Bild: Vitaly Gariev / Unsplash
02.06.2026 | hoouadmin
Digitale Barrierefreiheit und OER: Gemeinsam für mehr Teilhabe
Obwohl OER und digitale Barrierefreiheit gemeinsame Ziele verfolgen, werden sie nicht immer zusammengedacht. Doch die Verbindung beider Konzepte kann einen wichtigen Beitrag zu einer offenen, inklusiven und gerechten Bildung leisten. Es geht darum, allen Menschen einen niedrigschwelligen und gleichberechtigten Zugang zu Lerninhalten zu ermöglichen. Ein Text von Katrin Bock, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der TU Hamburg.
Der Beitrag stammt aus der Broschüre „10 Gedanken zu hybrider Lehrer und OER“ der HAW Hamburg mit Impulsen zu Technik und Recht, zu Barrierefreiheit und Diversität, zu OER und interkultureller Zusammenarbeit. Es ist keine trockene Theorie, es sind Praxisberichte, Checklisten und Beiträge von und mit Menschen, die hybride Lehre jeden Tag gestalten. Eine davon ist Katrin Bock, die in ihrem Impuls fünf wichtige Denkanstöße gibt.
Was bedeutet digitale Barrierefreiheit?
Digitale Medien gelten als barrierefrei, “wenn sie für Menschen mit Behinderungen in der allgemein üblichen Weise, ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe auffindbar, zugänglich und nutzbar sind” (BFSG § 3 Absatz 1). Eine solche Barrierefreiheit ist in Deutschland gesetzlich verankert und somit kein wünschenswerter Bonus, sondern ein Grundrecht. Obwohl vor allem Menschen mit Behinderungen als Adressat*innen von Barrierefreiheit gelten, ist es wichtig zu verstehen, dass diese allen Menschen zugutekommt (Fröhlich et al. 2021, 144).
Digitale Barrierefreiheit bedeutet vor allem die flexible Anpassung an Bedürfnisse, Wünsche oder Situationen von Nutzenden. Wer sich schon mal ein Video in der vollen und lauten S-Bahn anschauen wollte und die Kopfhörer vergessen hat, weiß das Vorhandensein von Untertiteln zu schätzen.
Warum sollten gerade OER barrierefrei sein?
Die naheliegendste Antwort auf diese Frage ist: weil es gesetzlich verpflichtend ist. Doch obwohl dies mit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland schon seit 2009 der Fall ist, sind wir noch weit davon entfernt, digital barrierefrei zu sein. Grund dafür sind vor allem Vorbehalte gegenüber Barrierefreiheit: Zu aufwendig, zu einschränkend, zu irrelevant.
Doch gerade im OER-Kontext ergeben sich große Potenziale durch die barrierefreie Gestaltung. Durch eine nutzendenorientierte und flexible Bedienbarkeit sorgt sie für die bessere Erreichung einer sehr breit gefächerten Zielgruppe. Außerdem trägt sie maßgeblich zur Verbesserung der Qualität von OER bei (Otten, 2024). Digitale Barrierefreiheit kann dabei nicht nur als Prüfinstrument von OER, sondern vor allem auch als Orientierung bei der Entwicklung gesehen werden.
Wichtig ist allerdings, dass alle Beteiligten offen dafür sind, die Synergien zwischen OER und Barrierefreiheit stetig zu reflektieren, um sich nicht gegenseitig zu schwächen, sondern zu stärken (Otten, 2024).

Digitale Barrierefreiheit kann als Chance für bessere Bildung verstanden werden, für die sich der Aufwand lohnt.Katrin Bock, TU Hamburg
Wie lassen sich OER digital barrierefrei gestalten?
Digitale Barrierefreiheit fängt allerdings nicht erst bei der Nutzung von OER-Materialien an. Zuallererst müssen diese z. B. über OER-Plattformen auffindbar und dort nutzbar sein (Otten, 2024). Dabei spielen nicht nur die digitalen Lernorte an sich, sondern auch der Weg dorthin, beispielsweise durch die richtige Ansprache und Kommunikation, eine wesentliche Rolle. Nutzende sollten nicht nur in die Lage versetzt werden, OER nutzen zu können, sondern auch zu wollen. Damit alle vom Material profitieren können, muss dieses schlussendlich dann barrierefrei aufbereitet sein.
Um diesen ganzheitlichen Prozess barrierefrei zu gestalten, sind ganz unterschiedliche Maßnahmen zu beachten. Es gibt verschiedene Standards, Richtlinien und Empfehlungen, die eine solche Umsetzung sehr konkret festlegen. Aber auch Prinzipien wie das Universal Design for Learning (UDL) oder ein gutes Kommunikations- oder UX-Design ermöglichen die Ansprache einer breiteren Zielgruppe an Lernenden (Perdekämper-Schmidt, 2024).
Auch Aspekte wie technische Infrastruktur und ökonomische Ressourcen sollten mitgedacht werden. OER-Materialien sollten kostenfrei und ohne großen Aufwand nutzbar sein. Das alles zusammen wirkt auf den ersten Blick sehr umfassend und aufwendig. Doch es kommt oft auf die Perspektive an: Digitale Barrierefreiheit kann als Chance für bessere Bildung verstanden werden, für die sich der Aufwand lohnt. Außerdem kann eine gute Kommunikation schon ein erster Schritt sein: Wenn OER-Materialien in Hinblick auf Barrierefreiheit nur eingeschränkt nutzbar sind, ist alleine schon der Hinweis an Nutzende darauf sehr wertvoll. Es finden sich mittlerweile tolle Unterstützungshilfen bei der Gestaltung barrierefreier OER!
OER als Chance für digitale Barrierefreiheit
Doch auch andersherum zeigen sich Synergien: OER bieten viele Chancen zur Unterstützung von digitaler Barrierefreiheit – vor allem, wenn sie selbst barrierefrei gestaltet und bereitgestellt sind. Durch eine offene Lizensierung lassen sich OER frei bearbeiten, anpassen und neu veröffentlichen. Dies bietet eine tolle Grundlage für die Differenzierung von Materialien zur Anpassung an individuelle Bedürfnisse, wie z. B. das Vereinfachen der Sprache. Dabei lassen sich Inhalte auch in unterschiedlichen Formaten veröffentlichen. Videos oder Podcasts können dann zusätzlich in Textform bereitgestellt werden.
Viele Menschen im Bildungsbereich – vor allem Lehrende – sind überfordert von digitaler Barrierefreiheit, denn es gibt viele Vorgaben und Informationen und oft fehlt es an Know-how und Ressourcen. Die Nutzung bereits barrierefreier OER hilft diesen Menschen dabei, solche Hürden zu überwinden. Sie können als Best-Practice-Beispiele dienen und zum Thema aufklären und sensibilisieren. Die Bereitstellung von barrierefreien Vorlagen oder Checklisten kann außerdem dazu beitragen, digitale Barrierefreiheit voranzutreiben. Dabei zeigt sich auch, dass Menschen nicht alleine vor der Herausforderung stehen und diese gemeinsam angehen können.
Vor allem die OER-Community steht für eine gemeinschaftliche Entwicklung von Bildung. Dies ermöglicht auch die Partizipation von Menschen mit Behinderungen, die als Expert*innen für diesen Bereich viel zu selten gehört werden. Die Verbindung zwischen OER und digitaler Barrierefreiheit ermöglicht also Austausch und Evaluation für eine gemeinsame Verbesserung digitaler Teilhabe.

Wirkliche Teilhabe in Bildung bedeutet also vor allem gemeinsames Lernen mit anderen. Es zeigt sich, wie wichtig es ist, dass OER-Materialien nicht nur für sich allein im Netz stehen und nutzbar sind, sondern auch in verschiedenen partizipativen Formaten eingebettet werden.Katrin Bock, TU Hamburg
Hybrides Lernen kann Teilhabe stärken
Bei der Auseinandersetzung mit digitaler Barrierefreiheit werden soziale Aspekte oft unterschätzt. Teilhabe im digitalen Raum durch OER eröffnet für Menschen zwar viele Möglichkeiten, sorgt aber lange noch nicht für echte Partizipation und Inklusion. Denn die meisten sitzen dabei alleine vor ihren Endgeräten. OER-Plattformen funktionieren meist nur durch die Selbstregulierung der Lernenden. Wer beispielsweise Schwierigkeiten hat, sich länger zu motivieren oder zu konzentrieren, hat dabei einen deutlichen Nachteil.
Hybride Formate stellen dafür einen guten Lösungsansatz dar: Sie ermöglichen die gemeinsame Nutzung von OER und den Austausch darüber. Studien zeigen, dass die Zusammenarbeit zwischen Gleichaltrigen hilfreich sein kann, um Lernende mit Behinderungen bei der Nutzung von OER adaptiv zu unterstützen (Moon, 2021). Die Interaktion zwischen Lernenden und Lehrenden beim Einsatz von OER trägt außerdem dazu bei, Lernende dazu zu motivieren, ihr Wissen auch anzuwenden und sich aktiver damit auseinanderzusetzen (Moon, 2021). Wirkliche Teilhabe in Bildung bedeutet also vor allem gemeinsames Lernen mit anderen. Es zeigt sich, wie wichtig es ist, dass OER-Materialien nicht nur für sich allein im Netz stehen und nutzbar sind, sondern auch in verschiedenen partizipativen Formaten eingebettet werden.
So lassen sich OER und digitale Barrierefreiheit gemeinsam denken:
- OER und digitale Barrierefreiheit verfolgen ähnliche Ziele: Beide wollen offene, inklusive und gerechte Bildung für alle ermöglichen, indem sie allen Menschen einen niedrigschwelligen und gleichberechtigten Zugang zu Bildungsmaterialien ermöglichen.
- Barrierefreiheit nützt allen, nicht nur Menschen mit Behinderungen.
- Barrierefreiheit von OER ist nicht nur gesetzlich vorgeschrieben, sondern auch ein Qualitätsmerkmal offener Bildungsressourcen.
- Durch barrierefreies Design erreichen OER eine größere und vielfältigere Zielgruppe.
- Barrierefreiheit bei OER sollte von Anfang an mitgedacht werden und ist ein laufender Prozess, den es stetig zu reflektieren gilt.
- Offene Lizenzen erlauben Anpassungen an individuelle Bedürfnisse und unterschiedliche Formate.
- Barrierefreie OER können als Beispiele, Vorlagen oder Hilfen für Lehrende dienen.
- Die OER-Community ermöglicht gemeinsames Lernen, Teilen und Weiterentwickeln von barrierefreien Materialien.
- Menschen mit Behinderungen sollten aktiv in die Entwicklung und Bewertung von OER einbezogen werden.
- Hybride Lernformate fördern Austausch, Motivation und gegenseitige Unterstützung beim Lernen mit OER.
Literatur:
Bundesrepublik Deutschland. (2021). Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) vom 16. Juli 2021 (BGBl. I S. 2970; zuletzt geändert durch Art. 1 G v. 19.07.2024, BGBl. I Nr. 229). Bundesfachstelle Barrierefreiheit. Verfügbar unter https://bfsg-gesetz.de/
Fröhlich, N., Sommer, I., & Yoksulabakan-Üstüay, G. (2021). Um digitale Barrierefreiheit umzusetzen, brauchen wir Diversity und Intersektionalität! – Gespräch zur Umsetzung von digitaler Barrierefreiheit aus diversity-orientierter intersektionaler Perspektive. In U. Peter & H.-H. Lühr (Hrsg.), Handbuch Digitale Teilhabe und Barrierefreiheit (S. 135–146). Kommunal- und Schulverlag.
Moon, J. (2021). A scoping review on open educational resources to support students with disabilities. The International Review of Research in Open and Distributed Learning, 22(2), 223–242.
Verfügbar unter https://files.eric.ed.gov/fulltext/EJ1297962.pdf
Otten, N. (2024). Digitale Barrierefreiheit im Kontext von OER exemplarisch anhand des InDigO-Projekts. MedienPädagogik, 62 (InDigO), 69–83. https://doi.org/10.21240/mpaed/62/2024.07.04.X
Perdekämper-Schmidt, A. (2024). Offene Lehr- und Lernmaterialien (OER) barrierefrei gestalten: Handreichung zur Berücksichtigung digitaler Barrierefreiheit in der Entwicklung und Umsetzung digitaler Lehr- und Lernmaterialien (CC-BY 4.0). Kompetenzzentrum digitale Barrierefreiheit.nrw, Technische Universität Dortmund.
Verfügbar unter https://barrierefreiheit.dh.nrw/fileadmin/user_upload/barrierefreiheit/Publikationen/OERContent_Handreichung_Umsetzung_Barrierefreiheit.pdf
Erklärung zum KI-Einsatz von Katrin Bock:
Zur Korrektur von Rechtschreibung und Grammatik sowie zur stichpunktartigen Zusammenfassung des Textes in der Info-Box wurde der hochschulinterne KI-Chatbot “TUKI” der TU Hamburg ( Modell GPT4.1-Mini) genutzt.
Die ganze Broschüre lesen?
Alle zehn Gedanken, die Projektberichte, Interviews und Checklisten gibt’s hier zum kostenlosen Download – als OER unter CC BY 4.0.