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18.03.2026 | Meena Stavesand
Nicht jede:r muss alles können: OER braucht Struktur
Die Entwicklung von Open Educational Resources (OER) ist neben dem normalen Lehrbetrieb kaum zu schaffen. Der Schlüssel liegt in der Arbeitsteilung. Lehrende müssen nicht zu Medienprofis werden. Wenn jede:r das macht, was sie oder er am besten kann, entstehen OER, die wirklich funktionieren. So zeigt Bildungsexperte Jöran Muuß-Merholz auch, warum sich seit Jahren immer mehr Menschen für OER interessieren und wie aus vereinzelten Anstrengungen eine immer größere Bewegung wird. Doch wie wird Bildung eigentlich in zehn Jahren aussehen?
Fünf Fragen an Jöran Muuß-Merholz – erschienen in der Broschüre „10 Jahre HOOU – 10 Gedanken zu hybrider Lehre & OER“ der HAW Hamburg. Kostenloser Download am Ende des Beitrags.
Wie holen wir OER aus der Nische?
Jöran Muuß-Merholz: Erstens: Finanzierung und Förderung. Das ist so banal wie basal: Wann immer eine Förderrichtlinie oder ein Budget Geld dafür vorsieht, dass Lehr-Lern-Materialien entwickelt werden, können wir eine Veröffentlichung als OER zur Auflage machen. Von einer solchem Standard lassen sich Ausnahmen begründen, aber wir können den Default umdrehen: Was öffentlich finanziert wird, muss offen bereitgestellt werden.
Zweitens: Professionalisierung und Arbeitsteilung. Wir können von Lehrpersonen erwarten, dass sie sich richtig gut mit dem Inhalt ihres Fachs auskennen. Und wir sollten fordern, dass sie in Sachen Didaktik fit sind. Aber wir können nicht verlangen, dass sie sich in alle urheberrechtlichen Finessen, offenen Technikstandards oder Veröffentlichungsmodalitäten einarbeiten, die für professionelle OER-Standards notwendig sind. Dafür braucht es Profis – also Menschen, in deren Stellenbeschreibung und Kompetenzprofil das steht. Das ist nicht wirklich revolutionär, dafür haben wir z.B. Zentren für Hochschuldidaktik und für Medien, Bibliotheken, Verlage oder auch Hilfskräfte. Wenn wir diesen Stellen das entsprechende Budget und die Kompetenz ermöglichen, bekommen wir eine professionelle Arbeitsteilung: Lehrende übernehmen diejenigen 80 Prozent der Arbeit, die fachlich und didaktisch notwendig sind – der Rest wird von OER-Profis beigesteuert.
Drittens: Kapazitätsaufbau und Austausch. Wir sind auf einem guten Weg, bei immer mehr Menschen Bewusstsein und Know-how für OER zu verbreiten. Aber es gibt immer noch viel Luft nach oben. Wir sind bisher quasi von einem Promillebereich in einen sehr niedrigen einstelligen Prozentbereich gekommen, was eine OER-Durchdringung angeht. Hinzu kommt, dass sich das Themenfeld ja ständig weiterentwickelt, zum Beispiel durch KI. Diese Weiterentwicklung wird durch Foren für den Austausch katalysiert. Wir merken das jedes Jahr beim OERcamp, unserem großen Treffen rund um freie und offene Materialien. Obwohl wir das seit 2012 veranstalten, kommen auch in 2025 noch jedes Jahr die Hälfte der Anmeldungen von Menschen, die vorher noch nicht dabei waren. Die Kreise dehnen sich immer weiter aus.
Für die Wirksamkeit dieser drei Punkte gibt es einen sehr markanten Beleg: In den vergangenen Jahren hat der Bildungsbereich Hochschule in Sachen OER den Bildungsbereich Schule überholt. Nach meiner Einschätzung liegt das ganz klar daran, dass man in den drei genannten Punkten in den Hochschulen Maßnahmen entschiedener als für die Schule vorangetrieben hat.

50
Prozent der Menschen, die zum OERcamp kommen, sind neu dabei.
Welche Chancen bieten hybride Lehr-/Lernangebote als OER?
Muuß-Merholz: Wenn man drei Lehrende fragt, was „hybride Angebote“ bedeuten, bekommt man vermutlich drei unterschiedliche Antworten. „Hybrid ist also nicht gleich hybrid“, schreiben Basner & Persike (2024)[1].
Nehmen wir als Szenario A an, dass „hybrid“ weiterhin ein unscharfer Begriff bleibt, der uneinheitlich verwendet wird. Selbst in diesem Falle hilft uns das Konzept von OER. Denn eine fundamentale Eigenschaft von OER liegt ja darin, dass unterschiedliche Lehrende Materialien je nach unterschiedlichem Einsatzszenario flexibel anpassen und verwenden können. Es liegt in der DNA von OER, dass offene Materialien gerade für unübersichtliche Übergänge (aka agile Innovationsprozesse) bessere Bedingungen bieten als geschlossene Materialien, die nur nach einer Friss-oder-stirb-Logik eingesetzt werden können.
Nehmen wir als Szenario B an, dass sich in Sachen „hybride Lehre“ in den nächsten Jahren Konzepte und Praxis weiter ausdifferenzieren und standardisieren. Auch dann wären dafür Akteur:innen, die auf OER setzen, prinzipiell besser aufgestellt. Das liegt in der grundsätzlichen Anpassbarkeit der Materialien begründet. Was wir in den Überlegungen zur hybriden Lehre ja immer besser verstehen: Es geht um neue Konfigurationen zwischen drei Kategorien, die wir für Bildungsangebote traditionell als distinkt betrachtet haben:
- A. Treffen, Veranstaltungen (traditionell: gleicher Ort, gleiche Zeit)
- B. Materialien, Publikationen (traditionell: ungleicher Ort, ungleiche Zeit)
- C. Austausch, Netzwerk (traditionell: eher synchron, häufig als „Nebenwirkung“ von A.)
Jede:r, der:die schon mal die einfachste Form der hybriden Lehre gestaltet hat, also einen Vortrag mit Videostream, bekommt einen ersten Eindruck, wie die traditionellen Kategorien aufbrechen. Aus der Veranstaltung wird durch das Video auch ein Material. Durch das Material wird die zeitliche Asynchronität möglich. Durch das Streaming wird die Ortsbindung aufgehoben. Durch digitale Tools kann man aus dem Material ein anderes Material machen, zum Beispiel ein automatisches Transkript, eine KI-generierte Zusammenfassung, eine interaktive Lerneinheit mit Quizfragen. Die Lernenden können das wahlweise in doppelter Geschwindigkeit wahrnehmen oder als Podcast (oder live im Hörsaal). Sie können sich synchron austauschen, z.B. im WhatsApp-Chat, noch während die Person vorträgt, später in einer Lerngruppe, anhand der Aufzeichnung, oder auch asynchron, in einem Forum oder über eine Kommentarfunktion.
Ich zitiere Muuß-Merholz (2021)[2]: „Hybrides Lehren und Lernen bedeutet, wenn man unter die Oberfläche schaut, dass die traditionellen Grenzen zwischen 1. Treffen/Veranstaltungen, 2. Materialien/Publikationen und 3. Austausch/Netzwerk verwischen. Die drei Bereiche vermischen sich und setzen sich neu zusammen, verweben und verzahnen sich. Die Digitalisierung macht unser Lehren und Lernen kuddelmuddeliger und vielfältiger. Wir können und müssen unsere Formen und Formate neu erfinden.“
Wir stehen nicht vor der Frage, ob das passiert oder nicht, sondern vor der Frage, ob und wie wir uns als Gestaltende einer Neukonfiguration sehen, die für Lehre das neu erfindet, was wir bisher als „Lehr-Lern-Material“ gedacht haben. Das ist kein einfacher Prozess. Aber mit OER wird dieser Prozess ganz sicher einfacher als ohne OER.

Um OER dauerhaft und im Zentrum von Hochschulen zu verändern, braucht es „soft politics“ im Hinblick auf Kultur und Haltung UND „hard politics“ bei den Strukturen und Rahmenbedingungen für die Lehre.Jöran Muuß-Merholz
Der OER-Grundsatz lautet „Teilen und Weiterentwickeln“. Wie verändert OER die Rolle der Lehrenden?
Muuß-Merholz: Im Sinne der bei der zweiten Frage skizzierten Neukonfiguration von Lehre wird die Arbeit mit Materialien grundsätzlich komplexer und praktisch einfacher. Angesichts von KI-Technologien stehen wir vor einem Überfluss an Möglichkeiten. Wenn die Verfügbarkeit und Übertragbarkeit von Materialien dazu kommt, dann haben wir auch hier eine Überfluss-Situation. „Überfluss“ heißt aber nicht automatisch „Paradies“. Wir stehen vor der Herausforderung, dass wir Ordnung, Auswahl, Anpassung und Orientierung für die Lernenden schaffen müssen.
Im OER-Diskurs ist häufig davon die Rede, dass sich für Lehrende die Aufgabe des Produzierens zugunsten des Kuratierens verschiebt. Sie wählen vorhandene Materialien aus, kombinieren sie neu, adaptieren sie und stellen den Kontext her. Ich vermute aber: die Rolle wird komplexer werden. Denn die beschriebenen Aufgaben lassen sich möglicherweise perspektivisch durch KI-Technologien übernehmen. Das ist für mich eine große, offene Frage.
Meine Annahme ist: Je unübersichtlicher, komplexer und unvorhersehbarer diese Entwicklungen sind, desto wichtiger werden Zusammenarbeit und Arbeitsteilung. Und an der Stelle sehe ich die OER-Akteur:innen als Vorreiter:innen. In Bezug auf Materialien sind sie im Austausch über traditionelle Grenzen hinaus quasi schon geübter, haben mehr Erfahrung in organisationsübergreifender Kooperation, gemeinsamer Entwicklung, im Austausch und in der ständigen Weiterentwicklung auch der nicht-eigenen Inhalte.
Wo liegen die Herausforderungen, OER im Zentrum der Hochschulen zu verankern?
Muuß-Merholz: Zu dieser Frage ist in Antworten häufig davon die Rede, dass es Verschiebungen in der „Kultur“ oder in der „Haltung“, vielleicht sogar im „Ethos“ der Lehrenden brauche. Dafür gibt es gute Argumente. Beispielsweise wird OER als Teil der Lehre nie die Bedeutung haben können, die Open Access als Teil der Forschung inne hat, solange die Lehre einfach viel weniger Wertschätzung erfährt als die Forschung. An vielen Hochschulen wird OER strategisch als Teil der Third Mission, also des Transfers von Wissen in die Gesellschaft, gesehen. Auch hier gilt: In einer Welt, in der Transfer eher als Add-On denn als integrativer Teil des Auftrags an Hochschulen gesehen wird, wird „Transfer-OER“ eine Randerscheinung bleiben.
Ich möchte nicht gegen die Rede von Kultur, Haltung und Ethos argumentieren. Aber diese Ebene wird alleine nicht ausreichen, um OER von einer Randerscheinung zum Normalfall zu machen. Dafür braucht es zusätzlich Veränderungen in den Strukturen. Dazu möchte ich die drei Forderungen aufgreifen, die ich zu Frage #1 genannt habe: Finanzierung und Förderung, Professionalisierung und Arbeitsteilung, Kapazitätsaufbau und Austausch. Das sind formale Rahmenbedingungen, über die sich das steuern lässt. Das sind Fragen von Policies, Budgets, Prioritäten – alles „hard politics“, wenn man so will. Um OER dauerhaft und im Zentrum von Hochschulen zu verändern, braucht es „soft politics“ im Hinblick auf Kultur und Haltung UND „hard politics“ bei den Strukturen und Rahmenbedingungen für die Lehre.
Szenario: In zehn Jahren gibt es hybride Lehr-/Lernangebote flächendeckend als OER. Wie sieht dann die Bildung aus?
Muuß-Merholz: Hier kommt die hoffnungsvolle Variante: Die Bildung ist in zehn Jahren noch vielfältiger und noch pädagogisch durchdachter als heute. Die Lehr-/Lernangebote haben sich noch stärker ausdifferenziert und weiterentwickelt. Wir sehen die klassische Vorlesung nur noch punktuell, zu rituellen und sozialen Zwecken. Wir unterstützen die Lernenden methodisch und technisch dabei, selbständig mit Lehr-Lern-Materialien zu lernen. Wir haben die soziale Bedeutung des Lernens besser verstanden und den Wert von Settings erkannt, in denen Menschen synchron und möglicherweise sogar in physischer Präsenz bei- und nebeneinander sitzen. Insgesamt haben wir die Didaktik so ausdifferenziert, dass das individuelle Lernen auf Materialien basiert (Intelligente tutorielle Systeme, Texte, Kurse, Videos, Übungen etc.) und unsere gemeinsamen Treffen den Austausch und die Zusammenarbeit in den Mittelpunkt stellen.
Dass die Materialien, mit denen wir arbeiten, dafür möglichst flexibel und anpassbar sein müssen, ist selbstverständlich. Dabei wird in zehn Jahren niemand im Alltag mehr bemerken, dass das „OER“ ist, mit dem wir da arbeiten. Denn es wird einfach der Standard sein, dass wir Materialien kopieren, anpassen, verändern und wieder weitergeben können. Das ist ja in anderen Bereichen heute schon so – weil wir uns das mit dem wissenschaftlichen Austausch mal unter den Vorzeichen von Offenheit ausgedacht und erfunden haben! Es bemerkt ja heute auch selten jemand, dass E-Mails, Kalender, Podcasts oder das World Wide Web auf offenen Standards basieren und durch diese Möglichkeiten eine unglaubliche Erfolgsgeschichte geschrieben haben. Aber sobald unsere Flexibilität, unser Austausch und unsere Zusammenarbeit wegen proprietärer Standards und isolierenden Silos gebremst oder blockiert werden, merken wir das sofort. Nur bei den Lehr-Lern-Materialien haben wir uns irgendwie an diesen defizitären Zustand so stark gewöhnt, dass wir ihn für normal halten – was für eine dumme Selbstbeschränkung von uns!
Literatur
[1] Basner, T., Persike, M. (2024). “Können Sie das nicht auch live streamen?” Didaktische Herausforderungen und strategische Potenziale hybrider synchroner Lehre. Diskussionspapier Nr. 31. Berlin: Hochschulforum Digitalisierung. Verfügbar unter https://hochschulforumdigitalisierung.de/wp-content/uploads/2024/06/HFD_DP_31_Hybride_Synchrone_Lehre.pdf.
[2] Muuß-Merholz, J. (2021): Die tatsächliche Hybridisierung der Bildung – warum sich Lernangebote im digitalen Wandel neu erfinden müssen. Bundeszentrale für politische Bildung. Verfügbar unter https://www.selbstlernen.net/hybridisierung-der-bildung/.
Das Interview ist in der Broschüre „10 Jahre HOOU – 10 Gedanken zu hybrider Lehre & OER“ der HAW Hamburg erschienen. Diese steht kostenlos zum Download.
In der Broschüre hat das Team der HAW Hamburg zehn Impulse gesammelt – zu Technik und Recht, zu Barrierefreiheit und Diversität, zu OER und interkultureller Zusammenarbeit. Keine trockene Theorie, sondern Praxisberichte, Checklisten und Interviews mit Menschen, die hybride Lehre jeden Tag gestalten.