Hintergrundfoto: Moritz Kindler / Unsplash. Collage: Sina Gösele
28.10.2026 | Meena Stavesand
Was würde die Natur fordern? Im Klimaparlament sprechen Menschen für Wesen und Unwesen
Im Klimaparlament sprechen Menschen für Hochhäuser, Stadttauben oder die Elbe. Amelie Hensel und Judith Henning bringen das Format seit 2020 mit ihren Kolleg:innen vom Klimaparlament-Kollektiv auf die Bühne, seit 2025 auch als Spiel. Am Mittwoch, 18. November, kann man in Hamburg selbst Botschafter:in werden – und wer nicht so lange warten will, probiert es in unserem kostenlosen Lernangebot der TU Hamburg aus. Wir haben die beiden gefragt, was es eigentlich bringt, wenn wir uns als Menschen für andere Wesen und Unwesen der Welt einsetzen und was das mit dem Klima zu tun hat.
Schon einige Male haben Amelie und Judith ein Klimaparlament organisiert. An der TU Hamburg haben sie ihr Konzept mittlerweile ein wenig umgeschaltet. Es ist nun auch ein Spiel für nachhaltige Veränderungen. Als Botschafter:innen für Wesen und Unwesen blickt ihr auf klimabezogene Interessenskonflikte in eurem Umfeld und lernt, eure Mitwelt anders wahrzunehmen und vielleicht auch bewusster in eure Handlungen einzubeziehen.
Wissenschaft kurz erklärt: Klimawende erspielen - Ein Parlament sämtlicher Un:Wesen
Der Trailer aus Filmschnipseln rund um das Projekt gibt einen Ein- und Überblick über die Phasen des Klimaparlament-Spieles. Der Weg zu einem empathischen Botschafter:in-Werden wird auf visueller und akustischer Ebene aufgezeigt. Dass Politik für alle möglich sein kann: eine Herausforderung mit Spaß, vielseitiger Erkenntnis und wachsendem gesellschaftlichem Engagement.
Welches Wesen oder Unwesen aus einer früheren Sitzung habt ihr nicht vergessen – und was hat es gefordert?
Judith: Mir sind die Hochhäuser in Erinnerung geblieben. Am Anfang dachte man: Ach, das ist so eine Art Bösewicht. Aber die Botschafterin hat mit ganz klaren Worten erklärt, was Hochhäuser leisten können – nicht die riesigen mit Glasfassaden, sondern mittelgroße Häuser, am besten begrünt. Sie hat eines beschrieben, das an jedem Balkon schon eingebaute Blumenkästen hatte. Solche Häuser sparen Platz und Energie und können eine nachhaltige Lebensweise unterstützen. Damit hat sie die ganze Versammlung für ihre Beschlussvorlage gewonnen.
Amelie: Es ging auch um Gemeinschaftsräume, etwa eine Werkstatt oder einen gemeinsamen Kühlraum im Keller – dann braucht nicht jede:r so viel eigenes Mobiliar oder Geräte.
Judith: Genau, oder ein geteilter Waschkeller statt einer Waschmaschine pro Wohnung. Am Ende haben alle gestaunt, wie sympathisch die Hochhäuser auf einmal waren, die man vorher eigentlich hässlich fand.
Amelie: Mir sind die aufgetauten Bakterien aus dem Permafrost in Erinnerung geblieben. Eine Formulierung fand ich besonders toll: Sie freuen sich darauf, nach dem Auftauen ihre Verwandten wiederzutreffen. Dabei ist das überhaupt nicht schön – mit dem Methan und allem, was dann frei wird, wissen wir gar nicht, womit wir rechnen müssen. Gefordert haben sie, dass es drei Grad wärmer wird, damit sie endlich auftauen. Und das wäre für unsere Welt vielleicht gar nicht positiv.
Was bringt dieser Perspektivwechsel, was ein Vortrag über Klimadaten nicht schafft? Und wie seid ihr darauf gekommen, Regenwürmern, Steinen oder Heizpilzen einen Sitz in einem Parlament zu geben?
Amelie: Ursprünglich hatten wir ein Stipendium für ein Theaterstück über Klimawandel und Wetter – ein Stück über Wettervorhersagen war die Lieblingsidee unseres Kollegen Steffen Lars Popp. Dann haben wir den Philosophen Bruno Latour gelesen, sein „Parlament der Dinge“: die Idee, dass nicht nur Menschen, sondern auch die anderen Wesen auf unserem Planeten mitbestimmen. Beim Entwickeln kam der Gedanke, dass die Leute selbst mitmachen sollten. So wurde daraus ein partizipatives Projekt, in dem man sich in ein Wesen oder Unwesen hineinversetzt. Später haben wir bei einem norwegischen Projekt gesehen, dass dieser Perspektivwechsel die Bereitschaft deutlich erhöht, im Alltag etwas zu verändern.
Judith: Der Perspektivwechsel schafft genau dieses empathische Einfühlen. Die Botschafter:innen spüren im Idealfall dann selbst, wie es ist, in die Haut eines anderen Wesens zu schlüpfen. Das schafft ein Vortrag selten.

Einig sind sich längst nicht alle, und nicht jede Forderung ist für alle gut. Am spannendsten wird es, wenn möglichst konträre Meinungen aufeinandertreffen.Amelie Hensel
Wie kann ich mir das vorstellen, mich in ein Hochhaus einzufühlen?
Amelie: Ein Hochhaus kann man ja nicht sein. Deshalb der Dreh: Du wirst Botschafterin oder Botschafter der Hochhäuser. Man versucht, so nah wie möglich an das Habitat des Hochhauses heranzukommen. Wenn ich keine Arme und Beine hätte – wie würde ich mich fortbewegen? Wahrscheinlich gar nicht. Meine Augen wären die Fenster. Ich werde mit Graffiti besprüht und es wird wieder abgekratzt – macht das etwas mit mir? Natürlich gehen wir dabei immer von unserem menschlichen Empfinden aus. Aber gerade darin liegt der Charme: Man kann es nicht genau wissen, entwickelt aber eine Ahnung.
Judith: Das Einfühlen verbindet einen emotional, die Rolle als Botschafter:in schafft Distanz. Das gibt Sicherheit: Man ist ja „nur“ Botschafter:in. Man kann härter diskutieren und fühlt sich nicht gleich angegriffen, wenn jemand mit der Forderung für das eigene Wesen nicht einverstanden ist.
Und der Perspektivwechsel holt die Diskussion aus den ausgetretenen Pfaden. In der Klimadebatte sind die Fronten ganz schön festgefahren: Da heißt es z.B.: „Deutschland ist nur für zwei Prozent der Emissionen verantwortlich, China soll etwas tun!“ Diese Debatten hat man alle schon dreißigmal gehört. Wir setzen bei der Betroffenheit der Wesen und Unwesen an. Da kommt man auch auf lustige Dinge, etwa die Bakterien, die ihre Verwandten wiedertreffen wollen. Im nächsten Moment fragt man sich: Was sind das für Verwandte? Vielleicht Krankheiten? Oder die Giraffe im Tierpark Hagenbeck, der es hier zu kalt ist: Sie hätte gern eine Savanne in den Boberger Dünen. Ist ja nett – aber so nett finden wir es dann doch nicht, wenn hier alles trocken ist.
Man diskutiert also nicht mehr zwischen Menschen mit festen Positionen, sondern zwischen Wesen, die konkret betroffen sind. Das ist wie in einer Fabel, in der heikle Themen unter Tieren verhandelt wurden. Wir schaffen einen sicheren Raum für eine schwierige Diskussion.
Amelie: Einig sind sich dabei längst nicht alle, und nicht jede Forderung ist für alle gut. Am spannendsten wird es, wenn möglichst konträre Meinungen aufeinandertreffen.




Das Format beruft sich auf den Philosophen Bruno Latour. Wie erklärt ihr seine Gedanken jemandem, der noch nie von ihm gehört hat?
Judith: Latour wendet sich gegen die Trennung von Natur und Kultur. Es gibt für ihn keine objektive Natur, die unabhängig von uns existiert: Wie wir sie betrachten und untersuchen, verändert, was wir als Natur ansehen. In seinem Buch „Kampf um Gaia“ geht es außerdem darum, dass unsere Zivilisation davon abhängt, dass die Erde mit ihren lebendigen Systemen – Klima, Lebewesen, Wasserkreisläufe – ungefähr so bleibt, wie sie ist.
Mit dem „Parlament der Dinge“ kommt der Aspekt dazu, dass alle möglichen nicht-menschlichen Lebewesen und Dinge unser Leben mit beeinflussen. Wenn ein Fluss austrocknet, trifft das die Fische und Mikroorganismen darin, aber auch uns. Es kam in den Nachrichten, dass Tankstellen keinen Sprit mehr hatten, weil auf dem Rhein die Schiffe nicht mehr voll beladen fahren können. Mir kommt dabei immer Goethes „Zauberlehrling“ in den Sinn: Wir greifen ständig in ein hochkomplexes System ein und wissen nur halb, was wir tun. Mit den vielen Stürmen und Überschwemmungen bekommen wir quasi Gegenwind von den Unwesen. Deshalb lassen wir im Parlament die nichtmenschliche Welt politisch zu Wort kommen – sie hat so starken Einfluss auf unser Leben.
Was passiert mit den Beschlüssen eures Klimaparlaments? Gab es bereits konkrete Umsetzungen?
Amelie: Im Kleinen auf jeden Fall. Unser Botschafter der Tauben engagiert sich seitdem in einem Taubenhospiz und kümmert sich dort regelmäßig um verletzte und sterbende Tiere. Und er hatte damals betreute Taubenschläge gefordert. Kurz darauf wurden am Bahnhof Altona tatsächlich Gips-Eier eingesetzt, und es war von richtig angelegten Taubenschlägen die Rede. Da dachte ich: Siehst du, ihr hört doch auf das Klimaparlament! Was zuerst da war, weiß man natürlich nicht.
Judith: 2020 haben wir die Beschlüsse der Zweiten Bürgermeisterin Hamburgs übergeben, und auch die diesjährigen sollen in die Politik gehen. Das ist eine Art Lobbyarbeit für die, die sonst keine Stimme haben.

Werde Klimabotschafter:in bei der Hamburger Horizonte: Am Mittwoch, 18. November, wechseln wir die Perspektive. Dafür sprechen wir alle Sinne an. In einem Schreibworkshop formulieren wir eine Rede mit Forderungen, wir improvisieren Kostümteile, eine Minihymne rundet den „tierdingpflanzlichen“ Auftritt im Klimaparlament ab. Im zweiten Teil hältst du deine Rede und das Plenum fasst Beschlüsse. Mehr dazu in unserem <a href=“https://portal.hoou.de/event/werde-botschafterin-im-klimaparlament-workshop/“>Veranstaltungskalender</a>.
Am 18. November kann man selbst Botschafter:in werden. Was erwartet die Menschen dort? Was müssen sie mitbringen – Schauspielerfahrung, Lust am Schreiben?
Judith: Sie sollten Lust haben, sich auf den Prozess einzulassen. Es erwartet die Menschen ein spielerischer Rollenwechsel: Sie legen ihre menschlichen Interessen für einen Tag beiseite und stellen ihre Kreativität, ihren Geist und ihre körperliche Präsenz einem nichtmenschlichen Wesen oder Ding zur Verfügung. Mehr braucht es nicht.
Amelie: Schauspieltalent ist nicht nötig. Von Vorteil ist es sicher, wenn man gern vor anderen spricht oder das einmal ausprobieren möchte. Am Abend findet eine öffentliche Parlamentssitzung statt, zu der auch Menschen kommen dürfen, die nicht am Workshop teilgenommen haben. Und ihr seid nicht allein: Unser Team begleitet euch.
Judith: Zum Einfühlen gehört nämlich, dass man in ein Kostüm schlüpft oder ein Accessoire findet, aber auch, dass man einen Klang für sein Wesen entwickelt.
Amelie: Eine Mini-Hymne für das vertretene Wesen oder Unwesen.
Und wenn jemand sehr introvertiert ist – muss er trotzdem vortragen?
Amelie: Gezwungen wird niemand. Wer eine Rede geschrieben hat, sie aber nicht selbst halten möchte, für den fragen wir im Publikum, ob jemand den Standpunkt vorträgt.
Judith: Man kann auch etwas vortanzen, ein Dada-Gedicht machen oder einfach ein Poster malen und hochhalten. Wir sind für alle Formen offen. Die Übersetzung der Wesen und Unwesen kann ohnehin nur unvollständig sein.
Sucht man sich sein Wesen selbst aus oder gebt ihr es vor?
Amelie: Beides geht. Wir haben in den letzten zwei Jahren aus dem partizipativen Projekt ein Spiel gemacht, und im Workshop nutzen wir viele Elemente aus unserem Lernangebot der HOOU. Man kann sein Wesen auswürfeln – es gibt Tabellen, und dann ist klar, welches man hat. Wer etwas ganz anderes vertreten möchte, kann das auch tun.
Judith: Das ist gerade für Leute spannend, die sich schon für etwas engagieren. Sie können mit genau diesem Anliegen kommen und sagen: Ich wollte schon immer eine Bühne für die Schwalben in Hamburg. Oder für den Wilden Wald in Wilhelmsburg. In Frankfurt hat jemand aus einer Bürgerinitiative einen Wald in Offenbach vertreten. Wir bekommen Expert:innen, die sich mit viel Herzblut einsetzen, und sie bekommen ein Forum.

Mich haben die Flechten begeistert. Sie sind eine Symbiose aus Pilz und Alge und vielleicht sogar älter als die ältesten Landpflanzen. Die meisten Menschen sehen nur einen ekligen grünen Belag auf den Steinen. Und ich denke: Die sind 450 Millionen Jahre alt, und du kommst mit deinem Hochdruckreiniger?Judith Henning
Was verändert sich bei denen, die einmal für einen Mauersegler oder ein Auto gesprochen haben?
Amelie: Der Botschafter der Autos war privat eigentlich das Gegenteil von dem, was er vertreten hat. Er hatte großen Spaß daran, über die Egos der Menschen zu sprechen: Je größer das Auto, desto größer das Ego. Und er hatte super recherchiert, etwa dass zum Teil 500-Kilo-Eisenplatten eingebaut werden, nur damit ein Auto in eine höhere Gewichtsklasse kommt.
Judith: Viele Teilnehmende haben uns erzählt, dass sie nach dem Parlament anders auf die Wesen schauen – nicht nur auf ihr eigenes, sondern auch auf die, von denen sie nur gehört haben. Die Hochhäuser oder die Stadttauben etwa wurden danach mit weniger Abscheu betrachtet. Und die Botschafterin des Mooses war beeindruckt, wofür man Moos alles nutzen kann, zum Beispiel als Anzeiger für saubere Luft.
Judith: Mich haben die Flechten begeistert. Sie sind eine Symbiose aus Pilz und Alge und vielleicht sogar älter als die ältesten Landpflanzen. Die meisten Menschen sehen nur einen ekligen grünen Belag auf den Steinen. Und ich denke: Die sind 450 Millionen Jahre alt, und du kommst mit deinem Hochdruckreiniger? Voll unverschämt.
Das Thema bei der Hamburger Horizonte, in deren Rahmen euer Klimaparlament stattfindet, ist Sicherheit. Was hat euer Format mit Sicherheit zu tun – und wessen Sicherheit zählt, wenn auch Regenwurm und Elbe mitreden?
Amelie: Für mich geht es um Selbstwirksamkeit. Wir sind den Umweltkatastrophen und Multikrisen so ausgesetzt, dass es eine Wohltat ist, sich einen Nachmittag lang auf eine einzige Sache zu konzentrieren: herauszufinden, was diese Steine, Tiere oder Pflanzen betrifft, und für sie Position zu beziehen. Und dann festzustellen: Ich kann das. Ich kann eine Rede schreiben, mich kostümieren, obwohl ich das erst albern fand, und mich hinstellen und reden. Diese Selbstwirksamkeit gibt Sicherheit. Und vielleicht denkt man Tage später noch einmal darüber nach und lässt im Alltag einfach mal das Moos stehen.
Judith: Und es gibt die große Ebene. Derzeit denken wir Sicherheit oft politisch oder sogar militärisch. Mit dem Parlament fragen wir nach dem sicheren Überleben auf der Erde – nach den planetaren Grenzen, von denen viele schon überschritten sind. Was für Pflanzen und Tiere sicher ist, ist auch für uns sicherer, weil wir von ihnen abhängen. Am Ende sind wir auch nur Tiere. Menschen sitzen im Parlament gar nicht, aber wir haben sie die ganze Zeit im Hinterkopf: Versorgungssicherheit, Hitze, Überschwemmungen, Wassermangel. Und wenn die Zeiten härter werden, werden Menschen nicht netter zueinander.
Amelie: Bei der Eröffnung der Hamburger Horizonte kam die Frage auf, warum Sicherheit eigentlich immer als „Ich muss sicher sein“ gedacht wird. Man könnte auch fragen: Wer muss geschützt werden? Dafür ist das Klimaparlament wie gemacht: Hier bekommen auch ganz kleine, unscheinbare Wesen einen Raum und dadurch vielleicht mehr Schutz.
Wann
Mittwoch, 18.11.2026, 14 bis 20 Uhr
Wo
Zentralbibliothek der Bücherhallen Hamburg
E1 Hühnerposten 1 (Eingang: Arno-Schmidt-Platz)
20097 Hamburg
Anmeldung
Sichere dir jetzt dein Ticket bei unserem Partner, dem MMKH, über diesen Link.
Eintritt
Kostenlos
Über Judith Henning und Amelie Hensel

Judith Henning (*1975) lebt in Hamburg und arbeitet als Kuratorin und im Kollektiv metagarten zwischen Ausstellungen und soziokulturellen Garten- und Bauprojekten, z.B. von Komposttoiletten und Wurmkisten. Als Präsentationslibelle legt sie im Klimaparlament den roten Faden, Fakten und Abstimmungsergebnisse unter die Tischkamera und unterstützt Botschafterinnen beim Schreiben von Appellen.
Amelie Hensel (*1977) lebt und arbeitet in Hamburg, sie ist Mitgründerin des Klimaparlaments und als Architektier verantwortlich für Ausstattung (zusammen mit Annette Haunschild) und Moderation.
In ihren anderen Leben ist sie Bühnen- und Kostümbildnerin und gibt zusammen mit Judith Henning mit metagarten der Natur den ihr zustehenden Raum zurück.