26.05.2026 | Meena Stavesand

„Mein Engagement gibt mir das Gefühl, dass mein Hiersein sinnvoll ist“

Tam Thi Pham hat Ende 2024 mit ihrem ehrenamtlichen Engagement einen Hamburger Verein für experimentelle Musik vor dem Aus gerettet. Heute leitet sie Hörbar e.V. als Vorsitzende und hat die Hamburg Free Improv Community gegründet. Im Interview anlässlich des Ehrentags erzählt die Improvisationsmusikerin, Komponistin und Đàn bầu-Expertin, warum ihr als Künstlerin und Migrantin gesellschaftliches Engagement so viel bedeutet. Das Interview haben wir im Original auf Englisch geführt. English version below.

Was motiviert dich zu deinem Ehrenamt?

Ich möchte immer etwas zu der Gesellschaft beitragen, in der ich lebe – besonders im künstlerischen Bereich. Da ich selbst in diesem Gebiet arbeite, will ich ständig mehr darüber lernen. Gleichzeitig erkenne ich, was fehlt, und überlege, was ich beisteuern kann.

In diesem Zusammenhang möchte gerne von Hörbar e.V. erzählen, einem gemeinnützigen Verein für experimentelle Musik. Der Verein mietet eine Spielstätte und organisiert eine monatliche Konzertreihe. Das vorherige Kernteam hat das über 30 Jahre gemacht. Ende 2024 haben sie Menschen gesucht, die das weiterführen, sonst hätte der Verein schließen müssen. Nach mehreren Treffen habe ich mich entschieden, einzusteigen, und einige Freund:innen gefragt, ob wir das gemeinsam machen wollen.

Zum Glück haben sich vier Künstler:innen gefunden, die Teil des Teams wurden. Seit Anfang 2025 organisieren wir eine Konzertreihe für experimentelle Musik. Unser Verein hat aktuell 30 Mitglieder, und wir veranstalten vier Konzerte pro Monat. Das ist viel Arbeit, aber wir tragen sehr gerne etwas zur Hamburger Kunstszene bei.

Ich bin überzeugt, dass das, was wir tun, sinnvoll ist. Durch die regelmäßige Konzerte können Künstler:innen häufiger auftreten und Erfahrungen sammeln. Wir laden oft Künstler:innen auch außerhalb von Hamburg ein, darunter Musiker:innen auf Tour, und kombinieren sie mit lokalen Acts. Das erweitert den Austausch und vernetzt verschiedene Szenen miteinander. Wichtig ist uns, einen Raum zu bieten, in dem junge Künstler:innen ihre Arbeit zeigen und weiterentwickeln können.

Was ziehst du für dich aus dieser Arbeit?

Seit ich Vorsitzende von Hörbar e.V. bin, konnte ich meine Kontakte im Kunstfeld deutlich erweitern. Ich habe viele spannende Künstler:innen kennengelernt und inspirierende Auftritte erlebt. Außerdem kann ich Konzerte kuratieren und Künstler:innen einladen, deren Arbeit mich persönlich interessiert.

Zugang zu einer Spielstätte zu haben, ist auch eine tolle Sache für mich als Musikerin und Komponistin. Ich kann dort proben und selbst auftreten – das ist wertvoll für meine eigene künstlerische Entwicklung.

Im Oktober 2025 habe ich die Hamburg Free Improv Community gegründet. Das ist eine monatliche Reihe, bei der Musiker:innen, Zuhörer:innen und open-minded Menschen zusammenkommen, um freie Improvisation gemeinsam zu erleben. Wir verstehen Improvisation nicht nur als künstlerische Methode, sondern auch als eine Form, voneinander zu lernen, sich auszutauschen und über Grenzen hinweg in Verbindung zu treten. Die Community zählt derzeit rund 20 Personen, und die meisten unserer Aktivitäten finden in der Hörbar statt. Das ist mein Traum: Ich wollte Künstler:innen mit ähnlichen Interessen zusammenbringen. Gemeinsam haben wir die Community aufgebaut, wir unterstützen uns gegenseitig und stärken so unsere eigene Praxis.

Eine unserer kommenden Veranstaltungen findet am 28. Juni um 20 Uhr im Studio 16 statt – als Teil des Blurred Edges Festivals, einer einmonatigen Reihe mit 96 Performances, Klangkunst, Vorträgen, experimenteller Musik, Kompositionen und Improvisationen an 50 Orten in der ganzen Stadt!

Anführungszeichen in den Farben des HOOU-Themes
Als Migrantin habe ich mich immer wieder gefragt, wie ich Teil der Gesellschaft werden kann, in der ich lebe, wie ich mich integriere und wie ich mein Leben hier auf eine sinnvolle Weise weiterentwickeln kann. Durch mein Engagement in der Hamburger Kunstszene – besonders über Hörbar e.V. und die Hamburg Free Improv Community – habe ich das Gefühl, nicht nur meine eigene künstlerische Praxis weiterzuentwickeln, sondern auch zu einem gemeinsamen kulturellen Raum beizutragen.
Tam Thi Pham

Welche Rolle spielt für dich gesellschaftliches Engagement – allgemein und in deinem Leben?

Gesellschaftliches Engagement spielt sowohl in meiner künstlerischen Arbeit als auch in meinem Privatleben eine sehr wichtige Rolle. Ich denke oft darüber nach, wie wir mit unserer Umwelt und den Gemeinschaften um uns herum verbunden sind. Als Migrantin habe ich mich immer wieder gefragt, wie ich Teil der Gesellschaft werden kann, in der ich lebe, wie ich mich integriere und wie ich mein Leben hier auf eine sinnvolle Weise weiterentwickeln kann.

Durch mein Engagement in der Hamburger Kunstszene – besonders über Hörbar e.V. und die Hamburg Free Improv Community – habe ich das Gefühl, nicht nur meine eigene künstlerische Praxis weiterzuentwickeln, sondern auch zu einem gemeinsamen kulturellen Raum beizutragen. Konzerte zu organisieren, Künstler*innen Möglichkeiten zu schaffen und lokale wie internationale Communities zu vernetzen – das sind für mich bedeutsame Wege geworden, mich gesellschaftlich einzubringen.

Ich glaube, dass Kunst Räume für Austausch, Zuhören und Verständnis über unterschiedliche Hintergründe und Erfahrungen hinweg schaffen kann. Alles, was ich zur Hamburger Kunstszene beitrage, gibt mir das Gefühl, dass meine Existenz hier sinnvoll ist – und das gibt mir die Kraft und Motivation, meine Arbeit und meinen künstlerischen Weg hier fortzusetzen.

Mehr zu Tam findest du auf ihrer Homepage.

English version:

What motivates you to volunteer?

I always want to contribute to the society where I live, especially in areas related to art. Since I work in this field, I am constantly interested in learning more about it. At the same time, I can also recognize what is missing and think about what I can contribute.

I would like to share about Hörbar e.V., a non-profit association for experimental music. The association rents a venue and organises a monthly concert series. The previous core organisation had been running it for more than 30 years. At the end of 2024, they were looking for people who could continue taking care of it; otherwise, the association would have had to close. After several meetings with them, I decided to get involved and asked some friends if we could work on it together.

Luckily, I found four more artists who wanted to become part of the team, and since the beginning of 2025, we have officially been organising a concert series for experimental music. Our association currently has around 30 members, and we organise around four events each month. There is a lot of work involved, but we are very happy to contribute to Hamburg’s art scene.

I truly believe that what we are doing is meaningful. Having frequent concerts creates opportunities for artists to perform regularly and gain experience. We often invite artists from outside Hamburg, including touring musicians, alongside local artists, which helps expand artistic exchange and connections between different artists. It is also very important for us to provide a space where young artists can present and develop their work.

What do you get out of this work?

Since I became chairwoman of Hörbar e.V., I have been able to expand my connections within the art field. I have had the chance to meet many interesting artists and experience inspiring performances. Moreover, I have the opportunity to curate concerts and invite great artists whose work I am personally interested in.

Having access to a venue is also a wonderful opportunity for a musician and composer like me. I can rehearse and perform there as well, which is very valuable for my own artistic development.

In October 2025, I founded the Hamburg Free Improv Community. It is a monthly series where musicians, listeners, and open-minded people meet to share the experience of free improvisation. We see improvisation not only as an artistic method, but also as a way of learning, exchanging, and connecting with one another across boundaries. The community currently includes around 20 people, and most of our activities take place at the Hörbar venue. This is my dream, I wanted to connect artists who are interested in a similar thing, and we built the community together, support each other and make our own practice stronger.

One of our upcoming events will take place at 20:00 on the 28th of June at Studio 16 as part of the Blurred Edges festival – a month long series of 96 performances, sound art, lectures, experimental music, compositions and improvisations at 50 venues all over the city!

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As an immigrant, I have frequently questioned how I can become part of the society where I live, how I can integrate, and how I can continue developing my life here in a meaningful way. Through my involvement in Hamburg’s art scene, especially through Hörbar e.V. and the Hamburg Free Improv Community, I feel that I am not only developing my own artistic practice, but also contributing to a shared cultural space.
Tam Thi Pham

What role does social engagement play for you – in general and in your life?

Social engagement plays a very important role in both my artistic practice and my personal life. I often reflect on how we connect with the environment and the communities around us. As an immigrant, I have frequently questioned how I can become part of the society where I live, how I can integrate, and how I can continue developing my life here in a meaningful way.

Through my involvement in Hamburg’s art scene, especially through Hörbar e.V. and the Hamburg Free Improv Community, I feel that I am not only developing my own artistic practice, but also contributing to a shared cultural space. Organising concerts, creating opportunities for artists, and building connections between local and international communities have become meaningful ways for me to engage with society.

I believe that art can create spaces for exchange, listening, and understanding across different backgrounds and experiences. Everything I contribute to the art scene in Hamburg gives me a stronger feeling that my existence here is meaningful, and it gives me the strength and motivation to continue my work and artistic journey here.

Tam sitzt in einem Kino auf roten Samtsesseln und schaut zur Seite.
Foto: Tong Khanh Ha

Tam Thi Pham. More about Tam on her website.