Bild: Ticka Kao / Unsplash
14.09.2026 | Meena Stavesand
Wissenschaft erzählen, ohne sie zu verbiegen: 5 Fragen für eine gute Story
Eine gute Geschichte kann komplexe Wissenschaft zugänglich machen, eine schlechte kann sie verfälschen. Die Grenze ist dabei selten eindeutig. Die HOOU-Broschüre „10 Impulse zu Storytelling“ der HAW Hamburg gibt Antworten dazu und stellt auch unbequeme Fragen. Hier sind fünf davon. Wer sich intensiver mit dem Thema befassen möchte, kann die Broschüre kostenlos herunterladen.
Im HOOU-Storytelling-Labor an der HAW Hamburg haben Forschende, Lehrende und Projektverantwortliche über mehrere Wochen erprobt, wie sich wissenschaftliche Themen erzählen lassen. Entstanden sind sehr unterschiedliche Geschichten – und eine Reihe von Fragen, die sich alle stellen sollten, die mit Storytelling arbeiten.
1. Erzählen oder erklären – was braucht Wissenschaft, um bei Menschen anzukommen?
Fachpublikationen, Abstracts und Projektberichte aus Hochschulen erreichen in erster Linie diejenigen, die das Vokabular ohnehin teilen. Wenn Wissenschaftler*innen von „Evidenz“, „Datenlage“ oder „Peer Review“ schreiben, stehen diese Begriffe für wissenschaftliche Standards. Menschen, die mit Wissenschaft bisher wenig zu tun hatten, erleichtern sie den Zugang dazu nicht unbedingt. Gerade für Hochschulen als öffentliche Einrichtungen sollte es aber ein Anliegen sein, eine breitere Öffentlichkeit zu erreichen.
Storytelling kann hier ein Türöffner sein. Geschichten machen Inhalte greifbar, schaffen Anknüpfungspunkte und zeigen, warum ein Thema für die Zielgruppe relevant ist. Allerdings konkurrieren wissenschaftliche Inhalte heute mit Formaten, die ebenfalls gut erzählen – oft vereinfacht, manchmal zugespitzt und teilweise schlicht falsch. Das Problem: Eingängige Geschichten werden schnell weitererzählt, unabhängig davon, ob sie auf belastbaren Fakten beruhen.
Storytelling ist daher nicht unbedingt ein neutrales Werkzeug, es kann ein Verstärker sein – in beide Richtungen. Karin Thier, Referentin des HOOU-Storytelling-Labors, sagt dazu: „Eine gute Geschichte macht Menschen schlauer.“ Der Satz klingt einfach, formuliert aber zugleich eine Verpflichtung.
2. Welche Erzählstruktur passt zu welchem Thema?
Das hängt davon ab, was die Geschichte leisten soll.
- Die Drei-Akt-Struktur bringt Erkenntnis- und Argumentationsgänge in eine nachvollziehbare Abfolge.
- Die Held*innenreise erzählt Veränderungsprozesse als Weg.
- Resonanzsensibles Erzählen kommt ohne Held*innen, einen zentralen Konflikt und eine eindeutige Auflösung aus. Es passt zu Themen, bei denen eine dramaturgische Zuspitzung dem Thema nicht gerecht würde.
Ellen Pflaum, Teamleiterin der HOOU an der HAW Hamburg, hat im Storytelling-Labor erprobt, wie sich ein Lernangebot zur Gemeinwohl-Ökonomie mit der Held*innenreise erzählen lässt. Über diesen Prozess sagt sie: „Es ist keine typische Held*innenreise geworden, aber sie orientiert sich daran.“ Und genau das ist ein guter Ansatz: Erzählmodelle sind Werkzeuge, keine Schablonen. Wer sie als Gerüst nutzt und an den richtigen (nötigen) Stellen abweicht, erzählt präziser, als jene, die die Modelle pflichtbewusst durchdeklinieren.
3. Wie viel Zuspitzung verträgt ein wissenschaftliches Thema?
Um eine gute Geschichte zu erzählen, ist es manchmal nötig, Inhalte zu verdichten. Doch was bedeutet das für die Wissenschaft? Fokussierung ist dabei nicht per se problematisch, sondern ein Mittel, ein Handwerk. Kritisch wird es, wenn Verdichtung in Verfälschung umschlägt – etwa, wenn die Geschichte einen vorläufigen Befund als gesicherte Erkenntnis dargestellt oder eine offene Frage zugunsten eines griffigen Endes vorschnell beantwortet.
Die Literaturwissenschaftlerin Julika Griem spricht in diesem Zusammenhang von einer Tendenz zur „Narrativisierung“ und „Eventisierung“ wissenschaftlicher Arbeit – also davon, dass unspektakuläre, aber zentrale Dimensionen wie Routinen, methodische Umwege oder konkurrierende Erklärungen im Erzählfluss verschwinden. Damit es gar nicht erst dazu kommt, liefert die Broschüre konkrete Werkzeuge: drei Blickrichtungen fürs Gegenlesen der eigenen Geschichte und zehn Postulate, die helfen, erzählerische Entscheidungen bewusst zu treffen.
4. Wessen Perspektive erzähle ich und wessen nicht?
Wer erzählt, wählt aus, wer welche Rolle in der Story spielt und wer nicht vorkommt – diese Auswahl ist nicht zu vermeiden, aber zu reflektieren. Die nigerianische Autorin Chimamanda Ngozi Adichie warnt vor der „Gefahr einer einzigen Geschichte“: Ein verzerrtes Bild entsteht nicht nur durch falsche Aussagen, sondern auch dadurch, dass eine Perspektive dominiert und andere unsichtbar bleiben.
Wenn wir das auf die Wissenschaftskommunikation übertragen, heißt das: Wenn immer dieselben Menschen erzählen, dieselben Held*innen vorkommen, dieselben Probleme dramatisiert werden, prägt es, was am Ende hängen bleibt und was als „normal“ angesehen wird.
Karin Thier setzt dieser Herausforderung das machtsensible Erzählen entgegen. Dahinter steht eine Erzählhaltung, die bewusst danach fragt, wer welche Rolle erhält und wer eben nicht vorkommt. Die Broschüre stellt ein einfaches, aber wirksames Prinzip voran: Storylistening vor Storytelling. Also erst zuhören, sammeln, verstehen – dann erzählen.
5. Kann man Storytelling überhaupt lernen?
Ja. Storytelling-Expertin Karin Thier sagt es in der Broschüre so: „Ich erlebe immer wieder, wie überrascht Menschen sind, wenn sie merken, dass man gute Geschichten systematisch entwickeln kann.“ Es gibt Methoden, Strukturen, Werkzeuge, und es gibt Übung und Feedback. Wer beides zusammenbringt, kommt weiter.
Genau das war die Idee des HOOU-Storytelling-Labors: ein geschützter Erprobungsraum, in dem Forschende, Lehrende und Projektverantwortliche eigene Themen erzählerisch bearbeitet, verschiedene Ansätze ausprobiert, verworfen und weiterentwickelt haben. Entstanden sind sehr unterschiedliche Geschichten: ein Comic über rechtliche Unsicherheiten bei OER, eine Reise in den Mikrokosmos eines Badesees, eine Motivserie über Hamburg als Stadt, die Wissen teilt, oder auch ein animiertes Video.
Die Impulse zeigen, was funktionieren kann und wo es kompliziert wird. Die Broschüre ist daher kein Lehrbuch, sondern eine Sammlung von Erfahrungen, die zum Weiterdenken einlädt.