Bild: Paula O. Guglielmi
22.01.2026 | hoouadmin
Eine Stimme für alle: Wie das Klimaparlament Wesen und Unwesen in den Blick nimmt
Das Projekt „Klimaparlament sämtlicher Wesen und Unwesen“ der TU Hamburg bringt lebendige Wesen wie Pflanzen, Tiere, Pilze – aber auch „Unwesen“ wie Autos, Steine oder Hochhäuser – symbolisch auf eine Versammlungsebene. Was als theatrales, experimentelles Forum für künstlerisch-politische Auseinandersetzung mit ökologischen Themen begann, kann nun jeder und jede Zuhause nachspielen – und mit den Ergebnissen echte Impulse für Politik oder Nachbarschaft zu setzen. Initiiert wird es von den Künstler-Kollektiven metagarten & helfersyndrom aus Hamburg und Offenbach. Ein Beitrag von Gerd Schild.
Die Menschen machen nur etwa 0,01 Prozent aller Lebewesen auf der Erde aus. Und trotzdem entscheiden sie über die Zukunft des ganzen Planeten. Mit welchem Recht bestimmen wir Menschen über die Erde? Was gibt uns die Macht, unsere Umwelt so zu verändern, dass manche Forschende sogar ein neues geologisches Zeitalter, das Anthropozän, also das Zeitalter des Menschen, ausgerufen haben?
Sicher ist: Wir sind nicht allein. Und was die „Anderen“ denken, fühlen und brauchen, das will ein besonderes Projekt sicht- und hörbar machen. Das „Klimaparlament sämtlicher Wesen und Unwesen“ hat zum Ziel, spielerisch Tieren, Pflanzen und nicht lebenden Dingen eine Stimme zu geben und so andere Perspektiven in die Diskussion einzubringen.
Ungewöhnliche Perspektiven einnehmen
Was wäre also, wenn alle Wesen der Erde, vom Regenwurm über das Eichhörnchen bis zum Stadtbaum, vom Fluss über den Delfin bis zum Blauwal, mitentscheiden könnten über die Zukunft der Erde? Und was hätten „Unwesen” wie Hochhäuser, Autos oder Kohlekraftwerke zu sagen?
Das Projekt „Klimaparlament“ nimmt diese ungewöhnlichen Perspektiven ein und schafft so Raum für einen neuen Diskurs, abseits der oft festgefahrenen Streitlinien. Die zwei Künstler:innen-Kollektive metagarten & helfersyndrom erforschen, welche Konflikte und Ideen dabei zutage treten, wer sich diametral gegenübersteht – und wer vielleicht ungeahnte Koalitionen bilden könnte. Ein Kunstprojekt, hochpolitisch, lustig, verspielt und doch ernst, für die Kleinen wie für die Großen. „Wir wollen mit dem Klimaparlament Gerechtigkeit schaffen und zeigen: Klimadebatten können sogar Spaß machen“, sagt Steffen Lars Popp.

Die Botschafter:innen haben sich umfassend mit den Bedürfnissen ihrer Gruppen auseinandergesetzt und versucht, sich in sie hineinzufühlen.Amelie Hensel, Theatermacherin
Schon vor fünf Jahren tagte das erste Klimaparlament aller Wesen und Unwesen. Mitten in der Pandemie, im November 2020, konnten sich Interessierte in die Gründungsversammlung online einwählen, während das Team auf Kampnagel, per Livestream mit der Welt verbunden, auf der Bühne war. 36 Botschafterinnen und Botschafter organischer und anorganischer Wesen wirkten an dem Kunstprojekt mit.
Frei nach einer Idee des Philosophen Bruno Latour („Das Parlament der Dinge“) konnten sie in kurzen Vorträgen ihre Argumente und Forderungen vorbringen. Dabei drangen die Moose auf eine bessere Wasserqualität, während die Elbe gegen ihre Vertiefung vorging und der ÖPNV für eine Citymaut für Autos plädierte, die Zoogiraffen wünschten sich eine Savanne im Umland und das Atomkraftwerk in Brokdorf wollte lieber explodieren, als still vom Netz zu gehen. Die kleinen und großen Tiere und Pflanzen und die unorganischen Dinge traten für sich ein, ein Agendasetting, das sonst den Menschen, beziehungsweise den Menschen mit Lobbykraft, vorbehalten ist.
„Die Botschafter:innen haben sich umfassend mit den Bedürfnissen ihrer Gruppen auseinandergesetzt und versucht, sich in sie hineinzufühlen“, sagte Theatermacherin Amelie Hensel bei der Auftaktveranstaltung. „Wir haben durch die enge Zusammenarbeit sehr junge und alte Menschen aus verschiedensten Zusammenhängen, die sehr unterschiedliche Herangehensweisen an die Recherche hatten, kennengelernt und durften miterleben, wie das Wesen oder Unwesen deren Alltagsleben geprägt hat und somit auch unseres.“
Die Menschen dahinter
Das Kernteam des Klimaparlaments besteht aus fünf Personen. Konzipiert von Amelie Hensel und Steffen Lars Popp übernehmen heute alle alles, doch mit Schwerpunkten: Die Bühnen- und Kostümbildnerin Amelie Hensel moderierte im Mooskostüm bei den öffentlichen Debatten die verschiedenen Perspektiven auf der Bühne.
Gemeinsam mit Annette Haunschild, Bühnenbildnerin und Kunstvermittlerin, hat sie die Bühnengestaltung sowie Kostüme der Wesen und Unwesen besonders im Blick. Steffen Lars Popp ist als Theatermacher, Autor und Dramaturg das „Versammlungsleittier“ des Klimaparlaments. Judith Henning ist auch mit für die Texte zuständig, unterstützt als Präsentationslibelle die Versammlung visuell und hilft Botschafter:innen beim Schreiben von Appellen.
Für die Musik und den Sound, die Geräusche der Wesen und Unwesen ist Christoph Rothmeier verantwortlich – als PARR-Referent. PARR steht für psychoakustische Repräsentationsresonanz. Es gibt akustische Visitenkarten, Mini-Hymnen oder ganz bestimmte Geräusche, mit denen die Botschafter:innen die Besonderheit eines Un:wesens auf die Bühne bringen.
Sie verschaffen sich Gehör, ohne Worte, und stoßen so die Synapsen der Hörer:innen ohne Umwege an. „Es entsteht so etwas wie ein schwingender Raum an Aufmerksamkeit zwischen Un:Wesen, Botschaftern und Publikum. Das ist wichtig, und Sound kann das“, sagt Christoph Rothmeier.
Mehr philosophieren
Das Klimaparlament hat sich seit dem Auftakt auf Kampnagel im November 2020 weiterentwickelt. Mehrfach hat das Team eine ständige Vertretung eingerichtet, war mit den Wesen und Unwesen im Museum Sinclair-Haus und im Grünen Hörsaal des Senckenberg-Museums, auf der Biennale in Thessaloniki genauso wie im Berufsbildungszentrum Bad Segeberg.
Und bald wird das Team mit Prof. Dr. Maximilian Kiener zusammenarbeiten. Der ist Leiter des Instituts für Ethik in der Technologie an der TUHH, mit einem Schwerpunkt auf Moral- und Rechtsphilosophie mit einem besonderen Fokus auf Verantwortung. „Wir wünschen uns, dass die Praxis der Spielens zusätzlich Anstoß gibt zum gemeinsamen Philosophieren“, sagt Amelie Hensel. Erste Treffen mit Kiener und seinem Team gab es schon. Besonders spannend ist für ihn der Gedanke des Kontraktualismus, bei dem es um das Aushandeln verschiedener Positionen geht. Hier bringen die Wesen und Unwesen mit ihrer Unterschiedlichkeit unerwartete und extreme Blickwinkel in die Diskussion.
Aus dem Projekt auf der Theaterbühne ist ein Mitmach-Spiel geworden
Mit „Klimaparlament goes Places“ geht das Projekt gleichzeitig noch einen weiteren Schritt. Das Team will die Idee, die Materialien und die Regeln offen zur Verfügung stellen, damit in Workshops oder bei privaten Treffen Spielteams unabhängig von den Initiator:innen ihr eigenes „Klimaparlament der Wesen und Unwesen“ gründen können. „Wir orientieren uns dabei an Rollenspielen wie Dungeons & Dragons oder einem Krimi-Dinner“, sagt Judith Henning. Was sie damit meint: Auch bei solchen Mitmachrunden gibt es oft eine Spielleitung, die Gäste einlädt, und gemeinsam entwickelt man in kurzer Zeit spielerisch ein Thema und setzt es mit Spaß und Mut zur Improvisation direkt um.
Klimawende erspielen: Ein Parlament sämtlicher Un:Wesen
Klima, Wandel, Artensterben – war da was? Mit welchem Recht bestimmen wir über die Erde, obwohl die Menschheit nur 0,01% aller Lebewesen ausmacht? Wenn sämtliche Wesenheiten – Stadtbäume, Eichhörnchen, Flüsse; aber auch “Unwesen” wie Hochhäuser, Autos, Kohlekraftwerke – ihre Stimme in einem Klimaparlament erheben: Welche Konflikte und Ideen offenbaren sich? Und wird sich eine Mehrheit für die Erde zusammenraufen? Jede:r kann einen kurzen Appell beisteuern und als Botschafter:in im Klimaparlament sämtlicher Wesen und Unwesen sprechen. Hier lernst du, wie es funktioniert und du ein Klimaparlament im Großen wie Kleinen gründen kannst. Nutze unsere Spielregeln und Materialien, fasse Beschlüsse und setze sie selbst oder mit deinem Team um! Ihr habt Blut geleckt, seid also erneut hier, um ein weiteres Spiel zu wagen, das noch mehr in die Tiefe geht? Hier geht es zu den → Erweiterungen für die Parlamentsphase
Das Prinzip ist einfach, das Ziel: die Klimawende erspielen. Mit mindestens drei Mitspielenden kann man ein Klimaparlament gründen und dabei in die Haut ganz anderer Wesen oder Unwesen schlüpfen und ist angehalten, Politik für wirklich alle machen. Die Auswahlmöglichkeiten sind nahezu unendlich: Wesen sind sämtliche lebendigen Erdbewohner, also Tiere oder Pflanzen, aber auch Pilze und winzige Mikroben oder Viren (auch wenn deren Lebendigkeit umstritten ist). Unwesen sind anorganisch, können aber trotzdem wirkmächtig sein, wie die Elbe oder der Öffentliche Nahverkehr.
Politische Impulse, die gut für alle sein
Ist das Team gefunden, brauchen die Wesen und Unwesen ein Kostüm, einen passenden Sound und eine kleine Rede, zwei Minuten reichen, die dann in einer Parlamentssitzung gehalten und diskutiert wird. Alle Mitspielenden schlüpfen in ihre Rolle, überlegen, was für die Blaualgen oder den Plastikmüll wichtig sein könnte, wie sie in ihrer Rolle auf die anderen Wesen und Unwesen schauen, auch auf die Menschen – und was sie brauchen, um ein erfülltes Leben auf Erden zu leben.
Am Ende steht im besten Fall ein Beschlusspaket: Politische Impulse, die gut für alle sind. Die kann man filmen oder aufschreiben. Und dann? Können die Beschlüsse an die sogenannte „echte“, also die menschliche Politik geschickt oder persönlich überbracht werden – damit der Blick der Verantwortlichen im Land sich weitet. „Die Spielenden können ihre Ideen natürlich auch gleich umsetzen, eine Streuobstwiese anlegen oder Müll sammeln gehen“, sagt Annette Haunschild.
Interesse an einem eigenen Klimaparlament der Wesen und Unwesen? Das Material und die Spielanleitung zum Klimaparlament gibt es hier.