Open Online University führt durch die zentralen Ursachen von Nachrichtenmüdigkeit, zeigt anhand aktueller Forschung, wie Mediennutzung und Nervensystem zusammenhängen, und bietet Übungen, Reflexionsimpulse und praktische Strategien für einen gesünderen Umgang mit Nachrichten.

Ihr findet das gesamte Lernangebot mit Hintergrundmaterial und interaktiven Elementen auf hoou.de.

11.11.2025 | Christian Friedrich

Maria Rossbauer

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Nicola Wessinghage
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Maria Rossbauer

Die Journalistin Maria Rossbauer spricht mit Nicola Wessinghage über bunte Berufsbiografien, Landwirtschaft, Hamburg und München, Erste Hilfe, Mikrobiologie und nachhaltige Landwirtschaft.

Nicola Wessinghage im Gespräch mit der Journalistin Maria Rossbauer, die auf eine bunte Berufsbiografie zurückschauen kann. In ihrem aktuellen Beruf als Journalistin sei sie angekommen, berichtet sie – genau wie als Niederbayerin in ihrer Wahlheimat Hamburg. Was nicht heißt, dass es bei ihr ruhig wäre – im Gegenteil. Wir sprechen über die Möglichkeiten, sich beruflich immer wieder zu verändern, Chancen zu ergreifen, neugierig zu bleiben. Als Journalistin hat Maria Rossbauer lange Zeit auch Wissenschaft erklärt – und meint, dass das in den USA manchmal eine andere Leichtigkeit hat als in Deutschland. Maria vereinbart nicht nur Job und Familie, sondern auch ihre Anstellung bei ZEIT-Hamburg mit ihrem Nebenjob als Teilzeit-Landwirtin in Bayern. Wie sie all das unter einen Hut bringt, das verrät sie in dieser Episode.

Website Maria Rossbauer

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Maria Rossbauer bei LinkedIn

Hallertau, Holledau, Hollerdau (Wikipedia)

Lanz Bulldog (Wikipedia)

Cyanobakterien (Wikipedia)

Peter Higgs (Wikipedia)

Was Langeweile wirklich mit uns macht (Podcast Elbvertiefung, ZEIT)

Texte von Maria Rossbauer als freie Journalistin, unter anderem über den Körper als Kommune von Mensch und Mikrobiomen sowie über Dialekt

Bücher von Maria Rossbauer, unter anderem: „Großstadtbäuerin – Mein Vater, sein Land und ich.“ Rowohlt Taschenbuch Verlag, Mai 2022

1. Hamburger Podcast-Nacht

Bericht der HOOU: „Erste Hamburger Podcast-Nacht wird zum kollektiven Erlebnis“

Podcast Elbvertiefung, Episode der Hamburger Podcast-Nacht: „Ganz schön aufregend, was da gerade in Hamburgs Kulturszene los ist“

Hamburg, was willst Du wissen? Tobi Schlegl

Lernangebote der HOOU

Leben retten (UKE)

MikiE – Mikroben im Einsatz

Back to the Roots: Gesunde Böden regenerieren Wasser

Foto Maria Rossbauer: Florian Thoss, DIE ZEIT


Credits

Moderation: Nicola Wessinghage und Christian Friedrich

Musik: Jakob Kopczynski

Produktion: Christian Friedrich

Die Angebote zum Selbstlernen auf der Online-Plattform der Hamburg Open Online University stehen allen Interessierten frei zur Verfügung.

Um unsere Lernangebote zu nutzen, brauchst du weder zu studieren noch bestimmte Voraussetzungen zu erfüllen. Schau einfach online vorbei. Unsere Internetadresse ist www.hoou.de

Feedback, Anregungen und Kommentare zum Podcast erreichen uns per E-Mail unter waswillstduwissen@haw-hamburg.de

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Charles Deluvio / unsplash

02.10.2024 | Meena Stavesand

Nachrichtenmüdigkeit und digitale Überflutung: Wie der Journalismus Vertrauen zurückgewinnt

Der digitale Wandel hat den Nachrichtenkonsum grundlegend verändert: Soziale Medien bestimmen immer mehr, wie sich Menschen informieren – und welche Informationen sie erreichen. Eine wachsende Zahl an Nutzerinnen und Nutzer fühlt sich heute durch die Flut an Nachrichten erschöpft. Im Interview erklärt Prof. Dr. Christopher Buschow, Professor für digitalen Journalismus an der Hamburg Media School und an der TU Hamburg, warum viele Menschen Nachrichten meiden und welche Folgen diese Entwicklung haben kann.

Wie kann der Journalismus darauf reagieren? Indem er sich ändert. Er müsse innovativer werden und sich mehr am Publikum orientieren, sagt Prof. Buschow. Die Veranstaltung „NewsFair“ von NDR Info und Hamburg Media School am 16. Oktober stellt neue Lösungswege in den Mittelpunkt: Journalistinnen und Journalisten sowie Forschende wollen hier gemeinsam diskutieren, wie Nachrichten wieder relevanter und zugänglicher werden.

Wie viele Nachrichten konsumierst du als Medienprofessor täglich und wie beeinflusst dich das?

Prof. Dr. Christopher Buschow: Schon berufsbedingt nutze ich viele Nachrichten. Neben Fachmedien aus dem wissenschaftlichen Bereich sind das z.B. Hamburger Abendblatt und Morgenpost als Lokalmedien, Spiegel und Die Zeit auf nationaler und beispielsweise The Economist auf internationaler Ebene. Das heißt: Viele Informationen, Nachrichten und Inhalte prasseln täglich auf mich ein. Da fällt es auch mir nicht allzu leicht, ein gesundes „Medienmenü“ zusammenzustellen und Routinen aufzubauen.

Damit bin ich allerdings nicht allein: Vor ähnlichen Herausforderungen stehen viele, gerade jüngere Menschen tagtäglich, da die heutige Medienwelt eine ganz andere ist als noch vor einigen Jahren. Im vergangenen Jahrhundert waren die Nutzungsgewohnheiten in den Alltag eingebaut, die Menschen konsumierten die immer gleichen Medienmarken, sie waren loyal. Man hatte seine Tageszeitung. Das ist heute anders. Die Nutzerinnen und Nutzer müssen sich viel stärker selbst organisieren – das ist mühsamer, komplizierter und anspruchsvoller. Dass selbst der Medienprofessor damit so seine Probleme hat, spricht vielleicht für sich.

Und die Welt ist voller Krisen. Nach Corona folgte der Angriffskrieg auf die Ukraine, nun die Eskalation des Nahostkonflikts. Schwer verdauliche Themen dominieren die Nachrichten. Was macht das mit den Menschen?

Prof. Buschow: Die Corona-Pandemie hat ja zunächst zu einem Boom der Nachrichtennutzung geführt, da die Menschen in einer sehr unsicheren und unmittelbar bedrohlichen Situation verständlicherweise ein großes Informationsbedürfnis hatten. Traditionelle Medien wie die Tagesschau wurden stark genutzt, sogar von jungen Menschen. Das war bemerkenswert. Es scheint aber, als seien wir Stück für Stück in eine Art „Nachrichten-Burnout“ geraten.

Phänomene wie Nachrichtenmüdigkeit (News Fatigue) oder aktive Nachrichtenvermeidung (News Avoidance) sind auch durch die Corona-Pandemie mitentstanden. Die Krisen, die hinzugekommen sind, haben die Situation nochmals verschärft. Heute geben 14 Prozent der deutschen Befragten des diesjährigen Reuters Digitale News Report an, dass sie Nachrichten häufig aktiv vermeiden, 69 Prozent tun das zumindest gelegentlich. Wir erkennen bei vielen Menschen eine Überforderung durch Nachrichten und Journalismus.

Wie hat sich der Nachrichtenkonsum verändert?

Prof. Buschow: Die Nachrichten­nutzung hat sich mit den sozialen Medien – spätestens seit Mitte der 2010er-Jahre – erheblich verändert, insbesondere bei jungen Nutzergruppen. Viele der tradierten Nutzungsmuster wurden aufgebrochen. Die alte Medienwelt löst sich auf. Es gibt zwar noch Menschen, die morgens die Lokalzeitung aus dem Briefkasten holen. Aber das ist weder die Zukunft noch ist es ein Verhalten, das wir noch allzu lange sehen werden. Im Gegenteil. Was wir sehen, ist eine Welt, in der Nachrichten­, gerade bei jungen Nutzenden, maßgeblich durch Social Media vermittelt werden. In den unendlichen „News Feeds“ der sozialen Netzwerke spielt Nachrichtenjournalismus allerdings nur eine untergeordnete Rolle. Mit dem Journalismus konkurrieren da vor allem unterhaltende Inhalte, persönliche Kommunikation mit Freundinnen und Freunden und Propaganda um die Aufmerksamkeit der Menschen.

Dies führt u.a. zu einem Phänomen, was man in der Forschung „News-Finds-Me-Perception“ nennt, also die Haltung, dass die wichtige Nachrichten einen schon finden werden, ohne dass man aktiv danach sucht. Das zufällige Stolpern über Nachrichten gewinnt an Relevanz. Das Bedürfnis, sich aktiv informiert zu halten und sich mit gesellschaftlichen Themen auseinanderzusetzen, hingegen erodiert.

Was bedeuten Nachrichtenmüdigkeit und Nachrichtenvermeidung für den Journalismus und für die Gesellschaft?

Prof. Buschow: Für den Journalismus bedeutet es, dass er Teile der Gesellschaft nicht mehr erreicht, die er früher noch erreichen konnte. Das liegt auch an der veränderten Funktionsweise der digitalen Medien. Nehmen wir den so genannte „Audience Flow“ im klassischen Fernsehen, bei dem die Menschen durch das Programmschemata in der Halbzeitpause eines Fußballspiels mit Nachrichten – wie etwa der Tagesschau – konfrontiert wurden. So konnten Menschen erreicht werden, die sonst keine Nachrichten schauten. In der digitalen Welt wird das viel schwieriger, weil Algorithmen die Inhalte steuern.

Es gibt auch die Herausforderung, dass sich Menschen, die den etablierten Medien durchaus zugewandt waren, von Nachrichten abwenden, weil sie sagen: „Ich ertrage das nicht“ oder „Ich kann das nicht mit meinem Alltag verbinden“. Nachrichten werden oft als belastend empfunden. Dies führt zu einer Schwächung des Journalismus. Der Reuters Digital News Report fragte 2022, ob Journalismus für eine funktionierende Demokratie unverzichtbar sei. Ältere Menschen stimmten dieser Aussage deutlich stärker zu als jüngere. Das zeigt, dass die Rolle und Funktion des Journalismus von Teilen der jüngeren Generationen in Zweifel gezogen wird. Das ist eine Herausforderung, der wir uns stellen müssen.

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Gefährlich wird es, wenn es keinen Konsens mehr gibt, über <em>welche</em> Themen gestritten werden sollte. Wenn eine Gesellschaft keinen gemeinsamen „Themenhaushalt“ mehr hat, wird es schwierig, konstruktiv zu streiten und sich als mündige Bürgerin oder mündiger Bürger eine Meinung zu bilden.

Prof. Dr. Christopher Buschow, Hamburg Media School und TU Hamburg

Warum kann das für eine Gesellschaft gefährlich werden?

Prof. Buschow: Es ist heute leichter, sich in abgeschotteten Räumen zu bewegen, in denen man mit bestimmten Inhalten gar nicht mehr konfrontiert wird. In polarisierten Ländern wie den USA sehen wir das heute schon besonders deutlich: Republikaner und Demokraten – und deren Anhängerschaft – reden über teils völlig unterschiedliche Themen. In einer Demokratie ist es jedoch wichtig, darüber zu streiten, wie ein Thema bewertet wird. Gefährlich wird es, wenn es keinen Konsens mehr gibt, über welche Themen gestritten werden sollte. Wenn eine Gesellschaft keinen gemeinsamen „Themenhaushalt“ mehr hat, wird es schwierig, konstruktiv zu streiten und sich als mündige Bürgerin oder mündiger Bürger eine Meinung zu bilden.

Mit welchen Strategien können Medienhäuser junge Menschen besser erreichen, um Nachrichtenmüdigkeit oder -vermeidung entgegenzuwirken?

Prof. Buschow: Das ist keine Frage, die nur die Medienhäuser betrifft, sondern die die gesamte Branche diskutieren muss. Es braucht die einzelnen Journalistinnen und Journalisten, die sich fragen sollten, welche Art von Journalismus notwendig ist, um Menschen (zurück) zu gewinnen. Es braucht die Verlage, die sich fragen müssen, welche Produktstrategien sie verfolgen wollen. Es braucht die Medienpolitik, die im Bereich der Medienkompetenz mehr Akzente setzen könnte. Auch  Medienregulierung könnte eine Rolle spielen. Zum Beispiel: Kann so etwas wie der „Audience Flow“, den wir im Fernsehen gut organisieren konnten, auch in digitalen Umgebungen durch regulative Vorgaben geschaffen werden?

Nicht zuletzt sollte die Wissenschaft eine aktiven Rolle spielen. An meiner Professur verstehen wir Journalismusforschung als transformative Forschung. Wir können nicht nur beobachten, was passiert. Wir müssen mit wissenschaftlichem Wissen unterstützen, den Journalismus in eine gute Zukunft zu führen.

Gemeinsam mit NDR Info organisierst du an der Hamburg Media School eine Fachveranstaltung zum Thema Nachrichtenmüdigkeit. Worum geht es dabei?

Prof. Buschow: Wir laden Medienschaffende, Journalistinnen und Journalisten, Redakteurinnen und Redakteure, aber auch fachlich Interessierte aus allen Bereichen der Branche und darüber hinaus ein, mit uns zu diskutieren, Wege zu finden, wie man Nachrichtenmüdigkeit entgegenwirken kann. Die Veranstaltung ist dreigeteilt. Wir haben zwei Vorträge:

  • einen von Prof. Dr. Roman Rusch von der Hochschule Ansbach zum Thema „Auf der Suche nach Lösungen: Konstruktiver Journalismus als Chance. Anwendungsmöglichkeiten und Grenzen des Ansatzes“ und
  • einen von mir unter dem Titel „Das Phänomen der Nachrichtenmüdigkeit und warum der Journalismus neue Ansätze braucht“.

Höhepunkt ist eine Podiumsdiskussion mit Gästen aus Praxis und Forschung. Unser Ziel: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sollen mit klaren Implikationen und Handlungsideen nach Hause gehen, die sie aktiv nutzen können, um in ihrer eigenen Arbeit neue Wege zu beschreiten, die Menschen mit Journalismus und Nachrichten besser abzuholen.

Wir wollen nichts vorwegnehmen. Aber was können Medienschaffende tun, damit die Menschen wieder Lust haben, journalistische Inhalte zu konsumieren?

Prof. Buschow: 1. Überlegt, wie die Menschen in der digitalen Medienwelt mit euch interagieren, welche direkteren Beziehungen sie zu euch aufbauen wollen. Publikumsorientierung, Publikumsdialog, „User Engagement“, „User Needs“ – das sind wichtige Bausteine.

2. Denkt über Formate und Darstellungsformen nach. Personenmarken, neue journalistische Influencer, neue Genres. Konstruktiver Journalismus, Good News, Kartenjournalismus – das sind nur einige beispielhafte Innovationen, die den Journalismus attraktiver machen können.

3. Denkt darüber nach, wie man Aufmerksamkeit für Nachrichten organisieren kann, ohne dass diese Aufmerksamkeit zunächst auf Nachrichten gerichtet ist. Wie können wir initiale Begegnungen mit Nachrichten schaffen, die dann aber auch zu längerfristigen Beziehungen führen?

Über Prof. Dr. Christopher Buschow

Univ.-Prof. Dr. Christopher Buschow ist Universitätsprofessor für Digitalen Journalismus an der Technischen Universität Hamburg und Leiter des Fachgebiets Digitaler Journalismus an der Hamburg Media School.

Christopher Buschow war wissenschaftlicher Mitarbeiter, Doktorand und später Habilitand am Institut für Journalistik und Kommunikationsforschung (IJK) der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover. An der Bauhaus-Universität Weimar wirkte er von 2018 bis 2023 als Juniorprofessor an der Fakultät Medien.

In seiner Forschung befasst sich Buschow schwerpunktmäßig mit Innovationen im digitalen Journalismus sowie mit Unternehmensgründungen in der Medienbranche. Er hat zahlreiche Drittmittelprojekte eingeworben und erfolgreich durchgeführt, unter anderem gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft, das Bundesministerium für Bildung und Forschung und die Klaus Tschira Stiftung.

Eine Person hält ein Smartphone in den Händen und schaut drauf

Headerbild: Trenton Stevens/Unsplash

21.12.2023 | Meena Stavesand

Nachrichten für Kinder: So fördern wir die Medienkompetenz

Wie müssen kindgerechte News aussehen? Und wie können wir den jungen Menschen dabei helfen, die Nachrichtenlage richtig einzuschätzen? In diesem Lernangebot gibt es Antworten auf diese und weitere spannende Fragen.

Einmal die Welt mit Kinderaugen sehen – das wünschen sich viele Erwachsene. Denn Kinder gelten als unbeschwert, haben Freude an alltäglichen Dingen, sehen ungetrübt auf die Geschehnisse. Das scheint beneidenswert, lässt aber den Aspekt außer Acht, dass Kinder genauso wie Erwachsene beispielsweise Nachrichten hören und sehen – und damit auch verarbeiten müssen. Sie hören von Krisen und Kriegen, brauchen aber Hilfe dabei, diese zu verstehen und zu reflektieren. Dafür hat die HAW Hamburg das Lernangebot „Nachrichten für Kinder – ein Ratgeber für die Praxis“ erstellt, das sowohl Journalistinnen und Journalisten unterstützen soll, kindgerechte Angebote zu produzieren, also auch Lehrende und Eltern dabei hilft, mit Kindern die Informationen zu verarbeiten.

In einer Welt, die stark von Medien beeinflusst ist, ist es wichtig, Kinder früh in Medien- und Nachrichtenkompetenz zu schulen. Und das war das Ziel des Projekts „Nachrichten für Kinder“. Es wurde bereits 2018 von Studierenden der HAW Hamburg entwickelt. Unter der Leitung von Vera Marie Rodewald und Silvia Worm erstellten diese ein sogenanntes Open Educational Resources (OER – ein offenes Lernangebot), um Lehrende, Lernende und Eltern in der Vermittlung und dem Verständnis von Kindernachrichten zu unterstützen.

Umgang mit Krisenthemen und Desinformation

Das Projekt, begleitet von den Figuren Toni und einem Eichhörnchen, bietet über die Website Zugang zu sieben thematischen Kapiteln. Diese behandeln unter anderem Gestaltungskriterien für Nachrichten und Medien, erklärt den kindgerechten Umgang mit Krisenthemen, beschäftigt sich mit Werbung, setzt sich mit der Bedeutung von Desinformation und Fake News auseinander und schafft eine Basis für die eigene Erstellung von Nachrichten für Kinder. Eine passende Handreichung gibt zusätzliche Erläuterungen und Nutzungshinweise. Das Beste: Die Inhalte stehen allen Interessierten für Bildungszwecke kostenlos zur Verfügung.

https://portal.hoou.de/blog/episodes/hamburg-hoert-ein-hoou-nachrichten-fuer-kinder

Diese Fragen beantwortet das Lernangebot „Nachrichten für Kinder“

Unser Leben und unsere Welt ist stark medialisiert – auch die von Kindern. Social Media spielt eine immer größere Rolle, doch wie gehen die jungen Menschen mit den Informationen um? In erster Linie müssen sie diese verstehen – wir brauchen also eine stärkere Medien- und Nachrichtenkompetenz, die mit diesem Lernangebot geschult wird. Es finden sich Antworten auf folgende Fragen:

  • Wie unterscheiden sich Nachrichten für Kinder von solchen für Erwachsene?
  • Wie müssen die Nachrichten formuliert sein, damit Kinder sie verstehen?
  • Wie müssen die Nachrichten gestaltet sein? Welche Kriterien gibt es dabei?
  • Wie lassen sich Fake News erkennen?
  • Wie nutzen Kinder Medien und wie ist die Nutzung in den Alltag (im Gespräch mit Erwachsenen) integriert?

Auf der Website beleuchten die Lernmaterialien aus unterschiedlichen Blickwinkeln die Förderung von Nachrichten- und Medienkompetenz und zeigen die altersgerechte Darstellung von tagesaktuellen Ereignissen und Themen in der Zeitung, im Fernsehen, im Radio oder im Internet. Klicke dich gerne durch die Kapitel. Nutze die Inhalte außerdem kostenfrei für deine Publikationen und Lernmaterialien.

Screenshot von Webseite

Ukraine Krieg. fake news

18.05.2022 | Katrin Schröder

Fake-News erkennen und entlarven - Ein neues Lernangebot auf HOOU.de

– am Beispiel der Berichterstattung zum Ukraine Krieg. Ein neues Lernangebot auf HOOU.de

Über TikTok, Instagram, YouTube und andere Social-Media-Plattformen erreichen Kriegsbilder aus der Ukraine Jugendliche direkt auf ihrem Handy. Wie können sie zwischen Nachrichten, Fakes und Propaganda unterscheiden?

Das Lernangebot zum Ukraine Krieg und Falschinformationen auf Social Media ist im Rahmen der Initiative #UseTheNews von Fiete Stegers und Prof. Stöcker der HAW Hamburg entstanden.

Quelle: https://www.hoou.de/projects/ukraine-krieg-und-falschinformationen-auf-social-media/preview, CC BY

#UseTheNews ist eine Initiative der Nachrichtenagentur dpa und ihrer Partner:innen. Sie setzt sich für die Förderung von Nachrichtenutzung und -kompetenzen speziell unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen ein. Wissenschaftlich begleitet wird das Projekt von der HAW Hamburg und dem Leibniz-Institut für Medienforschung.

Das Lernangebot wendet sich an Lehrer:innen, die ihren Schüler:innen Kompetenzen im Umgang mit Informationen aus dem Netz vermitteln wollen. Dazu werden Tipps für den Umgang mit potenziellen Falschinformationen und praktische aktuelle Beispiele vorgestellt. Diese werden um zahlreiche weiterführende Links zu tiefer gehenden Angeboten ergänzt, wie z.B. zu Faktencheckern.

Außerdem können auf Anfrage Journalist:innen für (Online-)Gespräche im Unterricht vermittelt werden.

In dem Video führt euch Fiete Stegers, der Ersteller, durch das Lernangebot.

Lernangebot ansehen · Ukraine-Krieg und Falschinformationen auf Social Media · HOOU