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18.02.2026 | Meena Stavesand
Der Mehrwert entscheidet: Lehren und Lernen sortieren sich neu
Was bedeutet hybride Lehre heute? Ellen Pflaum, Teamleiterin der Hamburg Open Online University an der HAW Hamburg, macht klar: Es gibt viele richtige Antworten. Jede Hochschule findet ihren eigenen Mix aus Digital und Präsenz. Doch ihre zentrale Botschaft lautet: Nicht die Form entscheidet, sondern der Nutzen für die Studierenden. Dieser Beitrag stammt aus der Broschüre „10 Gedanken zu hybrider Lehre und OER“ der HAW Hamburg.
Ellen Pflaum bringt langjährige Erfahrung in der digitalen Bildung mit. Wir sprechen mit ihr über ihre persönliche Motivation, die Entwicklung hybrider Lehrformate und die Lehren aus zehn Jahren offener Bildung an der Hamburg Open Online University (HOOU).
Was motiviert dich, offene und digitale Bildung voranzutreiben?
Ich habe schon immer gerne gelernt. Als Zehnjährige schrieb ich mir alles aus einem Länderlexikon über Dänemark ab, weil mich das Land faszinierte. Dann kam das Internet, und plötzlich war der Zugang zu Informationen viel einfacher. Alles, was ich wissen wollte, war mit einem Klick verfügbar. Das hat mich auch beruflich geprägt. Für mich war klar: Diese Offenheit sollte selbstverständlich sein.
Als die HOOU vor über zehn Jahren startete, war das für mich der Grund, mitzumachen. Denn hier ging es um mehr als nur frei zugängliche Informationen. Ich konnte Lernangebote schaffen, die Menschen miteinander verbinden und ihnen helfen, gemeinsam Probleme zu lösen. Genau das unterscheidet offene Bildung von bloßen Informationen: Wir setzen Inhalte in Kontexte und ermöglichen echten Austausch.
Und ehrlich gesagt bin ich auch aus egoistischen Gründen dabei: Ich lerne sehr gerne und wollte eine Welt schaffen, in der ich das gut machen kann.
Was bedeutet hybride Lehre heute?
Den Begriff „Hybride Lehre“ gab es im deutschsprachigen Raum vor zehn Jahren noch nicht. Damals sprachen wir von Blended Learning, wenn wir analoge und digitale Formate kombinierten.
Corona hat die hybride Lehre geprägt – zunächst in einem sehr spezifischen Sinn: Studierende nahmen vor Ort im Hörsaal und gleichzeitig online von zu Hause aus an Veranstaltungen teil. Wir mussten Gruppen verkleinern, um Ansteckungen zu vermeiden. So entstand die klassische hybride Lehre.
Heute verwenden wir den Begriff breiter, ähnlich wie früher Blended Learning. Mittlerweile bezeichnen wir alles als hybride Lehre, was verschiedene Lehr- und Lernformen miteinander kombiniert – manchmal sogar über den reinen Digital-Analog-Kontext hinaus.
War Corona ein Wendepunkt für digitale Bildung?
Ja, definitiv. Vor Corona mussten wir ständig den Mehrwert digitaler Lehre gegenüber Präsenzlehre rechtfertigen. Mit der Pandemie wurde digitale Lehre plötzlich zur Notwendigkeit – die Mehrwertfrage stellte sich nicht mehr. Digitale Lehre wurde selbstverständlich in der Hochschullandschaft.
Nach der Pandemie entwickelten sich zwei unterschiedliche Richtungen: Die einen setzten digitale Formate selbstverständlich fort, weil sie erkannten, dass diese eine eigene Berechtigung haben und nicht erst einen Mehrwert beweisen müssen. Die anderen wollten zurück zur reinen Präsenzlehre.
Das Wichtigste aber: Die Menschen haben begonnen, sich bewusst mit dem Thema auseinanderzusetzen. Statt pauschal nach dem Mehrwert zu fragen, überlegen Lehrende nun individuell, was ihnen und den Lernenden wichtig ist. Sie treffen bewusste Entscheidungen auf Basis verschiedener Faktoren.
Heute verschwimmen die Grenzen zwischen den beiden Lagern. Ich selbst gehe für bestimmte Situationen gerne zurück in Präsenz – etwa wenn wir wirklich kreativ arbeiten oder intensiv diskutieren wollen. Aber digitale Gespräche und Veranstaltungen sind bei fast allen Hochschulmitarbeitenden zum Standard geworden. Wir diskutieren nur noch über das richtige Ausmaß.
Es geht nicht mehr um die Grundsatzdiskussion, ob man digital lehren sollte. Stattdessen bekommen wir spezifische, detaillierte Fragen: Wie machen wir es gut? Welche Methoden funktionieren?Ellen Pflaum, HAW Hamburg
Die HOOU ist 2025 zehn Jahre alt geworden. Wie hat sie sich in dieser Zeit entwickelt?
Der größte Wandel: Wir mussten früher viel erklären. Vor zehn Jahren wussten die meisten Menschen nicht, was offene Bildung ist oder warum wir digital arbeiten. Wir hatten fast Einhorn-Charakter – etwas Exotisches, Ungewöhnliches. Heute ist das anders. Jede:r versteht, was digitales Lernen bedeutet. Die HOOU ist selbstverständlich geworden.
Auch die Fragen haben sich verändert. Es geht nicht mehr um die Grundsatzdiskussion, ob man digital lehren sollte. Stattdessen bekommen wir spezifische, detaillierte Fragen: Wie machen wir es gut? Welche Methoden funktionieren?
Strukturell hat sich wenig geändert: Wir haben weiterhin sechs Hamburger Hochschulen und Institutionen, eine Geschäftsstelle und eine technische Infrastruktur, die wir kontinuierlich verbessern. Aber die Qualität der Angebote ist deutlich gestiegen. Lehrende haben über die Jahre Erfahrung gesammelt, und die Pandemie gab einen zusätzlichen Entwicklungsschub.
Besonders schön finde ich, wie sich die Vernetzung zwischen den Hochschulen entwickelt hat. Früher arbeitete jede Hochschule für sich, teilweise sogar jede Fakultät isoliert. Lehrende haben für dasselbe Grundlagenseminar Mathematik dieselben Inhalte unabhängig voneinander erarbeitet. Heute kooperieren sie über Hochschulgrenzen hinweg. Wir haben beispielsweise zwei Fakultäten mit ähnlichen Projektideen zusammengebracht und ihnen ein gemeinsames Budget gegeben. So entstand ein stärkeres Angebot, das das Beste aus beiden Perspektiven vereint. Das sind zwar nur punktuelle Erfolge, aber sie freuen uns. Das Hochschulsystem revolutioniert haben wir damit aber noch nicht.
Welche Chancen und Herausforderungen siehst du für die Zukunft?
Ich wünsche mir, dass Lehrende unsere Materialien viel intensiver nutzen. Das würde ihnen Zeit sparen, die sie in andere wichtige Aufgaben investieren könnten, statt immer wieder dieselben Grundlagenthemen neu zu erarbeiten.
Für Studierende liegt die große Chance darin, über den Tellerrand ihres Studiengangs zu schauen. Wir docken mit unseren Angeboten an Themen verschiedener Studiengänge an. Wenn Studierende unsere Materialien zur Selbstlernmöglichkeit nutzen, erhalten sie neue Perspektiven auf ihre Themen. Eine HAW-Studierende kann beispielsweise Angebote der TU Hamburg, der Hochschule für bildende Künste oder der HafenCity Universität nutzen und dadurch völlig andere fachliche Sichtweisen kennenlernen.
Warum ist das wichtig?
Das halte ich für entscheidend, um die komplexen Probleme unserer Zeit zu lösen. Wir dürfen nicht nur aus einer Perspektive auf die Welt schauen, sondern müssen verschiedene Disziplinen, Menschen und Sichtweisen einbeziehen. Die HOOU bietet genau diese Vielfalt auf einem Serviertablett. Studierende und Lehrende können sie leicht nutzen, für sich reflektieren und auf ihren eigenen Kontext übertragen.
Die größte Herausforderung bleibt: Wir müssen die Schnittstellen zwischen formalen Bildungsangeboten und frei verfügbaren Inhalten besser gestalten. Ich spreche da aus eigener Erfahrung. Als ich noch studierte, hatte ich keine Zeit für Angebote ohne ECTS-Punkte. Ich arbeitete nebenbei und engagierte mich ehrenamtlich. Mein Studium bot mir Freiräume, aber einfach mal ein Online-Angebot zu nutzen, weil es thematisch passt? Realistisch war das nicht.
Wir müssen also Mechanismen entwickeln, die es Studierenden ermöglichen, unsere Angebote zu nutzen. Gleichzeitig müssen wir Lehrende befähigen, solche Angebote kompetent in ihre Lehre einzubinden. Wir brauchen Anreize für alle Beteiligten, damit formale Lehre und HOOU-Angebote besser zusammenspielen.
Wenn hybride Lehre ein Ort wäre – wie würdest du ihn beschreiben? Welche drei Begriffe wären wichtig?
Ich stelle mir ein offenes Haus vor. Überall gibt es Türen, Fenster und Treppen. Ich kann überall hingehen, reinschnuppern, bleiben oder weitergehen – mit unzähligen Optionen und ohne Zwänge.
Dieses Haus ist bunt. Es vereint verschiedene Disziplinen, Perspektiven und Fachkulturen. Menschen aus der Praxis, aus Organisationen und aus der Bevölkerung gestalten es gemeinsam. Diese Vielfalt macht es lebendig.
Und es steht solide. Das ist mir wichtig. Wir arbeiten als Hochschulen wissenschaftlich fundiert. In einer Zeit, in der viele nicht faktenbasierte Behauptungen kursieren, zählt das. Wir bauen auf wissenschaftlicher Erfahrung und jahrzehntelanger Lehrpraxis auf – ohne dabei starr zu werden. Wir haben ein solides Fundament aus Wissenschaft, Forschung und Lehre. Auf diesem Fundament entfalten wir offene, bunte und kreative Möglichkeiten.
