Ein Neugeborenes liegt auf der Brust der Mutter im OP-Saal und eine Ärztin beugt sich über die beiden.

Bild: Eduardo Barrios / Unsplash

18.05.2026 | Meena Stavesand

 „Es darf nichts gegen den Willen der Frau getan werden“ – Frauenrechte sind Menschenrechte

Die Kaiserschnittrate hat sich innerhalb von 30 Jahren verdoppelt, immer mehr Frauen berichten von respektloser und übergriffiger Behandlung im Kreißsaal. Gleichzeitig sagt Hebamme Dr. Angelica Ensel: Eine andere Geburtskultur ist nicht nur möglich, sie kann in jedem einzelnen Kreißsaal beginnen. Nach über vier Jahrzehnten im Beruf erzählt sie im Interview von zwei Geburten, die sie bis heute prägen, von drei Hebeln gegen die Geburtsangst und von dem, was Frauen wirklich Sicherheit gibt.

Wer tiefer einsteigen möchte, findet bei uns ihr Lernangebot „Geburtskulturen im Wandel“ der HAW Hamburg – mit Videos, Praxisbeispielen und Materialien für werdende Eltern, Lehrende, angehende Hebammen und Ärzt:innen. Außerdem haben wir mit Angelica anlässlich des Ehrentags über ihr ehrenamtlichen Engagement gesprochen.

Das Kursbild zum Lernangebot: Menschenwürdig gebären – erfahren und begleiten. Geburtskulturen im Wandel

Menschenwürdig gebären – erfahren und begleiten. Geburtskulturen im Wandel

Die Geburt als existenzielles Ereignis betrifft jeden Menschen – besonders Frauen, Paare und Kinder im Kontext von Schwangerschaft, Geburt und Elternwerden. Unmittelbar betrifft sie auch die Arbeit der begleitenden Berufsgruppen, wie Hebammen, Ärzt*innen, Pflegende, Beratende und Psychotherapeut*innen. Menschenwürdig gebären und geboren werden als fundamentales Frauen- und Menschenrecht ist auch in Deutschland keineswegs selbstverständlich.   Dieses Lernangebot beleuchtet die essenziellen Elemente einer menschenwürdigen Geburt und das Zusammenwirken der Beteiligten mit dem Fokus auf die Geburt in der Klinik. Dabei werfen wir einen kritischen Blick auf die Machtstrukturen in der Geburtshilfe, den derzeitigen Notstand in der Versorgung und die Auswirkungen für Frauen, Familien und Fachkräfte. Wir widmen uns der Frage, welche Veränderungen notwendig sind, damit evidenzbasiertes Wissen und gelebte geburtshilfliche Kunst eine gesundheitsfördernde,  frauen- und menschenwürdige Geburt ermöglichen. 

Zum Lernangebot

Frau Dr. Ensel, Sie sind Hebamme. Welche Geburt oder welches Geburtserlebnis lässt Sie bis heute nicht los?

Es sind tatsächlich zwei, beide sind noch sehr präsent.

Die erste Geburt ereignete sich in den 1980er Jahren, in einer kleinen Klinik mit einem autoritären Chefarzt. Ich begleitete eine 16-jährige Erstgebärende, deren Mutter bei ihr war. Es ging gut voran, die junge Frau veratmete die Wehen prima. Ich dachte die ganze Zeit: Bitte lass den Chefarzt jetzt nicht kommen. Aber dann kam er und untersuchte sie brutal. Um weitere Übergriffe zu verhindern versuchte ich, ihn so spät wie möglich zur Geburt zu rufen. Er kam ungerufen in der letzten Phase und wollte einen Dammschnitt machen. Es gab keinerlei Indikation, aber damals war es in vielen Kliniken üblich, Erstgebärenden ohne Not einen Dammschnitt zu setzen. Bis heute sehe ich vor mir, wie er zur Schere greift und der jungen Frau eine völlig unnötige Verletzung zufügt. Das Schlimmste für mich: Ich konnte sie nicht schützen, auf meine Einwände hatte er nicht reagiert. Diese Hilflosigkeit war sehr schmerzlich.

Ein paar Tage später ging ich zu dem Chefarzt, um mit ihm über diese Geburt zu sprechen, aber er hat sich nicht darauf eingelassen. Nach sechs Wochen habe ich diese Klinik verlassen. Was dort geschah, war kein medizinisch indizierter Eingriff – es war ein gewaltvoller Übergriff, fast sadistisch.

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Die Frau brauchte keine einzige Intervention, sie fand intuitiv ihre Geburtsposition und gebar ohne Schmerzmittel und ohne Eingriffe. Eine ganz normale Geburt – und doch so selten.
Dr. Angelica Ensel

Das zweite Erlebnis war zwanzig Jahre später in einer anderen Klinik. Wir waren zu zweit im Dienst, es war nur eine Frau zu betreuen – eine Konstellation, die in vielen geburtshilflichen Abteilungen selten ist. Ich konnte ausschließlich bei dieser einen Frau bleiben. Sie war Erstgebärende, sprach kein Deutsch, war angespannt. Über ihren Mann konnte ich mit ihr kommunizieren. Wir atmeten gemeinsam, die Stunden vergingen. Zu Anfang spürte ich manchmal den Impuls, aus dem Kreißsaal rauszugehen, um irgendetwas aufzuräumen, was nicht wichtig war. Ich beobachtete mich selbst und beschloss: ich bleibe hier, solange es keinen wichtigen Grund gibt, das Paar zu verlassen. Und dann erlebte ich etwas, was mir so intensiv noch nie bewusst war: Wir drei waren in einer Bubble. Wir erlebten nicht Chronos, die Uhrzeit, sondern Kairos – die Schicksalszeit.

Irgendwann kam eine Ärztin. Sie schaute kurz rein, sah aufs CTG und ging wieder, ohne ein Wort. Sie hat diesen Raum gespürt und ihn nicht durchbrochen. Das war fantastisch. Die Frau brauchte keine einzige Intervention, sie fand intuitiv ihre Geburtsposition und gebar ohne Schmerzmittel und ohne Eingriffe. Eine ganz normale Geburt – und doch so selten.

Ist eine Geburt planbar, und wie sieht für Sie menschenwürdiges Gebären für Sie aus?

Planbar ist eine Geburt nicht. Auch Hebammen und Ärzt:innen werden immer wieder überrascht. Was wir aber tun können, ist: gute Umstände schaffen, die die physiologische Geburt und die Gesundheit fördern. Für mich beruht menschenwürdiges Gebären auf vier Grundpfeilern.

  1. Kein Eingriff ohne Einverständnis. Manche Fachkräfte verwechseln das immer noch: Sie sagen der Frau, was sie tun – „Ich untersuche Sie jetzt“ – und beginnen sofort. Das ist nicht Aufklärung, das ist Übergriff. Die richtige Haltung ist die Frage: „Darf ich Sie untersuchen?“ Selbst in Notsituationen kann man immer nonverbal kommunizieren und hinterher erklären, warum etwas so schnell geschehen musste. Aber es gibt fast immer diese wichtigen zwei Minuten in denen ich mit den Eltern in Beziehung kommuniziere – das macht den maßgeblichen Unterschied.
  2. Nicht allein lassen, wenn die Frau es nicht will. Im Idealfall gibt es eine 1:1-Begleitung. Wenn das nicht möglich ist, muss es zumindest die Sicherheit geben, dass jemand verfügbar ist, wenn die Gebärende es braucht.
  3. Zeit und Bewegungsfreiheit. Die Geburt darf nicht normiert sein. Wenn alles in Ordnung ist, sollte die Frau sollte so viel Zeit bekommen, wie sie braucht, und ihre Wünsche äußern dürfen.
  4. Physiologie als Maßstab. Der Fokus muss auf der natürlichen Geburt und dem Willen der Frau liegen – nicht auf vorgegebenen Zeitfenstern.

Herausfordernd wird es, wenn eine Frau einen Kaiserschnitt ohne medizinische Indikation verlangt. Das kann einem das Herz bluten lassen, aber das Selbstbestimmungsrecht hat heute zum Glück einen großen Stellenwert. Trotzdem bin ich überzeugt: Viele Interventionen ließen sich durch eine gute Begleitung verhindern.

Ihr Lernangebot heißt „Geburtskulturen im Wandel“. Wo stehen wir heute – Fortschritt oder Rückschritt?

Beides trifft zu. Heute gibt es Patientinnenrechte, die wir zum Glück nicht mehr wegwischen können. Frauen äußern ihre Wünsche, sie können einen Kaiserschnitt einfordern und sollten ihn bekommen. Respektlosigkeit unter der Geburt wird öffentlich thematisiert. Das ist ein echter Fortschritt.

Gleichzeitig haben wir erschreckende Entwicklungen in der Geburtshilfe. Die Kaiserschnittrate hat sich in 30 Jahren etwa verdoppelt – von rund 16 auf rund 30 Prozent. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hält 15 Prozent für ein großzügig bemessene Maximum. Was ist mit der geburtshilflichen Kunst passiert?

Wir haben heute eine interventionsreiche Geburtshilfe. Etwa ein Viertel aller Geburten wird eingeleitet, was häufig eine Kaskade von weiteren Interventionen auslöst: Wehentropf, Periduralanästhesie, am Ende oft eine operative Geburt. Dazu kommen die sogenannten Wunschkaiserschnitte. Die allerdings statistisch gar nicht so häufig sind. Was wir vielmehr kennen: Dass der Wunsch nach einem Kaiserschnitt eher latent da ist, weil Frauen sich eine Geburt nicht mehr zutrauen und dann nicht völlig enttäuscht sind, wenn es am Ende ein Kaiserschnitt wird.

Und dann ist da die Normierung. Manche Kinder brauchen Zeit, sich einzustellen. Manche Frauen brauchen eine Pause. Aber im Klinikalltag hängt das stark von den Kapazitäten ab – manchmal muss der Kreißsaal einfach leer werden – so wird es dann gerechtfertigt. Das Spektrum der Physiologie ist riesig. Das muss man als Fachkraft nicht nur theoretisch, sondern praktisch erlebt und gelernt haben und das geht nur in einer entsprechenden Geburtskultur.

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30

Prozent – so hoch ist die Kaiserschnittrate in Deutschland aktuell.

Sie sprechen im Lernangebot auch Gewalt im Kreißsaal an. Wie kann man Frauen die Angst davor nehmen?

Man kann die Angst nicht völlig wegmachen. Es zu versuchen, wäre naiv. Eine gewisse Form von Respekt vor der Geburt ist wichtig – das ist jedoch etwas anderes als Angst. Aber es gibt drei Ansatzpunkte.

  1. Über die Angst sprechen und sie konkret machen. Wovor genau hast du Angst? Vor dem Unplanbaren? Vor dem Kontrollverlust? Vor den Schmerzen? Erst wenn wir die Ängste benennen, können wir gemeinsam schauen, was hilfreich sein könnte und stärkt.
  2. Die Umstände gestalten. Damit meine ich vor allem die Menschen und deren Haltung. Einer Frau mit großer Angst würde ich immer raten: Such dir eine vertraute Person, idealerweise eine Beleghebamme, die Dich kennt und nur für Dich da ist. In so einem geschützten Raum musst du nicht mehr selbst aufpassen – du kannst dich dem Prozess hingeben und in Deiner Kraft sein.
  3. Das Vertrauen in den eigenen Körper stärken. Bei den rebellischen Frauen der 1970er habe ich erlebt, wie selbstverständlich sie an ihren Körper und sein Potenzial geglaubt haben: „Ich habe einen Körper, der dafür gemacht ist, warum soll ich das nicht schaffen? Ich kämpfe für die Umstände, die mir das ermöglichen.“ Diese Selbstverständlichkeit fehlt heute oft. Und: Frauen, die körperlich aktiv sind, haben meist ein anderes Vertrauen in sich selbst. Auch Yoga ist eine wunderbare ganzheitliche Vorbereitung.

Auch das Visualisieren gehört dazu – sich die Geburt konkret vorstellen. Dazu gehört auch: Mein Kind passt da durch. Ich bin davon überzeugt, dass diese inneren Bilder weiterarbeiten.

Es gibt verschiedene Orte, ein Kind auf die Welt zu bringen. Welchen empfehlen Sie wem?

Das Wichtigste ist, sich zu fragen: Was wünsche ich mir, und was glaube ich, zu brauchen? Für viele steht Sicherheit an erster Stelle. Dabei denken werdende Eltern vor allem an die technische Ausstattung des Geburtsortes: Gibt es eine Kinderintensivstation für alle Fälle? Das ist auch ein Grund, warum kleinere Kliniken gemieden werden, die Risikoschwangerschaften ohnehin nicht aufnehmen. Aber dieses Sicherheitsverständnis greift zu kurz: Eine hochgerüstete Klinik kann dramatisch unsicher sein, wenn niemand bei Ihnen ist. Wenn alle im OP gebunden sind und Sie allein im Kreißsaal liegen, kann eine Menge anbrennen – egal, wie modern die Geräte sind.

Echte Sicherheit beginnt mit einer Hebamme, die bei Ihnen ist, die merkt, wenn sich etwas ankündigt, die über Erfahrung und Intuition verfügt – also über das, was sich technisch nicht messen lässt. Mein Rat: Wenn du in die Klinik gehst, sorge dafür, dass eine Person nur für dich da ist. Idealerweise eine Beleghebamme, alternativ eine Doula, die als Laiengeburtsbegleiterin oft unschätzbar wertvoll ist.

Zur außerklinischen Geburtshilfe: Sie wird immer noch diffamiert und als unsicher hingestellt. Dabei zeigen langjährige Studien aus Deutschland, dass die außerklinischen Geburtsergebnisse genauso gut sind wie in der Klinik, wenn man dieselbe Klientel vergleicht – mit weniger Interventionen und einer deutlich höheren Zufriedenheit der Frauen. Außerklinische Geburtshilfe ist bei entsprechender Selektion der Schwangeren sicher und effektiv.

Aber ich möchte ausdrücklich nicht sagen: Geh ins Geburtshaus oder bleib zuhause, weil die Geburt in der Klinik schlimm ist. Sie können in der Klinik wunderbare Geburten erleben – und auch zu Hause oder im Geburtshaus können Sie Übergriffe erleben. Es sind nie die Mauern, die das bestimmen. Es sind die Menschen und ihre Philosophie.

Zusammenarbeit in der Klinik: Hebammen und Ärzt:innen – wo hakt es?

Im Kreißsaal treffen zwei Berufsgruppen aufeinander, die beide die physiologische Geburt betreuen, aber sehr unterschiedlich ausgebildet sind. In England oder Skandinavien ist hebammengeleitete Geburtshilfe das Normale – wenn alles gut läuft, kommt gar kein:e Ärzt:in dazu. Bei uns heißt dieses Modell „Hebammenkreißsaal“ und ist die Ausnahme.

Als Hebamme lerne ich, Stunde um Stunde am Bett zu sitzen – nicht nur mit dem Verstand, sondern mit allen Sinnen. In dieser 1:1-Begleitung begreife ich das große Spektrum der Physiologie. Junge Ärzt:innen dagegen haben im Studium vielleicht ein paar Geburten gesehen, aber Sehen ist nicht Begleiten. Sie kommen oft erst in der letzten Phase, sind zehn Minuten dabei, das Kind kommt. Viele Eltern glauben oder erzählen dann: Das Kind kam, weil der Arzt oder die Ärztin da war. Die jungen Ärzt:innen wiederum erleben den Prozess nicht, der über viele Stunden, manchmal auch mit Pausen über Tage verläuft, das heißt hier gibt es eine große Wissenslücke.

Gleichzeitig muss eine junge Ärzt:in oft Entscheidungen treffen, ohne über entsprechende Erfahrungen zu verfügen, manchmal schnell und unter Zeitdruck. Es ist klar, dass sie unsicher ist. Bei verdächtigen Herztönen wird sie dann schneller den Oberarzt oder die Oberärztin holen und dann kommt es schneller zu Interventionen, weil man vermeintlich auf der sicheren Seite sein will. Besonders schwierig wird es bei der Kombination junger Arzt/junge Ärztin und junge Hebamme: Beide haben Respekt, beide haben Angst, und die Angst kann schnell zu Interventionskaskaden führen.

Lösen ließe sich das, indem beide Berufsgruppen die physiologische Geburt schon im Studium gemeinsam erlernen: Medizinstudierende und Hebammen sitzen gemeinsam am Bett und begleiten. Und sie erleben: „So vielfältig sieht eine normale Geburt aus“. Entscheidend ist auch die Kultur einer Klinik: flache Hierarchien und Freiräume für eigene Entscheidungen ermöglichen angstfreies Lernen und gemeinsame Weiterentwicklung im Team – zum Wohl aller Beteiligten.

Was geben Sie angehenden Hebammen mit, damit sie im Klinikalltag nicht die Haltung verlieren?

Die Hierarchie zwischen Ärzt:innen und Hebammen muss nicht das größte Problem sein. Wenn eine erfahrene Hebamme da ist, sind viele junge Ärzt:innen oft sehr froh: „Ach, mach du mal.“

Schwerer wiegt das Thema Respektlosigkeit und Gewalt. Junge Hebammen sind oft ganz nah an den Frauen. Wenn sie miterleben, dass eine Frau schlecht behandelt wird, leiden sie sehr mit – und sie können sich in den hierarchischen Strukturen kaum dagegenstellen. Sie müssen erst lernen, auch in dieser Position den Mund aufzumachen und selbstbewusst Fragen zu stellen.

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Was ich angehenden Hebammen mitgeben möchte: Verliert nicht die Freude am Begleiten der Geburt! Und stärkt euch gegenseitig.
Dr. Angelica Ensel

Was sich heute geändert hat: Die akademische Ausbildung begleitet diese Erfahrungen. Die Studierenden haben Möglichkeiten und Räume über das Erlebte zu sprechen. Mit Reflexion, respektvoller Kommunikation und Perspektivwechsel üben wir Schlüsselkompetenzen. Gleichzeitig werden Hebammen heute von Anfang an wissenschaftlich ausgebildet. Sie sehen schnell, wenn etwas nicht evidenzbasiert, sondern eminenzbasiert ist, weil allein die Autorität in einer Struktur tonangebend ist. Sie können dann zwar nicht direkt widersprechen, aber sie können „dumme Fragen“ stellen: „Warum machen wir das eigentlich so, wenn es doch in der Leitlinie ganz anders steht?“ Solche Fragen können Dialoge ermöglichen und Veränderungen einleiten.

Was ich angehenden Hebammen mitgeben möchte: Verliert nicht die Freude am Begleiten der Geburt! Und stärkt euch gegenseitig: Von unserer ersten Hamburger Kohorte haben fünf junge Hebammen gleichzeitig in einem Kreißsaal ihre erste Stelle begonnen. So lässt sich etwas bewegen. Und lernt verschiedene Geburtsorte kennen, klinisch wie außerklinisch.

Sie sind auch ehrenamtlich in diesem Thema aktiv. Was ist Ihre Motivation, und was ziehen Sie aus dieser Arbeit?

Meine Motivation ist dieselbe wie in den 1970er Jahren: Frauen ermächtigen, in ihrem Körper zu sein, an das Potenzial ihres Körper zu glauben und sich zu nehmen, was ihnen zusteht. Da ist nach wie vor ein riesiges Entwicklungsfeld. Und nichts entwickelt sich automatisch zum Besseren. Manches hat sich leider zurückentwickelt.

Es macht mich wütend, dass Frauen durch Erniedrigung und Gewalt um eine der mächtigsten Erfahrungen ihres Lebens betrogen und enteignet werden.

Konkret bin ich seit über dreißig Jahren im Arbeitskreis Frauengesundheit (AKF) aktiv – seit der Gründung. Der AKF ist über die Jahre zu einem wichtigen gesundheitspolitischen Player geworden. Er war zum Beispiel entscheidend an der Initiierung der S3-Leitlinie zum Kaiserschnitt beteiligt und hat am nationalen Gesundheitsziel „Gesundheit rund um die Geburt“ mitgewirkt. Mit dem Hamburger Hebammenverband habe ich außerdem eine Arbeitsgruppe gegründet, die ein innovatives Konzept entwickelt hat, das wir in Hamburg etablieren wollen: eine Ansprechstelle für alle Betroffenen, die im Kontext von Schwangerschaft, Geburt und Elternwerden Gewalt erlebt haben – nicht nur für Eltern, sondern auch für Fachkräfte und Studierende. Das Konzept liegt fertig vor, allerdings hat die Politik die Mittel bisher nicht freigegeben.

Was ziehen Sie aus dieser Arbeit?

Die Überzeugung, dass es weitergehen muss. Dass Veränderung möglich ist, wenn genug Menschen dranbleiben. Und die Erfahrung, dass eine andere Geburtskultur kein Traum ist, sondern an jeden Geburtsort beginnt, in dem jemand aufmerksam, respektvoll und schützend bei einer Frau bleibt.

Portät von Angelica Ensel

Dr. Angelica Ensel ist promovierte Kulturwissenschaftlerin, Hebamme und an der HAW Hamburg im Studiengang Hebammenwissenschaft B.Sc. tätig.